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Startrampe in der Nordsee Kommen sich Raketen und Handelsschiffe in die Quere?

Ein ähnliches Schauspiel wie über Cape Canaveral in Florida könnte bald auch über der Nordsee zu beobachten sein, sollte hier wirklich eine schwimmende Startrampe für Raketen entstehen. Quelle: AP

Vier Raketenunternehmen haben am Montag eine Absichtserklärung abgegeben, eine schwimmende Startrampe in der deutschen Nordsee nutzen zu wollen. Das Wirtschaftsministerium unterstützt - doch es gibt einflussreiche Kritiker.

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Dieser Montag könnte ein historischer Tag werden. In Berlin kamen am Mittag auf Initiative unter anderem des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, sein Raumfahrtkoordinator Thomas Jarzombek (beide CDU) und mehrere Weltraumunternehmen zusammen, um eine Reihe von Absichtserklärungen zu unterschreiben. Vier Raketenunternehmen aus Europa wollen demnach künftig von einer schwimmenden Startrampe in der deutschen Nordsee Kleinsatelliten ins Weltall schießen.

Das Unterfangen ist auf den ersten Blick von charmanter Einfachheit. So betreibt die Bremer Reederei Harren & Partner mehrere Combi-Dock-Schiffe, die normalerweise zum Aufstellen von Offshore-Windkraftanlagen eingesetzt werden. Ein privates Betreiberkonsortium, das sich im vergangenen Jahr gefunden hat, will die Schiffe mit aufsetzbaren Startboxen ausrüsten, von denen rund 300 Kilometer vom Ufer entfernt Raketen abheben könnten. Gibt es keinen Start, steht das Schiff nicht ungenutzt herum, sondern kann in der Zwischenzeit helfen, Windräder aufzubauen. Hallen, Rampen, Flächen – das alles sei vorhanden, heißt es aus mit dem Vorhaben befassten Kreisen.

Dennoch hat es nicht nur bedingungslose Fans. Was etwa für die Bundeswehr gilt, die ein zukünftiger Nutznießer sein könnte, um ihre Aufklärungssatelliten zu starten. So sagt zwar Vizeadmiral Carsten Stawitzki, Abteilungsleiter Ausrüstung im Bundesministerium der Verteidigung, dass dies „ein extrem spannender Ansatz“ sei. Doch weist er auch darauf hin, dass die Herausforderungen erheblich sein werden. „Die Nordsee ist ein Nadelöhr, wo extrem viel Handelsschiffsverkehr für Europa durchläuft“, erklärt der Vizeadmiral. „Daneben gibt es Bohrinseln und Windparks für regenerative Energiegewinnung.“ Man werde sicher einen Teil der Nordsee zumindest zeitweise sperren und rund um die Rampe mehrere Sicherheitszonen einrichten müssen. Auch herrsche hier häufiger mal raue See als in anderen Seegebieten auf dieser Welt.



Am Ende wird es wahrscheinlich ein erheblicher logistischer Aufwand. Den müssen Bund und Betreiber betriebswirtschaftlich abwägen. Hinzu kommen Umweltfragen. So besteht ein nicht unerhebliches Risiko, dass eine solche Rakete während des Starts explodiert. Das kann zu Umweltbelastungen in der Nordsee führen. Eine Erstbewertung des Planungsamtes der Bundeswehr kam dem Vernehmen nach zu dem Urteil, dass die Truppe vorerst keinen echten Bedarf für eine deutsche Startrampe sieht. Von den notwendigen finanziellen Mitteln ganz zu schweigen.

Zwischen Schottland und Norwegen durch

Auch im Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR) sollen Raumfahrtkreisen zufolge nicht alle überzeugt von dem Plan sein – insbesondere, ob eine solche Plattform rentabel betrieben werden kann. Allerdings gibt es Brancheninsidern zufolge im DLR auch eine Fraktion, die die neuen Microlauncher – vergleichsweise kleine Trägerraketen – ohnehin kritisch sehen und das große deutsch-französische Ariane-Programm favorisieren.

Von einer Plattform in der Nordsee könnten die kleinen Raketen zwischen Schottland und Norwegen durchfliegen und ohne größere Steuermanöver die wichtigsten polaren und sonnensynchronen Umlaufbahnen erreichen. Diese gelten für zahlreiche kommerzielle Satellitenkonstellationen als relevant.

Dass es etwa in Teilen der Bundeswehr Bedenken gibt, erklären Industrievertreter auch damit, dass die deutsche Armee noch in der Findungsphase ist, was ihre Aktivitäten im Weltraum angeht. So baut die Truppe gerade erst ein Weltraumkommando auf. Und liebäugelt offenbar auch mit der Möglichkeit, kleine Raketen von einem Flugzeug aus ins All zu befördern. Eine Technologie, an der etwa Richard Bransons Start-up Virgin Orbit arbeitet. Allerdings gibt es in Europa bislang keinen Anbieter für eine solche Lösung.



Die Bundesregierung macht ihre Unterstützung für die Rampe in der Nordsee jedenfalls davon abhängig, dass das Betreiberkonsortium diese selbst kostendeckend unterhalten kann. Dieses weist darauf hin, dass es von der Regierung lediglich die Rahmenbedingungen benötige. So fehlt nach wie vor eine offizielle Genehmigung für das Projekt.

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Der wirtschaftspolitische Sprecher der FDP, Reinhard Houben, sieht in der jungen privatwirtschaftlichen Raumfahrt eine große Chance für die Wissenschaft, Umwelt, Sicherheit und Wirtschaft. Für eine mobile Startplattform in der Nordsee müssten „vorher sicherheits- und umweltpolitische Fragen sowie die Wirtschaftlichkeit eines solchen Projekts gewissenhaft geprüft werden“, sagt er. Sollte die Prüfung aber positiv ausfallen, müsse sie schnell umgesetzt werden.

Mehr zum Thema: Richard Branson, Jeff Bezos und Elon Musk befeuern den Hype ums Weltall und investieren Milliarden. Sind die unendlichen Weiten auch etwas für Privatanleger?

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