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Forschungszentrum Cern Ein Teilchen-Beschleuniger als Vorbild für die Politik

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Karriereturbo...

Karl Jakobs nimmt einiges auf sich, um in diesem Wettbewerb zu bestehen. Alle zwei Wochen fuhr er früher mit seinem alten Kombi ohne Klimaanlage von Freiburg nach Genf. Denn Jakobs weiß: Wer hier seine Chance nutzen will, der muss präsent sein. In Freiburg ist Jakobs als Professor für Teilchenphysik tätig, aber sein wissenschaftliches Renommee verdankt er allein seiner Arbeit in Genf. Seit mehr als 25 Jahren ist er am Projekt Atlas beteiligt, einem der beiden Großversuche auf dem Gelände des Cern. Seit 2017 leitet er das Projekt sogar, ist mittlerweile dauerhaft vor Ort. Um seine Ideen hier wirklich durchzusetzen, meint Jakobs, müsse man in Meetings präsent sein, viel diskutieren und dort seine Kollegen überzeugen.

Für Laien ist die Struktur des Cern nicht gerade einfach zu durchschauen. Denn tatsächlich ist es nur eine von mehreren Organisationen, die auf dem Gelände im Genfer Vorort Meyrin angesiedelt sind. Das Cern selbst betreibt zwar den großen Teilchenbeschleuniger LHC. Die insgesamt vier Teilchendetektoren entlang des Tunnels, an denen die Kollisionen der Teilchen erfasst und untersucht werden, laufen jedoch separat. Diese sogenannten Experimente werden jeweils von Zusammenschlüssen diverser Universitäten betrieben. Wie sich die beiden Großexperimente Atlas und CMS dabei gleichzeitig ergänzen und Konkurrenz machen, zeigte sich beispielhaft bei der Entdeckung des Higgs-Bosons. Angespornt durch den Wettbewerb untereinander, stießen die Teams des CMS- und des Atlas-Experiments 2011 und 2012 gemeinsam erstmals auf das Teilchen. Erst als beide Forschergruppen das Teilchen unabhängig voneinander nachgewiesen hatten, konnte das Experiment als bestätigt gelten. Unter der maßgeblichen Fachveröffentlichung stand dann die Rekordzahl von 5154 Autoren.

Es ist dieser besondere Geist des symbiotischen Wettbewerbs, auf den sie am Cern besonders stolz sind. Und stolz ist man in Meyrin ohnehin gern. Fabiola Gianotti, italienische Physikerin, Generaldirektorin des Cern, spult die Lobeshymne auf ihre Organisation ab, ohne Luft zu holen. „Das Cern“, mündet Gianottis Vortrag endlich im pathetischen Bekenntnis, „ist nicht nur ein Ort der wissenschaftlichen Brillanz, sondern auch ein internationales Friedensprojekt.“

Generaldirektorin Fabiola Gianotti forscht seit 1992 am Cern Quelle: Getty Images

Mit dem Erfolg der vergangenen Jahre, so viel ist in Genf offensichtlich, ist man großspurig geworden. Längst ist das Cern nicht mehr nur ein spröder Institutscampus, sondern eines der beliebtesten Touristenziele der Region. Gegenüber dem Hauptgebäude hat man einen futuristischen Pavillon gebaut, vor dem sich Pärchen und Familien in Pose setzen. Die Forscher selbst nutzen den Haupteingang nur noch im Notfall, die Lobby ist schon mit den Besucherschwärmen des Souvenirshops völlig überlastet. Wer ein Magnetset mit fröhlichen Quarks oder ein Shirt mit der Weltformel erstehen will, muss ein bisschen Zeit mitbringen.

Der äußere Erfolg verbirgt, dass die Abläufe im Inneren des Cern durchaus nicht spannungsfrei sind. Das ergibt sich schon aus der widersprüchlichen Hierarchie, die sich zwischen den verschiedenen Beteiligten herausgebildet hat. Mirko Pojer, der Mann aus dem Kontrollzentrum, ist zwar selbst promovierter Physiker, trotzdem meint er nur die Mitarbeiter an den Experimenten, wenn er von „den Wissenschaftlern“ spricht. Mit ihnen kommuniziert er einmal im Jahr, wenn man bei einer Konferenz in Chamonix am Mont Blanc die Zielvereinbarungen für den Teilchenbeschleuniger bespricht. Ansonsten melden sie sich immer dann, wenn etwas nicht funktioniert. Den Vorwurf der Arroganz hört man schon aus der Tonlage, die er für die „Wissenschaftler“ wählt. Die Forscher in den Experimenten sehen sich nun mal als die Weltelite ihres Fachs, die Leute vom Cern erscheinen ihnen hingegen nur wie bessere Wartungsmechaniker.

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