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Web-Standards Brummen fürs Internet

Ein Knäuel aus Netzwerkkabeln liegt in einem Serverschrank Quelle: dpa

China bemüht sich bei den Regeln fürs Internet um mehr Einfluss. Doch gerade in einem besonders wichtigen Gremium tut sich das Land sehr schwer. 

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Die Präsentation, die Richard Li im Sommer vor zwei Jahren bei einem Arbeitstreffen der Internationalen Fernmeldeunion ITU in Genf vorträgt, klingt nach Science Fiction. Unter dem Titel „Auf dem Weg zu einem neuen Internet für das Jahr 2030 und danach„ beschreibt Li, Chefwissenschaftler für Zukunftsnetze beim chinesischen IT-Konzern Huawei, welche neuen Technologien das Internet aus Sicht des Unternehmens braucht, um künftig zum Beispiel  Hologramme online übertragen oder das Netz so reaktionsschnell zu machen wie menschliche Nervenreize.

Tatsächlich aber steckt viel mehr in dem Vortrag als bloß ein Blick in die Zukunft. Der chinesische Top-Forscher skizziert ein grundlegend neues Konzept, wie Informationen übers Internet transportiert werden und welche Rechte Nutzer des Netzes – Menschen oder Maschinen – dann haben könnten. 

Der „New IP“ genannte Entwurf, wirbt Li, würde es unter anderem ermöglichen, den Datenverkehr im Netz erheblich effizienter und schneller abzuwickeln als das heute noch genutzte Internet Protokoll (IP), das in seinen Grundzügen mehr als ein halbes Jahrhundert alt ist. Kritiker fürchten zudem, „New IP“ könnte es autoritären Staaten wie China auch erlauben, Internetnutzer wesentlich leichter zu überwachen und die übermittelten Informationen zu zensieren. 

Das Konzept ist aber nicht bloß deshalb bemerkenswert, weil „New IP“ an Grundprinzipien des Internets wie Anonymität und Gleichrangigkeit von Datenverkehren rüttelt. Es markiert auch den wachsenden Anspruch der Chinesen, die Trends und Technologien mit zu definieren, die regeln, wie der wichtigste Wirtschaftsraum der Zukunft künftig technologisch funktioniert. Und so haben sowohl Li als auch andere chinesische Netz-Experten ihr Konzept seit der Präsentation Mitte 2018 noch mehrfach vorgetragen, zuletzt in diesem Februar vor Delegierten bei der ITU in Genf.

Langjährige Dominanz der USA

„Dass ein Land, mit so relevanten Technologieunternehmen wie Huawei oder ZTE auch die Regeln mitdefinieren will, ist naheliegend“, sagt ein deutscher Netzforscher, der in internationalen Standardisierungsgremien mitarbeitet. Zwar seien die Institutionen heute längst nicht mehr so stark US-dominiert, wie in der Frühzeit des globalen Netzes. Doch bis heute entscheiden US-Forschungseinrichtungen und -Techkonzerne maßgeblich mit, welche Regeln im Netz gelten und, welche Technologien Netzbetrieb, Sicherheit und Anwendungen ermöglichen. Dass China dabei zunehmend mitreden möchte, ist aus Sicht von Internetexperten also nachvollziehbar. 

Was die Fachleute indes verblüfft ist, dass sich China ausgerechnet den UN-Ableger ITU für den New-IP-Vorstoß ausgesucht hat. Zwar steht mit Generalsekretär Houlin Zhao seit mehreren Jahren ein Chinese an der Spitze der Fernmeldeunion. Zudem ist die ITU für den Internetbetrieb mit zuständig. Unter anderem legt sie fest, welche Funkfrequenzen Mobilfunk-Netzbetreiber oder WLAN-Entwickler verwenden können. Aber ausgerechnet mit den Standards für die Adressierung und den Transport von Daten im Netz, die das Internet Protokoll definieren, hat die UN-Behörde nichts zu tun. 

Um die kümmert sich seit Jahrzehnten ein recht ungewöhnlicher Verein namens Internet Engineering Task Force (IETF). Nicht nur, dass im Grunde jeder mitdiskutieren darf, der sich fachlich für beschlagen hält. Die Organisation, die einen Großteil der technischen Standards für den Datenverkehr und die Kommunikationstechnologien fürs Internet beschließt, hat nicht mal eine konkrete Rechtsform. Und sie kennt auch keine formelle Mitgliedschaft. Wer mitbestimmen will, wie sich das Internet technologisch weiterentwickelt, meldet sich einfach für die Teilnahme an einer oder mehreren Arbeitsgruppen an. 

Immer mehr Engagement aus China

Inzwischen sind es rund 1500 Technologieexperten, darunter viele Spezialisten, die – teils seit Jahrzehnten – an den Netzstandards mitarbeiten. „Das ist ein sehr informeller Zirkel mit vielen altgedienten Technologen“, erzählt etwa Christoph Dietzel, Internetforscher am Max-Planck-Institut für Informatik in Saarbrücken, der regelmäßig an IETF-Tagungen teilnimmt. Traditionell sei das Gremium noch immer sehr US-lastig geprägt, da sowohl die Standards als auch viele führende Technologiefirmen aus den USA stammen. 

„Inzwischen aber wird die Zusammensetzung der Gremien immer internationaler“, so Dietzel, der zugleich beim deutschen Internetknoten-Betreiber DE-CIX die Forschung und Produktentwicklung verantwortet. Und so wachse auch das Engagement aus China in den vergangenen Jahren erkennbar, sagt er. Immer öfter stellten Experten aus chinesischen Hochschulen, Unternehmen oder Behörden auch Technologievorschläge zur Diskussion. 

Trotzdem stößt „New-IP“ in der IETF auf heftigen Widerstand. „Ich kann nicht erkennen, dass die Chinesen damit eine Chance haben, in der Internet-Community die erforderliche Zustimmung zu bekommen“, sagt Frank Fitzek, Professor für Kommunikationstechnik an der Uni Dresden und ebenfalls regelmäßiger Gast bei Treffen der Organisation. 

Tatsächlich äußerte sich vor wenigen Tagen auch Alissa Cooper, die amtierende IETF-Vorsitzende, in einer offiziellen Stellungnahme: „Wir können den Vorschlägen keinerlei Notwendigkeit für die Einführung von ‚New-IP‘-Standards entnehmen“, so Cooper. Im Gegenteil, man halte es sogar für problematisch, die existierenden IP-Standards durch die aktuellen Vorschläge zu ersetzen.

Neue Regeln nur bei Einstimmigkeit

In der Internetorganisation, in der ein striktes Konsensprinzip gilt, ist das so etwas wie die Rote Karte für „New-IP“. Denn Entscheidungen werden dort nur getroffen, wenn alle Fachleute über die vorgeschlagenen Standards und Regeln einig sind. Solange es noch Widerspruch gibt, wird weiter diskutiert. Teils wird monatelang um einzelne Formulierungen gerungen, bis alle zufrieden sind. „Mehrheitsbeschlüsse als Ergebnis irgendwelcher Hinterzimmerabsprachen sind da im Grunde ausgeschlossen“, sagt Experte Dietzel. 

Politische Einflussnahme oder gar der Versuch, Ländern oder Unternehmen über technische Vorgaben Vorteile zu verschaffen, sei unter diesen Umständen extrem schwierig, so Dietzel. „Für Vertreter sehr zentralistisch organisierter und denkender Staaten ist das eine schmerzhafte Erkenntnis, wenn sie die Entscheidungen beeinflussen wollen.“ 

Umso mehr, als sich auch die Abstimmungsverfahren deutlich von den meisten sonstigen Institutionen unterscheiden. Denn wenn es bei den Fach- und Vollversammlungen darum geht, Zustimmung oder Ablehnung einzelner Vorschläge zu erfassen, zählen „Stimmenmehrheiten“ ganz besonderer Art: Statt per Handzeichen oder Stimmkarten stimmen die Teilnehmer mit mehr oder weniger vernehmlichem Brummen ab – und die Versammlungsleiter entscheiden nach Gehör, welche Vorschläge vom Plenum akzeptiert oder verworfen werden. 

Und so brummen zwar auch die Chinesen in der IETF seit einigen Jahren eifrig mit. Grundlegende Beschlüsse im eigenen Interesse aber haben sie bisher nicht durchsetzen können.

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