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Drei Monate nach Start Gedrosseltes Tempo für Deutschlands Elektro-Highway

Von nun an sollen fünf Speditionen mit ihren Hybrid-Lastzügen bei ganz normalem Fahrbetrieb am Pilotprojekt teilnehmen. Quelle: dpa

Seit drei Monaten ist die erste deutsche Elektro-Autobahn am Netz. Hybrid-Lastwagen mit Stromabnehmern sollen die Test-Strecke nutzen. Bisher ist die Frequentierung jedoch sehr mau. Die Projektmacher lassen sich Zeit.

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Manch ein Autofahrer steht auf der Autobahn 5 in Südhessen sicher vor einem Rätsel. Skurril muten auf den ersten Blick auf den äußeren Fahrbahnen Oberleitungen wie im Schienenverkehr an. Die Erklärung ist wenig skurril: Hybrid-Lastwagen mit Stromabnehmern sollen hier Energie tanken, um anschließend umweltschonender ihre Güter zum Ziel zu bringen. Das Prinzip ist einfach: Kommt ein Lkw mit einem Stromabnehmer in den Bereich der Trasse, dockt er an. Mit dem Stromtanken bei voller Fahrt sollen die Batterien aufgeladen werden. Dann kann der Lastwagen erstmal im E-Betrieb weiterfahren. Sind die Akkus leer, übernimmt der Hybridmotor mit Diesel wieder den Antrieb.

Wer sich allerdings schnelle Ergebnisse von Deutschlands E-Highway versprochen hat, der Anfang Mai auf der vielbefahrenen A 5 zwischen Langen und Weiterstadt an den Start ging, der dürfte enttäuscht werden. Denn drei Monate nach dem Start des offiziellen Feldversuchs ist nur selten ein solcher Lastwagen zu sehen.

Bislang ist nach Angaben der projektleitenden Verkehrsbehörde Hessen Mobil erst ein einziger Hybridlaster mit Stromabnehmer unterwegs. Ein bis zwei Mal am Tag sei das Fahrzeug auf der Strecke, sagt Sprecherin Frauke Werner und kündigt an: „Im Herbst soll der zweite Lkw kommen.“ Für Anfang kommenden Jahres sei dann der dritte geplant.

Die Projektmacher wollen sich Zeit lassen. 2022 sollen sich insgesamt fünf der vom Nutzfahrzeughersteller Scania entwickelten Fahrzeuge von fünf verschiedenen Speditionen an dem Test beteiligen. Erst dann dürfte es solide Ergebnisse geben. Stand jetzt ist: „Valide Daten und Erkenntnisse gibt es noch nicht“, sagt Werner. Das Projekt sei auf vier Jahre angelegt, nach drei Monaten könne man da noch Nichts bilanzieren. „Das ist ein Pilotprojekt, das auf der Straße stattfindet und nicht im Labor.“ Zudem sei der Lastwagen auch routinemäßig mal in der Werkstatt gewesen. Mit einer ersten Zwischenauswertung sei möglicherweise Mitte kommenden Jahres zu rechnen. Festlegen möchte man sich aber nicht.

Stattdessen verbreiten die Projektbeteiligten gute Stimmung: „Der Fahrer ist total zufrieden“, sagt die Geschäftsführerin der Spedition Schanz, Kerstin Seibert, über die Erfahrungen des Truckers. Vor allem sei er begeistert, dass es so leise ist mit dem E-Antrieb. „Der Weg ist der richtige“, ist sie überzeugt. Das Unternehmen aus Ober-Ramstadt bekam für den Test den ersten Lastwagen.

Das Bundesumweltministerium hat die fünf Kilometer lange Strecke zwischen Langen und Weiterstadt mit knapp 14,6 Millionen Euro finanziert. Weitere rund 15 Millionen Euro sollen in Datensammlungen und Auswertungen bis 2022 fließen. Bei dem Pilotprojekt wird geprüft, ob die Oberleitungstechnik für Deutschland tauglich ist und ob so klima- und lärmschonend Güter auf der Straße transportiert werden können.

Mit dem Projekt Elisa – das ist die Kurzform für elektrifizierter, innovativer Schwerverkehr auf Autobahnen – sollen alle Daten gesammelt werden, die für einen späteren Ausbau in Deutschland relevant sein könnten. Es soll keine Konkurrenz zum Güterverkehr auf der Schiene darstellen. Nichtsdestotrotz geht es dem Bundesumweltministerium zufolge darum, sich Modelle anzuschauen, was für die Zukunft die beste Variante für den Schwerlastverkehr auf der Straße ist. Untersucht werden sollen Hessen Mobil zufolge Auswirkungen auf den Verkehr, ökologische und ökonomische Aspekte oder auch der Mehraufwand für die Straßenmeistereien. Auch die Frage, wer später den abgezapften Strom zahlt, ist noch unklar.

Für insgesamt drei Teststrecken gibt das Umweltministerium knapp 50 Millionen Euro aus. Zwei weitere Teststrecken sollen in Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg entstehen. Auf der Autobahn 1 zwischen Reinfeld und dem Autobahnkreuz Lübeck soll auf je fünf Kilometern pro Richtung eine Oberleitung für schwere Lastwagen erprobt werden. In Baden-Württemberg will man die Technik auf der Bundesstraße 462 (zwischen Rastatt und Rottweil) auf einer Strecke von rund sechs Kilometern in beide Fahrtrichtungen testen. Für alle drei Tests baut die VW-Tochter Scania insgesamt 15 der Hybridlaster.

Sollte sich das System als tauglich erweisen, müssten nicht alle Autobahnen voll elektrifiziert werden. Schätzungen des Ministeriums zufolge wären in Deutschland rund 1000 Kilometer betroffen. Die Kosten: rund eine Million Euro pro Kilometer.

Scania-Konkurrent Daimler setzt statt auf die Oberleitungstechnik auf rein batteriebetriebene Fahrzeuge. Das Unternehmen arbeite an Zukunftslösungen, die weltweit eine hohe Wahrscheinlichkeit auf Umsetzung haben, heißt es auf der Homepage des Autobauers. „Diese sieht das Unternehmen im Augenblick bei der Oberleitung aufgrund ihrer hohen Infrastrukturkosten nicht – auch angesichts der rapiden Entwicklung der Batterie- und Brennstoffzellentechnologie.“ Allerdings will Daimler auf der geplanten Oberleitungsstrecke in Baden-Württemberg einen Direktvergleich zwischen seinen E-Lastern und den Hybrid-Oberleitungs-Fahrzeugen machen.

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