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Neuralink Das sind Elon Musks Cyborg-Pläne

Elon Musk will mit Neuralink sein nächstes Großprojekt im Bereich der Hirnforschung voran bringen. Quelle: AP

Neuralink enthüllt Spannendes: Das Start-up von Elon Musk will das menschliche Gehirn mit Elektroden aufrüsten, um in Zukunft dessen Leistungsfähigkeit zu steigern. Zuerst soll aber Querschnittsgelähmten geholfen werden.

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Elon Musk hat neben dem Elektroautohersteller Tesla, dem Raumfahrtunternehmen SpaceX und dem Tunnelbauer Boring Company noch einen bislang geheimnisumwitterten Viertjob – als Chef von Neuralink. Wie die anderen Musk-Unternehmen tritt das vor drei Jahren gegründete Start-up aus San Francisco mit dem Ziel an, die Menschheit zu retten. Diesmal nicht vor dem Treibhauseffekt, sondern vor Künstlicher Intelligenz. Denn die, so fürchtet nicht nur Musk, könnte eines Tages die Macht übernehmen. Entweder, weil ihre Entwickler sie so hochzüchten, dass sie mit ihnen den Rest der Menschheit kontrollieren. Oder aber ein mit Künstlicher Intelligenz hochgedoptes Maschinenhirn ein Bewusstsein entwickelt und erkennt, dass es dem Menschen überlegen ist, es diesen nicht mehr braucht oder er sogar hinderlich ist.

Was dann geschieht, hängt vom Optimismus beziehungsweise Pessimismus der Futurologen ab – im Extremfall wäre es das Ende der Menschheit. Die Vorsichtsmaßnahmen dagegen sind beide utopisch. Eine wäre, die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz zu stoppen. Die andere, Technologie mit noch mehr Technologie in Schach zu halten.

Klar, dass Musk den letzteren Weg wählt. Neuralink, so zumindest seine Vision, soll das menschliche Hirn mit Künstlicher Intelligenz aufrüsten, eine Mensch-Maschine-Schnittstelle fürs Gehirn entwickeln, um dessen ganze Bandbreite besser nutzen zu können.

Am Dienstagabend enthüllte Neuralink in San Francisco, wie weit es mit dem Vorhaben gekommen ist, die Brücke zwischen Organismus und Maschine zu schlagen. Musk blieb seinem berüchtigten Zeitgefühl treu – die Präsentation startete fast eine Stunde später als ankündigt. Und wie gewohnt machte er fantastisch klingende Ankündigungen. Demnach hat sein Start-up in den vergangenen drei Jahren drei Dinge entwickelt: Einen winzigen Sensor von nur acht Millimetern Durchmesser, der direkt ins Gehirn implantiert wird. Und zwar durch seinen selbst entwickelten Operations-Roboter, der den Sensor und dessen Elektroden ins Gehirn einbaut. Diese hängen an flexiblen Fäden, die ein Viertel so dick wie ein menschliches Haar sind. Sie sollen die Aktivität der Nervenzellen aufzeichnen und zugleich über elektrische Impulse stimulieren. Der Sensor wiederum überträgt die Signale und Anweisungen über einen Bluetooth-Empfänger, der hinter dem Ohr platziert wird. Optisch erinnert er an ein Hörgerät und wird wiederum über eine Smartphone-App gesteuert. „Wir wollen die Operation letztlich so einfach wie Lasik (Anm.: Augenoperation) machen“, sagt Matt McDougall, ein praktizierender Neurochirurg, der das Operationsteam von Neuralink leitet. Zunächst sollen vier Sensoren eingebaut werden, später bis zu zehn.

In den nächsten Jahren will sich Neuralink zunächst auf Patienten konzentrieren, deren Motorik eingeschränkt ist. Für das nächste Jahr ist eine klinische Studie geplant, wie solche Sensoren Querschnittsgelähmten helfen könnten, beispielsweise beim Bedienen von Geräten wie Smartphones oder Computertastaturen über Gedanken. Noch sind das alles Ankündigungen. „Die Präsentation ist vor allem dazu gedacht, möglichst viele Talente anzusprechen und zu gewinnen“, räumt Musk ein. Neuralink beschäftigt derzeit 100 Mitarbeiter.

Und er weiß auch, dass er seine Ungeduld wohl wird zügeln müssen. „Die FDA-Zulassung zu bekommen, wird sehr langwierig“, räumt er ein. Musk wird sich wieder eine Menge Vorwürfe einhandeln, zu schnell vorzupreschen und vor allem Hoffnungen bei Betroffenen zu wecken. Das Szenario, in dem Menschen ihr Gehirn mit Computern aufrüsten können, ist noch weit entfernt. Max Hodak, zuständig für das operative Geschäft von Neuralink, erwartet, dass man in Zukunft nicht nur Geräte mit Gedanken steuern kann, sondern auch eine neue Sprache oder etwa Kampfsportbewegungen ins Gehirn laden kann. „Es könnte sogar eine Art App-Store geben“, sagt Musk.

Das Neuralink Fortschritte gemacht hat, deutete sich schon Mitte Mai an. Da sammelte das Start-up weitere 39 Millionen Dollar an, nachdem es von Musk eine Anschubfinanzierung und vom chinesischen Finanzier Wei Guo, der sich auf die Förderung von Künstlicher Intelligenz fokussiert, knapp 50 Millionen Dollar erhalten hatte. Musk soll inzwischen sein persönliches Engagement bei Neuralink auf 100 Millionen Dollar ausgebaut haben. Mit dieser Summe hatte er einst sein Weltraumtransport-Unternehmen SpaceX angeschoben. Neuralink wird vom Analyseunternehmen PitchBook mit 510 Millionen Dollar bewertet.

Dass ein Elon-Musk-Unternehmen nach den Sternen greifen muss, versteht sich von selbst. Aber in dem Sektor Mensch-Maschine-Schnittstelle gibt es viel Bewegung, auch wenn nur wenige das Gehirn direkt mit einem Computer vermählen. Ähnliche Implantate mit weit weniger Elektroden werden bereits für die Behandlung von Parkinson-Patienten eingesetzt.

Edward Chang von der Universität von Kalifornien in San Francisco präsentierte jüngst ein System, mit dem Menschen, die ihre Fähigkeit zum Sprechen verloren haben, sich mittels Computersprachausgabe verständlich machen. Und zwar nicht, wie bislang üblich, durch das Erkennen von Bewegungen der Augen oder Gesichtsmuskeln, was ermüdend und langsam ist. Sondern durch Interpretation der Gehirnaktivität im Sprachzentrum, was laut Chang die Verständigung bis hin zu flüssigen Sätzen beschleunigt. Dazu muss man allerdings direkt ins Gehirn, um die Signale richtig interpretieren zu können.

Auch Facebook arbeitet seit Jahren daran, das Steuern von Computern mittels Gehirnwellen zu beschleunigen. Regina Dugan, damals Forschungschefin des sozialen Netzwerks, demonstrierte vor zwei Jahren auf der Facebook-Entwicklerkonferenz die Zukunft des Diktierens: Wörter denken, die dann automatisch auf dem Bildschirm erscheinen und sich per Message verschicken lassen. Damals klappte es nur mit ein paar Wörtern. Die Gehirnaktivität wurde mit am Schädel angebrachten Sensoren gemessen. Seitdem ist es um das Projekt still geworden – auch weil schnell Vorwürfe laut wurden, dass Facebook daran arbeite, Gedanken zu lesen. Dugan hat Facebook mittlerweile verlassen.

Das soziale Netzwerk hat das gleiche Problem wie Neuralink: Ein mit maschineller Intelligenz hochgedoptes menschliches Hirn klingt attraktiv. Es bedeutet jedoch nicht, dass diese Cyborgs automatisch Selbstlosigkeit praktizieren.

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