Wirtschaft von oben: Myanmars „goldene Böden“ sichern Chinas Macht
Am Norden von Myanmar hängt die Hochtechnologiewirtschaft der Welt. Die Tonerdeböden im hügeligen Grenzland zu China enthalten das Gold des 21. Jahrhunderts: hoch konzentrierte, schwere Seltene Erden. Und die sind mehr als ein Rohstoff. Sie sind Machtmittel, die die Volksrepublik auch hier für sich beansprucht. Das belegen jetzt Satellitenbilder von LiveEO.
Was die Vorkommen in Myanmar so besonders macht, ist ihre geologisch nahezu perfekte Struktur. Statt sie wie anderswo auf der Welt aus felsigem Gestein brechen zu müssen, lassen sich die Bodenschätze mit billigen Chemikalien wie Ammoniumsulfat aus dem Erdreich schwemmen. Anschließend wird die Lösung in großen Tanks mit weiteren Chemikalien versetzt. Die begehrten Metalle fällen aus, müssen nur noch abgeschöpft werden. Billiger geht es nicht.
Die Schatzkammer gleich hinter der chinesischen Grenze ist für die aufstrebende Großmacht eine Einladung. Myanmar ist durch einen Bürgerkrieg zerrissen, die Militärregierung konkurriert mit zahlreichen Rebellengruppen um Territorium und Rohstoffe. China nutzt das klug. Mit offener und verdeckter Unterstützung für alle Seiten sichert sich das Land die Vorkommen. Diese decken laut der Heinrich-Böll-Stiftung zurzeit etwa zwei Drittel der weltweiten Nachfrage an Dysprosium und Terbium – zwei der besonders wichtigen schweren Seltenen Erden.
Bilder: LiveEO/Sentinel
Der chinesische Einfluss hat die Landschaft verändert. Aus einem vormals tropischen Wald ist binnen zehn Jahren eine mit Kanälen, Straßen und Becken vernarbte Landschaft entstanden. Verstärkt wird die Entwaldung durch einen Nebeneffekt des Abbaus. Neben den begehrten Materialien werden dem Boden auch Nährstoffe entzogen, landen erst in den Tanks, dann im Abwasser. Für die Vegetation eine Belastung.
Chinas Griff über die Grenze
Nötig hätte China den Raubbau am Nachbarland eigentlich nicht. Wie Brian Hendrich vom Rohstoffhändler Tradium erklärt, sind die Böden in Myanmar zwar wertvoll, aber nicht einzigartig. Die höchsten Konzentrationen von schweren Seltenen Erden finden sich demnach in sogenannten Ionenadsorptionstonen, verwitterten Tonböden, die vor allem in tropischen und subtropischen Regionen vorkommen. Diese gibt es in Myanmar, aber auch in Südchina. Statt jedoch erst die eigenen Ressourcen zu erschöpfen, bedienen sich die Chinesen zunehmend in Myanmar.
Die Satellitenbilder zeigen, dass China als Exportland eine Monopolstellung genießt. Aus den immer stärker ausgebeuteten Abbaugebieten führt kaum eine Straße ins eigene Land – fast alle Wege gehen nach China. Wie sehr die Verantwortlichen darauf vertrauen, dass das auch so bleibt, zeigt sich am Grenzübergang Pang War, der sich mit dem Flächenwachstum der Abbaugebiete entwickelt.
Bilder: LiveEO/Up42/Airbus, LiveEO/Google Earth/Airbus
Dass weder die Militärregierung noch die Rebellen sich nach anderen Partnern umschauen, hat einen einfachen Grund. China hat sich in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr Marktanteile am Verarbeitungsprozess gesichert. Heute ist die Industrie nicht nur maximal diversifiziert und effektiv, sie ist weltweit fast alternativlos. Länder wie die USA – die noch in den 80er- und 90er-Jahren über ähnliche Fähigkeiten verfügten – wurden Schritt für Schritt verdrängt.
Rohstoffe für Elektroautos und Rüstung
Welche geopolitische Tragweite das hat, lässt sich nachvollziehen, wenn man sich vor Augen führt, wofür die Rohstoffe verwendet werden. Schwere Seltene Erden werden etwa in Magneten eingesetzt. Dort sorgen sie dafür, dass diese ihre charakteristischen Eigenschaften auch bei hohen Temperaturen erhalten. Schlussendlich landen sie in Bauteilen der Elektrotechnik, Robotik, in der IT – und in Form von vielen kleinen und großen Elektromotoren in unseren Autos. Vor dem Hintergrund der aktuellen Weltlage besonders brisant: Kaum ein modernes militärisches Großgerät kommt ohne sie zurecht.
Bilder: LiveEO/Up42/Airbus, LiveEO/Google Earth/Airbus
Trotz der Bedeutung der Rohstoffe für die Hochtechnologie, ist der Abbau geradezu primitiv. Blickt man auf das Netz an Wegen durch die Wälder Nord-Myanmars, wird klar: Das sind kaum mehr als Pisten, festgefahrener Waldboden ohne Straßendamm. Hier fahren keine Lastwagen, sondern Jeeps und Kleinbusse mit Pritsche. Müsste tonnenweise Gestein bewegt werden, wäre der Aufwand ein ganz anderer.
Für China ist es verhältnismäßig günstig, sich diesen weltpolitischen Hebel zu sichern: „Der Markt für Seltene Erden selbst ist klein, auf Basis der heutigen Preise beträgt der Umsatz ungefähr zwei bis drei Milliarden Euro weltweit“, erklärt David Bender, Geschäftsführer des Recyclingspezialisten Heraeus Remloy. Er kann auch erklären, wie der Westen es zulassen konnte, dass dieses Know-how weitgehend verloren ging: naives Vertrauen in einen manipulierten Markt.
Bilder: LiveEO/Up42/Airbus, LiveEO/Google Earth/Airbus
Streng betriebswirtschaftlich ist die Lage klar: „Eine schwedische Mine für Seltene Erden hat ungefähr eine Konzentration von 0,5-1 Prozent, die chinesische Bayan-Obo-Mine dagegen von circa sechs Prozent. Das heißt, um die gleiche Menge an Seltenen Erden aus dem Berg zu holen, braucht es ungefähr zwölfmal mehr Material“, sagt Bender. Hinzu kommen höhere Lohnkosten, Auflagen für Umwelt- und Arbeitsschutz und Energiekosten. „Geht man die lange Kette der Verarbeitung weiter, erwarten wir, dass Seltenerdmagnete, die zu 100 Prozent in Europa produziert werden, mindestens dreimal teurer sind als solche aus China.“
Dabei zu bedenken ist, dass die genannte chinesische Mine zwar aktuell die aktivste im Land ist, aber dort nicht die besonders begehrten schweren Seltenen Erden abgebaut werden. Die Vorkommen haben damit weniger Ähnlichkeit mit Myanmar als mit der erst seit kurzem wieder aktiven US-Mine Mountain Pass. An der Kostendifferenz zwischen China und dem Westen ändert das aber nichts.
USA und Europa sind von China abhängig
Die USA und Europa haben sich durch einen Preiswettbewerb in eine Abhängigkeit drängen lassen. Ein politisches Drehbuch, das China nicht zum ersten Mal anwendet. Windkraft, Solarzellen, Stahl und heute Elektroautos: Um Märkte zu erobern, setzt Peking seit Langem darauf, diese mit staatlich subventionierten Produkten zu fluten, bis alle Wettbewerber aufgeben.
Der Versuch, China im Gegenzug den Zugang in Myanmar streitig zu machen, um zumindest günstig an die dortigen Rohstoffe zu kommen, erscheint derweil illusorisch. Da ist sich Tradium-Experte Hendrich sicher. „Nahezu alle dortigen Abbauprojekte wurden mit chinesischem Kapital, technologischem Know-how und logistischer Unterstützung errichtet.“ Entsprechend fest sitzen die Chinesen im Sattel.
Die Mächtigen in Peking begnügen sich dabei nicht mit dem Status quo. Berichten zufolge hat eine von China unterstützte Rebellengruppe sich kürzlich die Kontrolle über Minen in Staat Shan an der Grenze zu Thailand gesichert. Auf den Satellitenbildern sind auch in diesem Gebiet bereits die vorbereiteten Fundamente der Tanks zu erkennen. Tradium-Angaben zufolge positioniert sich das Land zudem als Vermittler im Konflikt zwischen Junta und Rebellen. „Ziel ist es, politische Stabilität zumindest in den rohstoffreichen Gebieten zu gewährleisten und Unterbrechungen in der Lieferkette zu vermeiden“, so Hendrich.
China legt seine Machtoptionen nicht nur zurecht, sondern ist auch gewillt, sie einzusetzen. Das sollte seit April 2025 auch dem Letzten klar sein. Mit einer Exportkontrolle für schwere Seltene Erden plant China die Militärindustrie – vorrangig in den USA – lahmzulegen. Laut dem Tradium-Experten Jan Giese lag die Ausfuhr schwerer Seltener Erden im Mai bei nur noch 1238 Tonnen, ein Rückgang zum Vorjahr um 74 Prozent. Die Verknappung treibt die Preise in einigen Fälle um bis zu 19 Prozent und übt hierzulande besonders auf den Mittelstand Druck aus.
Neu ist diese politische Schocklage keineswegs, sagt Ralph Gerbrecht, Einkäufer beim Zwischenhändler GMB Deutsche Magnetwerke. „Begonnen hat es bereits Ende 2010, als der Export von Seltene-Erden-Materialien verknappt wurde.“ Innerhalb weniger Wochen stiegen die Preise für bestimmte Seltene Erden seinen Worten nach von 160.000 Yuan pro Tonne (rund 19.000 Euro) auf 1,7 Millionen Yuan. Zum Kollaps kam es damals jedoch nicht, China ließ vom Druck ab und die Preise pendelten sich zwischen 400.000 und 500.000 Yuan ein.
Seltene Erden: Quoten statt freier Markt?
Trotz dieser Erfahrung in der Vergangenheit versuchen Teile der deutschen Wirtschaft weiter, das Problem und seine Tragweite so gut es geht zu ignorieren. Bei Heraeus Remloy sorgt das für Kopfschütteln. „Man tut weiterhin so, als ob die Ursache eine natürliche Verknappung wäre. Dabei blendet man aus, dass wir massiv abhängig sind und es immer wieder zu Szenarien kommen kann, in denen wir kein Material mehr importieren können. Diese Gefahr ist real“, warnt Bender.
Als Betreiber einer Recycling-Anlage würde Heraeus natürlich von einer Abschottung von der günstigen Konkurrenz in Ostasien profitieren. Doch die Argumentation des Experten berührt das in keiner Weise. Genauso wie seine Frustration beim Blick auf die politisch Verantwortlichen in Europa: „Seltene Erden sind längst sicherheitskritische Schlüsselressourcen – wer hier auf den freien Markt vertraut, ignoriert die Realität.“
Bender fordert daher von der Europäischen Kommission, den Critical Raw Materials Act ernst zu nehmen. Das erfordere seiner Sicht nach einen Eingriff in den Markt, wenn möglich mit Quoten. Diese könnten beispielsweise für Recycling-Material, europäische oder nicht-chinesische ausländische Lieferanten gelten. Bis 2040 könnte dann unter Umständen sogar bereits ein Drittel der Nachfrage durch Recycling bedient werden. Ein Traum, der jedoch nur wahr werden kann, wenn sich etwas ändert: „Solange europäische Anbieter mit staatlich begünstigten Weltmarktpreisen konkurrieren müssen, können wir keine alternativen Lieferketten aufbauen.“
Sollte die EU sich zu diesem Markteingriff durchringen, würde das die Tür für ein weiteres aussichtsreiches Abbaugebiet aufstoßen: Brasilien. Auch dort gibt es einfach zu nutzende Tonerdböden, die jedoch bisher kaum oder gar nicht entwickelt wurden. Dort – im für das Weltklima wichtigen Amazonasbecken – stellt sich jedoch umso mehr die Umweltfrage. Egal wie man das Thema Seltene Erden dreht und wendet: einfache Antworten gibt es hier nicht.
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Die Rubrik entsteht in Kooperation mit dem Erdobservations-Start-up LiveEO – dieses ist eine Beteiligung der DvH Ventures, einer Schwestergesellschaft der Holding DvH Medien, ihrerseits alleiniger Anteilseigner der Handelsblatt Media Group, zu der auch die WirtschaftsWoche gehört.
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