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Biontech und Moderna Brauchen wir die dritte Impfung?

Impfen gegen Mutationen: Ist die dritte Corona-Impfung notwendig? Quelle: imago images

Behörden und Mediziner sind noch skeptisch und es fehlt noch an klaren Daten, aber für einige Gruppen könnte eine dritte Impfung durchaus sinnvoll sein. Und schon hagelt es deutliche Kritik an den Überlegungen.

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Geht bald alles wieder von vorne los? Die Delta-Variante breitet sich aus. Bei den Geimpften lässt die Zahl der Antikörper nach sechs Monaten nach. Wer bereits im Januar geimpft wurde, büßt also demnächst etwas von seinem Impfschutz ein.

Die Hersteller Biontech/Pfizer und Moderna haben da natürlich schon mal was vorbereitet – und wollen bald Auffrischungsimpfungen anbieten. Moderna will schon im Herbst soweit sein. Biontech und Pfizer sprechen von „ermutigenden Daten“: Laut einer Studie sei durch eine dritte Dosis rund sechs Monate nach der Zweitimpfung eine sehr hohe Zahl schützender Antikörper im Blut nachweisbar – etwa fünf bis zehnmal so hoch wie nach den ersten beiden Impfungen. Eine Auffrischungsimpfung soll zudem besser gegen neue Virentypen, insbesondere die Delta-Variante schützen.

Vielen Wissenschaftlern und Behörden reichen die bisherigen Daten jedoch noch nicht aus. Das US-Gesundheitsministerium erklärte kürzlich, eine Corona-Auffrischimpfung bei vollständig Geimpften weiterhin nicht für nötig zu halten. Vertreter des Ministeriums hatten sich zuvor mit Managern von Pfizer getroffen und über die aktuellen Daten ausgetauscht. Nach Einschätzung der EU-Arzneimittelbehörde EMA ist es für eine mögliche Zulassung mangels Daten aus den laufenden Impfkampagnen noch zu früh. Die EMA zeigte sich aber zuversichtlich, dass das gegenwärtige Programm mit zwei Impfungen ausreiche.

Andere Länder haben noch nicht mal die erste Dosis erhalten

Auch der Erlanger Infektionsimmunologen Christian Bogdan bemängelte am Wochenende die mangelnde Evidenz: „Es ist zum Beispiel völlig normal, dass mit zunehmender Zeit nach einer vollständigen Grundimmunisierung die Serumspiegel der Antikörper gegen das Zielantigen der Impfung abnehmen. Daraus kann nicht automatisch ein Verlust der klinischen Schutzwirkung abgeleitet werden.“ Der Bonner Virologe Hendrik Streeck erklärt, dass eine Auffrischung für Menschen ohne Risiko oder ohne Immunsuppression nicht notwendig sei. „Das kann anders sein für chronisch Kranke oder Menschen, die schon älter sind und gar keine guten Immunantworten mehr machen, da kann es sinnvoll sein, dass man jetzt im Herbst zum Beispiel eine Auffrischimpfung macht. Aber für den normalen, jüngeren, fitteren Menschen ist das nicht notwendig.“ Eine Sprecherin von Biontech/Pfizer sagt: „Wir sind uns einig, dass die wissenschaftlichen Daten die nächsten Schritte vorgeben werden.“

Es gibt jedoch noch ein weiteres Argument, dass gegen schnelle Auffrischungsimpfungen spricht. Während die Industrieländer bereits über Auffrischungsimpfungen diskutieren, ist der Impfstoff in vielen Entwicklungsländern noch gar nicht angekommen. So erklärt Tedros Adhanom Ghebreyesus, der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation WHO: „Es ist nicht nur enttäuschend, sondern ernsthaft enttäuschend, dass Länder, in denen bereits die Mehrheit der Bevölkerung vollständig geimpft ist, nun die dritte Dosis verabreichen und zu einer ‚Booster-Impfung‘ übergehen, während andere Länder noch nicht einmal mit dem Impfen begonnen haben.“



Die WHO fordert die Impfstoff-Hersteller Biontech/Pfizer und Moderna daher auf, Impfstoff-Lieferungen nicht für Länder mit einer fortgeschrittenen Impfkampagne zu priorisieren, sondern alles daranzusetzen, Länder mit niedrigem oder mittlerem Einkommen, die nur eine sehr geringe Impfstoff-Abdeckung haben, zu versorgen.

Zunehmende Kritik an Biontech

Für Biontech geht es dabei natürlich auch ums Geschäft. Innerhalb der EU verlangt das Mainzer Biotechunternehmen laut Schätzungen einen Preis von 12 bis 13 Euro je Impfstoffdosis – für Entwicklungsländer liegt der Betrag niedriger. Erst kürzlich haben Biontech und sein Kooperationspartner Pfizer mit der EU einen Vertrag geschlossen, ab Ende 2021 weitere bis zu 1,8 Milliarden Impfstoff-Dosen zu liefern. Wie in Brüssel zu hören ist, soll einigen osteuropäischen Ländern der geforderte Preis zu hoch sein.



Zunehmend muss sich nun auch Biontech mit Kritik auseinandersetzen. Das Unternehmen scheint das erkannt zu haben – und baut nun die Abteilung „Public Affairs“ aus, um die öffentliche Meinungsbildung zu beeinflussen. Zum 1. Juni startet Mike Schuster in dieser Funktion. Schuster ist dabei bestens verdrahtet. Vor Biontech war der 32-Jährige unter anderem beim Verband Forschender Arzneimittelhersteller – und Referent im Bundestagsbüro von Jens Spahn, inzwischen Bundesgesundheitsminister.

Mehr zum Thema: Wie schnell erreicht Deutschland Herdenimmunität? Oder ist das Ziel illusorisch? Und müssen Prämien her? Eine Umfrage zeigt: Gerade in Sachsen – aber auch in Thüringen und Bayern – ist noch Überzeugungsarbeit im Kampf gegen die Pandemie zu leisten. Corona-Impfung: Das Ost-West-Gefälle bei der Impfbereitschaft

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