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Wirtschaft von oben #234 – Totes MeerWieso der Krieg im Nahen Osten zu einem Mangel an Brom führen könnte

Israel ist mit Abstand der größte Brom-Lieferant weltweit. Satellitenbilder zeigen, wie eine Ausweitung des Konflikts im Nahen Osten die weltweite Versorgung mit dem Chemiegrundstoff treffen könnte. Wirtschaft von oben ist eine Kooperation mit LiveEO.Nele Antonia Höfler 06.11.2023 - 10:04 Uhr aktualisiert

Für Chemiekonzerne gleicht das tote Meer einer Goldgrube: Dort befinden sich Schätzungen zufolge eine Milliarde Tonnen Brom.

Foto: LiveEO/Sentinel

Egal ob in Form von Arznei-, Brandschutz- oder Pflanzenschutzmittel: Brom ist im Alltag vieler Menschen präsent. Auch in nahezu jedem elektronischen Gerät steckt die Chemikalie: Bromhaltiges Flammschutzmittel soll Brände im Inneren von Handys und Laptops frühzeitig ersticken.

Aktuelle Satellitenbilder zeigen nun, wie wichtig Israel für die globale Versorgung mit Brom ist. 180.000 Tonnen stellt das Land jedes Jahr her und ist damit mit Abstand der größte Produzent weltweit. Mit 110.000 Tonnen pro Jahr folgt Jordanien auf Platz zwei. Beide Länder, so ist es auf den Bildern zu sehen, bauen den Grundstoff im Toten Meer ab, durch dessen Mitte sich die Grenze zwischen Israel und Jordanien zieht.

Auf der westlichen und der östlichen Seite des Toten Meers befinden sich jeweils riesige Industriekomplexe. Auf israelischer Seite ist es das Unternehmen Dead Sea Works Mineralien, eine Tochter des einst staatlichen Chemiekonzerns ICL, das im großen Stil Brom abbaut. Direkt gegenüber auf der jordanischen Seite liegt die Arab Potash Company. Neben Brom für die Chemieindustrie fördern die Konzerne auch Pottasche für Düngung in der Landwirtschaft und Magnesium für die Aluminiumproduktion. Zusammen sind die Abbauflächen der beiden Konzerne so groß wie der 2,5 Fahrstunden entfernte Gazastreifen, in dem mehr als zwei Millionen Menschen leben.

Totes Meer, Grenze zwischen Israel und Jordanien 22.10.2023: Die Chemiekonzerne verdunsten Salzwasser in künstlich angelegten Becken im Süden des Toten Meers. Die Becken haben ungefähr die Größe des Gaza-Streifens. Bild: LiveEO/Sentinel Foto: WirtschaftsWoche

Von den Abbaustellen gelangt das Brom mit dem Zug nach Europa und in den Rest der Welt. Weiterverarbeitet wird es auch in Deutschland. Hierzulande gehören Unternehmen wie Bayer, Lanxess und BASF zu den Abnehmern.

Jede konfliktbedingte Unterbrechung der Bromversorgung könnte Exporte, die weltweite Versorgung sowie die Preise beeinflussen. Die Preise für Brom haben sich gerade erst wieder normalisiert. Im ersten Coronajahr, in dem viele Menschen ihr Geld in neue Technik investiert haben, waren sie in die Höhe geschossen. Für den Fall, dass die Produktion in Israel oder Jordanien wegen des Israel-Gaza-Kriegs unterbrochen wird, rechnen Analysten erneut mit Preisspitzen.

Geheimnis des türkisen Wassers

Geologisch ist das türkis glitzernde Gewässer mitten in der Wüste ein einmaliges Phänomen. Das Tote Meer liegt mehr als 420 Meter unter dem Meeresspiegel. Sein Ufer ist der tiefste trockene Punkt der Erde. Eigentlich ist es eher ein See als ein Meer, da es nicht mit anderen offenen Gewässern verbunden ist. Dadurch bleiben die Mineralien wie Magnesium, Kalium und Brom im Wasser.

„Letztlich ist das Tote Meer ein geschlossener Wasserraum, aus dem seit Millionen Jahren Wasser verdampft“, erklärt Professor Sebastian Hasenstab-Riedel, der an der Freien Universität Berlin seit zehn Jahren an Halogenen wie Brom oder Chlor forscht: „Mit der Zeit ist die Konzentration an Salzen immer weiter gestiegen.“ Inzwischen liegt der Salzgehalt des Wassers bei über 30 Prozent und ist damit zehnmal höher als im Mittelmeer. Für Chemiekonzerne gleicht der See einer Goldgrube: Laut Schätzungen der US-Behörde US Geological Survey enthält das Gewässer eine Milliarde Tonnen Brom.

Laut Hasenstab-Riedel ist es auch das in der Region vorherrschende Klima, das den Bromabbau besonders wirtschaftlich macht. Am Toten Meer ist es das ganze Jahr über sonnig, bei gleichzeitig geringer Luftfeuchtigkeit und stetig leichtem Wind. Dead Sea Works und Arab Postash Company reichern das Salzwasser in riesigen, künstlich angelegten Verdunstungsbecken im südlichen Teil des Toten Meers an.

Um möglichst große Mengen zu fördern, wird es aus dem nördlichen Becken des Toten Meers in den südlichen Teil gepumpt. In den Produktionsanlagen wird die Salzlösung später von heißem Dampf und Chlorgas durchströmt. Das Chlor reagiert mit den Bromid-Ionen und es entsteht reines Brom. Der massive Eingriff in die Natur hat Folgen für die Region: Der Wasserstand des Toten Meers sinkt Jahr für Jahr weiter.

Die Mineralienindustrie ist mit-, aber nicht allein verantwortlich. Früher waren es Zuflüsse aus dem Jordan, der im Toten Meer mündet, die mit Frischwasser ausglichen, was die Sonne verdampfte. Seit Jahrzehnten aber wird zunehmend Wasser aus dem Jordan für andere Zwecke abzweigt. Die Bevölkerung in der Region ist in den letzten Jahren gewachsen, der Wasserbedarf somit gestiegen. Es sind vor allem die Bauern der Region, die das Wasser zur Bewässerung ihrer Felder brauchen. Vom Jordan erreicht das Tote Meer deshalb inzwischen nur noch ein schwaches Rinnsal, das die verdunsteten Wassermengen nicht ausgleichen kann.

Geht es so weiter, so Prognosen, könnte das Tote Meer gegen Ende des Jahrhunderts vollständig verschwinden. Schon jetzt sinkt der Wasserpegel verschiedenen Schätzungen zufolge um mindestens einen Meter pro Jahr. Das ist vor Ort kaum zu übersehen: Die Hotels der Region, die ursprünglich einmal direkt am Strand gebaut wurden, stehen inzwischen mehrere hundert Meter vom Wasser entfernt. Teilweise ist der Fußweg so lang, dass Hotels Shuttles anbieten, die die Besucher zum Wasser fahren. 

Die Folgen des sinkenden Wasserstands sind weitreichend: In der Uferregion rund um das Tote Meer sind in den vergangenen Jahren Plantagen, Campingplätze und Straßen in sich zusammengebrochen, weil sich durch den sinkenden Wasserpegel die stützende Salzschicht im Boden auflöst. Über 6000 solcher Senklöcher sollen über die Jahre schon entstanden sein, eine ernst zu nehmende Gefahr für Anwohner und Touristen.

Ideen, wie das Tote Meer vom Austrocknen bewahrt werden könnte, gibt es immer wieder. Doch es hapert an der Umsetzung. Das Problem ließe sich nur mit einer Kooperation zwischen Israel und Jordanien lösen. Doch die Nachbarländer haben sich lange Jahre bekriegt. Seit 1994 herrscht zwar Frieden, angespannt ist die Lage aber immer noch.

Viel diskutiert wurde in den letzten Jahren vor allem über eine gigantische, 180 Kilometer lange und bis zu 60 Meter breite Pipeline, die das Rote Meer im Süden mit dem Toten Meer verbinden sollte. Versehen werden sollte der Kanal mit Entsalzungsanlagen und Wasserkraftwerken. Doch es gab zahlreiche Verzögerungen und auch Zweifel von Umweltschützern. Im Juli 2021 gab die jordanische Regierung dann auf. Begründet wurde der Schritt mit mangelndem Interesse von Israel. Eine neue, ambitionierte Initiative zur Lösung des Problems ist derzeit nicht in Sicht.

Lanxess, El Dorado, Süd-Arkansas, USA 02.05.2023: Der Dax-Konzern fördert in seinem Werk in El Dorado Brom aus einer unterirdischen Salzsole. Bild: LiveEO/GoogleEarth/Airbus Foto: WirtschaftsWoche

Fraglich ist deshalb, wie lange Israel seine Position als Weltmarktführer noch halten kann. Alternative Brom-Quellen zum Toten Meer gibt es unter anderem in China und den USA. Der deutsche Chemiekonzern Lanxess beispielsweise fördert im US-amerikanischen El Dorado Brom aus einer Salzsole in zwei Kilometern Tiefe, auf Satellitenbildern lässt sich deshalb nur der Standort an sich erkennen. Die Kölner haben bei der Übernahme des amerikanischen Unternehmens Chemtura im Jahr 2017 eine Brom-Mine mit eingekauft. Das natürliche Reservoir in Süd-Arkansas ist das zweitgrößte der Welt. Die Salzkonzentration ist dort jedoch deutlich geringer als im Toten Meer. Die Herstellung dauert deshalb deutlich länger und ist auch teurer.

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Die Rubrik entsteht in Kooperation mit dem Erdobservations-Start-up LiveEO – dieses ist eine Beteiligung der DvH Ventures, einer Schwestergesellschaft der Holding DvH Medien, ihrerseits alleiniger Anteilseigner der Handelsblatt Media Group, zu der auch die WirtschaftsWoche gehört.

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