SAP-Betriebsratschef Schick „Bei den Gehältern ganz unten gibt es eine Gerechtigkeitslücke“

Der Softwarekonzern SAP hat seit April erstmals eine von der IG Metall dominierte Arbeitnehmervertretung. Quelle: imago images

Der neue SAP-Gesamtbetriebsratschef Eberhard Schick spricht über die Querelen in der Arbeitnehmervertretung und den Umbau des Walldorfer Konzerns.

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WirtschaftsWoche: Herr Schick, Sie haben 2006 gemeinsam mit zwei Mitstreitern und der IG Metall die Gründung eines Betriebsrats bei SAP durchgesetzt – gegen den Widerstand des Managements, aber auch vieler Beschäftigter. Unter anderem deshalb waren gewerkschaftliche Listen bei SAP viele Jahre nur eine Randerscheinung. Seit der jüngsten Betriebsratswahl im April ist Ihre Liste die stärkste im Gremium, und Sie sind neuer Betriebsratsvorsitzender. Wie war jener Umschwung möglich?
Eberhard Schick: Die Akzeptanz des Betriebsrats hat sich schon über die Jahre verbessert. 2006 waren vielleicht 90 Prozent aller Beschäftigten gegen uns, heute sind eher 90 Prozent für uns – als Institution Betriebsrat. Manche früher kritische SAPler werden älter, kommen ans Ende ihrer Karriere und stellen dann fest, dass sie doch Arbeitnehmer sind – und nicht so sehr Mitunternehmer. Viel hängt da vom Wohl und Wehe des jeweiligen Vorgesetzten ab. 

Und wieso wurde ausgerechnet Ihre Liste jetzt gewählt?
Wir haben immer noch einen sehr diversen Betriebsrat mit zwölf Listen, darunter sechs Einzelkämpfer. Wir als stärkste Liste kommen auf 20 Prozent, unsere Kollegen von Verdi haben 15 Prozent – wir haben also zusammen nicht die Mehrheit. Wir haben aber – im Gegensatz zu unseren Vorgängern im Betriebsrat – gesagt: Es bringt nichts, in der Arbeitnehmerschaft ständig irgendwelche Gräben aufzuwerfen. Jeder darf mitmachen, entsprechend des Wahlergebnisses, das heißt: Große Listen bekommen mehr Ämter, kleinere etwas weniger, niemand geht leer aus. Das war unsere Idee, darum wurden wir gewählt – und wir haben genügend Mitstreiter gefunden.

Dieser Ansatz ist neu – und zumindest für SAP sehr ungewöhnlich, schließlich war die Arbeitnehmervertretung in der Vergangenheit doch eher ein Haifischbecken: Unterschiedliche Listen und Strömungen haben sich immer wieder massiv bekämpft. Sie waren all die Jahre Betriebsrat. Wie erklären Sie sich diese Querelen?
Das ist ein Abbild der Gesellschaft, in der es auch immer mehr Parteien gibt. Im Heidelberger Stadtrat sitzen mittlerweile auch zehn Listen. Diese Kultur haben wir bei SAP ein Stück weit immer noch: Ich persönlich finde zwölf Listen zu viel. Wenn jemand eine neue Liste aufmachen will, benötigt er etwas mehr als 200 Stimmen, und dann kommt er in den Betriebsrat – das ist relativ leicht zu schaffen.

Der 55-jährige Eberhard Schick wurde jüngst zum neuen Vorsitzenden des SAP-Betriebsrats gewählt. Quelle: PR

Die Auseinandersetzung innerhalb der Arbeitnehmervertretung gipfelte im vergangenen Jahr in der außerordentlichen Kündigung des damaligen Betriebsratsvorsitzenden wegen Urkundenfälschung durch SAP. Welche Rolle spielte das bei Ihrer siegreichen Wahl?
Wir selber haben als Liste damals entschieden: Wir kündigen keinem anderen Betriebsrat. Der Betreffende sollte natürlich politisch nichts mehr zu sagen haben, aber wir stimmen nicht für die außerordentliche Kündigung. Das haben wir glaubhaft vertreten, und durch diese klare Linie konnten wir Vertrauen aufbauen.

Wie wollen Sie einen anderen Umgang innerhalb des Betriebsrats und zwischen den verschiedenen Listen hinbekommen?
Mir ist es wichtig, dass Auseinandersetzungen mit dem Arbeitgeber nicht nur von einer knappen, sondern von einer großen Mehrheit getragen werden – sonst mache ich sowas nicht. Sonst kann die Arbeitgeberseite den Betriebsrat auch leicht wieder auseinanderdividieren. Wir setzen also auf ein stärkeres Miteinander. Das heißt auch: Wir als IG Metaller müssen eben auch mal Kompromisse suchen.

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Welche Themen brennen den SAPlern aktuell besonders unter den Nägeln?
SAP ändert intern gerade die Arbeitsorganisation und -abläufe, das heißt: Das, was in Coronazeiten erfolgreich praktiziert wurde, nämlich dass man zuhause gleichwertig arbeiten kann wie im Büro – das soll auch in Zukunft gelten. Daher werden die festen Arbeitsplätze im Büro aufgegeben und neue, flexible Zonen geschaffen. Diese Veränderungen und die Folgen treiben gerade viele Mitarbeiter um: Wann kommt wer ins Büro – und wie häufig? Das muss alles unter einen Hut gebracht und gemanagt werden. Und dann gibt es natürlich auch das Thema Entgelt…

… zu schlechte Bezahlung bei SAP? Das klingt von außen betrachtet überraschend…
Das habe ich so nicht gesagt. Es geht um zu niedrige Einstiegsgehälter. Wir haben als IG Metall schon öfter Vergleiche mit anderen Arbeitgebern gemacht. Von den fünf Gehaltsbändern der SAP bezahlt das Unternehmen in den ersten drei bestenfalls „geht so“, ab dem vierten Level bezahlen wir gut bis sehr gut, und ab dem fünften Niveau bezahlen wir überproportionale Spitze. Es gibt hier vor allem unten eine Gerechtigkeitslücke.

SAP-Vorstandschef Christian Klein hat dem Konzern Ende 2020 den Komplettumbau in Richtung Cloud verschrieben. Wie sehr belastet das die Stimmung bei den Beschäftigten?
Eigentlich gar nicht. Dass wir in die Cloud gehen müssen, ist allen klar. Der deutsche Ingenieur neigt zu Skepsis, das wissen wir. Aber bei uns ist die Stimmung grundsätzlich gut.

Müssen hier Betriebsrat und Management nicht an einem Strang ziehen – schließlich geht es um die Zukunftsfähigkeit der SAP?
Ja sicher. Die Cloud-Fähigkeit der SAP-Software liegt im Verantwortungsbereich des Vorstands, das müssen sie jetzt hinbekommen. Ich persönlich halte das für richtig. Ich habe ja selber vor allem mit ITK-Unternehmen zu tun. Und wenn man etwa nach Kalifornien blickt, dann ist dort das Thema Cloud durch, die wollen keine andere Software mehr haben. Hier muss SAP nachziehen, auch wenn mancher noch von der guten alten Welt träumen mag. Ich bin aber sehr optimistisch, dass SAP den Umbau in Richtung Cloud hinbekommt.

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Hasso Plattner, der Mitgründer und Übervater von SAP, hat auf der jüngsten Hauptversammlung noch einmal zwei Jahre als Aufsichtsrat bekommen, und endlich einen Nachfolger zu bestimmen. Wie bewerten Sie das?
Hasso Plattner kenne ich nicht persönlich. Klar hört man, dass er immer noch mitmischt, weil ihn Vorstände immer mal wieder erwähnen. Ich würde mir wünschen, dass er die Nachfolgeregelung hinbekommt – das schaffen viele nicht. Aber Plattner IST eben SAP.

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