Künstliche Intelligenz: Ein Jahr ChatGPT: Diese Grafiken zeigen, wer die Gewinner des KI-Hypes sind
Wohl wenige Blogeinträge haben eine solche Welle ausgelöst wie der vom 30. November 2022 auf der Seite von OpenAI. „Wir haben ein neues Modell namens ChatGPT trainiert“, schreibt das KI-Start-up aus San Francisco in nüchterner Prosa, „das auf konversationelle Weise interagiert.“ Es folgt eine technische Beschreibung des neuen Sprachbots, für Laien eher schwer verständliche Absätze und Grafiken.
Doch was sich dann abspielt, ist der historisch mit Abstand erfolgreichste Produktstart aller Zeiten. Nur fünf Tage später haben sich eine Millionen Nutzer bei ChatGPT angemeldet. Der bisherige Spitzenreiter, das soziale Netz Instagram, hat diese Zahl erst nach zweieinhalb Monaten erreicht, gefolgt vom Streaming-Dienst Spotify mit fünf Monaten.
Heute, ein Jahr nach seinem Start, wird die Webseite von OpenAI ähnlich häufig geklickt wie die von Netflix, LinkedIn oder dem populären Forum Reddit, wie Daten des Webanalyse-Anbieters Similarweb zeigen. Vor allem aber hat ChatGPT das weltweite Wettrennen um künstliche Intelligenz in einen Turbo-Modus versetzt – nicht nur zwischen den größten Konzernen der Welt wie Google und Microsoft, sondern auch zwischen Supermächten wie den USA und China.
Künstliche Intelligenz werde „die wichtigste und nützlichste Technologie sein“, sagte Sam Altman, Co-Gründer von OpenAI, kürzlich im Gespräch mit der „New York Times“, „die der Mensch erfunden hat.“ Großspuriger kann man eine Technologie kaum vermarkten.
Doch wie viel Umsatz bringen KIs wie ChatGPT ein Jahr nach dem Start tatsächlich schon? Welche Start-ups haben die besten Finanzpolster? Und wie schnell wird künstliche Intelligenz tatsächlich die Wirtschaft umkrempeln? Ein Blick auf neueste Zahlen liefert dazu einige Antworten.
Warum Generative KI die Wette des Jahres ist
Jahrelang haben Investoren auf KI-Innovationen gesetzt, die vor allem Vorhersagen treffen können: Wann muss die Maschine in der Fabrik gewartet werden? Wie wird sich eine medizinische Therapie auswirken? Was sollte ein selbstfahrendes Auto tun, um einen Unfall zu vermeiden?
Mit ChatGPT ist nun ein Hype um eine jüngere Klasse der schlauen Algorithmen ausgebrochen: sogenannte Generative KI, die etwa Texte, Bilder, Musik erzeugen kann. Die Hoffnung: Die Technik könnte bald im großen Stil Büroarbeiten übernehmen. ChatGPT schreibt schon heute Mails, Marketing-Konzepte oder Memos für den Vorstand. Midjourney erzeugt Illustrationen, andere KIs erzeugen ganze Webseiten.
Das Investment in diese Technologie ist dieses Jahr in die Höhe geschnellt, wie neueste Zahlen zeigen: Allein in den ersten drei Quartalen haben Investoren 17,4 Milliarden Dollar in Unternehmen gesteckt, die Generative KI entwickeln – mehr als fünfmal so viel wie im gesamten Jahr davor:
Doch liegen die Investoren damit richtig? Nutzen die Menschen überhaupt all die neuen Bots und Bildgeneratoren?
Wie viele Menschen ChatGPT nutzen
Nur zwei Monate nach dem Start hatte ChatGPT schon 100 Million Nutzer – ein Wachstum, wie es bisher noch kein Produkt in dem Tempo hingelegt hat. Erstmals konnte jeder Internetnutzer selbst eine der mächtigsten KIs ausprobieren – und mit dem Sprachbot ähnlich interagieren wie mit einem Menschen, mit dem man sich per Messenger unterhält.
Das hat in der KI-Branche und in der Gesellschaft einen Bewusstseinswandel ausgelöst. „ChatGPT war der Push, den Europa gebraucht hat, um sich ernsthaft mit künstlicher Intelligenz auseinanderzusetzen“, sagt Andreas Liebl, Geschäftsführer des AppliedAI Institute for Europe und Chef der appliedAI-Initiative, die beide das Ziel verfolgen, das europäische KI-Ökosystem zu stärken. „In jedem Bereich der Gesellschaft diskutieren wir jetzt plötzlich über diese Technologie – das war ein Riesensprung.“
Ein Blick auf die Zahlen von Similarweb illustriert das gewaltige Interesse an ChatGPT: Bis Mai 2023 wuchs die Zahl von individuellen Nutzern auf rund 150 Millionen – ein wahrer KI-Frühling brach an. Gegenüber der Konkurrenz wie Googles Chatbot Bard und dem Bot von Character.AI bewahrt ChatGPT einen gewaltigen Abstand:
Doch im Sommer zeigt sich: Das Interesse flacht etwas ab, weniger Menschen nutzen die KI von OpenAI. Über die vergangenen Monate hat die Nutzung ein Plateau erreicht, scheint es. Ist der Hype also schon vorbei, ist ein Gewöhnungseffekt eingetreten – oder hat sich ChatGPT für viele Menschen gar als nett, aber nutzlos erwiesen?
Wie groß das Geschäft mit ChatGPT bisher ist
Ein Blick auf die Umsätze, die die Anbieter mit großen Sprachmodellen bisher gemacht haben, gibt hier Aufschluss. Denn wo Menschen bereit sind, Geld auszugeben, versprechen sie sich klare Vorteile vom Einsatz der neuen KI-Modelle. Daten von CB Insights zeigen: Es werden zwar schon Umsätze gemacht. Aber die sind noch überschaubar:
OpenAI führt die Liste mit Abstand an. Mit seinem Chatbot hat das Start-up eine ganze Platform geschaffen, auf deren Basis Drittanbieter KI-Apps entwickeln können. Unternehmen können gegen Bezahlung auch eine Schnittstelle nutzen, um ChatGPT, genau genommen die Technologie dahinter, etwa für unternehmensinterne KI-Anwendungen zu nutzen oder einen Chatbot für die eigene Homepage zu erstellen. Und schließlich zahlen Abonnenten 20 Dollar im Monat, um ChatGPT auf der Homepage oder der Handy-App zu nutzen.
Der prognostizierte Umsatz: 1,3 Milliarden Dollar bis Ende des Jahres. Damit wäre OpenAI mit dem 22-fachen seines Umsatzes bewertet – noch vertretbar für ein aufstrebendes Technologieunternehmen. Die KI-Plattform Hugging Face dagegen ist mit dem 113-Fachen bewertet. Da muss das Geschäft noch mächtig angekurbelt werden, um die Erwartungen der Investoren zu erfüllen.
AppliedAI-Chef Liebl rechnet durchaus damit, dass große Sprachmodelle wie ChatGPT spürbar in den Arbeitsalltag Einzug halten werden. „Künstliche Intelligenz wird die Wirtschaft drastisch verändern“, sagt Liebl. „Sprachmodelle wie ChatGPT werden den größten Effekt in der Software-Entwicklung haben, beim Marketing, in der Kommunikation und bei textbasierter Arbeit. In ein, zwei Jahren Jahren werden wir die Auswirkungen in diesen Bereichen deutlich spüren.“
Dafür müsse sich noch manches tun: „Ein Flaschenhals beim Einsatz von großen Sprachmodellen wird die Befähigung der Mitarbeiter sein, die Technologie effektiv anzuwenden“, sagt Liebl. „Der Bedarf an Weiterbildung in diesem neu entstandenen Bereich ist enorm.“ Auch die Zuverlässigkeit der Systeme müsse steigen: „Wenn 10.000 Mitarbeiter eine KI nutzen, die bei jeder zwanzigsten Antwort Fehler macht, ist das Vertrauen in die Technik schnell dahin“, sagt Liebl. „Die Antworten von Systemen wie ChatGPT müssen noch zuverlässiger werden, bevor viele Großkonzerne sie großflächig ausrollen.“ Klappt das?
Wer das meiste Spielgeld hat
Die KIs zu verbessern, kostet Geld – sehr viel Geld. Die Entwicklung allein einer neuen Version eines großen Sprachmodells verschlingt viele Millionen Euro, die vor allem für den Betrieb von Rechenzentren draufgehen. Obendrein wetteifern die Start-ups um rare KI-Talente: Als OpenAI Mitte November in eine Krise schlitterte und den Chef Altman schassen wollte, versuchte Marc Benioff, Gründer des Software-Konzerns Salesforce, sofort die OpenAI-Entwickler mit üppigen Gehältern in sein Unternehmen zu locken.
Unter den KI-Start-ups ist OpenAI mit Abstand am besten finanziert. Zehn Milliarden Dollar steckte Microsoft allein in diesem Jahr in den ChatGPT-Erfinder – vor allem in Form von garantierter Rechenleistung. Dieser sogenannte Compute ist die mächtigste Währung im Wettkampf um die KI-Weltspitze, denn große KI-Modelle zu entwickeln verschlingt gigantische Mengen Rechenkapazität.
Konkurrent Inflection AI ging denn dieses Jahr auch in die Vollen: Das Unternehmen, gegründet unter anderem von einem der Gründer des Start-ups Deepmind, das inzwischen zu Google gehört, sammelte 1,3 Milliarden Dollar ein. Damit will es 22.000 Exemplare der Nvidia-Grafikkarte H100 kaufen, die pro Stück derzeit mehr als 30.000 Dollar kostet.
Deutsche Start-ups laufen denen aus den USA hinterher. „Die privaten Investitionen in KI-Unternehmen sind in Europa erheblich niedriger als in den USA“, sagt AppliedAI-Chef Liebl. Eine Ausnahme bildet Aleph Alpha aus Heidelberg, das sich vor wenigen Wochen 500 Millionen Dollar sichern konnte - eine für Europa so hohe Summe, dass sogar Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck zur Pressekonferenz kam.
Wie die Chipindustrie profitiert
So sind es derzeit vor allem Chipunternehmen und die Betreiber von Datenzentren, die vom KI-Boom profitieren – allen voran Nvidia. Kein anderer Halbleiterhersteller hat in den vergangenen Jahren so konsequent KI-Chips entwickelt, die Grafikkarten des Konzerns gelten als führend und sind heiß begehrt. Die Folge: Nvidia ist inzwischen in den Club der Unternehmen wie Apple und Microsoft aufgestiegen, die mit mehr als einer Billion Dollar bewertet sind. Und für die kommenden Jahre prognostizieren Marktforscher ein gigantisches Wachstum im Grafikkartengeschäft.
Wie Big Tech den KI-Boom beherrscht
Nvidia ist nicht nur Profiteur des KI-Booms, den ChatGPT angefacht hat – der Konzern ist inzwischen auch einer der führenden Investoren in KI-Unternehmen. Zu den Start-ups, in die der Chiphersteller investiert hat, zählen Inflection AI, Adept, Generate Biomedicines, Cohere, Hugging Face und auch Aleph Alpha aus Deutschland.
Ein Blick auf die Top-Deals für Start-ups der Generativen KI dieses Jahr zeigt: Überall sind die großen Techkonzerne mit dabei. Amazon und Google haben unter anderem in Anthropic und Hugging Face investiert, Microsoft in Adept, Inflection und OpenAI. Die zehn Milliarden Dollar teure Investition in den ChatGPT-Entwickler ist eine der größten Wetten auf ein Start-up, die ein Techkonzern im Silicon Valley bisher eingegangen ist. Mit 29 Milliarden Dollar ist OpenAI höher bewertet als 20 der 40 Dax-Konzerne wie RWE oder Henkel.
Das Investment könnte sich für Microsoft auszahlen, auch wenn große Sprachmodelle inzwischen in großer Zahl als Open-Source-Modelle gratis zur Verfügung stehen. „Microsoft hat einen wahnsinnig guten Standpunkt“, sagt AppliedAI-Chef Liebl, „mit der Cloudplattform Azure, der Office-365-Software und B2B-Diensten kann der Konzern künstliche Intelligenz umfassend in die gesamte Industrie integrieren. All das haben die Open-Source-Anbieter nicht.“
Kein Wunder, dass große Techunternehmen derzeit Lobbyarbeit in Brüssel machen – um Pläne zu verhindern, große KI-Modelle mit dem EU AI Act zu regulieren. Doch das könnte sich als Fehler herausstellen. „KI-Unternehmen stehen aktuell vor der Frage: Sollen sie langsamer agieren, um die Sicherheit und Vertrauenswürdigkeit zu erhöhen, oder schneller, um den Markt zu erobern und wettbewerbsfähig zu bleiben?“, sagt AplliedAI-Chef Liebl. „Um diesen Zwiespalt zu umgehen, sollte der Staat klare Spielregeln definieren, an die sich jedes Unternehmen halten muss.“ Sollte ein Vorreiter wie ChatGPT sich als Pannen-KI herausstellen, dürfte das dem Geschäft für alle schaden.
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