Wirtschaft von oben #322 – Tata: Apples Flucht aus China – jetzt geht’s Foxconn an den Kragen
Es gibt kein Unternehmen, das im indischen Alltag präsenter ist als Tata. Lokomotiven, Lastwagen und Autos, Luxushotels, Schmuck, Tees und Mineralwasser aus dem Himalaya, Chemie und Pflanzenschutz, Unternehmensberatung und Onlineshopping: Das 157 Jahre alte Konglomerat aus Mumbai bietet Indern viele Hundert Produkte und Dienstleistungen an. In Europa ist der familiär geprägte Misch(masch)konzern mit seinen 30 Unternehmen vor allem als Stahlproduzent bekannt. Die Tata-Gruppe beschäftigt weltweit mehr als eine Million Menschen, kontrolliert den britischen Autokonzern Jaguar Land Rover – und verleibte sich 2022 die nationale Fluglinie Air India ein, um sie zum Gegenspieler der Golf-Airlines aufzupolieren.
Nun steht Tata vor seinem bisher vielleicht kühnsten Vorhaben: Die Konzernchefs in den historischen Gemäuern des Bombay House in Mumbai, dem Firmensitz seit 1924, wollen sich den Zugriff auf das Allerweltsprodukt des 21. Jahrhunderts sichern: das Smartphone.
Tata, so der Plan, soll zum wichtigsten Industriepartner von Apple werden. Selbst wenn US-Präsident Donald Trump die Kalifornier gerade erst dafür kritisiert hat, die Produktion nach Indien und nicht in die USA zu verlagern – die geopolitische Rivalität zwischen den USA und China, die seit Wochen die Weltöffentlichkeit in Atem hält, für den indischen Konzern ist sie zuallererst eine weitere riesige Geschäftschance.
Dabei hat die Tata-Spitze erst vor fünf Jahren, noch unter dem Einfluss des 2024 verstorbenen Patriarchen Ratan Tata, begonnen, in die Auftragsfertigung von Elektronik einzusteigen. Die Sparte wächst sprunghaft, allein im Geschäftsjahr 2023/2024 um mehr als 900 Prozent auf 450 Millionen Dollar. Inzwischen arbeiten bei der Tochter Tata Electronics mehr als 65.000 Menschen, die erste Umsatzmilliarde dürfte erreicht sein. Das ist vermutlich nur der Anfang.
An seinen Ambitionen lässt das Unternehmen keinen Zweifel. Tata baut eigene Werke, hat das Indiengeschäft der taiwanischen Konkurrenten Pegatron und Wistron aufgekauft – und „reihenweise sehr erfahrene Veteranen aus der Industrie angeheuert“, sagt Prabhu Ram, Leiter für indische Industrie beim Marktforscher CyberMedia Research. Bestes Beispiel: Tata-Electronics-CEO Randhir Thakur. Er kommt von Intel, führte jahrelang die weltweiten Fabriken des US-Chipproduzenten. Nun soll er den indischen Marktneuling positionieren.
Eine große Aufgabe. Foxconn dominiert das Geschäft mit Apple-Smartphones. Der Auftragsfertiger aus Taiwan lässt vor allem in China produzieren. Und Foxconn kam zunächst auch zum Zug, als Apple die Fertigung auf Druck der US-Regierung und angesichts der Störungen der globalen Lieferketten während der Coronapandemie nach Indien diversifizierte.
Mittlerweile hat sich ein Zweikampf zwischen Foxconn und Tata entwickelt. Neue Satellitenbilder von LiveEO zeigen, dass beide Konzerne in Indien eine Megafabrik nach der anderen hochziehen. Fast 20 Prozent der weltweit 230 Millionen pro Jahr gebauten iPhones kommen inzwischen vom indischen Subkontinent – Tendenz schnell steigend.
Bilder: LiveEO/Up42/Airbus, LiveEO/Google Earth/Maxar-1
Die Apple-Werke von Tata und Foxconn stehen und entstehen bisher im Süden Indiens, in den Bundesstaaten Tamil Nadu, Telangana und Karnataka. Tata hat etwa nahe Hosur, einem Vorort der Software-Metropole Bangalore, zwei große Fabrikkomplexe auf vormals landwirtschaftlichen Flächen gebaut. In den südlich gelegenen Gebäuden fertigt der Konzern iPhone-Komponenten wie Gehäuse. Seit April werden hier auch iPhones montiert; leicht verspätet, weil ein Feuer 2024 eine der Komponentenhallen zerstört hatte. Die meisten Elektronikteile wie Touchscreens, Kamerasensoren und Chips werden von anderen Zulieferern – zum Teil immer noch aus China – bereitgestellt.
Auffällig ist in dieser Fabrik, dass offenbar alle für die iPhone-Montage vorgesehenen Gebäude die gleiche Struktur haben. Sie bestehen aus zwei großen Hallen links und rechts sowie einer schmaleren in der Mitte.
Fabriken des gleichen Musters wachsen derzeit auch im zweiten Komplex drei Kilometer nördlich. Er umfasst auch mehr als ein Dutzend je zwölfstöckige Wohnblocks für Mitarbeiter. Insgesamt entsteht so Wohnraum für 10.000 Beschäftigte.
An einem einzigen Standort wie in Hosur sollen Tata zufolge bald zwischen 50.000 und 70.000 Menschen arbeiten, zum größten Teil Frauen im Alter von 20 bis 25 Jahren. Die hohe Zahl an Beschäftigten erklärt sich dadurch, dass sich viele der filigranen Montageschritte in der Smartphoneherstellung noch nicht sinnvoll automatisieren lassen. Es fehlt dafür bislang an ausreichend feinfühliger Robotertechnik.
Allein eine solch gewaltige Zahl geeignete Mitarbeiter zu finden, und das gleich an mehreren Standorten, gilt in den USA als unmöglich. Für Tata in Indien dagegen ist das kein Problem. Das Unternehmen zählt zu den begehrtesten Arbeitgebern im Land. So angesehen sei ein Job bei Tata, berichtet ein Angestellter, dass man sich mit dem Firmenausweis sogar beim Boarding am Flughafen ausweisen könne.
Bilder: LiveEO/Up42/Airbus, LiveEO/Google Earth/Maxar, LiveEO/Google Earth/Airbus
Um rasant wachsen zu können, hat Tata Electronics 2023 auch die bereits im Bau befindlichen iPhone-Werke zweier taiwanischer Auftragsfertiger in Indien aufgekauft: eines von Wistron im 50 Kilometer von Hosur entfernten Narsapura, nördlich von Bangalore. Und ein kleineres von Pegatron südlich der Neun-Millionen-Einwohner-Stadt Chennai.
Mit der Übernahme der Indiengeschäfte dieser Unternehmen, die in China ebenfalls für Apple fertigen oder gefertigt haben, hat Tata sich nicht nur eine Menge Know-how eingekauft. Hinzu kommen auch die wertvollen Fabrikgrundstücke – und das Vermeiden langwieriger Aneignungsprozesse. Kleinen Bauern Land abkaufen – das ist in Indien aufwendig und strittig. Grundbesitz ist auf dem Subkontinent – neben Gold – das vielleicht wichtigste Besitz- und Bestandsgut.
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Der taiwanische Rivale Foxconn, der in China die iPhone-Fertigung dominiert, hat nördlich von Bangalore, nahe der drei neuen Tata-Werke ebenfalls eine Megafabrik gebaut, die noch diesen Monat die ersten iPhones ausliefern soll. Es ist einer von drei Komplexen, die der Konzern in Indien gerade hochzieht oder ausbaut. Einen vierten, so Branchenexperte Prabhu Ram, plane Foxconn gerade nahe der Hauptstadt Neu-Delhi. Das Unternehmen suche noch nach einer geeigneten Fläche.
Bilder: LiveEO/Up42/Airbus, LiveEO/Google Earth/Airbus
Es ist also ein erbitterter Wettbewerb zwischen Foxconn und Tata. Und er beschränkt sich nicht mehr nur auf Apple als Kunde. Ram zufolge will Tata Electronics auch ins Android-Ökosystem expandieren und etwa Smartphones für den chinesischen Anbieter Xiaomi bauen. Zudem soll es laut der indischen Zeitung „The Economic Times“ Gespräche mit den US-Firmen Microsoft und Dell geben. Und man arbeitet daran, eine Halbleiterfertigung aufzuziehen, zusammen mit dem taiwanischen Konzern Powerchip.
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Dass Tata in so vielen Bereichen zugleich mit so hohem Tempo unterwegs sein kann, dürfte auch an einer sehr speziellen Firmenkultur liegen. Tatas Top-Manager würden geachtet „wie Halbgötter“, erzählt ein langjähriger Mitarbeiter. Sie setzten gern maximal ambitionierte Ziele, die kaum erreichbar seien - und gäben dann ein definiertes Set an Strategien vor, um sie umzusetzen. Die Disziplin widerspreche eigentlich der indischen Unternehmenskultur, die eher impulsgesteuert sei. Ein anderer Insider berichtet: Wenn Tata sich einmal entscheide, etwas zu finanzieren, gehe der Konzern „all in“. Eine Aussage, die von den Satellitenbildern der iPhone-Werke untermauert wird.
Tata Electronics ist eine 100-prozentige Tochter der Holdinggesellschaft Tata Sons. Hinter Tata Sons wiederum stehen die mächtigen gemeinnützigen Tata-Stiftungen, die zusammen rund 66 Prozent der Anteile halten und seit dem Tod von Ratan Tata von dessen jüngerem Halbbruder Noel geleitet werden. Hinzu kommen Anteile der mit den Tatas verbandelten Mistry-Familie.
Bilder: LiveEO/Up42/Airbus, LiveEO/Google Earth/Airbus
Da das meiste von Tata über anderthalb Jahrhunderte erwirtschaftete Geld in den Stiftungen gebunden ist, verfügen die Familienmitglieder nur über vergleichsweise bescheidene Reichtümer. So wird das derzeitige Familienoberhaupt Noel Tata auf gerade mal 1,5 Milliarden Dollar geschätzt. Während Ratan Tata kinderlos war, rücken Noels Kinder, zwei Töchter und ein Sohn, in der Konzernhierarchie zurzeit nach oben.
Tata Electronics profitiert beim Aufstieg nicht nur von der Macht des Konzerns und dem hohen Ansehen seiner Besitzerfamilie, sondern auch von der Make-in-India-Initiative der Regierung. Der indische Premier Narendra Modi will mit dem 2014 zu seinem Amtsantritt gestarteten Programm das Land zur Exportnation formen. Der Erfolg war anfangs bescheiden. Doch jetzt legt die Regierung nach. Etwa mit einem fünf Milliarden Dollar schweren Förderprogramm, um auch Komponenten von Smartphones, die bisher exklusiv in China hergestellt werden, in Indien bauen zu können.
Der von Trump angezettelte Handelsstreit mit China, der trotz der jüngst vereinbarten Zollreduzierung bis August noch nicht beendet sein dürfte, wird die Entwicklung vermutlich zusätzlich befeuern. Die jüngsten Zahlen sprechen für sich: Apple ließ laut der Nachrichtenagentur Reuters allein im März 600 Tonnen iPhones im Wert von zwei Milliarden Dollar aus Indien in die USA liefern.
iPhones statt in Indien oder China in den USA zu fertigen, so schätzen Experten, würde den Preis pro Gerät verdreifachen.
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Die Rubrik entsteht in Kooperation mit dem Erdobservations-Start-up LiveEO – dieses ist eine Beteiligung der DvH Ventures, einer Schwestergesellschaft der Holding DvH Medien, ihrerseits alleiniger Anteilseigner der Handelsblatt Media Group, zu der auch die WirtschaftsWoche gehört.