Leiden auf Rezept Krank durch Medikamente

Antibiotika machen depressiv, Schlafmittel dement und Blutdrucksenker impotent. Das behauptet zumindest die Biologin Cornelia Stolze in ihrem neuen Buch "Krank durch Medikamente". Ein Auszug.

Quelle: imago

Arzneimittel sollen heilen, Beschwerden lindern und – wenn möglich – sogar vor künftigen Leiden bewahren. Tatsächlich retten Medikamente vielen schwerkranken Menschen das Leben, sie nehmen Patienten stärkste Schmerzen oder schützen Kinder und Erwachsene vor den Folgen gefährlicher Infektionen.

Doch der Siegeszug der Pharmazie hat eine Kehrseite: Die wachsende Flut von Medikamenten macht inzwischen auch immer mehr Menschen krank. Ob Herzrasen, Depression, lebensgefährliche Schädigung des Immunsystems, Verwirrtheit, Gedächtnisstörungen oder Demenz – hinter zahlreichen Leiden, die Ärzte heute diagnostizieren, stecken in Wirklichkeit nicht körperliche oder seelische Defekte, sondern die Nebenwirkungen massenhaft konsumierter Arzneien.

Opfer der Industrie

Je älter wir werden, desto größer ist die Gefahr. Aber selbst die Jüngsten werden immer öfter zu Opfern der pharmazeutischen Industrie, schließlich schlucken viele Kinder inzwischen bereits jahrelang Psychopharmaka.

Wer käme schon auf die Idee, dass Präparate wie der Kassenschlager Ritalin bei achtjährigen Jungen stundenlange Erektionen auslösen können, die nicht nur sehr schmerzhaft sind, sondern mitunter auch zu bleibenden Schäden führen und die Betroffenen dauerhaft impotent machen?

Die hartnäckigsten Gesundheitsmythen
Eine junge Frau putzt sich mit einem Papiertaschentuch die Nase Quelle: dpa
Mann mit Rückenschmerzen sitzt im Büro Quelle: obs
In einer Zahnarztpraxis werden die Zähne eines Jungen untersucht Quelle: dpa
Ein Fieberthermometer liegt auf verschiedenen Arten und Formen von Tabletten Quelle: dpa
Ein Mann zieht an seinem Finger und erzeugt ein Knackgeräusch. Quelle: dpa
Angela Merkel hält ein Schnapsglas in der hand Quelle: AP
Ein Junge steht unter einer Dusche Quelle: dpa
Jemand springt in ein Schwimmbecken Quelle: dapd
Eine Frau trinkt aus einer Cola-Flasche Quelle: dpa
Ein Pärchen liegt unter einer gemeinsamen Bettdecke Quelle: dpa
Eine Kundin steht am 22.08.2007 an einer Obsttheke eines Supermarkts in Weinstadt. Quelle: dpa
Eine Frau steckt sich ein Stück Schokolade in den Mund Quelle: dpa/dpaweb
Ein Tropfen Milch fällt spritzend in eine Tasse mit Kaffee Quelle: dpa
Eine Frau pflückt Pflaumen Quelle: AP
Bei Temperaturen um 34 Grad Celsius erfrischt sich diese Sonnenanbeterin am Samstag (03.07.2010) vor dem Fernsehturm in Berlin mit einem kräftigen Schluck aus der Wasserflasche. Quelle: dpa
Eine Arbeiterin begutachtet geräucherte Makrelen Quelle: AP
Braune Hühnereier Quelle: dpa
Modell eines Herzens Quelle: dpa
Im Alter wächst Krebs langsamer„Hier trifft oft das Gegenteil zu, Krebs kann im Alter aggressiver und schneller wachsen“, erklärt Thomas Meier, Gastroenterologe am Diagnostik Zentrum Fleetinsel Hamburg. Der Grund: Bei vielen älteren Menschen sind die Abwehrkräfte bereits durch andere Erkrankungen geschwächt – der Körper hat den Krebszellen dadurch nicht mehr so viel entgegenzusetzen. Dabei spielt aber auch die Krebsart eine wichtige Rolle. Quelle: dpa
Salz auf einer Hand Quelle: AP

Welche ältere Dame rechnet damit, dass sie mit Mitte siebzig plötzlich eine krankhafte Spielsucht oder ein unbändiger Kaufzwang packt – nur, weil sie seit ein paar Wochen ein Medikament gegen Parkinson nimmt?

Woher soll eine junge, kerngesunde Patientin wissen, dass die Einnahme eines altbekannten Schmerzmittels sie zum Notfall machen kann? Und wer ahnt schon, dass massenhaft verschriebene Cholesterinsenker wie Sortis oder Zocor das Gehirn blockieren, Erinnerungen auslöschen und die Betroffenen orientierungslos herumirren lassen können? Vier Beispiele von vielen, die uns vor Augen führen, dass Medikamente wahrlich keine Lutschbonbons sind.

Doch häufig werden die Nebenwirkungen weit verbreiteter Arzneimittel selbst von denen, die sie verordnen, und von denen, die sie schlucken, nicht als solche erkannt. Kein Wunder, denn die Einnahme von Medikamenten ist vielen von uns so in Fleisch und Blut übergegangen, dass manch einer glatt vergisst, was er da regelmäßig schluckt und spritzt.

Sei es der Diabetiker, der täglich sein Insulin injiziert und dabei aus dem Blick verliert, dass dies ein Arzneimittel und potentiell tödlich ist. Sei es die junge Frau, die seit Jahr und Tag die „Pille“ nimmt. Oder aber der ambitionierte Hobbysportler, der ohne sich viel dabei zu denken, gelegentliche Schmerzen mit der ein oder anderen Tablette stillt.

Arzneimittelfirmen, Behörden und Politik, versuchen natürlich, das Thema zu meiden. Doch die Fakten sprechen für sich: Seit Mitte der 1990er Jahre ist die Zahl der Komplikationen und Todesfälle, die sich auf die Einnahme von Medikamente zurückführen lassen, erheblich gestiegen.

Todesfälle durch Medikamente

Untersuchungen in den USA haben 2010 gezeigt, dass sich die Zahl der schweren Arzneimittelzwischenfälle allein zwischen 1998 und 2005 mehr als verdoppelt hat. Die Zahl der Todesfälle durch Medikamente hatte sich im selben Zeitraum sogar fast verdreifacht, stellten die Forscher um Thomas Moore vom Institute for Safe Medication Practices in Pennsylvania fest.

Zur Person

Die starke Zunahme der Komplikationen gehe unter anderem darauf zurück, so Moore, dass die Zahl der verschriebenen Medikamente in den USA seit 1998 um etwa die Hälfte gestiegen ist. Jedes Jahr, berichtet auch die Verbraucherschutzorganisation Public Citizen mit Sitz in Washington, kommt es dadurch unter älteren US-Bürgern zu mehr als 9,6 Millionen solcher Komplikationen.

Die starke Zunahme der Arzneimittelschäden weise auf ein massives Problem hin, so Moore. Daran zeige sich, dass das derzeitige System die Patienten nicht genug schütze.

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