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Automotive-Krise Der Autozulieferer Schlemmer Group hat Insolvenz angemeldet

Unbemerkt von der Öffentlichkeit haben mehrere Kerngesellschaften der Unternehmensgrupp bereits am 19. Dezember Insolvenzanträge gestellt. Quelle: Schlemmer

Eigentlich sollte der Kunststoffspezialist Schlemmer von den Megatrends der Automobilindustrie profitieren. Vor Weihnachten haben die Kerngesellschaften der Unternehmensgruppe überraschend einen Insolvenzantrag gestellt.

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Mit der Schlemmer Group hat ein weiterer großer Autozulieferer Insolvenz angemeldet. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit haben mehrere Kerngesellschaften der Unternehmensgruppe nach Informationen der WirtschaftsWoche bereits am 19. Dezember Insolvenzanträge gestellt. Rund 500 Mitarbeiter der weltweit 3800 Mitarbeiter dürften von der Insolvenz direkt betroffen sein, heißt es in der Branche. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellte das Amtsgericht München den Sanierungsexperten Hubert Ampferl, Partner der Kanzlei Dr. Beck & Partner.

Die Unternehmensgruppe mit Holding-Sitz in Aschheim bei München gilt als wichtiger Anbieter für Kunststofflösungen im Automotive-Bereich und stellt unter anderem Kabelschutzsysteme her. Schlemmer betreibt nach eigenen Angaben weltweit 21 Produktionsstandorte und hat 2018 einen Umsatz von rund 290 Millionen Euro erwirtschaftet, davon 227 Millionen Euro im Automotive-Segment. Europäische, asiatische und US-amerikanische Autohersteller gehören zu den Kunden des Unternehmens.
Im Mai 2016 war Schlemmer vom britischen Finanzinvestor 3i übernommen worden. Insbesondere da das Produktsegment Kabelmanagement von den Megatrends in der Automobilindustrie wie E-Mobilität, autonomes Fahren und Sicherheit profitieren werde, sei das Unternehmen gut aufgestellt, hieß es damals. In den Beirat des Unternehmens zog mit Bernd Gottschalk, ehemaliger Daimler-Vorstand und früherer Präsident des Verbands der Automobilindustrie, ein prominenter Branchenvertreter ein. Ziel war es, so heißt es intern, den Schlemmer-Umsatz unter neuem Eigentümer massiv zu erhöhen und das Unternehmen später womöglich an die Börse zu bringen.

Tatsächlich entwickelten sich die Geschäfte innerhalb der Unternehmensgruppe jedoch sehr heterogen. Insbesondere die asiatischen Auslandstöchter und ein Joint Venture in China arbeiten dem Vernehmen nach zwar erfolgreich. Auf dem deutschen Heimatmarkt und in Nordamerika soll Schlemmer dagegen zunehmend Probleme bekommen haben.
Schon 2018 lag das Umsatzwachstum unter Plan, geht aus der letzten verfügbaren Konzernbilanz hervor. Abschreibungen sowie gravierende operativen Probleme beim Serienanlauf von Neuprojekten in den USA und Mexiko sowie Kosten für externe Berater führten zu einem Millionenverlust. Zugleich stieg die Verschuldung auf knapp 300 Millionen Euro.

Auch Investor 3i musste Geld nachschießen und stellte für das Geschäftsjahr 2019 zusätzlich 15 Millionen Euro zur Verfügung. Dennoch bezeichnete die Geschäftsleitung die wirtschaftliche Lage der Gruppe in der Konzernbilanz noch als „stabil“. Finanzielle Risiken seien für die Schlemmer Group nur „von mittlerer Bedeutung“, insgesamt bestünden „weder für das abgelaufene Geschäftsjahr noch für die Zukunft Risiken, die den Fortbestand der Schlemmer Group gefährden könnten.“ Das änderte sich im Jahresverlauf 2019 rasant.

Im Oktober leitete die Berliner Schlemmer-Tochter Hoppe, ein Hersteller von Hochpräzisionsspritzgussteilen für die Automobil- und Elektroindustrie, eine Insolvenz in Eigenverwaltung ein. Die aktuelle konjunkturelle Lage in der Automobilbranche sowie eine damit verbundene kritische Auslastungssituation, begründete das Unternehmen damals den Schritt. Im Dezember folgte schließlich der Mutterkonzern.

Dort hat mit Ampferl jetzt ein erfahrener Insolvenzverwalter und Sanierer das Kommando übernommen. So war Ampferl unter anderem bei den Insolvenzen des Modeunternehmens Strenesse, des Bootsbauers Bavaria Yachtbau und des Großbäckers Müller Brot im Einsatz.

Bei Schlemmer soll der Verwalter seit Ende Dezember bereits das Geschäft stabilisiert haben. In den kommenden Monaten dürfte er nun vor allem versuchen, die Investorensuche voranzutreiben und gleichzeitig die Autohersteller als zentrale Kunden an Bord zu halten.
Zahlreiche Zulieferer kämpfen derzeit mit erheblichen, teils existenziellen Problemen. So meldete vor Weihnachten die pressmetall-Gruppe, ein Hersteller von Aluminium-Druckgusskomponenten mit mehr als 700 Mitarbeitern, Insolvenz in Eigenverwaltung an. Zuvor traf es bereits Unternehmen wie Weber Automotive, Avir Guss und JD Norman Germany. Auch der Kabelspezialist Leoni muss Finanzlöcher stopfen. Insgesamt gilt das Automotive-Segment Restrukturierungsexperten und Insolvenzverwaltern denn auch als eine der zentralen Krisenbranchen für 2020.

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