Neue Konzepte Wie das Autohaus der Zukunft aussieht

Cappucino an der Bar statt stundenlangen Verkaufsgesprächen: Die Autohändler stehen vor dem größten Umbruch ihrer Geschichte. Doch die BMW-Händler protestieren bereits jetzt gegen die Vorgaben des Herstellers.

Mercedes Me Lounge Quelle: PR

Der Brief erreichte BMW-Chef Norbert Reithofer am Dienstag der vergangenen Woche – keine Fanpost, sondern ein Protestschreiben von BMW-Händlern, das es in dieser Form noch nicht gegeben hat. Die Werkstatt- und Showroom-Besitzer richten ihre Wut an den obersten Boss persönlich, weil BMW 2015 ein neues Vergütungssystem für die Vertragshändler einführen will, das nun erste Folgen zeigt.

Wer nach 2015 beim Verkauf eines BMW einen Bonus von einem Prozent des Fahrzeugpreises einstreichen will, muss bis dahin umfangreiche Umbauten der Verkaufsräume abgeschlossen haben. Die Zeit, dies zu erreichen, ist viel zu kurz, die Wunschliste der BMW-Zentrale zudem lang und teuer. „Die Vorgaben reichen von der Art, Größe und Farbe der Fliesen, bis hin zur Gestaltung der Visitenkarten“, sagt Wigbert Heil vom Verband der Deutschen BMW-Vertragshändler.

Woraus sich der Preis eines Neuwagens zusammensetzt

Ein zusätzliches Prozent, das klingt nicht nach viel, ist es für die meisten BMW-Häuser jedoch. Denn deren durchschnittliche Umsatzrendite liegt bei gerade einmal 0,9 Prozent und damit am unteren Ende des branchenüblichen Korridors. Einen Verzicht auf den Bonus kann sich kaum ein Händler erlauben.

„Tausende von Arbeitsplätzen stehen als Folge auf dem Spiel“, lässt Sprecher Heil verlauten. Inzwischen führen der Händlerverband und BMW Gespräche. „Die Reaktion zeigt in die richtige Richtung“, freut sich Heil. Unter anderem geht es um die Verschriftlichung mündlicher Zusagen, die Ex-BMW-Vertriebschef Roland Krüger gemacht hatte.

Graben zwischen Händlern und Herstellern

Der Aufstand bei BMW zeigt, wie tief der Graben zwischen Händlern und Herstellern geworden ist, auch bei anderen Automarken. Nicht nur die Vergütungsmodelle stehen in der Kritik, die Hersteller dringen auch immer stärker in die Domäne der Händler vor – bis zum Direktvertrieb übers Internet, wie es die US-Sportwagenschmiede Tesla vormacht und wie Mercedes und BMW dies testen, wenn auch mit bisher mäßigem Erfolg.

Zu stoppen ist der Trend zum Web nicht mehr. Bis 2020, so eine Prognose der Unternehmensberatung Arthur D. Little, könnten schon sechs Prozent der Kaufverträge für Autos in Deutschland online abgeschlossen werden.

Auf diese Autos müssen Sie besonders lange warten
Platz 10: Citroën C4 AircrossDie Lieferzeiten eines Neuwagens können ja nach Marke und Modell sehr unterschiedlich ausfallen. Während für exotische Sportwagen wie so manchen Ferrari Wartezeiten von bis zu zwei Jahren üblich sind, beträgt die Lieferzeit für Volumen-Modelle mit mehr als 1.000 Neuzulassungen laut einer Studie des Portals meinAuto.de rund zwei Monate. Bei den hier vorgestellten Top 10 müssen sich die Kunden aber etwas länger gedulden: Citroën liefert einen C4 Aircross etwa 24 Wochen nach der Bestellung aus. Quelle: meinAuto.de Quelle: Presse
Platz 9: Audi A7 SportsbackWegen der derzeit etwas schwächeren Auftragslage ist es den Herstellern gelungen, die Lieferzeiten zu verkürzen. Beliebte Modelle wie etwa ein VW Passat oder Golf stehen meist schon nach acht bis zwölf Wochen beim Kunden. Wenn es hingegen ein Audi A7 Sportback werden soll, dauert es länger: Das viertürige Luxus-Coupé aus Ingolstadt wird derzeit nach 20 bis 24 Wochen geliefert. Quelle: Presse
Platz 8: Audi A3 Wer derzeit einen Audi A3 ordert, sollte sich genau überlegen, welche Variante ders Kompaktmodells er haben will: Der beliebte fünftürige Sportback wird in maximal acht Wochen ausgeliefert, der Dreitürer (im Bild) findet den Weg zum Kunden nicht ganz so schnell: Bei ihm liegt die Wartezeit laut der Auswertung von meinAuto.de derzeit bei 24 Wochen. Quelle: Presse
Platz 7: Peugeot 2008SUVs liegen im Trend, auch bei den Importeuren. So muss sich der Kunde bei der Bestellung eines Peugeots 2008 fast ein halbes Jahr gedulden. Das Crossover-Modell wird nach 24 bis 26 Wochen ausgeliefert. Wer von der langen Lieferzeit abgeschreckt wird, sollte sich aber genau überlegen, zu welchen Konkurrenz-Modell er greift: Bei einem Dacia Duster ist die Wartezeit mit 16-24 Wochen unter Umständen nicht viel kürzer. Quelle: Presse
Platz 6: VW Beetle CabrioWer im Frühjahr 2015 die ersten Sonnenstrahlen in einem VW Beetle Cabrio genießen möchte, sollte seine Bestellung besser jetzt schon abgeben. Das rundlich gestaltete Cabrio, das laut VW quasi in direkter Linie vom legendären Käfer abstammt, kommt mit 24 bis 28 Wochen Lieferzeit auf Platz 6. Wenn Sie heute bestellen, wird der Beetle spätestens am 3. April 2015 ausgeliefert. Quelle: Presse
Platz 5: Jeep CompassAnfang April würde auch der Jeep Compass ausgeliefert, wenn er jetzt bestellt wird. Bei dem kompakten Jeep-SUV beträgt die Lieferzeit ebenfalls 28 Wochen. Für die Amerikaner ist das eine erfreuliche Nachricht, dass das Interesse wieder zunimmt und die Kunden so lange warten müssen. In den ersten acht Monaten 2014 hat Jeep 44,6 Prozent mehr Neufahrzeuge in der Europäischen Union verkauft als im selben Zeitraum 2013. Und der kleine Jeep Renegade steht jetzt erst in den Startlöchern. Quelle: Presse
Platz 4: Seat AlhambraWer mit seinem neuen Seat Alhambra über das Osterfest 2015 in den Familienurlaub will, könnte Pech haben. Da die Lieferzeit zwischen 24 und 30 Wochen beträgt, könnte es sein, dass der Alhambra erst Mitte April an den Käufer übergeben wird – das Osterfest in Anfang des Monats. Quelle: Presse

Schon heute verzichten viele Kunden auf Vorführ- und Beratungsleistungen des Handels und konfigurieren ihren Traumwagen am heimischen PC. Teure Glaspaläste mit Dutzenden Varianten und Modellen werden darüber überflüssig. Um das Markenerlebnis zu vermitteln, reichen City-Shops, Pop-up-Stores oder Lounges wie die weltweit erste von Mercedes am edlen Ballindamm in Hamburg aus.

Hier, auf der Nobelmeile an der Binnenalster offeriert Daimler Poetry Slam, Weinproben und After-Work-Clubbing – die Autos wirken wie Beiwerk für Cocktails und Kaffee. „Wir erwarten nicht mehr, dass die Kunden zu uns kommen, sondern wir gehen jetzt zu ihnen“, sagt Mercedes-Vertriebschef Ola Källenius. Insgesamt 40 der kultigen Läden, eine Mischung aus Bistro, Bar und Eventlokal, wollen die Schwaben bis 2020 weltweit einrichten.

Diese Autos will niemand kaufen
Das erste Halbjahr 2014 ist vorüber. Zeit für die Statistiker des Kraftfahrt-Bundesamts, die Bilanz zu ziehen. Während VW vom Golf als Bestseller 2014 genau 114.720 neue Fahrzeuge auf die Straße brachte, kamen die zehn Pkw am Ende der Zulassungsstatistik zusammen auf gerade 160 Einheiten. Die rote Laterne der Zulassungsstatistik trägt im ersten Halbjahr der Cadillac CTS. Dass Cadillac bislang nur sechs Einheiten des BMW-Fünfer-Konkurrenten CTS in Stellung bringen konnte, liegt vor allem an der traditionell halbherzigen Vermarktungsstrategie der amerikanischen Premiumtochter von GM. Die dritte Generation des CTS ist erst seit Anfang des Jahres im Verkauf. Mit einem Zweiliter-Turbo, der 203 kW/276 PS leistet und einem Basispreis von 49.900 Euro ist der „Caddy“ technisch, optisch und preislich durchaus in der alten Welt angekommen. Quelle: AP
Auf lediglich eine Zulassung mehr als die amerikanische Mittelklasse kommt der Lexus LS. Die 2013 zuletzt gründlich überarbeitete Luxuslimousine aus Japan tut sich gegen deutsche Konkurrenz wie Mercedes S-Klasse oder Audi A8 unverändert schwer. Obwohl die Japaner den LS mit zwei Radständen und Hybridantrieb anbieten, wollen deutsche Kunden nicht so richtig an die mindestens 5,09 Meter lange Limousine ran. Trotz beeindruckender Ausstattung, bemerkenswerter Antriebstechnik und vorzüglicher Qualität. An mangelnder Leistung kann sich das Desinteresse kaum festmachen. Der Hybridantrieb im LS 600h mobilisiert 327 kW/455 PS. Quelle: dpa
Dass 2014 lediglich zehn deutsche Kunden Freude an einem Aston Martin Rapide gefunden haben, können die Verantwortlichen im britischen Warwickshire wahrscheinlich verschmerzen. Mehr als 2.000 Exemplare entstehen von der Sportlimousine pro Jahr sowieso nicht. Der V12 mit sechs Liter Hubraum schickt via Sechsgangautomatik 350 kW/477 PS an die Hinterräder in der S-Version sind es gar 410 kW/588 PS. Bei 180.000 Euro Einstiegspreis ist der übersichtliche Zuspruch nachvollziehbar. Quelle: AP
Ein Dutzend neue Lancia Thema registrierte die KBA-Statistik bislang in 2014. Die 5,06 Meter lange Limousine unter dem italienischen Traditionslabel ist jedoch zu hundert Prozent ein Chrysler 300. Zwei Diesel mit 140 kW/190 PS und 176 kW/238 PS, sowie ein Benzin V6 mit 210/286 PS können dem umfangreich ausgestatteten Thema seit 2011 ebenso wenig Schubkraft für den Verkauf verleihen, wie der große Name. Quelle: Fiat
13 neue Lada Granta in 2014 können aus den Augen der russischen Marketingabteilung gleichermaßen nicht den Eindruck einer Glückszahl erwecken. Lada, lange Zeit der Geheimtipp unter automobilen Preisfüchsen hat seit dem erfolgreichen Agieren von Dacia gleichermaßen seine Anhänger wie den Anschluss an den dem Markt verloren. Der 4,26 Meter lange Kompakte mit einem 59 kW/80 PS starken Vierzylinder ist ein Ladenhüter. Im Bild ist der Lada Antel-2 zu sehen. Quelle: dpa/dpaweb
Trotz gerade einmal 14 Verkäufen der ultimativen Luxuslimousine Mulsanne sieht Bentley diese geringe Zahl unter Verkaufsaspekten sicher anders. Das Flaggschiff der britischen Luxustochter von VW misst 5,57 Meter in der Länge, wiegt leer 2,6 Tonnen und schafft dennoch 296 km/h. Wenn der aufgeladene V8 mit 6,75 Liter Hubraum seine 377 kW/512 PS nur lang genug an die Hinterräder entlässt. Den 14 Neukunden war der Spaß mindestens 300.000 Euro wert. Quelle: AP
Dass Rolls Royce 2014 ebenfalls nur 14 Einheiten der Limousine Ghost zulassen konnte, mag alleine der Einstiegspreis von 250.000 Euro erklären. In den Augen der britischen BMW-Tochter repräsentiert die 5,4 Meter lange Limousine den Status eines „Einstiegsmodells“. Wie relativ das ist, unterstreichen sowohl die 420 kW/570 PS Leistung, die der V12 mit 6,6 Liter Hubraum mobilisiert wie die 2,5 Tonnen Leergewicht. Quelle: REUTERS

Zocken, rocken, Weinchen schlürfen – ist das die Zukunft des Autohandels? Es wird zumindest eine Facette sein. In der jungen Stadtbevölkerung sinkt die Bereitschaft zum Kauf eines Neuwagens. Und wer sich ein eigenes Fahrzeug leisten kann, mag sich nicht mehr auf den Weg ins Gewerbegebiet machen.

Viele Vertriebswege neben dem klassischen Autohaus

„Das klassische Autohaus wird nicht völlig verschwinden, es wird aber nur noch eine Spielart von vielen sein“, prognostiziert Jürgen Steimle, Partner bei der Unternehmensberatung MSU Consulting aus Bad Homburg bei Frankfurt, die sich auf den Autovertrieb spezialisiert hat.

Er erwartet eine „fortschreitende Modularisierung“, ein Nebeneinander unterschiedlicher Ladenkonzepte. „Das reicht vom Showroom am Flughafen als Appetizer über die Lounge im Ausgehviertel und den Konfigurator-Shop in der Fußgängerzone bis hin zum klassischen Autohaus mit angeschlossener Werkstatt am Stadtrand.“

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