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Momox und ReBuy Altkleiderhändler mit Nerd-Qualitäten

Lager von Momox Quelle: PR

Die Berliner Start-ups Momox und ReBuy dominieren die digitalen Märkte für gebrauchte Kleidung, Bücher und Smartphones. Die Basis des Erfolgs im margenschwachen Geschäft: komplexe Analyse-Software der Marke Eigenbau.

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Alex Staschus eilt durch die Gänge des unübersichtlichen Klamottenlagers, einen Berg von Plastiktüten im Arm. Die verpackten T-Shirts, Pullover oder Hosen legt er ab, sobald er einen freien Platz im Regal findet. Dann scannt er den Strichcode der Ware und den Code vorne am Behälter – und weiter geht’s mit dem nächsten Beutel. Der drahtige 56-Jährige mit den raspelkurzen Haaren legt im Schnitt zehn Kilometer pro Tag zurück. „Das ist mehr als mancher Fußballnationalspieler“, sagt er und grinst.

Und seine Wege durch das Lager in Neuenhagen bei Berlin dürften sogar noch länger werden. Denn das Geschäft seines Arbeitgebers Momox, einem Auf- und Weiterverkäufer gebrauchter Bücher, CDs, Filme, Computerspiele und Kleidung, boomt. Das Unternehmen, vor 15 Jahren gegründet, betreibt 13 eigene Onlineshops, verkauft seine Waren aber in erster Linie über Ebay und Amazon. Momox ist einer der wichtigsten Secondhandshops im riesigen Reich der US-Internethändler. Und damit einer der wichtigsten Spieler in einem Markt, der kaum öffentliche Beachtung findet, obwohl der Umsatz längst beeindruckende Sphären erreicht hat. Es ist zugleich ein Markt, in dem das Erfolgsgeheimnis der Marktführer in einer skurrilen Mischung modernster IT und ganz alter Logistikweisheiten besteht.

Gemessen an der Zahl der Transaktionen, gilt Momox auf dem Amazon Marketplace als weltgrößter Händler für gebrauchte Waren. Der Umsatz der alternativen Händler auf dem Amazon-Marktplatz ist im vergangenen Jahr um rund 18 Prozent gewachsen – doppelt so schnell wie der Internethandel insgesamt. Die Zahlen zeigen, wie lukrativ das Marktplatzgeschäft ist. Doch es ist ein labiler Erfolg, der mit jeder Änderung der Spielregeln durch die Betreiber der Plattformen sein Ende finden kann. Schon heute verlangt Amazon recht happige Verkaufsprovisionen zwischen 10 Prozent bei Elektronikartikeln und 15 Prozent für den Weiterverkauf von Büchern, CDs und DVDs.

Dass es in Deutschland schon früher als anderswo ein Interesse an Recycling gab, habe den Start von Momox und dem ärgsten Rivalen ReBuy erleichtert, sagt E-Commerce-Experte Jochen Krisch. „Aktuell ist die Zeit für Re-Commerce aber reifer denn je, denn die Wegwerfmentalität verschwindet in vielen westlichen Märkten.“ Der Zeitgeist allein jedoch genügt als Geschäftsmodell nicht. Denn trotz allen Wachstums ist das Recycling ein extrem margenschwaches Geschäft: Fast jedes Stück ist ein Unikat, die Preise pro Artikel sind zudem sehr niedrig. Wer hier überleben wollte zeichnete sich in der analogen Welt meist durch besondere Skrupellosigkeit in seiner Geschäftsführung aus, etwa: Keine Angst vor Hehlerware. In der digitalen Recyclingwelt sind andere Tugenden gefragt, nämlich maximale Kosteneffizienz und allerbeste Software. Oder, wie sich das Modell Momox auch zusammenfassen ließe: KI und Ikea.

Wachstumstreiber Nachhaltigkeit

Am oberen Ende der Technikskala steht bei Momox die Software, mit der das Unternehmen Produkte analysiert. Wer für ausgelesene Bücher oder aus der Mode gekommene Jeans eine zweite Verwendung sucht, der scannt diese per Smartphone. Die App von Momox schlägt basierend auf dem vermuteten Wiederverkaufswert einen Festpreis vor. Anschließend schickt der Kunde alles an Momox und erhält umgehend sein Geld.

Eher simpel mutet hingen das Innere des Lagers in Neuenhagen an, das ungefähr so groß ist wie drei Fußballfelder. Professionelle Hochregale und Sortierroboter sucht man hier vergebens, stattdessen reiht sich Ikea-Regal an Ikea-Regal. Zwei Arbeiter bauen am Rande der Halle gerade weitere auf. „Wir sind wahrscheinlich einer der größten Ikea-Kunden in Deutschland“, erzählt Carsten Preßl, der den Standort leitet. „Beim Aufbau des Lagers in Leipzig haben wir mal derart viele Ivar-Regale gekauft, dass diese für einige Zeit in ganz Deutschland vergriffen waren.“ Hinter der behelfsmäßig wirkenden Konstruktion steckt eine ganz pragmatische Kalkulation: Die Regale von Ikea seien einfacher aufzubauen, die einzelnen Reihen sind flexibler anzupassen und günstiger als die selbst gebauten, die Momox früher verwendet hat.

Das gilt auch für das Ordnungssystem in der Halle: „Normale Warenhaus-Lösungen funktionieren gut bei Artikeln, die man ein Mal im System anlegt und dann Tausende Mal an derselben Stelle einlagert“, sagt Momox-Chef Heiner Kroke. „Wir haben jeden Artikel aber nur genau ein Mal.“ Die beste Lösung für Momox ist ein sogenanntes chaotisches Lagersystem: Dabei wird die Ware dort abgelegt, wo gerade eine Lücke im Regal ist – genau jener Mechanismus sorgt dafür, dass Lagerarbeiter Alex Staschus kreuz und quer durch die Regalsysteme in Neuenhagen läuft.

Der Verkauf von gebrauchter Mode ist sogar noch aufwendiger als bei Büchern: Jeder Artikel, vom Paar Sneakers über Jeans-Hose und Oberhemd bis hin zum Wintermantel, muss einzeln fotografiert werden. Dafür hat Preßl im Lager einen eigenen Bereich mit Puppen in verschiedenen Größen für Oberteile und Mäntel einrichten lassen; Hosen und Schuhe werden auf weißen Fototischen abgelichtet, die mit den großen Lampen darüber beinahe an OP-Tische erinnern. Zehn Leute arbeiten dort parallel daran, die neu eintreffende Ware für den eigenen Webshop zu fotografieren. Knapp 20 000 Artikel treffen hier pro Tag ein – und zwischen 12 000 und 15 000 T-Shirts, Röcke und Schuhe verlassen das Lager täglich wieder in Richtung der Kunden.

Maschinen für die Kopfarbeit

Unter gewellten grauen Betondecken, in der ehemaligen Zentrale der Berliner Verkehrsbetriebe im Ortsteil Schöneberg, greift Philipp Gattner zu seinem iPhone. Er leitet das Geschäft bei ReBuy, einem der ärgsten Rivalen von Momox, der sich auf gebrauchte Unterhaltungselektronik spezialisiert hat.

Im vergangenen Jahr setzte ReBuy fast 140 Millionen Euro um – zwei Drittel davon entfielen auf Smartphones und sonstige Elektroprodukte. Etwa die Hälfte seiner Produkte, rechnet Gattner vor, seien Mobiltelefone. Und etwas mehr als die Hälfte davon wiederum iPhones. Bei den Apple-Smartphones gibt es nicht allzu viele Variationen, weshalb ReBuy den An- und Verkauf besser automatisiert als Momox.

Gattners Programmierer etwa haben spezielle Apps programmiert, mit denen ReBuy in sieben bis acht Minuten ein iPhone derart durchleuchtet haben, dass sie genau wissen, was es kann – und was womöglich nicht mehr. „Dazu schließen wir ein Handy an einen Rechner an, dann scannt die App das Smartphone automatisch und überprüft Batterie, Kamera, Display und andere wichtige Komponenten“, erläutert Gattner.

Anschließend prüft ReBuy, ob das Smartphone noch ordentlich aussieht – oder die Hülle Kratzer und Dellen aufweist. Auch diesen Schritt, den derzeit noch Menschen erledigen, sollen dereinst Maschinen übernehmen. Daran tüfteln unter anderem die 40 Softwareentwickler in dem 500-Mann-Unternehmen. „Unsere Vision lautet: Ein Kunde legt sein Smartphone in Terminals, die etwa am Flughafen oder Bahnhöfen stehen, und erfährt nach einer Minute, welche Summe er für das Gerät erhält“, so Gattner. In ein bis zwei Jahren, schätzt er, läuft die optische Bewertung per Algorithmus; die Terminals kommen in drei bis fünf Jahren.

Bei Momox erledigen Maschinen zwar nicht die Arbeit in den Lagern, wohl aber die komplexe Kopfarbeit dahinter. Die künstliche Intelligenz, die beim An- und Verkauf von Tommy-Hilfiger-Jeans, Harry-Potter-Büchern oder Hangover-DVDs das richtige Timing und den passenden Preis erkennt, hat das Unternehmen selbst programmiert.

Alle 30 Minuten ein neuer Preis

Besonders viel Arbeit haben die Momox-Entwickler in den Algorithmus gesteckt, der die Preise ermittelt, zu denen ein Kleid oder ein Krimi weiterverkauft wird. Er berücksichtigt, wie viele Exemplare davon im Lager liegen und wie sehr sich Kunden dafür interessieren. Ende Juni etwa lief der Kinofilm „Drei Schritte zu dir“ an, der auf einem Roman basiert. So steht das Buch derzeit weit oben in den Bestsellerlisten, der Lagerbestand bei Momox ist niedrig. Um mehr Ware anzukaufen, bietet das Unternehmen Verkäufern rund sieben Euro für das Buch an. Sobald die Nachfrage sinkt, reguliert der Algorithmus diesen Ankaufspreis wieder nach unten.

„Die Marge im Geschäft mit Gebrauchtwaren ist sehr niedrig“, sagt Unternehmenschef Kroke. „Unser eigener Algorithmus ist daher zentral, damit wir profitabel arbeiten können.“ Die Software passt den Preis für alle zehn Millionen Artikel von Momox im Halbstundenrhythmus an. „Die Preisfindung ist die eigentliche Kunst im Re-Commerce-Geschäft, die Verkaufsstrategien sind sehr ausgeklügelt – das unterschätzen Konkurrenten“, sagt E-Commerce-Experte Krisch. In den USA habe Amazon vor einigen Jahren selber gebrauchte Ware verkauft – und sich aus dem Geschäft wieder zurückgezogen. Bei Momox funktioniert der Algorithmus aber offenbar: Im vergangenen Geschäftsjahr knackte das Unternehmen die Marke von 200 Millionen Euro Umsatz.

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