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SelfiesWas der Selfie-Wahn über uns aussagt

Ob Teenie oder Kanzlerin, alle schießen Selfies. Was macht das ständige Inszenieren, Fotografieren und Teilen mit uns? Leben wir nur noch für das Selfie, und nicht mehr für den Moment? Ein Denkanstoß zur Fotokultur.Lin Freitag 06.11.2015 - 15:00 Uhr

Ob Teenies, Tiere oder gar der Papst - Selfies fluten das Netz.

Foto: dpa, Montage

Die Idee kam Philipp Schmitt, als er aus dem Fenster schaute und sich mal wieder wunderte. Von seinem Studentenzimmer aus blickt der 22-Jährige auf das Heilig-Kreuz-Münster von Schwäbisch Gmünd. Die gotische Kirche, errichtet ab 1320, ist eine beliebte Touristenattraktion. Jeden Tag versammeln sich hier Dutzende von Besuchern, zücken ihr Smartphone und schießen ein Foto. Aber nicht von der Eingangspforte, dem Glockenturm oder den Bleiglasfenstern – sondern von sich selbst. Die Kirche erkennt man auf vielen Fotos nur unscharf im Hintergrund.

Es scheint fast so, als würden die Menschen das Bauwerk gar nicht mehr mit eigenen Augen ansehen, sondern lediglich durch die Kamera ihrer Geräte. Immer darauf erpicht, den Moment zwar möglichst perfekt für die Ewigkeit festzuhalten – ihn aber gleichzeitig ungelebt verstreichen zu lassen.

Erster Grund:

Wer wichtige Menschen oder Vorbilder trifft, möchte den Moment natürlich festhalten. Aber muss es denn so sein?

Foto: dpa

Zweiter Grund:

Plötzlich wird ein Selfie zum Topevent bei den Oscar-Verleihungen und überschattet fast die ganze Veranstaltung. Den Stilbruch begeht hier Bradley Cooper (vorne), indem er ein Bild von sich, Ellen DeGeneres (Mitte, weiße Bluse), Jared Leto (links, fast nicht mehr im Bild), Jennifer Lawrence (rotes Kleid), Meryl Streep (mittig mit Brille), Peter Nyong'o Junior (erste Reihe ganz rechts), Channing Tatum (zweite Reihe ganz links), Julia Roberts, Kevin Spacey, Brad Pitt, Lupita Nyong'o and Angelina Jolie macht. Moderatorin Ellen DeGeneres wollte mit dem Bild einen Rekord brechen und das meist retweetete Bild twittern. Damit ist die öffentliche Promi-Drängelei in der Welt.

Foto: AP

Dritter Grund:

Nun macht es den Promis fast jeder x-beliebige Nutzer sozialer Netzwerke nach. Mehr als die Hälfte der Deutschen (54 Prozent) hat schon mal ein Selfie geschossen, wie eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov ergab. YouGov befragte zwischen im September 2014 insgesamt 1013 Menschen ab 18 Jahren.

Foto: dpa

Vierter Grund:

Demnach stimmten 57 Prozent der Befragten der Aussage „Selfies finde ich allgemein nervig“ ganz oder weitestgehend zu.

Foto: REUTERS

Fünfter Grund:

Hier muss sich Bundeskanzlerin Angela Merkel schon bemühen, in die richtige Kamera zu gucken - beherrscht sie die Kunst der zehn parallel geschossenen Selfies? Bei so einem Besuch wie an der Staatlichen Europaschule Robert-Jungk in Wilmersdorf in Berlin wäre das eine nötige Grundkompetenz. Es scheint, es gibt kaum noch jemanden, der kein Selbstbild von sich in sozialen Netzwerken postet. In sozialen Netzwerken sind die Bildnisse quasi das Regelbild.

Foto: dpa

Sechster Grund:

Die Selbstbeweihräucherung wirkt abstoßend, umso mehr, wenn Stars wie Wilmer Valderrama alles geben, um die perfekte Pose für ein Selfie mit ihren neuen Gadgets zu finden. Genießt er hier wirklich seinen Kaffee, oder geht es nur um den schönen Schein? Das finden die meisten Menschen, ob in Ost oder West, ob Männer oder Frauen, anbiedernd. Auf Ablehnung stoßen die Porträts vor allem bei Menschen, die älter als 45 sind.

Foto: AP

Siebter Grund:

Selfies sind oft peinlich, etwa weil sich die Menschen in die unmöglichsten Posen verdrehen, um auf dem Bild gut zu sehen zu sein. Etwa drei Viertel (76 Prozent) der Deutschen sind zudem der Meinung, dass zu viele Selfies veröffentlicht werden - und 87 Prozent meinen, dass die Selbstporträts „manchmal peinlich“ seien. Hingegen findet nur ein knappes Drittel (31 Prozent) die Schnappschüsse anderer Menschen interessant – was dafür spräche, mit der Veröffentlichung auf Facebook oder bei Twitter etwas sparsamer umzugehen.

Foto: AP

Achter Grund:

Selfies sind vor allem unter jungen Menschen beliebt - und tatsächlich, die Queen scheint hier „rather surprised“. Dass ältere Menschen das Format weniger interessant finden, spiegelt auch die Umfrage wider. 92 Prozent der 18- bis 24-Jährigen haben schon einmal ein Selbstbild mit ihrem Smartphone gemacht, bei den 25- bis 34-Jährigen sind es noch rund drei Viertel.

Foto: AP

Neunter Grund:

Erinnerungen gehören in den Kopf – das hätte sicher auch Goethe, hier wird er im Porträt von Joseph Karl Stieler in der Neuen Pinakothek München von einem Besucher quasi zum Selfie gedrängt, so gesehen. Er hätte sich wohl gegen ein Selfie verwehrt und darauf gedrungen, den „schönen Augenblick“ im Hier und Jetzt mit allen Sinnen zu genießen. Im Kontrast dazu steht das Hauptziel von Selfies heute: Erinnerungen festzuhalten, ganz allgemein (48 Prozent) oder speziell im Urlaub (38 Prozent).

Foto: dpa

Zehnter Grund:

Selfies sind ein überflüssiges Gruppenritual, dem sich auch der indonesische Präsident Joko Widodo offenbar nicht entziehen kann. Hier macht er ein Selbstporträt mit den Klassenkameraden seines Sohnes. Jedes fünfte Selfie entsteht Umfragen zufolge in einer Gruppe - bekannt sind vor allem Fotos jubelnder Fußballer aus der Mannschaftskabine nach einem Sieg. Empfänger der Bilder sind in erster Linie Freunde (46 Prozent) und Familie (40 Prozent). Um ein Foto von sich selbst zu haben, greifen demnach nur 15 Prozent der Befragten zum Handy oder Tablet.

Foto: REUTERS

Je länger Schmitt, Student der Interaktionsgestaltung, diese Szenen beobachtete, desto eher drängte sich ihm eine Frage auf: Was macht das ständige Inszenieren, Fotografieren und Teilen mit uns? Leben wir tatsächlich nur noch für das Foto, nicht mehr für den Moment? Und was wäre, wenn das nicht mehr möglich ist?

Daraufhin entwickelte Schmitt im Rahmen einer Semesterarbeit eine Apparatur, die er Camera Restricta nannte. Dahinter verbirgt sich eine Kamera, die dem Besitzer verbietet, Fotos von allzu abgedroschenen Motiven zu schießen. Sobald sich das Objektiv auf Eiffelturm, Empire State Building, Brandenburger Tor oder das Schwäbisch Gmünder Münster richtet, überprüft das Gerät per Geodaten, wie viele Bilder es von dem jeweiligen Ort bereits auf den Fotoplattformen Flickr und Panoramio gibt. Sind es mehr als 35, dann hat man Pech gehabt. Der Auslöser blockt ab.

Schnell geisterte die Erfindung durchs Netz: „Zensur“, schrien die einen. „Big Brother is watching you“, die anderen.

Doch darum geht es gar nicht. Die Kamera ist kein echtes Produkt, das es bald bei Media Markt oder Saturn zu kaufen gibt – obwohl das rein technisch möglich wäre, denn mit der entsprechenden Software ließe sich jedes Smartphone in eine Camera Restricta umfunktionieren. Philipp Schmitt geht es vielmehr darum, einen Denkanstoß zur heutigen Fotokultur zu liefern.

Keine Urlaubs-Selfies mehr?

EU-Parlament löst Diskussion aus

In einer US-Umfrage gaben 58 Prozent der Befragten an, schon einmal einen schönen Moment verpasst zu haben, weil sie auf der Suche nach dem perfekten Motiv für die sozialen Netzwerke wie Facebook und Instagram oder ihr eigenes digitales Fotoarchiv waren. Tendenz steigend. Mittlerweile überschwemmen täglich etwa 1,8 Milliarden neue Bilder das Internet, 350 Millionen davon laden alleine die Mitglieder bei Facebook hoch.

Eine Umfrage der österreichischen Forschungseinrichtung Jugendkultur kam zu dem Ergebnis, dass knapp 60 Prozent der 14- bis 29-Jährigen Fotos von sich mit der Handykamera schießen und sie ins Netz stellen. „Selfies sind längst zu einer Form der Kommunikation geworden“, sagt die Soziologin Bernadette Kneidinger-Müller, die an der Universität Bamberg zu dem Thema forscht.

Selfies mit Flüchtlingen

Früher schickten die Menschen Postkarten aus dem Urlaub nach Hause, darauf verschiedene Motive. Strände, Berge, Sonnenuntergänge. Heute verschicken sie ein Foto, darauf – vor allem sie selbst. Nur der Hintergrund wechselt, je nach Alter, Situation und Gemütszustand. Selfies sind eine beliebte Ausdrucksform, von pubertierenden Teenagern auf der Suche nach identitätsstiftenden Momenten ebenso wie von Politikern auf der Suche nach Volksnähe.

Den ersten Platz in der Kategorie 'All About Light' sicherte sich Chris Huang von We-Sweet Photography im Winter 2013. Eine ganz besondere Licht-Inszenierung ist hier gelungen. Aufgenommen wurde das Hochzeitsfoto in Taipeh, Taiwan.
Die Auszeichnung der ISPWP wird quartalsweise vergeben.

Foto: WirtschaftsWoche

Ein Blick durch die Wolken auf das verliebte Paar im Ruderboot: Diese außergewöhnliche Aufnahme gelangt Emin Kuliyev von Emin Photography. Er errang damit im Herbst 2014 den ersten Platz in der Kategorie 'Pure Art'. Das Foto entstand in New York.

Foto: WirtschaftsWoche

Ein besonders ergreifendes Bild: Der Braut laufen Tränen der Rührung über die Wangen, als sie zu ihrem frisch Angetrauten aufsieht. Das Foto machte im Sommer 2014 den ersten Platz in der Kategorie "Emotional Impact". Aufgenommen wurde es auf Jakarta von Tito Rikardo (The Uppermost Photography).

Foto: WirtschaftsWoche

So viel geballte Männlichkeit in nur einem Bild: Der erste Platz in der Kategorie 'Bridal Party Portrait' ging im Winter 2013 an Matous Duchek von Wedding Photography Prague. Die Fotografie der rauchenden männlichen Partygäste entstand auf einer Hochzeitsfeier in Prag.

Foto: WirtschaftsWoche

Ein Kuss unter dem Sternenhimmel - Romantik pur. Nathan Welton von Dreamtime Images schoss dieses Postkartenmotiv und gewann damit in der Kategorie "Pure Art" im Frühjahr 2014 den ersten Preis. Aufgenommen wurde das Bild in Denver, Colorado.

Foto: WirtschaftsWoche

In der Kategorie "Reception", also Empfang, siegte im Winter 2013 diese Fotografie einer fröhlichen Braut, die ihren Gästen zuprostet. Die Fotografin Aurora Lechuga von Lechuga & Ruiz Fotografia knipste es im spanischen Úbeda.

Foto: WirtschaftsWoche

Eines der Highlights am Tag der Hochzeit: Der erste Tanz. Das Brautpaar wirbelt unter einem Kronleuchter über das Parkett. Peter van der Lingen von Peter van der Lingen Fine Art Weddings machte damit im Herbst 2014 den ersten Platz in der Kategorie "First Dance". Fotografiert wurde es in Zwolle in den Niederlanden.

Foto: WirtschaftsWoche

Im Herbst 2014 gewann die Aufnahme einer weinenden Braut auf einem Friedhof den ersten Preis in der Kategorie "Emotional Impact". Andrea Corsi von Andrea Corsi Photographer hielt diesen Moment in Florenz fest.

Foto: WirtschaftsWoche

Warum nur eine Handvoll Reis werfen, wenn man eine Schaufel hat? Victor Lax von Victor Lax Weddings hielt im entscheidenden Moment die Kamera bereit und gewann so im Herbst 2014 in der Kategorie "The Decisive Moment". Das Bild entstand im spanischen Saragossa.

Foto: WirtschaftsWoche

Die Braut lebe hoch: In der gleichen Kategorie siegte im Sommer 2014 diese schwungvolle Aufnahme von Dennis Berti (Dennis Berti Photography) aus Cabo San Lucas, Mexiko.

Foto: WirtschaftsWoche

Detailverliebt hielt Ivo Popov (Ivo Popov Photography) die mit Henna bemalten Hände einer Braut in Brüssel fest. Im Frühjahr 2014 gelang ihm damit der Sieg in der Kategorie "Wedding Details".

Foto: WirtschaftsWoche

Wenn so viel geküsst wird, wollen die Kindern dem nicht nachstehen: In Hong Kong machte Nick Chang von Just Wedding Photography diesen bezaubernden Schnappschuss und sicherte sich damit den ersten Platz in der Kategorie "Kids will be Kids".

Foto: WirtschaftsWoche

Ein außergewöhnliches Hochzeitsfoto machte Raymond Phang (Raymond Phang Photography) in Singapur - und damit den ersten Platz im Sommer 2014 in der Kategorie "Engagement Portrait".

Foto: WirtschaftsWoche

Szymon Nykiel von Lmfoto gewann im Sommer 2014 in der Kategorie "Venue or Location". Aufgenommen wurde das Hochzeitsbild vor gewaltiger Kulisse im polnischen Krakau.

Foto: WirtschaftsWoche

Braut und Bräutigam strahlen um die Wette: Platz eins in der Kategorie "Bride and Groom Portrait" sicherte sich im Sommer 2014 Erika Jensen-Mann (Two Mann Studios). Die Hochzeit fand in Canmore im kanadischen Alberta statt.

Foto: WirtschaftsWoche

Eingerahmt von bunten Fenstern stößt das Brautpaar im russischen Noworossijsk auf das junge Glück an. Für Ruslan Myts brachte das im Winter 2013 den ersten Platz in der Kategorie "Framing the Subject".

Foto: WirtschaftsWoche

Zum Beispiel Angela Merkel. Ob mit verschwitzten Fußballern nach dem WM-Sieg in der Umkleidekabine oder gemeinsam mit Flüchtlingen: Vor allem seit Beginn der Zuwanderungsdebatte scheut sie sich nicht, das von ihr viel zitierte freundliche Gesicht Deutschlands auch auf Selfies zu zeigen. Darüber sprach sie vor wenigen Wochen auch in der Talkshow von Anne Will. Als die Moderatorin die Kanzlerin fragte, ob die freudestrahlenden Selbstporträts aus dem Flüchtlingslager nicht das falsche Signal an all diejenigen senden, die da vielleicht noch kommen werden, konterte Merkel: „Glauben Sie ernsthaft, dass Hunderttausende Menschen ihre Heimat verlassen, weil es ein solches Selfie gibt?“

Fest steht: Wer die Selbstporträts einzig als Trend gelangweilter Jugendlicher abstempelt, der irrt gewaltig. Sie können, wie im Falle der Kanzlerin, der Imagepflege dienen; als Teil eines cleveren Werbevertrags Millionen einbringen, wie beim Oscar-Selfie der US-Moderatorin Ellen DeGeneres. Sie können Normalos reich und berühmt machen und die Reichen und Berühmten normal erscheinen lassen. Oder eine politische Debatte darüber auslösen, was sich gehört – und was nicht.

Instagram

Das lukrative Werbegeschäft mit dem Fotodienst

Wie beim fröhlichen Selfie, das US-Präsident Barack Obama mit Großbritanniens Premier David Cameron und Dänemarks damaliger Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt im Dezember 2013 schoss – auf der Beerdigung von Nelson Mandela. Neuerdings interessiert sich für die Darstellungsform auch die Kunstszene. In Karlsruhe eröffnet Ende Oktober eine Ausstellung, die sich mit der Historie des Selbstporträts seit Rembrandt beschäftigt. Mit dabei sind Werke aus sechs Jahrhunderten von Künstlern wie Henri Matisse oder Andy Warhol. Im Düsseldorfer NRW-Forum hängen aktuell ebenfalls Selfies an den Wänden. Die These der Ausstellung: Die digitale Revolution hat nicht nur die Art verändert, wie wir Momente wahrnehmen, sondern längst auch Einfluss auf unsere Selbstwahrnehmung. Frei nach René Descartes: Ich fotografiere – also bin ich?

Inszeniert wie eine Werbekampagne

Kurz noch einmal das Haar aufschütteln, den linken Daumen nach oben strecken und ein extra breites Grinsen aufsetzen. Kopf leicht nach links drehen. Dann mit der rechten Hand das Smartphone von schräg oben halten. Klick.

Die 21-jährige Dagi Bee gehört zu Deutschlands bekanntesten YouTube-Stars. Sie dreht Videos zum Thema Make-up, Mode und darüber, wie es im Jahr 2015 ist, ein Teenie zu sein. Dazu gehört neben einem Film übers Schlussmachen auch eine Anleitung für das perfekte Selfie. Darin wird deutlich, dass selbst geschossene Porträts keine spontanen Schnappschüsse sind. Denn Dagi Bee hellt mithilfe einer Retuschier-App ihre Zähne auf, entfernt eine Narbe am Mund und bearbeitet ihre Pupillen mit einem Lichteffekt.

Als Dagi Bee mit sich zufrieden ist, lächelt ihr eine porenfreie Puppe auf dem Smartphone-Display entgegen. Fast 1,9 Millionen Menschen sahen sich die Anleitung bislang an. Es ist eine extreme Form des digitalen Exhibitionismus, den sie betreibt – und eine lukrative noch dazu, denn mittlerweile kann sie von Werbeeinnahmen und Kooperationen leben.

„Es geht nicht darum, Bilder zu zeigen, die die Realität illustrieren, sondern darum, eine Selbstbeschreibung zu wählen, mit der man bei anderen punkten kann“, sagt Beate Großegger vom österreichischen Institut für Jugendkulturforschung. Selfies sind in Wahrheit genauso inszeniert und bearbeitet wie eine Werbeanzeige von L’Oréal oder eine Modestrecke in der „Vogue“. Niemand will zeigen, wer er ist – sondern wer er sein will. „Bei Selfies geht es um Kontrolle“, sagt Soziologin Kneidinger-Müller. „Niemand wählt das erste Bild aus, sondern schießt so lange Fotos, bis das eine dabei ist, auf dem man sich als besonders schön, cool oder glamourös empfindet.“

Zu einem ähnlichen Befund kommt auch die deutsche Autorin Ariadne von Schirach in ihrem aktuellen Buch „Du sollst nicht funktionieren“, das sich mit dem Perfektionismuswahn der modernen Gesellschaft beschäftigt. Längst müsse man sich nicht nur mit den echten Körpern auf der Straße und im Fitnessstudio messen, sondern auch mit der ins Unendliche angewachsenen Zahl an virtuellen Vergleichskörpern – vor allem den digital Retuschierten. Das baue Druck auf und führe dazu, dass sich das Ich eines Menschen in Arbeit verwandelt.

Doch es sind nicht nur die Dagi Bees oder Kim Kardashians dieser Welt, die Instagram, Pinterest, Snapchat und Facebook mit Fotos überschwemmen. Das Bedürfnis zur Selbstdarstellung ist längst allgegenwärtig. Wächst da eine Generation von Egomanen heran, die ihren Urlaub, ihr Baby oder ihr Leberwurstbrot lieber mit den virtuellen als den realen Freunden teilt?

Im vergangenen Jahr traf sich im vorarlbergischen Lech eine Gruppe von Intellektuellen, um über die Auswirkungen der Selfie-Kultur zu sprechen. Die Philosophen und Soziologen waren sich schnell einig: Die Ich-Modellierung im Selbstporträt führe zu einer narzisstischen Gesellschaft, in der Familie und reale Freunde an Bedeutung verlieren.

Konrad Paul Liessmann ist der Initiator des jährlich stattfindenden philosophischen Diskurses. Er zitiert den amerikanischen Historiker Christopher Lasch, der vor dem Zeitalter des Narzissmus warnte. Vor allem die immer handlicher werdenden Fotoapparate führen zu einer vermehrten „Selbstüberwachung“, durch die nicht nur eine „unaufhörliche Selbstprüfung“ ermöglicht, sondern auch das eigene Selbstgefühl vom „Konsum von Bildern dieses Selbst“ abhängig wird. Die Aussagen stammen aus dem Jahr 1979.

Bestätigt werden sie von zahlreichen aktuellen Studien. Wissenschaftler der Ohio-State-Universität beschäftigten sich kürzlich mit den Persönlichkeitsmerkmalen von Männern, die besonders viele Selfies posteten. Dafür befragten sie 800 Probanden zwischen 18 und 40 Jahren. Neben dem Surfverhalten und verschiedenen Eigenschaften wollten die Forscher auch wissen, ob sie ihre Selfies vor der Veröffentlichung bearbeiten – und ob es einen Zusammenhang zur Persönlichkeitsstruktur gab. Und siehe da: Jene Männer, die häufig Selfies von sich posteten, waren deutlich narzisstischer. Besonders hoch waren die Werte bei denjenigen, die ihre Fotos vorher noch einer gründlichen Bearbeitung unterzogen, um unbedingt gut auszusehen. Ob das Ergebnis auch für Frauen gilt, untersuchen die Wissenschaftler aktuell in einer Folgestudie. Erste Analysen weisen aber darauf hin.

Die Soziologin Bernadette Kneidinger-Müller glaubt hingegen nicht an eine Welt voll narzisstischer Egomanen. „Dieser Theorie widerspricht zum einen der Fakt, dass auf vielen Selfies mehrere Menschen und nicht nur der Einzelne zu sehen ist“, sagt sie. „Zum anderen haben die Menschen schon immer Selbstporträts gemacht, das ist kein neues Phänomen.“ Dank Smartphones und Frontkamera sei es nur deutlich einfacher geworden – und dadurch auch weiter verbreitet.

Von diesen Möglichkeiten konnte Anastasia Nikolajewna Romanowa 1914 nur träumen. Die damals 13-jährige Zarentochter hockt auf einem Stuhl, mit beiden Händen umklammert sie eine sperrige Kodak Brownie, die erste Kamera für den Massengebrauch. Ernst schaut Romanowa in den Spiegel, den Mund vor Anspannung leicht geöffnet. Aufgrund der langen Belichtungszeit musste sie minutenlang still verharren. Dann war es fertig: eines der ersten Selfies der Welt.

Ganz makellos ist es nicht, auf der linken Seite hat sich eine Unschärfe in Forms eines weißen Schattens hineingeschlichen. Rein optisch hat es daher wenig mit dem einer Dagi Bee zu tun. Und doch ist es der bildliche Beweis dafür, dass es das Bedürfnis nach Selbstdarstellung schon lange gibt – und nicht erst seit Erfindung der Frontkamera.

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