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Skitourismus in der Schweiz Schweizer Wintersportorte gehen den Sonderweg

Schweizer Winter in Höchstform: In den höhergelegenen Skigebieten türmt sich die weiße Pracht nach ein paar Tagen Dauerschneefall teils mehr als einen Meter hoch. Quelle: imago images

Auch im zweiten Coronawinter setzt die Schweiz auf Eigenverantwortung der Urlauber statt auf Pistensperren. Der Lohn: Ein Touristenansturm, größer als in pandemiefreien Jahren.

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Wo in den vergangenen Jahren manches Mal noch vor den Festtagen allenfalls Kunstschneebänder in der Landschaft einen Hauch von Weihnachtsstimmung erzeugten, präsentiert sich der Schweizer Winter in diesem Jahr schon Anfang Dezember in Höchstform. Bis ins Flachland ist in der vergangenen Woche Schnee gefallen, in den höhergelegenen Skiorten türmt sich die weiße Pracht nach ein paar Tagen Dauerschneefall teils mehr als einen Meter hoch.

Beste Bedingungen also für die Schweizer Wintersportorte, die im zweiten Coronawinter erneut einen gesundheitspolitischen und touristischen Sonderweg einschlagen. Nachdem Bund und Kantone schon im vergangenen Jahr – anders als die benachbarten Alpenländer – auf die Schließung von Pisten, Seilbahnen und Urlaubsdestinationen verzichtet hatten, setzen die Eidgenossen auch in dieser Wintersaison wieder vor allem auf die Eigenverantwortung der Gäste anstatt auf rigide Pistensperren.

Während etwa Österreich das ganze Land gerade erst für gut zwei Wochen in einen weitgehenden Lockdown geschickt hat (mit einer Übernachtungssperre aber laufendem Skibetrieb in den bereits geöffneten Urlaubsorten), gelten in den Skigebieten der Schweiz bis Mitte Dezember nicht einmal flächendeckend 3G-Regeln für Seilbahnen oder Sessellifte. Nur in den Hütten und Berggasthöfen gilt sogenannte „Sitzpflicht“. Bei Veranstaltungen im Freien gilt zwar eine Zertifikatspflicht ab 300 Personen; Skifahren und Snowboarden aber gilt offenbar nicht als regulierte Veranstaltung.



Dass die Schweiz für ausländische Gäste nun einen aktuellen, negativen PCR-Test für die Einreise obligatorisch gemacht hat, scheint die Pistenfans jedenfalls nicht zu schrecken. Man werbe nicht offensiv um Pistenfans aus dem Ausland, sagt Jan Steiner, Mitglied der Geschäftsleitung der Engadin St. Moritz Tourismus AG und damit so etwas wie der Chefverkäufer der renommierten Urlaubsregion. Doch große Werbekampagnen scheint es gar nicht zu brauchen: „Die Buchungslage ist zwar wieder deutlich kurzfristiger als in der Vergangenheit, derzeit aber sogar besser als vor der Pandemie“, so Steiner. Zeitweise sei fast alles ausgebucht.

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    Kaum anders klingt es ein paar Täler weiter nordwestlich. „Wir liegen aktuell beim Buchungsstand nicht nur 50 Prozent über dem vergangenen Winter, sondern auch etwa fünf Prozent über 2019“, meldet Christoph Schmidt, Co-Geschäftsführer für Unterkunft und Anlagen beim Tourismuskonzern Weisse Arena Gruppe in Laax. Auch der Verkauf von Saisonskipässen lässt die Urlaubsmanager am Fuß des Vorabgletschers auf einen besseren, zweiten Coronawinter hoffen: „Die Verkäufe liegen deutlich über 2020 und 2019“, so Schmidt.



    Den Tourismusverantwortlichen in den Skigebieten ist die doppelte Erleichterung über den guten Buchungsstand bei die vergleichsweise zurückhaltenden Auflagen in diesen Tagen deutlich anzumerken. „Wir müssen dankbar und auch ein Stück weit demütig sein dafür, was uns Corona in diesem Winter an Angeboten für die Gäste ermöglicht“, sagt Manager Steiner in St. Moritz. „Das Bedürfnis der Gäste zurück in die Berge zu kommen, ist riesengroß.“

    Das Ende der Selbstbedienung am Berg

    Um Kontakte zu reduzieren, setzen die Betreiber von Pisten, Hütten und Restaurants einerseits auf Abstand. „Proppenvolle 120er-Gondeln werden wir in diesem Winter nicht sehen“, sagt etwa Christoph Schmidt in Laax. Mindestens in den geschlossenen Seilbahnen mit mehr als 25 Stehplätzen wird es in diesem Winter eine Kapazitätsbeschränkung geben. Daneben wollen die Verantwortlichen dank Digitalisierung für Distanz zwischen den Gästen sorgen.

    In den Bergen oberhalb von Flims, Laax und Falera beispielsweise hat die Weisse Arena Gruppe den Betrieb der Selbstbedienungsrestaurants deshalb weitestgehend aufgegeben. Statt sich etwa am Vorab, am Nagens oder am Crap Sogn Gion noch in Schlagen vor der Speiseausgaben zu stauen, ordern und bezahlen die Gäste nun per Smartphone über die Inside Laax App von ihrem Tisch aus. „Wir haben unsere bestehende Info-App für die Urlaubsregion um entsprechende Funktionen erweitert“, sagt Tourismusmanager Schmidt. „Die Menschen bekommen Essen und Getränke direkt am Tisch serviert und zahlen bargeldlos. Das reduziert Kontakte, hält die Menschen auf Distanz und verbessert noch den Service.“

    Ähnlich läuft es im Engadin. „Der Digitalisierungsschub, den uns schon der vergangene Winter gebracht hat, der wird bleiben, auch wenn die Corona-Pandemie abgeklungen ist“, glaubt auch Jan Steiner in St. Moritz. Im Schweizer Jet-Set-Skiort scheint ohnehin – trotz Corona – in diesem Jahr wieder mehr möglich zu sein, als im vergangenen Winter.

    Da lief zwar der Pistenbetrieb, sonst aber wurde der größte Teil der traditionellen Winter-Highlights derentwegen die Schönen und Reichen ins Engadin strömen, abgeblasen. Statt Bussi-Bussi und Champagner-Cüpli beim Pferderennen gab's auf dem zugefrorenen St. Moritzer See nur Langlaufloipen und geräumte Wege für Winterwanderer.

    Loipen und Wanderwege seien es auch in dieser Saison sehr gefragt, sagt Steiner. Und natürlich gebe es erneut strikte Hygienekonzepte in Unterkünften, Restaurants und auch in den Bergbahnen. „Wir wissen aus Umfragen, dass das unseren Gästen sehr wichtig ist“, so der Tourismusmanager. „Immerhin 40 Prozent der Befragten haben das ausdrücklich betont.“ 

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    Zugleich aber hofft Steiner auch auf eine schrittweise Rückkehr zur Normalität vor Corona: Für Anfang Februar planen die St Moritzer Touristiker daher wieder eine Neuauflage des „White Turf“-Pferderennens auf dem See. Und auch der 2021 abgesagte Engadiner Skimarathon soll Mitte März 2022 wieder stattfinden, kündigt Steiner an. An Schnee jedenfalls mangelt es ganz sicher nicht.

    Mehr zum Thema: Österreich inszenierte sich als sicheres Winterurlaubsland, aber die deutsche Reisewarnung machte die Strategie zunichte. Das Alpenland fürchtet nun Stornierungen – und will mit einer 2G-Kontrolle auf den Pisten den Image-GAU verhindern.

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