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Daimler „Eine Personaldiskussion über Zetsche ist verfrüht“

Dieter Zetsche bei der Hauptversammlung Quelle: imago images

Daimler-Großaktionäre wie Deka, Union Investment oder Flossbach von Storch halten trotz der Gewinnwarnung und des massenhaften Rückrufs von Mercedes-Fahrzeugen noch an Vorstandschef Zetsche fest. Das könnte sich ändern.

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Großaktionäre von Daimler wollen trotz des massenhaften Rückrufs von Mercedes-Fahrzeugen aktuell noch keinen Rücktritt des Vorstandsvorsitzenden Dieter Zetsche fordern. Das ergab eine Umfrage der WirtschaftsWoche unter großen Investoren. Darunter waren namhafte Anleger wie das Sparkassen-Wertpapierhaus Deka, die Fondsgesellschaft Union Investment und der Vermögensverwalter Flossbach von Storch. Viele Investoren wollen derzeit noch abwarten, wie der Widerspruch von Daimler gegen den amtlichen Rückruf von 774.000 Autos ausgeht und erst dann ein Urteil über Zetsche fällen. „Aktuell kennen wir noch nicht alle Fakten“, begründet das einer.

Der Daimler-Chef hatte nach dem Auffliegen von Dieselgate bei Volkswagen beteuert, dass bei seinem Unternehmen, das er seit zwölf Jahren führt, nicht betrogen werde. Der Rückruf könnte – wenn Daimlers Widerspruch dagegen abgewiesen wird – das Gegenteil belegen und Zetsche der Unwahrheit überführen – oder als schlecht informierten Unternehmenslenker entlarven. Beides wäre wenig schmeichelhaft und könnte in einen Rücktritt münden, den dann auch Investoren fordern könnten.

Noch aber wollen Investoren sich nicht festlegen: „Ob die von Daimler eingebauten Abschalteinrichtungen wegen des Bauteilschutzes unzulässig sind, müssen wir den Fachleuten überlassen. Wir fordern allerdings eine transparente und schnelle Aufklärung der Vorwürfe. Bis dahin gilt zunächst einmal die Unschuldsvermutung. Deshalb sehen wir auch keinen Anlass für eine unmittelbare Ablösung von Herrn Zetsche“, sagt Corporate-Governance-Experte Winfried Mathes von der Deka.

Und auch Portfoliomanager Ingo Speich von Union Investment schließt sich dem Urteil an: „Eine Personaldiskussion vor allem über Vorstandschef Zetsche ist basierend auf den jetzigen Informationen verfrüht.“ Der Konzern befinde sich in einem massiven Umbau und stehe schon wegen der Elektromobilität und dem autonomen Fahren vor enormen Herausforderungen. „Ein unmittelbarer Wechsel an der Vorstandsspitze würde das Unternehmen schwächen“, sagt Speich.

In der Tat spielt auch die Zeit im Moment für Zetsche: Sein Vertrag läuft nur noch bis Ende 2019 – und wie lange der Gang durch die Instanzen dauert, steht in den Sternen. Aktuell jedenfalls liegen dem zuständigen Verwaltungsgericht in Schleswig „keine Klagen von Autoherstellern“ vor. Daimler hat also noch keine Klage eingereicht.

Das geht auch nicht, denn vor Erhebung einer entsprechenden Klage muss der Konzern noch ein Widerspruchsverfahren beim Kraftfahrt-Bundesamt in die Wege leiten. Dieser Widerspruch ist laut Gericht „binnen eines Monats nach Bekanntgabe des Bescheides zu erheben“. Eine mögliche Klage müsste dann „binnen eines Monats nach Zustellung des Widerspruchsbescheides erhoben werden“. Wie lange ein gerichtliches Verfahren dauere, hänge dabei „von den Umständen des Einzelfalles ab. Insoweit gibt es auch keine Erfahrungswerte, da entsprechende Verfahren noch nicht verhandelt worden sind“, teilte das Gericht der WirtschaftsWoche mit.

Läuft es gut für Zetsche, kann er sich einen Rücktritt also ersparen – denn das Verfahren könnte länger laufen als sein Vertrag. Für Zetsche steht nichts weniger als sein Lebenswerk auf dem Spiel. Er hat Daimler in zwölf Jahren Amtszeit aus den Trümmern an die Weltspitze der Premiumanbieter gehoben. Mercedes liegt heute weit vor BMW, Audi und Co.

Und so loben auch Investoren Zetsches Verdienste für Daimler. Einer etwa gibt dabei zu bedenken, dass das Dieselproblem eigentlich ein deutsches Problem sei. „Im wichtigen chinesischen Markt etwa interessiert das niemanden“, sagt ein Großaktionär. Er kann sich, wie die meisten, nicht offiziell äußern – dagegen sprechen schon die Regeln der Compliance. So dürfen viele Investoren nicht öffentlich über einzelne Aktien urteilen. Anleger mussten also hinter vorgehaltener Hand reden. Daimlers größter Aktionär etwa, der chinesische Konzern Geely mit seinem Chef Li Shufu, wollte sich nicht äußern. Es ist aber allgemein bekannt, dass der Chinese eher ein langfristig orientierter, strategischer Investor ist, der sich nicht von kurzfristigen Entwicklungen leiten lässt.

„Das Management unterschätzt dieses Risiko“

Klar ist für viele Investoren aber auch eins: „Zetsche hat viel für Daimler erreicht – aber seine Erfolge werden zunehmend vom nicht enden wollenden Dieselskandal überschattet. Unser Wohlwollen leidet darunter“, spricht es Bert Flossbach vom Vermögensverwalter Flossbach von Storch offen aus. Flossbach gehört mit 1,5 Prozent der Daimleraktien zu den größten Aktionären. Stürzen will Flossbach Zetsche aber auch nicht. Er hat vielmehr eine andere Sorge: „Der Dieselskandal belastet den Aktienkurs. Der Erfolg des Unternehmens spiegelt sich aktuell in keiner Weise im Börsenwert wider.

Das ist nicht nur enttäuschend für die Aktionäre, sondern auch eine Gefahr für Management und Unternehmen, das in die Hände ausländischer Investoren fallen könnte. Das Management unterschätzt dieses Risiko“, sagt Flossbach.
Den Grund sieht er vor allem darin, dass Daimler den Wert der Lkw-Sparte nicht hebt: „Ein großes Problem ist, dass Pkw- und Lkw-Geschäft unter einem Dach vereint sind – der Wert des Gesamtunternehmens ist viel niedriger ist als die Summe seiner Teilbereiche.

Ein unfreundlicher Käufer könnte sich dies zu Nutze machen und seinen Übernahmekredit mit dem Verkauf eines Unternehmensteils ablösen. Den anderen Teil bekäme er dann fast zum Nulltarif.“ Spätestens seit dem Einstieg von Li Shufu würde man solche Überlegungen in Stuttgart nicht mehr „als Sandkastenspielchen abtun“ können, zumal es in China vermutlich weitere Interessenten gebe, so Flossbach. Für ihn wäre es „eine Ironie des Schicksals, wenn ausgerechnet der Dieselskandal den Wert des Unternehmens soweit drückt, dass es zum Spielball ausländischer Großinvestoren würde“. Daimler müsse daher „rasch handeln, das Unternehmen in zwei völlig eigenständige Einheiten „Cars“ und „Trucks“ aufteilen, die separat an der Börse notieren und zusammengerechnet viel mehr Wert wären als der derzeitige Discount-Preis für das Konglomerat aussagt“.

Mathes von der Deka wiederum fordert andere Dinge ein: Trotz Dieselproblematik müsse die Autoindustrie jetzt „den Blick nach vorne richten“, sagt er. „Denn die Autohersteller müssen individuelle Mobilität, Klimaschutz und Ressourcenschonung in Einklang bringen.“ Der Übergang vom Verbrennungsmotor zur CO2-freien Mobilität, sei keine Frage des „ob“, sondern des „wie“. Gerade Daimler habe derzeit „noch kein einziges elektrisches Auto im Mercedes-Angebot.

Deshalb muss jetzt schnellstens die Elektrooffensive eingeläutet werden, zumal auch die für das Jahr 2021 vorgeschriebenen EU-Grenzwerte von 95 Gramm CO2 pro Kilometer bei neu zugelassenen PKWs derzeit mit 125 Gramm CO2 pro Kilometer noch weit überschritten werden. Daran muss sich Herr Zetsche messen lassen, wenn er sich nach Auslaufen seines Vertrags als Vorstandsvorsitzender im Dezember 2019 als Aufsichtsratschef empfehlen will.“

Zetsche könnte also noch viel zu tun haben – wenn die Investoren ihn lassen.

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