WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Österreich läuft sich schon mal warm Bolivien „als Lithium-Lieferant praktisch tot“

Der Fluss Lavant fließt durch Wolfsberg Quelle: imago images

Die deutschen Autohersteller blicken nervös nach Bolivien. Durch das Chaos in dem Land wird es immer unwahrscheinlicher, dass Bolivien VW, BMW und Daimler mit dem E-Auto-Rohstoff Lithium versorgen kann. Nun will eine Kleinstadt in Österreich in die Bresche springen.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Mit Bolivien hat das österreichische Wolfsberg, eine Kleinstadt rund 250 Kilometer südlich von Wien, auf den ersten Blick rein gar nichts zu tun. Ferner als in dem beschaulichen Alpenstädtchen mit Schloss, Fluss (Lavant) und Bundesliga-Club (Wolfsberger AC) könnte Bolivien kaum sein. Und doch verfolgen in diesen Tagen viele Wolfsberger ganz genau, was sich gerade in dem Anden-Staat abspielt. Denn Wolfsberg und Bolivien sind Konkurrenten – bei dem gefragten E-Auto-Rohstoff Lithium.

Ohne das Leichtmetall, das in der Natur in Form von Lithiumhydroxid vorliegt, würde kein Elektroauto fahren. Gut zehn Kilogramm Lithium stecken in der Batterie eines größeren E-Autos. Weil fast alle Hersteller in den kommenden Jahren ihre Elektroauto-Produktion vervielfachen wollen, wird der Bedarf an Lithium sprunghaft ansteigen. Länder mit Lithium-Vorkommen, wie eben Bolivien und Österreich, würden davon gern profitieren.

Bolivien verfügt über Salzseen, in denen eines der weltweit größten Lithiumhydroxid-Vorkommen vermutet wird. Hier kann der Rohstoff über Verdunstung verhältnismäßig einfach gewonnen werden. In Wolfsberg ist es viel schwerer, an das begehrte Lithium heranzukommen: Dort lagert es in Felsgestein, das nur rund ein Prozent Lithiumhydroxid enthält. Und doch könnte die Wolfsberger Mine schon in wenigen Jahren tausende Tonnen Lithiumhydroxid fördern – vorausgesetzt, die Österreicher können sich am Weltmarkt gegen günstiges Lithium aus Ländern wie Bolivien behaupten. Da geht es Österreich nicht anders als Spanien, Finnland oder Serbien, die ebenfalls über Lithium-Vorkommen verfügen.

Wegen der höheren Produktionskosten sah es in der Vergangenheit nicht wirklich gut aus für die europäische Lithium-Förderung. Als Deutschland vor einem Jahr auch noch mit Bolivien ein Abkommen über die gemeinsame Lithium-Förderung schloss, schien sich die Lage für europäische Minen und Lithium-Projekte weiter zu verschlechtern. Doch seit einigen Tagen sehen sich die europäischen Projekte plötzlich wieder im Aufwind: Erst ließ die bolivianische Regierung den Lithium-Deal mit Deutschland platzen, dann trat auch noch der bolivianische Präsident Evo Morales zurück.

Das Land hat die schlimmsten Befürchtungen von Bundesregierung und deutschen Autobauern wahr werden lassen. „Es ist das eingetreten, was man in Südamerika leider immer befürchten muss: Dass ein Land im Chaos versinkt und aus der vereinbarten Rohstoff-Lieferung nichts wird“, sagt Stefan Müller, Chef der Frankfurter Investment-Beratung DGWA und Vorsitzender der „European Lithium“, die die Mine in Wolfsberg betreiben wird. „Die Bundesregierung hat bei dem Bolivien-Deal die Risiken nicht sehen wollen und hat nun die Quittung bekommen.“ Nicht nur Bolivien sei für die nächsten Jahre „als Lithium-Lieferant praktisch tot“, sagt Müller, „auch ganz Südamerika wird es nun schwer haben, sich als zuverlässiger Lieferant zu vermarkten und zu behaupten.“

Müller ist alles andere als neutral in der Frage. Er bricht mit den Äußerungen auch eine Lanze für sein Wolfsberger Projekt. Die Chancen für Lithium, das aus stabilen Ländern wie Österreich kommt und das im Gegensatz zu manchem Schwellenland-Lithium sozial und ökologisch verantwortlich hergestellt wurde, seien nie besser gewesen, sagt er: „Die Autohersteller werden nun erkennen, dass sie ihren Rohstoffeinkauf nach Nachhaltigkeitskriterien ausrichten müssen. Da wird in den kommenden Wochen viel in Bewegung kommen.“

Die Verantwortlichen des deutsch-bolivianischen Lithium-Deals wollen sich indes noch nicht geschlagen geben. Wolfgang Schmutz, Chef der ACI Systems Alemania (ACISA), die 49 Prozent an dem Joint Venture der beiden Länder hält, beruft sich trotz Absage der bolivianischen Regierung vor einer Woche auf die Aktenlage: „Der aktuelle Stand ist, dass das erste Gemeinschaftsunternehmen am 28. Oktober 2019 in das bolivianische Handelsregister eingetragen wurde und damit vollumfänglich rechts- und geschäftsfähig ist. Dem Aufsichtsratsgremium dieses Unternehmens gehören drei Mitglieder aus Bolivien und zwei von ACISA an.“ Eine „offizielle Information“ über die Beendigung der Zusammenarbeit habe ACISA „von bolivianischer Seite bisher nicht erhalten.“ Das deutsche Unternehmen habe die „bolivianischen Partner daher um Aufklärung gebeten.“

Auch der Rücktritt des bolivianischen Präsidenten Morales hat nach Ansicht von Schmutz keine negativen Auswirkungen auf das Lithium-Projekt. „Wir gehen davon aus, dass das Projekt weitergeführt wird“, sagt Schmutz. „Für Bolivien ist es eines der wichtigsten Projekte der letzten Jahre und eine wichtige Grundlage zur Weiterentwicklung und dem Ausbau der bolivianischen Wirtschaft.“

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%