„Jupiter“ in Jülich: Bringt dieser Supercomputer Deutschland im KI-Rennen voran?
Ein halbes Fußballfeld voller Serverschränke, Luftschläuche, Stromkabel: Für Laien mag die neue Anlage im Forschungszentrum Jülich nur wie ein weiteres Rechenzentrum aussehen. Für Experten ist es eines der mächtigsten Werkzeuge der Welt.
Denn was an diesem Freitagnachmittag auf dem Gelände des Forschungszentrums Jülich eingeweiht wurde, ist der schnellste Supercomputer in Europa. Jupiter, so sein Name, leistet eine Trillion Rechenoperationen pro Sekunde – so viel wie eine Million Smartphones leisten könnten.
500 Millionen Euro haben die EU, der Bund und das Land NRW in die Megamaschine gesteckt. Zur Eröffnung ist so viel Politikprominenz erschienen – Bundeskanzler Merz, Digitalminister Wildberger, Forschungsministerin Bär, Ministerpräsident Wüst – dass gleich zehn Buzzer nebeneinander auf der Bühne aufgebaut sind, um den Rechner symbolisch zu starten.
Deutschland soll KI-Nation werden
Denn es geht heute nicht nur um eine schnelle Rechenmaschine – sondern die Schlüsseltechnologie dieser Zeit: künstliche Intelligenz. „Wir wollen, dass Deutschland KI-Nation wird“, sagt Merz. Vieles deute darauf hin, dass die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und auch die technologische Souveränität davon abhingen. Und dafür brauche Deutschland souveräne Rechenkapazitäten auf dem Niveau der internationalen Wettbewerber.
Die Messlatte liegt ganz weit oben: Allein zwischen Januar und August 2024 gaben Meta, Microsoft, Google und Amazon zusammen 125 Milliarden Dollar für den Bau und Betrieb von KI-Rechenzentren aus, wie die Investmentbank JPMorgan konstatiert. OpenAI-Gründer Sam Altman will langfristig gar Billionen Dollar in KI-Infrastruktur investieren.
„Die europäische Infrastruktur-Landschaft ist aktuell nicht vergleichbar“, heißt es beim KI-Bundesverband. Hier seien nur kommerzielle Rechenzentren mit mehreren Tausend KI-Rechenchips in Betrieb – während in den USA einzelne Rechenzentren mehr als 100.000 Chips hätten. 75 Prozent der weltweiten KI-Rechenpower liege in den USA, 15 Prozent in China, schreiben Experten der Georgetown University in einem Forschungspapier.
Die Folge: Große KI-Modelle, wie sie hinter ChatGPT stecken, kommen vor allem aus den USA – und europäische Unternehmen, die mehr und mehr KI-Anwendungen einführen, sind zunehmend davon abhängig. „Mistral aus Frankreich ist das einzige vergleichbare kommerzielle Angebot aus Europa“, so das Urteil des KI-Bundesverbands. Deutschland brauche ein eigenes leistungsfähiges großes Sprachmodell.
Jupiter ist schon ausgebucht
Mit Jupiter in Jülich können Forscher so etwas nun entwickeln. Der Supercomputer startet jetzt immerhin mit 24.000 schnellen GH200-Chips vom US-Anbieter Nvidia. Ein großes Sprachmodell, heißt es in Jülich, ließe sich damit binnen einer Woche trainieren, wenn man die gesamte Kapazität nutze. Ziemlich flott also.
Start-ups und Unternehmen sollen mit dem Projekt „AI Factory“ bald Zugriff auf Jupiter erhalten, um KI-Modelle entwickeln zu können. Zugleich können Forschungsgruppen wissenschaftliche Projekte verfolgen – die ersten Projekte sollen mit aufwendigen Simulationen die Wetter- und Klimavorhersage verbessern, nachhaltige Energiesysteme konzipieren, neue Medikamente entwickeln.
Doch auch die Trillionen Rechenoperationen in Jülich decken nicht den Bedarf: „Bereits jetzt gibt es für jede einzelne Ausschreibung viermal so viele Nachfragen, wie wir Rechenzeit bereitstellen können“, sagt Astrid Lambrecht, Vorstandsvorsitzende des Forschungszentrums Jülich.
Wie in Jülich, so in ganz Deutschland: „Die derzeitigen Ausbaupläne für KI-Rechenzentren reichen bei Weitem nicht aus, um den erwarteten Bedarf zu decken“, heißt es in einer Studie der Unternehmensberatung Deloitte. Der Bedarf an KI-Rechenzentrumsleistung werde sich in Deutschland in den nächsten fünf Jahren von 1,6 GW auf 4,8 Gigawatt verdreifachen. Gebaut würden aktuell aber nur 0,7 Gigawatt.
60 Milliarden Euro an Investitionen in Rechenkapazität sind hierzulande laut Deloitte bis 2030 nötig. Geld, das erst noch mobilisiert werden muss. Dann gebe es da vielerorts noch erhebliche Verzögerungen beim Zugang zum Stromnetz, Netzanschlüsse dauerten bis zu sieben Jahre. Künftig müsse auch der Wasserbedarf für die Kühlung der Server immer stärker bei der Planung berücksichtigt werden.
Andere Beobachter warnen vor einem überhitzten Rennen um Rechenzentren. Nach eineinhalb Jahren müsse man die Investitionen schon wieder abschreiben und neue Chips kaufen, warnte Bertin Martens, Ökonom beim britischen Think-Tank Bruegel, im Frühjahr gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. So schnell sei der technische Wandel.
Das KI-Rennen habe gerade erst begonnen, sagt EU-Innovationskommissarin Ekaterina Zaharieva in Jülich. Europa habe noch Chancen, mitzuhalten. Mehr als 20 Milliarden Euro steckt die EU darum in den Aufbau mehrerer großer „Gigafactories“ für künstliche Intelligenz. Gemeint sind riesige Rechenzentren, die es mit der US-Konkurrenz aufnehmen können.
„Holen wir mindestens eines davon nach Deutschland!“, sagt Kanzler Merz in Jülich. Das Forschungszentrum hat sich als möglicher Standort ins Gespräch gebracht. Jupiter könnte dann also noch stärker ausgebaut werden oder einen größeren Bruder bekommen. Vorausgesetzt, die USA liefern auch in Zukunft KI-Chips nach Europa. Aber das ist noch ein anderes Thema.