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Wintersport Warum die Bergbahnen an den infektionssicheren Skiwinter glauben

Seilbahn auf die Zugspitze: Völlig offen, ob es in diesem Winter eine Skisaison gibt. Quelle: AP

Sesselbahnen ohne Wetterschutz, Desinfektionsspray in der Schneekanone: Wie die Skigebiete versuchen, der Forderung nach einer europaweiten Schließung zu entkommen.

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Es ist eine Aussicht, so perfekt wie sie die Bergwelt sonst nur in den Hochglanzprospekten der Touristiker zeigt: Strahlend blau und fast wolkenfrei spannt sich der Himmel über Deutschlands höchstem Gipfel. Rund 150 Kilometer weit reicht der Blick von der Zugspitze an diesem Donnerstagmorgen bis zum Großglockner in Österreich, der Marmolata in Südtirol oder dem Piz Bernina in der Schweiz. Hier, wo in den vergangenen Jahren zu Saisonbeginn mitunter nur schmale Schneebänder erste Schwünge zwischen den Felsen erlaubten, herrschen in diesen Tagen perfekte Skiverhältnisse.

Zumindest theoretisch. Denn praktisch ist es auf der Zugspitze derzeit geradezu gespenstisch still. Der Saisonstart auf dem Gletscher, eigentlich bereits für den 13. November geplant, ist auf unbestimmte Zeit verschoben. „Es ist alles gerichtet, wir könnten sofort öffnen“, sagt Verena Altenhofen, Sprecherin der Bayrischen Zugspitzbahn in Garmisch-Partenkirchen, die das Skigebiet betreibt. „Aber angesichts der Coronalage wissen wir derzeit weder, wann noch ob wir diesen Winter überhaupt starten können.“

Bei Tourismusverantwortlichen und Seilbahnbetreibern herrscht seit dieser Woche Alarmstufe rot. Erst hatte Italiens Ministerpräsident Guiseppe Conte gefordert, Skigebiete im Alpenraum bis mindestens 10. Januar geschlossen zu halten, um die Ausbreitung des Coronavirus‘ endlich zu stoppen. Dann hatte auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder sekundiert, diese Art von Tourismus „konterkariere alle Bemühungen der Bevölkerung“, das Coronavirus zu bekämpfen. Mittlerweile hat Söder sogar eine Quarantänepflicht für Tagesausflügler in die österreichischen Skigebiete angekündigt.

Frankreich will zwar die Skiorte in den Weihnachtsferien öffnen, die Skilifte aber geschlossen halten, erklärte Regierungschef Jean Castex in einer Pressekonferenz. Auch Restaurants und Bars in den Skigebieten bleiben bis mindestens 20. Januar geschlossen. „Wir werden uns in Europa um eine Abstimmung bemühen, ob wir alle Skigebiete schließen könnten“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Regierungserklärung vor dem Bundestag.

Sollte sich die Position durchsetzen, es wäre der Gau für die Tourismusbranche im Alpenraum. Knapp 50 Millionen Winterurlauber strömen pro Jahr in die europäischen Berge. Je ein knappes Drittel der statistisch erfassten Skifahrertage – errechnet aus der Anzahl der Gäste mal der Saisontage – entfallen auf Österreich und Frankreich, je ein knappes Sechstel auf Italien und die Schweiz, der Rest auf Deutschland und die übrigen Alpenländer. Mit gut 13,3 Milliarden Euro Umsatz pro Saison ist der Wintertourismus die größte Einnahmequelle der Region.

Entsprechend alarmiert verfolgen die Tourismusverantwortlichen in den Skigebieten derzeit gleichermaßen die Entwicklung der Infiziertenzahlen, wie die Beschlüsse der Politik. „Ganz Europa fliegt in diesen Tagen auf Sicht – und auch wir als Urlaubsorte sind dabei nur die Passagiere“, sagt etwa Martin Ebster, Tourismusdirektor in St. Anton am Arlberg. Nach den von Österreichs Regierung verhängten schärferen Corona-Schutzmaßnahmen hatte auch St. Anton den ursprünglich für Anfang Dezember geplanten Saisonstart kürzlich um knapp drei Wochen auf den 17. Dezember verschoben. „Wir müssen sehen, ob das reicht“, sagt Ebster.

Aus Sicht der Liftbetreiber schießen die Maßnahmen der Politik dabei deutlich über das Ziel hinaus. Ein infektionssicherer Skibetrieb, so versichern sie, wäre problemlos machbar. „Wir haben mit medizinischer Unterstützung Hygiene- und Sicherheitskonzepte entwickelt, die sich schon während der Sommersaison bewährt haben und die wir für den Winter noch erweitert haben“, sagt etwa der Tiroler Tourismusmanager Ebster. Wie viele andere Orte war auch St. Anton im Sommer Ziel zahlreicher zusätzlicher Bergurlauber, die statt in den Süden zu fliegen, in den Alpenraum strömten.

Maskenpflicht auch im Schlepplift

Um Coronafälle auch im Winter auszuschließen, wollen die örtlichen Bergbahnen unter anderem strikte Distanzregeln durchsetzen. Ein Meter Mindestabstand, dazu Maskenpflicht, gilt etwa am Arlberg nicht bloß an Kassen und in Wartezonen, sondern auch bei Gondelbahn-, Sessel- und sogar Schleppliftfahrten. Bezogen auf die Sessellifte bedeutet das bis zu einer Drittelung der Kapazität, bei den üblichen Zweierschleppliften wären nur noch Einzelfahrten möglich. Und um riskantes Gedränge an den Talstationen zu vermeiden, haben die Bergbahnen zusätzliche Ordnungskräfte eingestellt.

Der Pistenausrüster Demaclenko, der zum Südtiroler Seilbahnunternehmen Leitner gehört, hat sogar schon Schneekanonen so umgerüstet, dass die riesigen Verstäuber statt Wasser Desinfektionsmittel versprühen können. So sollen sich die Maschinen auch nutzen lassen, um Gondeln oder Einstiegsbereiche chemisch zu reinigen. Dass das funktioniert, haben die Konstrukteure im Sommer gemeinsam mit einer Tiroler Feuerwehr demonstriert. Noch aber ist kein Seilbahnbetreiber bekannt, der seine Schneekanonen entsprechend umpositioniert und in den Stationen aufgestellt hätte.

Stattdessen sollen mobile Wischkommandos unter anderem Wartezonen, Sessel und Gondeln fortwährend desinfizieren, kündigen etwa die Seilbahner am Arlberg an. Ähnlich klingt es im französischen Chamonix, im schweizerischen Grindelwald, am Fuß von Eiger, Mönch und Jungfrau, oder im bayrischen Garmisch-Partenkirchen.

Überall sollen zudem zusätzliche Kassenhäuschen mögliche Besucherströme entzerren, sollen vorgegebene Laufwege verhindern, dass übereifrige Schneefans einander zu eng auf die Pelle rücken, berichten die örtlichen Touristiker und Seilbahnbetreiber. Bei der Zugspitzbahn wollen die Verantwortlichen zudem die Regelung aus dem Sommer fortführen, als sie die Zahl der Passagiere in den Gondelbahnen um mindestens ein Drittel reduziert hatten. Arretierte Wetterschutzhauben an Sesselliften sollen außerdem verhindern, dass sich unter den Plexiglaskuppeln gefährliche Aerosolkonzentrationen bilden.

Bloß keine Staus an den Talstationen

Um überfüllte Skibusse zu vermeiden, wollen Bergbahnen und Kommunen rund um Garmisch und Zugspitze zusätzliche Busse zirkulieren lassen und die Fahrpläne verdichten. Und statt Hüttenzauber am Berg soll es in den meisten Restaurants allenfalls noch drastisch reduzierte Sitzplatzzahlen, dafür aber Essen zum Mitnehmen geben. Eine Regelung, die auch viele weitere Skiorte im Alpenraum bereits angekündigt haben. Es sei doch weder Gast noch Gastwirt zu vermitteln, sagt ein Bergbahnverantwortlicher in Österreich, wenn Bars und Restaurants im Tal schließen müssen, sich die Menschen auf dem Berg aber in überfüllten Hütten ballen dürften.

Bilder dicht gedrängter Wintersportler an den Talstationen etwa am Hintertuxer Gletscher in Tirol oder in Zermatt in der Schweiz, die in der Frühphase dieses Winters Gesundheitspolitiker und Epidemiologen alarmierten und vorsichtige Skifans verschreckten, sollen sich möglichst nicht mehr wiederholen. „Wenn es irgendwas gibt, das wir gar nicht brauchen können“, sagt die Tourismusmanagerin einer französischen Skiregion, „dann sind es solche Idioten, die sowohl die Gesundheit der anderen Gäste als auch das wirtschaftliche Überleben ganzer Tourismusregionen aufs Spiel setzen“.

Zumal zu den ortsansässigen Beschäftigten zigtausende Saisonarbeiter kommen. Das reicht von Putzhilfen in den Hotels bis zum Betriebspersonal an Schlepp- und Sesselliften. Dazu kommen unter anderem tausende freischaffende Skilehrerinnen und Skilehrer, die während der Haupt- und Nebensaison die einheimischen Instruktoren verstärkten. „Wir stellen derzeit noch Kräfte ein“, sagt ein österreichischer Seilbahnmanager, „weil wir auf die Leute im Regelbetrieb einfach angewiesen sind“. Gegenwärtig hoffe er noch, starten zu dürfen, „etwas später als sonst, sicher, aber wenigstens überhaupt“.

Zumindest in der Schweiz scheint das derzeit noch möglich. „Die Skigebiete dürfen offen bleiben, aber mit strengen Schutzkonzepten“, sagte der Schweizer Innenminister, Bundesrat Alain Berset, am Donnerstag. Und so sind etwa in Zermatt die ersten Pisten im Schatten des Matterhorns bereits geöffnet. Der Rest soll folgen und wird – wo notwendig – bereits beschneit. Der örtliche Tourismusverband hat zudem einen eigenen Schlauchschal entwickeln lassen, der beim Virenschutz mindestens das Niveau einfacher Schutzmasken erreicht. Und auch in Grindelwald setzen die Bergbahnen auf einen regulären Start der Saison am ersten Dezemberwochenende – „natürlich unter deutlich erhöhten Hygienevorgaben“, versichert Kathrin Naegeli, die Sprecherin der örtlichen Jungfraubahnen.

Ob das klappt, ist derzeit völlig offen. Dass der kommende Winter radikal anders wird, ist allen Beteiligten jedenfalls klar. Und auch, dass er gegenüber den Spitzenwerten bei Gäste- und Übernachtungszahlen der vergangenen Jahre einen drastischen Einbruch bringen wird. Die Marketing-Chefin eines großen Schweizer Skiortes bringt es auf den Punkt: „Wenn wir, trotz Corona, ‚nur‘ 30 bis 50 Prozent weniger Gäste in diesem Winter haben, kämen wir wohl noch mit einem blauen Auge davon.“

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