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Essay Die Technik kostet uns ein Stückchen Freiheit

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Technik und Unfreiheit

Landwirtschafts-Trend Roboter

Ein ähnlicher Dualismus von Technik und Unfreiheit herrscht in der einst autarken Landwirtschaft: Längst vorbei sind die Zeiten, in denen der Bauer als sein eigener Herr über Feld und Hof schritt. Computerisierte Agrartechnik, patentierte schädlingsresistente Pflanzen, GPS-gesteuertes Precision Farming, Ernteroboter und stetig steigende Ernteerträge stehen auf der Sonnenseite der agrartechnischen Innovation – aber hohe Schuldenlast und finanzielle Abhängigkeit von Herstellern des patentierten Saatgutes auf ihrer Schattenseite. Auch die Landwirte zahlen also – aus freiem Entschluss und nüchternem Kalkül – den Preis für den technischen Fortschritt mit einem Stück individueller Freiheit.

Selbst in der Medizin gibt es den Fortschritt nicht umsonst: Noch nie seit Hippokrates hatten die Ärzte im Kampf gegen Krankheit und Sterblichkeit ein so raffiniertes technisches Arsenal zur Hand wie heute. Dank neuer medizin- und pharmatechnischer Entwicklungen springen immer mehr Patienten dem Tod von der Schippe, nimmt die durchschnittliche Lebenserwartung in industrialisierten Ländern seit Jahrzehnten kontinuierlich zu.

Doch der perfide Nebeneffekt der technischen Innovation ist, dass viele Krankenhäuser unter der Investitionslast der neuen Technik kollabieren und dass medizinische Intensivpflege fast unbezahlbar wird. Schlimmer noch: Vor lauter Fortschritt sind immer mehr schwerstkranke Menschen gegen ihren Willen in ihrem siechen Körper gefangen: vernabelt und verkabelt mit Maschinen, Monitoren und Computern, die sie künstlich am Leben halten.

Die letzte Freiheit im Leben – in Ruhe sterben zu dürfen – muss sich der Patient heute im Voraus per Verfügung verbriefen lassen. Sonst wird auch sie ihm durch eine perfekt empathiefreie lebensverlängernde Medizin geraubt.

Wie Computer wurden, was sie sind
Apple-Mitgründer Steve Jobs wollte einen Computer entwickeln, den jeder bedienen kann. Inspiration fand er im Forschungszentrum Xerox PARC: Dort hatten die Tüftler eine grafische Benutzeroberfläche (graphical user interface, GUI) programmiert, die Jobs bei einem Besuch elektrisierte. „Innerhalb von zehn Minuten war mir klar, dass eines Tages alle Computer so arbeiten würden“, sagte er Jahre später in einem Fernsehinterview. 1983 brachte Apple das Modell Lisa samt einer Maus heraus – den ersten Computer mit grafischer Benutzeroberfläche für den Massenmarkt. Allerdings reagierte die Technik nur sehr behäbig. Und der Preis von 10.000 Dollar war für die meisten Privatanwender zu hoch (in Deutschland kostete der Rechner 30.000 DM). Lisa erwies sich als großer Flop, die Restbestände wurden später in der Wüste von Utah entsorgt. Doch Lisa bahnte der Technologie den Weg. Quelle: mac-history.net
Doch Steve Jobs ließ sich vom Misserfolg mit dem Lisa nicht beirren und entwickelte bei Apple mit einem verschworenen Team den Macintosh, der sich ebenfalls mit einer Maus bedienen ließ und deutlich billiger war. Hier ist der junge Firmengründer (l.) 1984 bei der Vorstellung des Rechners mit dem damaligen Apple-Chef John Sculley zu sehen. Der Werbespot für diesen Computer, gedreht von Regisseur Ridley Scott, ist bis heute legendär – er soll zeigen, wie der Apple-Rechner die geknechteten Nutzer von IBM, dem „Big Brother“ mit seinen Einheits-PCs, befreit.
Das Gerät sollte nicht die Geschäftsleute begeistern, sondern die Massen. In Sachen Benutzerfreundlichkeit setzte Apple Maßstäbe, doch der Erfolg stellte sich erst über die Jahre ein, zumal Konkurrent IBM mit seinem PC reißenden Absatz fand. Der war zwar nicht so bequem zu bedienen, es gab aber viel mehr Anwendungen für ihn. Immerhin gelang es Apple mit der Zeit, eine treue Fangemeinde aufzubauen – auch in den Jahren ohne Steve Jobs. Der musste Apple 1985 nach einem Machtkampf mit Firmenchef Sculley verlassen. Quelle: dpa
Zum Durchbruch verhalf der grafischen Benutzeroberfläche nicht Steve Jobs, sondern ein junger Bursche namens Bill Gates. Sein Startup Microsoft entwickelte für den Computerhersteller IBM das Betriebssystem MS-DOS. In den 80er Jahren entdeckte Gates beim damaligen Partner Apple die intuitive Bedienung per Maus und ließ daraufhin die Benutzeroberfläche Windows entwickeln, die später Bestandteil aller Systeme wurde. 1985 kam die erste Version heraus, die ersten großen Erfolge gelangen in den 1990er Jahren mit Windows 3.0 und Windows 3.1. Heute ist Microsoft ein Software-Gigant und Windows der Quasi-Standard auf PCs. Quelle: dpa
Windows 95 bedeutete für Microsoft den Durchbruch – spätestens seit der Präsentation im namensgebenden Jahr 1995 kam kein Computerhersteller mehr an dem Betriebssystem vorbei. Damals führte der Software-Konzern auch den Start-Button ein, über den heute Millionen von Nutzern Programme aufrufen oder auch den Rechner ausschalten. Weitere Meilensteine in der Entwicklung sind Windows XP (2001) und Windows 7 (2009). Aktuell vermarktet Microsoft Windows 8. Quelle: dpa
Steve Jobs verhalf nicht nur der grafischen Benutzeroberfläche zum Durchbruch, sondern auch dem Touchscreen: Nach seiner Rückkehr zu Apple ließ er das iPhone entwickeln – hier die Präsentation im Januar 2007. Es war zwar nicht der erste Handy mit berührungsempfindlicher Oberfläche, hatte aber dank seiner intuitiven und ruckelfreien Bedienung so viel Erfolg wie kein Gerät zuvor. Für damalige Verhältnisse war das revolutionär, heute ist es Standard. Denn Apple fand viele Nachahmer. Quelle: AP
Auch im iPod Touch setzte Apple später seinen Touchscreen ein. Inzwischen kommt die Technologie in immer mehr Geräten zum Einsatz, auch in Notebooks oder Uhren. Quelle: AP

Doch nirgendwo tritt das Freiheits-Paradox so krass zutage wie in der Informations- und Kommunikationstechnik, die heute vom Lebensnotwendigen bis zum Überflüssigen, vom Banalen bis zum Metaphysischen sämtliche Lebensbereiche durchdringt und unsere Freiheiten dabei auf vielfältige und verzwickte Weise beschneiden kann. Ohne die etablierte Informationsinfrastruktur wären Gesellschaften lahmgelegt, könnten Regierungen, Volkswirtschaften, Verkehrssysteme, Bildungseinrichtungen oder Armeen nur noch rudimentär funktionieren, wäre Zivilisation, wie wir sie kennen, nicht mehr möglich.

Längst ist die Abhängigkeit von Computern, Servern, Datenbanken und Kommunikation so unausweichlich geworden, dass das öffentliche wie auch das private Leben regelrecht in Bits und Bytes eingesülzt ist. Es gibt kein Zurück in den analogen Lebensmodus. Eine Welt ohne Informationstechnik ist heute so schwer vorstellbar geworden wie eine ohne Energie-Ressourcen.

Doch welcher Preis wird dann für so viel Abhängigkeit fällig? Eine klare Antwort kam im letzten Sommer aus Washington. Zug um Zug machten immer neue Enthüllungen und Schockmeldungen über die weltweite heimliche Datenüberwachung durch die amerikanische National Security Agency (NSA) deutlich, dass die Vertraulichkeit und Sicherheit der Daten im Netz ungeachtet von Passwörtern und vermeintlich sicherer Verschlüsselung nichts als eine fromme Illusion ist. Die persönlichen Informationen, die wir in die viel gepriesene und ach so praktische Daten-Cloud auslagern, könnten wir geradeso gut gleich zu den NSA-Servern hochladen.

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