30 bis 2030 | Nils Aldag: Wird Sunfire das erste Dax-Unternehmen aus dem Osten?
Nils Aldag leitet den von ihm mitgegründeten Dresdner Elektrolyseurbauer Sunfire.
Foto: Thomas VictorNils Aldag hat dem Wasserstoffrat der Bundesrepublik schon vor einiger Zeit ein Versprechen gegeben: Der von ihm mitgegründete Elektrolyseurbauer Sunfire aus Dresden wird das erste Dax-Unternehmen, das in Ostdeutschland seinen Sitz hat. Bis 2030 hält der Unternehmer den Einzug in den deutschen Leitindex für machbar. Auch wenn der Aufstieg des Wasserstoffs zum Wundermittel der klimaneutralen Zukunft gerade in einer Krise zu stecken scheint.
„Aktuell findet eine Korrektur der Erwartungen statt, weil die Leute realisieren, dass man nicht jedes Problem mit Wasserstoff lösen kann“, sagt er. Doch was übrig bleibt, sei immer noch ein riesiger Markt. Elektrolyseure, wie sein Unternehmen sie herstellt, machen aus Strom etwa von Windkraftanlagen und aus Wasser jenen grünen Wasserstoff, der künftig Stahlwerke und Chemiewirtschaft klimafreundlich machen soll. Und aus dem einstigen Niedergang der Solarindustrie scheint die deutsche und europäische Politik ihre Lektion gelernt zu haben. Sie will den Markt nicht chinesischen Anbietern überlassen.
In der Welt von morgen dürfe man nicht mehr nur global denken, sagt Aldag, wenn die EU wirtschaftlich eine Rolle spielen wolle. Europa werde neben China der größte Markt für grünen Wasserstoff. Alle Projekte hier müsse man überwiegend mit europäischer Technologie ausstatten, um einen fairen Wettbewerb zu ermöglichen und die europäische Wertschöpfungskette zu stärken. Das sei politisch verstanden. „Ich erwarte daher auch weniger Konkurrenz aus China, als ich das noch vor zwölf Monaten getan habe“, sagt er.
Das niederländische Forschungsinstitut TNO hatte vor einer Weile ermittelt, dass 2023 rund 34 Prozent der weltweiten Elektrolyseure-Produktionskapazitäten in China standen. Europa hatte einen Anteil von 27 Prozent. „Kohlenstoffarmer Wasserstoff, der durch Elektrolyse aus erneuerbaren Energien erzeugt wird, ist für Europa von zentraler Bedeutung“, schrieb die Beratungsfirma Boston Consulting Group erst im Oktober. Zum einen sei er ein wichtiger Baustein für einen autarken und kohlenstoffarmen Energiemix. Zum anderen biete er Maschinenbau- und Industrieunternehmen die Chance, sich als technologische Vorreiter auf einem wachsenden Markt zu positionieren und langfristig Arbeitsplätze zu schaffen.
Bei Hochtemperatur 88 Prozent Wirkungsgrad
Die zunehmend schwierige geopolitische Lage hilft also dem Geschäft von Sunfire. Aldag glaubt daher fest daran, dass sein Unternehmen und die Elektrolyseindustrie in den nächsten Jahren zum Jobmotor für die Republik und Europa werden kann. „Wir reden nicht mehr über Tausende Arbeitsplätze, sondern über Zehntausende, vielleicht sogar schon 100.000 in dem Feld“, sagt er. Deutschland habe die Chance, hier drei von sechs westlichen Champions zu stellen: Thyssenkrupp, Siemens – und eben Sunfire.
Aldag hat dabei ein Ass im Ärmel: die neuartige Hochtemperaturelektrolyse. Zwar macht das junge Unternehmen heute mehr als 90 Prozent des Umsatzes mit dem Bau von klassischen Alkalielektrolyseuren. Doch die haben nur einen Wirkungsgrad von 63 bis 65 Prozent. Die Hochtemperaturelektrolyseure schaffen es in der neuesten Generation auf 88 Prozent – ein enormer Vorteil. Dazu müssen die Anlagen nur in der Nähe von größeren Wärmequellen aufgestellt werden.
Die Technik ist allerdings nicht trivial. Deshalb will Sunfire ab 2027 erst einmal kleinere Anlagen dieses Typs ausliefern und dann langsam hochskalieren. Das, sagt Aldag, seien wohl welche mit einer Leistung von 10 bis 20 Megawatt. Bei der Alkalielektrolyse sind es bereits 100 Megawatt, etwa für den RWE-Standort Lingen. Ein Vertrag, der im September geschlossen wurde. Und es ist nicht die erste Anlage, die der deutsche Versorger bei den Dresdnern kauft. In Finnland soll das Unternehmen für Ren-Gas zudem eine 50 Megawatt-Anlage hinstellen.
In Berlin gestartet, 2010 in Bremen gegründet, verlegte Sunfire seinen Hauptsitz vor einigen Jahren nach Dresden. Inzwischen ist das Unternehmen eine kleine Sensation in der Region. Es beschäftigt heute um die 700 Mitarbeiter. Große Teile seiner Anlagen lässt Sunfire bei Mittelständlern in Ostdeutschland bauen. Etwa beim Autozulieferer Schaeffler-Vitesco in Limbach-Oberfrohna bei Chemnitz. Der hat die Erfahrung in der Serienfertigung und die notwendigen Fachkräfte. Speziell beschichtete Komponenten dagegen, in denen das ganze Know-how der Dresdner steckt, lässt Aldag in einem eigenen Werk in Solingen fertigen.
Drei Leitmärkte für die Wasserstoffindustrie hat er identifiziert, in denen Sunfire in Führung gehen kann. Da ist zum einen die Raffineriebranche, die aus Erdgas gewonnenen Wasserstoff durch grünen Wasserstoff ersetzen könnte. Dann ist da die Stahlbranche, die künftig keine Kokskohle zur Eisenreduktion mehr verwenden soll und auf Wasserstoff umschwenken will. Und auch die Chemiebranche benötigt für ihre Produkte Wasserstoff, den sie gern zu akzeptablen Kosten aus einer sauberen Quelle beziehen will.
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