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Wirtschaft von oben #242 – LabordiamantenDas sind die Gewinner der späten Sanktionen gegen Russlands Diamanten

Zwei Jahre hat die EU gebraucht, um sich zu Sanktionen gegen russische Diamanten durchzuringen. Satellitenbilder zeigen: Dem Geschäft mit synthetischen Labordiamanten hat das den entscheidenden Schub verpasst. Wirtschaft von oben ist eine Kooperation mit LiveEO.Nele Antonia Höfler 23.12.2023 - 08:51 Uhr

Nyurbinsky District, Republik Sacha, Jakutien, Russland
Jeder dritte Diamant stammt aus den sibirischen Minen des staatlich dominierten russischen Konzerns Alrosa.

Foto: LiveEO/Sentinel

Im August reiste der indische Premierminister Narendra Modi für einen Staatsbesuch in die USA. Bei einem Abendessen im Weißen Haus überreichte er der First Lady, Jill Biden, verpackt in einer kleinen Box aus Pappmaché ein besonders Geschenk: einen 7,5 Karat großen, im Labor gezüchteten grünen Diamanten. Offiziell ein Symbol für die 75 Jahre Unabhängigkeit Indiens, inoffiziell ein eleganter Seitenhieb: Indien ist nach China der zweitgrößte Produzent von synthetischen Diamanten – und liegt damit noch vor den USA.

Der Wettbewerb auf dem Markt für Diamanten aus dem Labor hat sich in den letzten Jahren deutlich verschärft. Hersteller sprießen rund um den Globus aus dem Boden und immer mehr Schmuck-Hersteller setzen auf diese alternativen Steine. Der dänische Schmuckhersteller Pandora verzichtet bereits 2021 auf Minen-Diamanten. Der Schweizer Luxusuhren-Konzern Breitling will ab kommendem Jahr vollständig auf Labordiamanten umgestellt haben und auch der französische Luxusgüterkonzern LVMH investiert Millionen in den Trend.

Während der Verkauf von klassischen Diamanten jährlich um mehr als zehn Prozent zurückgeht, wächst der Markt für Labordiamanten rasant: 2021 hatte der Markt ein Volumen von gut 20 Milliarden US-Dollar, bis 2030 erwartet das Marktforschungsunternehmen Markwide Research einen Anstieg auf knapp 52 Milliarden.

Aktuelle Satellitenbilder zeigen nun, welche Rolle Russlands Angriffskrieg in der Ukraine bei dem Trend spielt. Russland ist zurzeit weltweit der größte Produzent von natürlichen Rohdiamanten. Jeder dritte funkelnde Stein hinter der Ladentheke stammt von dort, genauer gesagt aus den sibirischen Minen des Konzerns Alrosa. Der wickelt beinahe das gesamte Geschäft Russlands ab und ist zu zwei Dritteln in staatlicher Hand. In Form von Steuern und Dividende füllt das Geschäft die Kriegskassen des Kremls – und zwar nicht zu knapp: Von der EU-Kommission wurden Russlands Einnahmen aus dem Diamantenverkauf zuletzt auf rund vier Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Trotzdem standen russische Diamanten bislang nicht auf den Sanktionslisten der EU.

4300 Kilometer östlich von Moskau liegt die Njurba-Diamantenmine, eine der wichtigsten Minen von Alrosa. Dort, so zeigen es Satellitenbilder, führt der Konzern den Abbau unbeirrt fort. Rund 20 Prozent der russischen Steine kommen von hier – viele davon werden nach Europa verkauft.

Bilder: LiveEO/Sentinel

Damit soll künftig Schluss sein. Ab dem 1. Januar dürften russische Diamanten nicht mehr in die EU eingeführt werden. Das haben die 27 Mitgliedstaaten am vergangenen Montag beschlossen.

Es ist das Ende einer knapp zweijährigen Debatte. Die bisherige Zurückhaltung der EU wurde vielseitig kritisiert. Grund für die Unsicherheit der Politiker waren unter anderem Erfahrungen aus den USA, wo russische Diamanten schon kurz nach Kriegsausbruch sanktioniert wurden.

Njurba-Diamantenmine, Republik Sacha, Jakutien, Russland 28.06.2023: In den Verarbeitungsanlagen werden die Diamantrohlinge mithilfe einer chemischen Substanz aus dem Gestein herausgelöst. Foto: WirtschaftsWoche

Die bisherige Regelung hat sich dort als kaum wirksam erwiesen. Das Problem: Der Weg eines Diamanten aus der Mine ans Handgelenk, Ohr oder an den Ringfinger ist lang. Die Steine wechseln zwischenzeitlich dutzendmal den Besitzer. Das macht es meist unmöglich, die Herkunft der Diamanten verlässlich zurückzuverfolgen.

Rund 90 Prozent aller weltweit geförderten Rohlinge werden in der indischen Stadt Surat poliert und geschliffen. Indien hat sich in den vergangenen Jahren eine führende Rolle in der Diamantenindustrie erkämpft und sich dafür in diesem Jahr mit einer neuen, vor Erfolg strotzenden Diamantenbörse belohnt. Mit einer Gesamtfläche von 140.000 Quadratmetern ist die das größte Gebäude der Welt – noch vor dem Pentagon. In der neu eröffneten Häusern arbeiten seit vergangenem Monat mehr als 65.000 Schleifer, Polierer und Händler. Ist ihre Arbeit abgeschlossen, verkaufen sie die Diamanten häufig in gemischten Paketen. Spätestens dann lässt sich ihr Ursprungsland nicht mehr rückverfolgen.

Bilder: LiveEO/Google Earth/Maxar, LiveEO/Google Earth/Airbus

Schlupflöcher wie diese wollen die G7-Staaten künftig schließen. Sie arbeiten derzeit gemeinsam an einem Überprüfungs- und Zertifizierungssystem für Diamanten. Mit dessen Hilfe ab dem 1. September kommenden Jahres schrittweise auch in Drittländern wie Indien weiterverarbeitete russische Diamanten und Schmuckprodukte vom Markt verbannt werden sollen.

Die Verbraucher hat die jahrelange Debatte über Sanktionen und ihre Schlupflöcher verunsichert. Diamanten werden als Symbol für unendliche Liebe gekauft und sollen nicht mit Konflikten oder Gewalt in Verbindung gebracht werden. Um das ausschließen zu können, galt in den letzten zwei Jahren nur eine Herkunft als sicher: das Labor. Dort werden die natürlichen Bedingungen unter der Erdoberfläche simuliert. Bei hohen Druck und unter hohen Temperaturen werden die synthetischen Diamanten innerhalb weniger Wochen im Reaktor gezüchtet.

Chemisch, physikalisch und optisch sind Labordiamanten identisch mit natürlichen Diamanten, die über Millionen Jahre kilometerweit unter der Erdoberfläche entstehen. Nur Fachleute mit entsprechenden Analysegeräten können erkennen, ob ein Stein aus dem Labor oder aus der Erde kommt. Die Hersteller werben mit konfliktfreier und nachhaltiger Produktion, ohne dass natürliche Ressourcen ausgebeutet werden müssen.

Marktführer von Labordiamanten ist mit großem Abstand China. Fast die Hälfte der synthetischen Diamanten werden dort hergestellt, die meisten von ihnen in der Provinz Henan. Die Region ist in der Branche weltberühmt: Mehr als 200 Unternehmen arbeiten in der Labordiamanten-Industrie. Die hier produzierten Steine werden hauptsächlich in der Industrie als Schneidewerkzeug eingesetzt. Für solch eine Anwendung sind natürliche Diamanten zu teuer.

Das Unternehmen Henan Liliang produziert schon seit 1990 in der Region. Damals war es ein kleiner Hersteller von Diamant-Pulver. Nach mehreren Jahren Forschung, Entwicklung und Innovation wurde das Unternehmen zu einem der wichtigsten Hersteller von synthetischem Diamanten in China.

LiLiang New Material Group, East Industrial Zone of Zhecheng County, Henan Province, China 02.04.2022: Knapp eine halbe Milliarde Euro hat das chinesische Unternehmen in die 143.300 Quadratmeter große Fabrik investiert. Foto: WirtschaftsWoche

Auch in Indien hat die Zahl der Laborhersteller in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Das Land hofft, die Diamantenindustrie durch die eigenständige Produktion unabhängiger aufzustellen. Um „die einheimische Produktion von im Labor gezüchteten Diamantensamen und -maschinen zu fördern und die Abhängigkeit von Importen zu verringern“, förderte die indische Regierung dieses Jahr eines der führenden indischen Technologieinstitute, dem IIT-Madras, mit 30 Millionen Dollar.

Einer der neuen großen indischen Hersteller von Labordiamanten ist das Unternehmen Greenlab. Es wurde einst als Diamantenschleiferei gegründet. Vor einigen Jahren erbte Sanket Patel den Betrieb von seinem Großvater und stellte auf die Laborzucht um. Seitdem ist die Zahl der Mitarbeiter von 40 auf über 2000 gestiegen. Auf Satellitenbildern ist zu erkennen, dass Patel neben dem Labor auf dem Firmengelände einen eigenen Solarpark betreibt. Der Energiebedarf der Reaktoren ist hoch, um den Verbrauchern eine nachhaltige Herstellung zu garantieren, nutzt Greenlab ausschließlich Sonnenenergie.

Bilder: LiveEO/Google Earth/Maxar

Der hohe Strombedarf der Branche ist die Hauptkritik an den Labordiamanten. Sie ertönt – wenig überraschend – insbesondere aus Richtung der natürlichen Diamantenhersteller. Sie sind überzeugt: Synthetische Diamanten können das Original nicht ersetzen. „Künstlich hergestellte Diamanten fehlt die Endlichkeit. Es ist ein in unendlichen Mengen reproduzierbares Produkt und eine Kopie des Originals“, sagt Guido Grohmann, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Schmuck und Uhren.

Auch der britische Diamantenhersteller De Beers argumentiert seit jeher, nur ein vor Millionen Jahren im Vulkan gewachsener Kristall sei ein echtes Symbol für ewige Liebe, nicht die in wenigen Wochen entstandenen Steine aus dem Labor. Um synthetische Diamanten von natürlichen unterscheiden zu können, hat das Unternehmen Millionen in die Entwicklung von Geräten investiert, mit denen sich synthetische Diamanten erkennen lassen.

Trotzdem hat auch der Diamantenriese bereits 2018 selbst kräftig in die neue Branche investiert und das Tochterunternehmen namens Lightbox gestartet, das ausschließlich synthetische Steine herstellt und vertreibt. 2020 wurde der 94 Millionen Dollar teure Unternehmenssitz samt Labor und Büroräumen 20 Autominuten entfernt von Portland, Oregon, eröffnet. Das 60.000 Quadratmeter große Gebäude wurde als schlichter weißer Kasten designet, der an die Form eines im Labor gezüchteten Diamanten erinnern soll.

Dahinter steckt eine ausgeklügelte Strategie: Das Unternehmen verkauft die Laborsteine zu einem Bruchteil des Preises der Natur-Steine. Damit hat der Marktführer die Preise der Branche gesetzt. De Beers Ziel: Labordiamanten sollen als Billigprodukt wahrgenommen werden und den Preis für natürliche Diamanten wieder steigern.

Bilder: LiveEO/Google Earth/Maxar

Zumindest teilweise hat De Beers mit dieser Strategie Erfolg. Die Nachfrage nach im Labor gezüchteten Diamanten ist in den letzten Jahren zwar stark gestiegen, die Preise sind jedoch gleichzeitig deutlich gefallen. Langfristig, so schätzen Experten, könnte den Trend hin zu Labordiamanten abschwächen, weil Verbraucher erkennen, dass Labordiamanten anders als natürliche Diamanten mit der Zeit immer weniger wert sind. Statt zu einem gefährlichen Konkurrenten für natürliche Diamanten könnten die synthetischen Steine dann zu einer eigenständigen Produktgruppe in der mittleren Preisklasse heranwachsen.

Hoffnung schöpfen Hersteller von natürlichen Diamanten inzwischen auch aus den angekündigten Sanktionen. Lange hatte sich die Branche vehement gegen eine solche Regelung gewehrt. Inzwischen mussten die Hersteller jedoch einsehen, dass Sanktionen die einzige Chance sind, das Vertrauen der Verbraucher zurückzugewinnen und die Chance bieten, langfristig mit Labordiamanten konkurrieren zu können.

Mitarbeit: Thomas Stölzel

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Die Rubrik entsteht in Kooperation mit dem Erdobservations-Start-up LiveEO – dieses ist eine Beteiligung der DvH Ventures, einer Schwestergesellschaft der Holding DvH Medien, ihrerseits alleiniger Anteilseigner der Handelsblatt Media Group, zu der auch die WirtschaftsWoche gehört.

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