Reimund Neugebauer: "Endlich loslaufen"
Der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, Reimund Neugebauer, fordert ein europäisches Google.
Foto: dpa Picture-Alliance
WirtschaftsWoche: Herr Neugebauer, Kanzlerin Angela Merkel hat jüngst gewarnt, Deutschland könne in Sachen Innovation den Anschluss verlieren. Ist die Lage so dramatisch?
Reimund Neugebauer: Wenn es so schlimm wäre, würden uns nicht immer wieder Politiker aus dem Ausland besuchen. Sie wollen jedes Mal wissen, warum Wissenschaft und Wirtschaft in unserem Innovationssystem so erfolgreich zusammenarbeiten. Erst kürzlich waren die US-Wirtschaftsministerin Penny Pritzker und die südkoreanische Präsidentin Park Geun-hye bei uns. Die französische Regierung hat Vertreter des Bundesforschungsministeriums und von Fraunhofer eingeladen, weil sie etwas Ähnliches wie die High-Tech-Strategie des Bundes einführen will. Das zeigt: Unser methodisches Vorgehen ist sehr gut.
Wir brauchen uns also nicht zu sorgen?
Wir sind im internationalen Vergleich sehr leistungsfähig. Das belegt auch die Statistik: Unser Anteil forschungsintensiver Waren am Weltmarkt ist, bezogen auf die Bevölkerungsgröße, der höchste der Welt. Wir liegen hier vor Japan, den USA und China.
Internet der Dinge
Die Verknüpfung aller Gegenstände ermöglicht es, sie über Datennetze zu orten, zu kontrollieren und zu koordinieren
Wichtige Anwendungen: Intelligente Steuerung globaler Logistikketten und des Verkehrs; medizinische Ferndiagnosen; Gebäudeautomation; sich selbst optimierende Fabriken
Einfluss auf das BIP 2025 (in Mrd. Euro), Anteil am BIP: 207 Milliarden = 4,8 Prozent
Effekt auf Arbeitsplätze: 4/4
Wettbewerbsstärke Deutschlands: 3/4
Automatisierung Wissensarbeit
Lernende Softwaresysteme erkennen Zusammenhänge, analysieren Probleme und ziehen daraus Schlussfolgerungen
Wichtige Anwendungen: Erledigung von Aufgaben in Büro und Verwaltung; Abwicklung von Dienstleistungen; Erstellung von Entscheidungsvorlagen; medizinische Diagnosen
Einfluss auf das BIP 2025 (in Mrd. Euro), Anteil am BIP: 207 Milliarden = 4,8 Prozent
Effekt auf Arbeitsplätze: 4/4
Wettbewerbsstärke Deutschlands: 3/4
Fortgeschrittene Robotik
Roboter bauen sich selbst, finden sich in der Umwelt zurecht und stellen sich auf den Menschen ein.
Wichtige Anwendungen: Industrielle Produktion; Chirurgie; Pflege; vielseitige Helfer im Alltag, etwa beim Putzen oder Rasenmähen
Einfluss auf das BIP 2025 (in Mrd. Euro), Anteil am BIP: 175 Milliarden = 4,0 Prozent
Effekt auf Arbeitsplätze: 3/4
Wettbewerbsstärke Deutschlands: 4/4
Alternative Antriebe
Elektro-, Brennstoffzellen- und Wasserstoffantrieb oder Hybridlösungen.
Wichtige Anwendungen: Privat und gewerblich genutzte Fahrzeuge; Fuhrparks; Busse; Schiffe und Flugzeuge
Einfluss auf das BIP 2025 (in Mrd. Euro), Anteil am BIP: 111 Milliarden = 2,6 Prozent
Effekt auf Arbeitsplätze: 2/4
Wettbewerbsstärke Deutschlands: 4/4
Mobiles Internet
Smartphone, Tablet-PC oder Datenbrille verbinden Nutzer jederzeit und überall mit dem Internet
Wichtige Anwendungen: E-Commerce; Online-Lernen; Telemedizin, z. B. Überwachung des Gesundheitszustands chronisch Kranker; Mobile Payment; Gastronomietipps
Einfluss auf das BIP 2025 (in Mrd. Euro), Anteil am BIP: 91 Milliarden = 2,1 Prozent
Effekt auf Arbeitsplätze: 2/4
Wettbewerbsstärke Deutschlands: 1/4
Big Data
Analyse riesiger Datenmengen, die Sensoren, Rechner, Handys, intelligente Zähler und Autos ständig sammeln und übermitteln
Wichtige Anwendungen: Angebot individueller Produkte und Dienstleistungen; Börsenhandel; Marktprognosen; Entdeckung neuer Geschäftsmodelle
Einfluss auf das BIP 2025 (in Mrd. Euro), Anteil am BIP: 82 Milliarden = 1,9 Prozent
Effekt auf Arbeitsplätze: 3/4
Wettbewerbsstärke Deutschlands: 2/4
Cloud Computing
Aus der Datenwolke können Unternehmen und Private via Internet Software, Rechen-, Speicher- und Netzwerkkapazität
Wichtige Anwendungen: Programme, IT-Infrastruktur und Internet-Plattformen werden gemietet statt gekauft – bedarfsgerecht und technisch auf dem neuesten Stand
Einfluss auf das BIP 2025 (in Mrd. Euro), Anteil am BIP: 73 Milliarden = 1,7 Prozent
Effekt auf Arbeitsplätze: 3/4
Wettbewerbsstärke Deutschlands: 2/4
Cybersecurity
Sicherheit und Schutz digitaler Daten gegen Zugriff durch unbefugte Dritte, etwa Konkurrenten, Kriminelle und Geheimdienste
Wichtige Anwendungen: Schutz von Industrieanlagen und Kraftwerken vor Spionage und Sabotage; Verhinderung des Missbrauchs persönlicher und Unternehmensdaten
Einfluss auf das BIP 2025 (in Mrd. Euro), Anteil am BIP: 71 Milliarden = 1,6 Prozent
Effekt auf Arbeitsplätze: 2/4
Wettbewerbsstärke Deutschlands: 1/4
(Teil-)autonomes Fahren
Pkws, Lkws und Busse, die dem Fahrer ganz oder teilweise das Lenken abnehmen und selbstständig durch den Verkehr navigieren.
Wichtige Anwendungen: Computergesteuerter Verkehrsfluss: Fahrzeuge warnen sich vor Staus und Unfallgefahren; Nutzung mobiler Internet-Dienste während der Fahrt
Einfluss auf das BIP 2025 (in Mrd. Euro), Anteil am BIP: 59 Milliarden = 1,4 Prozent
Effekt auf Arbeitsplätze: 3/4
Wettbewerbsstärke Deutschlands: 1/4
Genomik
Kombination aus Gensequenzierungstechniken, Big-Data-Analysen und gezielten Eingriffen ins Erbgut
Wichtige Anwendungen: Neue Medikamente etwa gegen Krebs; personalisierte Medizin; Entwicklung ergiebiger Nutzpflanzen, z. B. für Biokraftstoffe
Einfluss auf das BIP 2025 (in Mrd. Euro), Anteil am BIP: 37 Milliarden = 0,9 Prozent
Effekt auf Arbeitsplätze: 3/4
Wettbewerbsstärke Deutschlands: 2/4
Saubere Energien
Erzeugung von Strom und Wärme aus regenerativen Energiequellen wie Sonne, Wind und Biomasse
Wichtige Anwendungen: Blockheizkraftwerke für Industrie und Privathaushalte; Solaranlagen; Windparks; Erdwärmesonden; Biogasherstellung; Gezeitenkraftwerke
Einfluss auf das BIP 2025 (in Mrd. Euro), Anteil am BIP: 28 Milliarden = 0,6 Prozent
Effekt auf Arbeitsplätze: 3/4
Wettbewerbsstärke Deutschlands: 2/4
Hochleistungswerkstoffe
Materialien, die Forscher im Labor mit überragenden Eigenschaften und Funktionen ausstatten, etwa Hitzebeständigkeit
Wichtige Anwendungen: Leichte und dennoch stabile Bauteile aus Carbon für Autos und Flugzeuge; sterile Kunststoffe; besonders leitfähige Metalle und Halbleiter
Einfluss auf das BIP 2025 (in Mrd. Euro), Anteil am BIP: 25 Milliarden = 0,6 Prozent
Effekt auf Arbeitsplätze: 3/4
Wettbewerbsstärke Deutschlands: 4/4
3-D-Druck
Fertigungsverfahren, bei dem aus einem digitalen Modell Schicht für Schicht ein reales Objekt entsteht
Wichtige Anwendungen: Individualisierte Produkte wie Schmuck und Brillen; Ersatzteile; passgenaue Prothesen; künstliche Organe; High-Tech- Bauteile wie Turbinenschaufeln
Einfluss auf das BIP 2025 (in Mrd. Euro), Anteil am BIP: 17 Milliarden = 0,4 Prozent
Effekt auf Arbeitsplätze: 3/4
Wettbewerbsstärke Deutschlands: 3/4
Energiespeicher
Ökostrom wird in Batterien, Salzkavernen, Pumpspeichern oder, umgewandelt zu künstlichem Erdgas, zwischengelagert
Wichtige Anwendungen: Stabilisierung der Stromnetze; Reservekapazitäten; unabhängige Energieversorgung von Kommunen, Privathaushalten und Unternehmen; Elektromobilität
Einfluss auf das BIP 2025 (in Mrd. Euro), Anteil am BIP: 16 Milliarden = 0,4 Prozent
Effekt auf Arbeitsplätze: 3/4
Wettbewerbsstärke Deutschlands: 2/4
Wasseraufbereitung
Technologien, die Abwässer reinigen, Giftstoffe entfernen und selbst in extremen Trockengebieten Trinkwasser bereitstellen
Wichtige Anwendungen: Meerwasserentsalzung; Kläranlagen; Gewässersanierung; geschlossene Wasserkreisläufe in Fabriken; Trinkwassergewinnung etwa mittels Membranen
Einfluss auf das BIP 2025 (in Mrd. Euro), Anteil am BIP: 9 Milliarden = 0,2 Prozent
Effekt auf Arbeitsplätze: 3/4
Wettbewerbsstärke Deutschlands: 2/4
Bei wissensintensiven Diensten und bezogen auf absolute Umsätze sieht das Bild anders aus. Haben wir bereits an Innovationskraft verloren?
Moment, ich habe über das methodische Vorgehen gesprochen, wie wir Innovationen erzeugen. Der andere Aspekt ist, in welchen Branchen sie entstehen. In klassischen Branchen wie Maschinenbau, Auto- und Chemieindustrie sind wir nach wie vor weit vorne. Anders sieht es in der Informationstechnik (IT) und der Biotechnik aus, dort haben wir Nachholbedarf.
Wir können aber nicht nur vom Alten leben. Bei Zukunftsthemen, etwa Big Data, der Analyse riesiger Datenmengen, hat uns Google abgehängt. Nun investiert der Konzern in alltagstaugliche Roboter, in Heizungssteuerungen oder automatisches Fahren und wird bald viele Dienste um diese Produkte herum anbieten. Verschlafen wir diese Entwicklung?
Deutschland ist stark bei der Weiterentwicklung von Produkten - bei Spitzentechnologien und wissensintensiven Dienstleistungen hingegen liegen teils unsere härtesten Konkurrenten vorn. (zum Vergrößern bitte anklicken)
Foto: WirtschaftsWoche
Sie haben recht, die Internet-Konzerne drängen mit Macht in Richtung Produkte, dort wo unsere Stärke liegt. Aber wir stehen nicht mit leeren Händen da. Auch wir rüsten Autos und Maschinen mit Intelligenz aus. Jetzt kommt es darauf an, schnell zu lernen, unseren Vorsprung bei den Produkten für die Entwicklung neuer Geschäfte zu nutzen. Es gilt, endlich loszulaufen – und zwar mit Wucht.
Wer die Daten von Handys und künftig von Servicerobotern besitzt, kennt das Verhalten der Kunden sehr genau und kann ihnen maßgeschneiderte Angebote machen. Sind wir nicht zu ingenieurgetrieben, statt an den Kunden zu denken?
Wenn das zuträfe, wären wir weder Exportweltmeister, noch besäßen wir unter unseren Mittelständlern so viele Weltmarktführer. Die wissen insbesondere bei Investitionsgütern sehr genau, was der Markt verlangt. Und sie haben ein feines Gespür dafür, wann es sich lohnt, ins Risiko zu gehen.
Mini-Computer erobern die Welt
Wenn es nach dem Willen der Telekomkonzerne geht, wird es in absehbarer Zukunft nur einen Schlüssel für unser modernes Leben geben: das Smartphone und oder das Tablet. Die Mini-Computer für die Akten- oder Westentasche erfreuen sich immer größerer Popularität - vier von fünf Kunden entscheiden sich derzeit beim Kauf eines neuen Handys für die internetfähige Variante, im abgelaufenen Jahr gingen allein in Deutschland über 20 Millionen Stück über den Ladentisch.
Foto: dapdDie massenhafte Verbreitung ermöglicht ganz neue Geschäftsbereiche: Künftig sollen etwa Mietwagenkunden mithilfe von Smartphones den Weg zu ihrem Fahrzeug finden und dieses damit öffnen. Auch beim Bezahlen an der Supermarktkasse und beim Öffnen der Haustür (wie etwa bei Sharekey) sollen zunehmend mobile Computer zum Einsatz kommen. Textdokumente, aber auch Musik und private Fotos werden in externen Rechenzentren (Cloud) abgelegt und können dort mittels stationierter Software bearbeitet und jederzeit von jedem Ort abgerufen werden.
Foto: PresseUm die technischen Voraussetzungen zu schaffen, investieren Telekom & Co. derzeit Milliarden in den Ausbau der Cloud und der mobilen Breitbandnetze. Schließlich müssen die explosionsartig wachsenden Datenmengen transportiert werden. Die Bedrohung dieser schönen neuen Welt kommt aus dem Netz selbst: Ein Hackerangriff gilt als Horrorszenario.
Foto: dpaAm Puls des Baggers
Mit der Kraft mehrerer Hundert PS wühlt sich der riesige Schaufelbagger durch das Gelände des Tagebaubergwerks irgendwo in Südamerika. Tonnen von Geröll werden stündlich bewegt - Schwerstarbeit für die Maschine. Während der Bagger Lkw um Lkw belädt, funken Sensoren Dutzende Messdaten über Öl- und Wasserdruck, Motorleistung und Verbrauch in ein über tausend Kilometer entfernt gelegenes Rechenzentrum.
Foto: REUTERSDort werden die Daten gesammelt, aufbereitet, mit anderen Leistungskennziffern abgeglichen und an den Hersteller des Baggers weitergeleitet. Der kann nun rechtzeitig erkennen, wann es wieder Zeit ist für eine Wartung oder wann ein Verschleißteil ausgewechselt werden muss. Der Servicetechniker vor Ort wird rechtzeitig in Marsch gesetzt, notfalls gleich mit dem passenden Ersatzteil. Das spart Zeit und Kosten, weil das schwere Gerät nur für kurze Zeit unproduktiv im Gelände steht.
Foto: CLARK/obsDie Fernüberwachung von Maschinen, Transportunternehmen und Gütern ist unter anderem für den britischen Mobilfunkanbieter Vodafone Teil der Strategie bei der Maschinenkommunikation. Ähnlich wie beim vernetzten Auto wird für die Einsätze ein speziell für die M2M-Kommunikation entwickelter Chip eingesetzt.
Er ist kleiner als die, die in jedem üblichen Mobilfunkgerät stecken, aber deutlich robuster: Der SIM-Chip entspricht Industrieanforderungen, ist fest verlötet, korrosionsbeständig, verfügt über eine längere Lebensdauer und übersteht auch hohe Temperaturschwankungen. Er funktioniert auf vielen Netzen weltweit und wird daher auch für die Überwachung von Containern eingesetzt, die rund um den Globus schippern.
Foto: dpaDas vernetzte Heim
Die Vision hat was Bestechendes: Bequem vom Sofa aus öffnet der Hausbesitzer mit Hilfe eines kleinen Flachbildschirms das Fenster im Kinderzimmer, stellt die Heizung auf moderate 22 Grad und kontrolliert, ob der Herd wirklich ausgeschaltet ist. All das und viel mehr ist heute schon möglich - und doch funktioniert diese moderne Welt des vernetzten Heims nur in Ausnahmefällen.
Foto: dapdWas vielleicht noch im Einzelfall klappt, bringt selbst technikbegeisterte Menschen zur Verzweiflung, wenn sie die verschiedenen Systeme zwischen Alarmanlage und Wäschetrockner so verbinden wollen, dass sie von einer Schaltstation bedient werden können. Zwar arbeitet fast jeder Hausgerätehersteller an Vernetzungslösungen über das Internet, doch die Vision, etwa vom intelligenten Kühlschrank, der automatisch Milch, Butter und Wurst im Handel nachbestellt, ist von der Wirklichkeit noch weit entfernt.
"Die entscheidende Frage ist, ob der Kunde einen solchen Kühlschrank überhaupt will. Und wenn ja, wie viel Aufpreis er für die aufwendige Technik und Logistik zu zahlen bereit ist", sagt der Chef des deutschen Hausgeräte-Marktführers BSH Bosch und Siemens Hausgeräte, Kurt-Ludwig Gutberlet. Auch die notwendige Lebensmittellogistik, damit die Waren dann auch in den Kühlschrank kommen, ist nicht zu unterschätzen.
Foto: PresseDas Gleiche gilt für die intelligente Nutzung des Gas- und Stromnetzes durch Heizung oder Waschmaschine. Auch hier müssen erst intelligente Zähler installiert und die Endgeräte entsprechend ausgerüstet werden, damit sie je nach Strompreis anspringen oder sich abschalten. Die Deutsche Telekom versucht nun, eine Plattform für die vernetzte Hauswelt zu schaffen, um das Problem der unterschiedlichen technischen Standards zu lösen. "Qivicon" soll noch 2013 starten.
Foto: dpaDie Revolution heißt Industrie 4.0
Für den deutschen Maschinen- und Anlagenbau ist es das Thema schlechthin: die vierte industrielle Revolution oder kurz Industrie 4.0, der nächste Schritt nach Dampfmaschine, Elektrifizierung und Fließband. Dabei geht es um nicht weniger als die permanente Kommunikation und Vernetzung zwischen Mensch, Maschine und Produkten.
Foto: dapdNicht mehr die zentrale Steuerung steht im Mittelpunkt. Die Werkstücke selbst teilen der Maschine mit, wie genau sie bearbeitet, in welcher Farbe sie gespritzt und wo sie als Nächstes eingepasst werden sollen. Die Menschen kontrollieren und bekommen Hinweise, wo sie eingreifen müssen.
Vieles davon ist noch Zukunftsmusik, Fragen wie nach der Sicherheit der IT-Systeme sind noch nicht gelöst. Doch in einigen Teilbereichen funktioniert das Zusammenspiel von Maschinenbau-Know-how mit Softwaresteuerung, Vernetzung, Internetanbindung und neuen Arbeitsabläufen bereits. Schon jetzt machen IT und Automation laut Branchenverband VDMA 30 Prozent der Herstellungskosten im Maschinenbau aus.
Foto: Presse
Warum halten sie sich dann in der digitalen Welt so zurück?
Vielen fehlt das Vertrauen in die Netze. Schauen Sie sich einmal an, wie viele Attacken es im Cyberraum gegen Firmen gibt. Bots, also Schadprogramme, die sich still und heimlich auf den PC schleichen und diesen fernsteuern, können im Internet gebucht werden. Jeder vernünftige Manager überlegt da zwei Mal, wie viel Risiko er verantworten kann – Geschäft hin oder her.
Können die Unternehmen das nötige Maß an Datensicherheit selbst hinbekommen, oder muss die Regierung eingreifen?
Es geht nicht ohne die Politik – und es bewegt sich etwas. Das Forschungsministerium hat zwei Sicherheitszentren gegründet und zusätzlich vor Kurzem mit uns und dem Innenministerium eine Arbeitsgruppe zur Internet-Sicherheit gebildet. Seit dem NSA-Skandal hat die Regierung erkannt, dass ihr das Thema Wirtschaftsspionage nicht gleichgültig sein kann.
Deshalb brauchen wir für Europa eine Alternative zu Google. Das ist die einzige Chance, die Kontrolle zurückzugewinnen. Wir würden uns freuen, im Auftrag des Bundes gemeinsam mit Industriepartnern ein solches Datennetz aufzubauen.
Der Boom des 3D-Druck
3D-Drucker waren bis vor kurzem noch nette Spielereien, mit ausgesprochen geringem praktischem Nutzen. In diesem Jahr hat sich diese Wahrnehmung gewandelt, denn die Geräte drucken mittlerweile (nahezu) alles. Von Kinderspielzeug über Küchengeräte bis zu Teilen einer Handfeuerwaffe. Und genau hier liegt auch das Risiko dieser jungen Technologie: Defense Distributed, eine non-profit Organisation aus den Vereinigten Staaten, veröffentlichte Baupläne für eine 3D-gedruckte Pistole, die anders als ihre Vorgängermodelle, nicht beim ersten Abfeuern in alle Einzelteile zerbrach. Die aktuelle Version schießt, trifft, ist stabil und... aus Plastik. Theoretisch ist es somit jedem möglich, den Guten und den Bösen, unerkannt eine schussbereite Waffe mit sich zu tragen.
Gleichzeitig bringt der 3D-Druck den Mittelstand voran und ermöglicht ganz neue Geschäftsmodelle. Auch Deutschland wird zum 3D-Druck-Land.
Foto: REUTERSTragbare Technologien sind im Mainstream angekommen
Mit der Einführung von Samsungs Smart Watch sind tragbare Minicomputer erstmals in der breiten Öffentlichkeit angekommen. Auch wenn die Testberichte für das Armbanduhren-Teil des "Samsung Galaxy Gear" nur verhalten positiv ausfallen, kann man doch fest davon ausgehen, dass sich dieser Trend fortsetzen wird - 800.000 verkaufte Einheiten in zwei Monaten sprechen für sich. Auch Apple soll inzwischen an einer iWatch arbeiten.
Weiterhin wartet der Markt auch auf die Einführung von Google Glass. Googles Datenbrille soll 2014 erscheinen, nachdem bereits einige Informationen zu möglichen Apps und auch ein paar Videos auf youtube.com die Öffentlichkeit erreichten.
Foto: dpaDrohnen werden zivil genutzt
Nachdem der Begriff Drohne lange Zeit nur Bienenkennern und Militärexperten bekannt war, sorgte deren inflationärer Einsatz durch die US Armee für ihre weltweite traurige Berühmtheit.
Doch der Online-Händler Amazon hat den Drohnen mit seinem Projekt "Amazon Prime Air" ein neues, kommerzielles Gesicht verschafft. Das US-amerikanische Unternehmen möchte in Zukunft seine Pakete mit Drohnen ausliefern. Das soll Lieferungen nationenweit in maximal 30 Minuten ermöglichen. Der zivile Einsatz von Drohnen zu welchen Zwecken auch immer wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach als Entwicklung der Gegenwart verfestigen. Schon jetzt gibt es auch außerhalb der Vereinigten Staaten Bestrebungen, den kommerziellen Einsatz von Drohnen möglichst schnell voranzutreiben.
Auch DHL und andere Unternehmen und Organisationen haben den Nutzen der Drohnen inzwischen für sich erkannt. Immer häufiger werden die Gadgets für wirtschaftliche Zwecke eingesetzt.
Foto: APWissenschaftler versuchen, ausgestorbene Tiere zurückzuholen
Stewart Brand erregte zu Beginn des Jahres einiges Aufsehen mit einem Projekt namens "Revive & Restore". Es zielt darauf ab, bereits ausgestorbene Spezies "wiederzubeleben" und damit in die Gegenwart zu holen. Bei der ersten Art soll es sich um die im 19. Jahrhundert vom Menschen ausgerottete Wandertaube halten. Selbstverständlich ließen Spekulationen über weitere Tiere nicht lange auf sich warten, auch Säbelzahntiger und Wollmammut wurden ins Gespräch gebracht. In Australien hat sich ein ähnliches Projekt gegründet, dass zumindest einen tasmanischen Tiger in die heutige Welt holen möchte.
Foto: dpaMögliche Lösungen für zukünftige Lebensmittelengpässe
Erstmals ist es in diesem Jahr Forschern gelungen, eine Burger-Bulette aus Rinderstammzellen zu züchten. Auch wenn der in London durchgeführte Geschmackstest zeigte, dass der Labor-Burger nach Ansicht der Tester noch nicht mit echtem Hackfleisch mithalten kann, so zeigt diese Innovation doch mögliche Wege für die Zukunft aus. Die Fleischindustrie produziert massive Mengen an Treibhausgasen, verschwendet riesige Wassermengen und die Haltung von Zuchttieren lässt vielerorts zu wünschen übrig. Gleichzeitig wollen immer mehr hungrige Münder der Weltbevölkerung gefüllt werden.
Wem das gezüchtete Fleisch nicht zusagt, der kann womöglich in naher Zukunft auf Hack aus dem 3D-Drucker ausweichen. Das von Milliardär Peter Thiel gestützte Projekt "Modern Meadow" hat sich genau das zum Ziel gesetzt. Die dazu verwendeten "Zellblätter" sollen wie normales Papier in den Drucker eingegeben werden, der daraus eine fertige Bulette macht. Auch die NASA hat für langwierige Weltraumflüge bereits Interesse an dieser Technologie angemeldet.
Foto: REUTERSMenschliche Streitkräfte verlieren im Militär an Bedeutung
Die kriegerischen Auseinandersetzungen der Zukunft führen in den Vorstellungen von Offizieren keine Menschen mehr. Anzeichen hierfür liefert insbesondere die Langzeit-Strategie der US Army. Zum einen treibt die Army die Entwicklung des sogenannten "Atlas robots" voran (Bild). Der metallene Soldat ist bestens dafür geeignet in Krisengebieten sogenannte "search-and-rescue"-Missionen zu übernehmen. Zum Beispiel um entführte Soldaten aufzuspüren und zu retten, während keine weiteren menschlichen Ressourcen aufs Spiel gesetzt werden. Zudem gibt es auch neue Entwicklungen im Bereich der militärischen Drohnen. So haben die US Streitkräfte mit der "X47B stealth fighter drone" den ersten Jet entwickelt, der ohne menschliches Zutun von einem Flugzeugträger starten und auf ihm landen kann. Gleichzeitig ist die X47B mit Waffen bestückt, die sie ebenfalls ohne menschliche Steuerung auf feindliche Stützpunkte abfeuert.
Die Armeen dieser Welt arbeiten also fleißig an der Kriegsführung der nächsten Generation.
Foto: REUTERSNeue Transportmöglichkeiten
Elon Musk wird zu Recht als Visionär bezeichnet. Mit dem Autohersteller Tesla hat er sich als erster gewagt, ausschließlich mit alternativ angetriebenen Modellen in die Automobilindustrie einzusteigen. Doch mit den Elektroautos sind die Möglichkeiten alternativer Transportmittel noch nicht ausgeschöpft. Sein neues Projekt ist der sogenannte "Hyperloop". Mit diesem erdbebensicheren und solarbetriebenen unterirdischen Schnellzug sollen Fahrgäste in unter 30 Minuten von Los Angeles nach San Francisco düsen können.
Auch andere Unternehmen sind inzwischen voll involviert im Rennen um die effektivste alternative Antriebstechnologie. So hat der japanische Automobilkonzern Toyota eine Gruppe anderer Produzenten um sich geschart, die auf den diesjährigen Motorshows von Los Angeles und Tokio Studien vorstellten, die mit Wasserstoff angetrieben werden. Diese Modelle könnten womöglich bereits 2015 in Serie gehen.
Foto: APDie "Crowd" betreibt Weltraumforschung
2013 markiert das Jahr, in dem "das gemeine Volk" in der Erforschung des Alls involviert wurde. Während NASA, ESA und Co weiter die Vorreiterrolle in der Raumfahrt inne haben, hat sich abseits von hochprofessioneller Auftragsforschung eine neue Entwicklung breit gemacht. Das MarsOne Projekt stellt den Startpunkt hierfür dar. Die Organisatoren konnten nach kurzer Zeit bereits über 100.000 Menschen verzeichnen, die sich für einen bemannten One-Way Flug zum Mars angemeldet hatten. 2022 soll die Crowd über eine TV-Show auch daran beteiligt sein, die vier endgültigen Laienastronauten auszuwählen. Zusätzlich fließt ein Teil der erhobenen Anmeldegebühren in die Finanzierung des Projekts.
Crowdfunding spielt auch bei einem weiteren Projekt der privaten Allforschung eine große Rolle. Planetary Resources, ein Unternehmen, dass mit Asteroidenbergbau Rohstoffe erschließen möchte, hat ebenfalls eine Finanzspritze durch das Crowdfunding erhalten, in Höhe von über 1,5 Millionen US-Dollar. Mit diesem Geld soll die Entwicklung des "ARKYD deep space telescope" endlich abgeschlossen und es anschließend in Betrieb genommen werden. Das Projekt wurde als "a space telescope for everyone" beworben. 2014 werden sicherlich auch diesbezüglich spannende Neuigkeiten verkündet.
Foto: dpaNeue Technologien ersetzen das Passwort
Hacker werden immer erfolgreicher, Passwörter immer unsicherer und Verschlüsselungstechniken überwindbarer. Gründe genug für die Technologiebranche, Alternativen zum Passwort-Schutz zu entwickeln. Motorola war dieses Jahr besonders innovativ: Digitale Tattoos und Passwortpillen sollten für verbesserte Sicherheit der eigenen Daten sorgen. Einen anderen Weg schlug Apple ein, dass sein iPhone 5S mit einem Fingerabdruckscanner im Home-Button ausstattete.
Foto: dpaInternet für mehr Menschen
In Silicon Valley ist man bestrebt, immer größeren Teilen der Weltbevölkerung den Zugang zum Internet zu ermöglichen. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg wirbt mit billigeren Handys und effizienteren Apps um Internetzugang für "die nächsten fünf Milliarden". Bei Google setzt man sich im Zuge des "Project Loon" mit einem System aus gewaltigen Heliumballons auseinander, die als WLAN-Knoten dienen sollen.
Insbesondere Entwicklungsmärkte und die dazugehörigen -länder sollen versorgt werden. Allerdings liegt hierin auch ein Knackpunkt des flächendeckenden Internetzugangs: Philanthropie und Solidarität werden aller Voraussicht nach marktwirtschaftlichen Interessen untergeordnet werden. Im Dezember 2014 werden wir mehr wissen.
Foto: dpa
Wie stehen die Chancen dafür?
Die Diskussion darüber läuft. Ich sage aber: Jeder Monat, den wir weiter warten, ist einer zu viel. Denn wer über die Daten herrscht, besitzt einen unschätzbaren Vorsprung. Europa braucht dringend mehr eigene Kompetenz in allen relevanten Internet-Technologien – ob bei Big Data oder der Nutzung von Software und Speicherplatz in der Datenwolke, der Cloud.
Und Sie trauen Europa die Aufholjagd zu?
Fachleute und Wissen haben wir. Daher bin ich zuversichtlich, dass wir das Problem der Datensicherheit lösen werden. Es ist schlicht zu wichtig, um daran zu scheitern. Umgekehrt gilt: Gelingt es etwa Maschinenbauern, ihre Anlagen gegen Angriffe abzuschirmen, verschafft ihnen das einen unschätzbaren Wettbewerbsvorteil. Schließlich wird künftig fast jede Maschine und jedes Gerät vernetzt sein.
Welche Bereiche haben noch das Zeug, die Wirtschaft grundlegend zu verändern?
Dazu zählt sicher die Biotechnik. Da haben wir Stärken, etwa wenn es um das Zusammenspiel mit der klassischen Produktionstechnik geht. Ein einfaches Beispiel: Viele Metall verarbeitende Betriebe kühlen ihre Maschinen mit speziellen Flüssigkeiten. In denen reichern sich giftige Schwermetalle an, die sich nur schwer herausholen lassen. Ein neues Verfahren nutzt Sulfat reduzierende Mikroorganismen. Sie binden die Schwermetalle und lassen sich anschließend auswaschen und entsorgen. Dass Biotechniker mit Metallverarbeitern reden, war vor zehn Jahren noch undenkbar. Und auch bei Biowerkstoffen aus nachwachsenden Rohstoffen spielen wir vorne mit.
Weniger rosig sieht es bei der Anwendung der Gentechnik aus.
Damit gehen wir Deutsche sicher sensibler um als andere Länder. Ich verstehe die Skepsis. Wir sollten aber nicht die Möglichkeiten aus den Augen verlieren, die etwa die personalisierte Medizin bietet. Zum Beispiel können Ärzte anhand einer Erbgutanalyse klären, welche Medikamente einen Patienten am besten heilen können.
Wo erwarten Sie ähnliche Fortschritte?
Sicherlich in der Materialforschung. Da haben wir es etwa geschafft, piezoelektrische Fasern großserientauglich zu machen. Mit ihrer Hilfe wird es möglich, weit dünnere Bleche als heute in Autokarossen einzubauen. Beginnt das Blech zu schwingen, merken die Fasern das und dämpfen die Schwingung ab. So bleibt das Blech stabil, und der Spritverbrauch sinkt, weil die Karosserieteile leichter sein können.
Und die erneuerbaren Energien, haben Sie die abgeschrieben?
Keineswegs. Wir brauchen die Erneuerbaren allein schon aus dem Grund, weil die fossilen Rohstoffe irgendwann zu Ende gehen. Doch derzeit sind vor allem die USA mit ihrer Fracking-Förderung von Öl und Gas dabei – ohne Rücksicht auf die Umwelt zu nehmen –, unsere Industrie mit niedrigen Energiepreisen im Wettbewerb zu benachteiligen. Deshalb müssen wir uns Alternativen überlegen. Langfristig können wir auf die Erneuerbaren nicht verzichten.
Woran denken Sie konkret?
Wir haben zum Beispiel hervorragende Verfahren, um die heimische Braunkohle zu verwerten, mit einem Wirkungsgrad, der sich sehen lassen kann. Das sollten wir mit in die Waagschale werfen, um Durststrecken mit international deutlich niedrigeren Energiepreisen als bei uns zu überbrücken.