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Wie Space Shuttle mit Sprengköpfen Der riskante Rüstungswettlauf mit Hyperschallraketen

Hyperschallraketen: Großmächte forschen an Nuklearraketen Quelle: PR

Die Großmächte beschleunigen die Forschung an rasend schnellen Nuklearraketen – und riskieren damit, dass Konflikte eskalieren. Dabei ist die Technik derzeit mehr oder weniger überflüssig.

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Es klingt wie die Erfindung aus einem James-Bond-Film: Eine superschnelle Nuklearrakete, die weitgehend unter dem Radar fliegt, fünfmal schneller als der Schall – und die von Abwehrstationen des angegriffenen Landes erst entdeckt wird, wenn der Einschlag kurz bevorsteht.

Eine solche Hyperschall-Waffe soll China nun gleich zweimal getestet haben, einmal im Juli, einmal im August, berichtet die „Financial Times“. Der Bericht sorgte weltweit für Aufsehen, auch US-Präsident Biden äußerte sich besorgt. US-Senator Angus King spricht gar von „Albtraum-Waffen“ mit „möglicherweise katastrophalen Auswirkungen“.

Die nukleare Abschreckung der Großmächte beruht bisher darauf, dass jeder Staat verwundbar ist – und sich darum scheut, andere Nuklearmächte anzugreifen. Doch die USA arbeiten an neuen Abwehrsystemen gegen Atomraketen, die dieses Gleichgewicht möglicherweise eines Tages beenden könnten.

„China ist sehr besorgt darüber“, sagt Cameron Tracy, Forscher für Internationale Sicherheit am Center for International Security and Cooperation der US-Eliteuniversität Stanford. „China sagt: Wenn ihr ein Raketenabwehrsystem aufbaut, werden wir einfach neue Raketentypen bauen und es umgehen.“

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    Unsichtbar für Radarkeulen

    Hyperschallraketen haben genau dieses Potenzial. Anders als konventionelle Atomraketen, die auf einem ballistischen Kurs hoch hinaus bis in den Weltraum und wieder hinab fliegen,  gleiten die neuartigen Raketen durch die obere Atmosphäre – mit mindestens 6000 Kilometern pro Stunde.

    Dabei fliegen sie auf weiter Strecke unterhalb der Sichtweite von Radarstationen, die Interkontinentalraketen meist in 80 Kilometer Höhe aufspüren und dann Abwehrraketen aktivieren können. „Aufgrund der Krümmung der Erde bleibt der Gleiter für Bodenradare lange unsichtbar“, sagt Sicherheitsexperte Tracy. Obendrein können die Hyperschallraketen in der Atmosphäre manövrieren und ihren Kurs ändern, was ballistische Raketen nicht vermögen. „Das könnte den Raketen helfen, Abfangsystemen auszuweichen“, sagt Tracy.

    Nicht nur China arbeitet an den neuartigen Raketen – sondern unter anderem auch die USA, Russland und Nordkorea rüsten auf. „Das Pentagon und der Kongress zeigen ein wachsendes Interesse an dem baldigen Einsatz von Hyperschallsystemen“, heißt es in einem aktuellen Bericht des Congressional Research Service, dem Forschungsdienst des US-Kongresses.

    Wettrüsten der Weltmächte

    Für das Haushaltsjahr 2022 hat das Pentagon ein Forschungsbudget von 3,8 Milliarden Dollar für Hyperschallwaffen angefragt, schon in diesem Jahr fließen 3,2 Milliarden Dollar in die Technologie. Rüstungskonzerne wie Lockheed Martin und Raytheon Technologies sollen sie entwickeln. Russland wiederum beitreibt gleich zwei Entwicklungsprogramme für die superschnellen Raketen, Awangard und SS-N-33 Zirkon.

    Begeben sich die nuklearen Großmächte also in ein neues Wettrüsten? „Das ist eine treffende Beschreibung“, sagt Experte Tracy. „Nach jedem chinesischen und russischen Raketentest erscheint in den USA eine Flut von Artikeln, in denen behauptet wird, dass die USA ins Hintertreffen geraten.“

    Dabei ändern die neuen Raketen erst einmal gar nichts an der Verwundbarkeit der Atommächte. Denn heutige Abwehrsysteme sind noch gar nicht in der Lage, Raketen zuverlässig abzufangen – auch herkömmliche Interkontinentalraketen.  „Hyperschallwaffen sind eher eine Absicherung für eine mögliche Zukunft“, sagt Tracy. 

    Drohende Eskalation

    Der Congressional Research Service rät denn auch den US-Abgeordneten in seinem Bericht, erst einmal die grundlegende Frage zu klären: "Wie, wenn überhaupt, wird sich der Einsatz von Hyperschallwaffen auf die strategische Stabilität auswirken?“

    Obendrein stellen Forscher die Praktikabilität der Hyperschallraketen in Frage. „Beim Überschallflug durch die Atmosphäre entsteht enorme Hitze, die den Gleiter so weit beschädigen kann, dass er unkontrollierbar wird“, sagt Stanford-Sicherheitsforscher Tracy.



    Trotzdem drohe Gefahr für die internationale Sicherheit. „Es ist nicht unbedingt die neue Waffe, die das Problem ist, sondern das Wettrüsten, das sie auslöst“, sagt Tracy. „Es gibt starke empirische Belege dafür, dass Staaten, die sich in einem Rüstungswettlauf befinden, mit größerer Wahrscheinlichkeit in einen militärischen Konflikt miteinander geraten.“

    Lösen könnten das Problem nur internationale Vereinbarungen. Ein möglicher Deal: Die USA stoppen ihr Raketenabwehrprogramm – China und Russland die Arbeit an Hyperschallwaffen.

    Hyperschnelle Raumtransporter

    Doch das dürfte nicht leicht zu realisieren sein. Zumal schnelle Raketen und Raumgleiter nicht nur zu militärischen Zwecken entwickelt werden – sondern auch zu zivilen. „Das Space Shuttle war im Wesentlichen ein Hyperschall-Gleiter“, sagt Tracy.

    Die Fähigkeit, unbeschadet in die Atmosphäre einzutauchen, ist auch in der zivilen Raumfahrt von großem Nutzen – etwa für den Bau künftiger Raumfrachter, die wie ein Flugzeug aus dem All zur Erde herabfliegen und sich wiederverwenden lassen.

    Das US-Unternehmen Sierra Nevada etwa entwickelt mit dem Dream Chaser einen Raumgleiter, der ab nächstem Jahr die Internationale Raumstation ISS für die Nasa mit Fracht versorgen soll. Den Flug hinauf bewältigt das Raumschiff huckepack auf einer Rakete – zurück zur Erde gleitet er im Überschalltempo durch die Atmosphäre.

    Das britische Unternehmen Reaction Engines will sogar einen Raumgleiter bauen, der auch den Weg hinauf ins All alleine schafft. In Zukunft könnte eine solche Technik, sollte sie gelingen, enorm preiswerte Flüge ins All ermöglichen. Oder gar Passagierflüge um die halbe Erde in weniger als fünf Stunden. Und das wäre sicher auch einen James-Bond-Film wert. 

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