WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Biontech und Moderna Für die dritte Dosis ist schon mal vorgesorgt

Impfen gegen Mutationen: Ist die dritte Corona-Impfung notwendig? Quelle: imago images

Die EU und die USA haben bei Biontech und Moderna Millionen weiterer Impfdosen bestellt. Sie sind als Auffrischungsimpfungen für Erwachsene gedacht. Doch Behörden und Mediziner sind noch skeptisch.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Geht bald alles wieder von vorne los? Die Delta-Variante breitet sich aus. Bei den Geimpften lässt die Zahl der Antikörper nach sechs Monaten nach. Wer bereits im Januar geimpft wurde, büßt also demnächst etwas von seinem Impfschutz ein.

Die Hersteller Biontech/Pfizer und Moderna haben da natürlich schon mal was vorbereitet – und wollen bald Auffrischungsimpfungen anbieten. In Europa und den USA laufen bereits entsprechende Vorbereitungen. Viele Wissenschaftler sind allerdings skeptisch; es mangelt noch an Daten.

Für den Zeitraum von Ende 2021 bis 2023 hat die EU bereits 900 Millionen Dosen bei Biontech/Pfizer bestellt – mit der Option, diese Zahl nochmal zu verdoppeln. Knapp ein Fünftel der Ampullen dürfte nach Deutschland gehen. Kürzlich gaben Biontech/Pfizer zudem bekannt, weitere 200 Millionen Dosen in die USA zu liefern. Bereits vor einigen Wochen hat die EU mit Moderna einen Vertrag über zusätzliche 150 Millionen Dosen abgeschlossen.

Gedacht sind die zusätzlichen Lieferungen etwa als Auffrischungsimpfungen für Erwachsene. Alternativ können sie auch für Impfungen von 12- bis 17-jährigen verwendet werden. Oder als Spende in Entwicklungsländer gehen.

Allerdings haben die zusätzlichen Lieferungen ihren Preis. Angeblich verlangen Biontech/Pfizer 19,50 Euro je Dosis, bisher lag der Preis bei 12 bis 16 Euro. In Brüssel ist zu hören, dass Vertretern osteuropäischer Länder der Preis zu teuer ist. In der Spitze ginge es immerhin um Aufträge für 35 Milliarden Euro.

Die Auffrischungsimpfungen müssen allerdings zuvor von den Zulassungsbehörden genehmigt werden. Biontech und Pfizer sprechen zwar von „ermutigenden Daten“: Laut einer Studie sei durch eine dritte Dosis rund sechs Monate nach der Zweitimpfung eine sehr hohe Zahl schützender Antikörper im Blut nachweisbar – etwa fünf bis zehnmal so hoch wie nach den ersten beiden Impfungen. Eine Auffrischungsimpfung soll zudem besser gegen neue Virentypen, insbesondere die Delta-Variante schützen.

Doch belastbar sind diese Daten noch nicht.  Vielen Wissenschaftlern und Behörden reichen die bisherigen Erkenntnisse nicht aus. Das US-Gesundheitsministerium erklärte kürzlich, eine Corona-Auffrischimpfung bei vollständig Geimpften weiterhin nicht für nötig zu halten. Vertreter des Ministeriums hatten sich zuvor mit Managern von Pfizer getroffen und über die aktuellen Daten ausgetauscht. Nach Einschätzung der EU-Arzneimittelbehörde EMA ist es für eine mögliche Zulassung mangels Daten aus den laufenden Impfkampagnen noch zu früh. Die EMA zeigte sich aber zuversichtlich, dass das gegenwärtige Programm mit zwei Impfungen ausreiche.



Andere Länder haben noch nicht mal die erste Dosis erhalten

Auch der Erlanger Infektionsimmunologen Christian Bogdan bemängelte bereits die mangelnde Evidenz: „Es ist zum Beispiel völlig normal, dass mit zunehmender Zeit nach einer vollständigen Grundimmunisierung die Serumspiegel der Antikörper gegen das Zielantigen der Impfung abnehmen. Daraus kann nicht automatisch ein Verlust der klinischen Schutzwirkung abgeleitet werden.“ 

Der Bonner Virologe Hendrik Streeck erklärte, dass eine Auffrischung für Menschen ohne Risiko oder ohne Immunsuppression nicht notwendig sei. „Das kann anders sein für chronisch Kranke oder Menschen, die schon älter sind und gar keine guten Immunantworten mehr machen, da kann es sinnvoll sein, dass man jetzt im Herbst zum Beispiel eine Auffrischimpfung macht. Aber für den normalen, jüngeren, fitteren Menschen ist das nicht notwendig.“ Eine Sprecherin von Biontech/Pfizer sagt: „Wir sind uns einig, dass die wissenschaftlichen Daten die nächsten Schritte vorgeben werden.“

Es gibt jedoch noch ein weiteres Argument, dass gegen schnelle Auffrischungsimpfungen spricht. Während die Industrieländer bereits über Auffrischungsimpfungen diskutieren, ist der Impfstoff in vielen Entwicklungsländern noch gar nicht angekommen. So erklärt Tedros Adhanom Ghebreyesus, der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation WHO: „Es ist nicht nur enttäuschend, sondern ernsthaft enttäuschend, dass Länder, in denen bereits die Mehrheit der Bevölkerung vollständig geimpft ist, nun die dritte Dosis verabreichen und zu einer ‚Booster-Impfung‘ übergehen, während andere Länder noch nicht einmal mit dem Impfen begonnen haben.“



Die WHO fordert die Impfstoff-Hersteller Biontech/Pfizer und Moderna daher auf, Impfstoff-Lieferungen nicht für Länder mit einer fortgeschrittenen Impfkampagne zu priorisieren, sondern alles daranzusetzen, Länder mit niedrigem oder mittlerem Einkommen, die nur eine sehr geringe Impfstoff-Abdeckung haben, zu versorgen.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%