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Deutsche Bank So tickt der Strategiechef Stefan Krause

Der Aufsichtsrat der Deutschen Bank verhandelt an diesem Freitag über die künftige Strategie und einen möglichen Verkauf der Postbank. Strategievorstand Stefan Krause ist der Mann der Stunde. Was bewegt den Finanzmann?

Stefan Krause Quelle: dpa

Zu den größten Ängsten deutscher Top-Manager gehört es derzeit, den Megatrend der Digitalisierung zu unterschätzen oder gar zu verpennen. Damit der Verdacht gar nicht erst aufkommt, sind Dienstreisen ins Silicon Valley schwer angesagt. Und so machte sich kürzlich auch eine Abordnung der Deutschen Bank auf den Weg in Amerikas gelobten Westen, um zu schauen, was sich da so tut. Was sie zu sehen bekamen, hatten sie geahnt, beeindruckte sie aber trotzdem: „Da entstehen nicht nur neue Technologien, sondern neue Wettbewerber“, sagt ein Teilnehmer.

Stefan Krause, der bei dem Ausflug als eine Art Reiseleiter fungierte, wird den Erkenntnisgewinn mit Genugtuung registriert haben. Schließlich liefert er weitere Argumente dafür, dass es bei Deutschlands größter Bank nicht so weiterlaufen kann. Es soll ein Umbruch her, und für den ist der 52-Jährige offiziell zuständig, seit er im Oktober zusätzlich zu seinem Job als Finanzchef das neue Ressort für Strategie übernommen hat. Von Mai an wird er sich ausschließlich darum kümmern.

Es ist ein Posten, den es in deutschen Chefetagen so sonst nicht gibt. Und der deshalb erst mal viele Fragen aufgeworfen hat. Als Aufsichtsratschef Paul Achleitner ankündigte, Krause als Finanzchef durch den Goldman-Sachs-Manager Marcus Schenck zu ersetzen, hielten etliche in der Bank das für eine Entmachtung. Da half es wenig, dass umgehend verlautete, dass der Wechsel seit Monaten geplant und von Krause selbst angestoßen sei. Die Aufgabe klang nach endlosen Meetings, Präsentationen – und wenig Substanz.

Die wichtigsten Aufsichtsräte der Deutschen Bank

Großer Elan

Einige sahen in dem neuem Job sogar bloß die mildere Alternative zum Rauswurf. Ganz überraschend wäre der nicht gekommen. Seit der Finanzmann 2008 vom Autobauer BMW zur Bank gekommen war, gab es immer wieder Gerüchte über fachliche wie persönliche Verfehlungen und ein angebliches Zerwürfnis mit Co-Vorstandschef Anshu Jain.

Mittlerweile aber ist klar, dass Krause nicht an den Rand, sondern sogar weiter ins Zentrum der Macht gerückt ist. Der Manager, so berichten Insider, habe sich jedenfalls mit größtem Elan in seine neue Aufgabe gestürzt und gehe voll in ihr auf. „Er läuft mit auffallend stolzgeschwellter Brust herum“, sagt ein Banker. „Das war ein cleverer Schachzug von Achleitner“, sagt ein Aufsichtsratsmitglied. „Krause ist jetzt so etwas wie der permanente Stachel im Fleisch der übrigen Vorstände.“

Dabei ist es gerade die Machtlosigkeit seiner Position, die diese so stark macht. Krause leitet keinen großen Geschäftsbereich mehr, er steuert keine Tausende von Mitarbeitern und muss keine Pfründe und Budgets gegen Begehrlichkeiten von Kollegen verteidigen. Was er sagt, kann so in der von Lagerkämpfen durchzogenen Bank als einigermaßen objektiv und frei von politischem Kalkül gelten. Als eine Art interner McKinsey-Mann soll er so die Debatte um die Strategie im Vorstand unbefangen und ohne Denkverbote vorantreiben.

Paul Achleitner Quelle: Frank Bauer für WirtschaftsWoche

Die Deutsche Bank ist im internationalen Vergleich zurückgefallen

Diese Diskussion hat die Bank seit Monaten im Griff. In den ersten drei Jahren ihrer Amtszeit kümmerten sich die Co-Chefs Jain und Jürgen Fitschen vor allem um den Abbau juristischer und bilanzieller Altlasten. Von wenigen strukturellen Anpassungen abgesehen, ließen sie die Bank ansonsten auf scheinbar bewährtem Kurs weiterdümpeln. Mittlerweile ist jedoch klar, dass sie so die für 2015 ausgerufenen Ziele verfehlen. Ein Richtungswechsel gilt intern wie extern als dringend erforderlich.

Frühere Schwenks in der Strategie wie der Kauf der Postbank 2008 erfolgten jedoch stets aus einer Position der Stärke heraus. Nun aber steht die Deutsche Bank mit dem Rücken zur Wand. Im internationalen Vergleich ist sie zurückgefallen, der Aktienkurs kommt nicht voran. Das kratzt am Selbstverständnis, etliche Banker sind frustriert und wünschen sich Veränderungen. „Ich habe die Lügen satt“, schimpft ein Manager. „Ich will nicht mehr jeden Tag hören, wie gut es läuft, und jeden Tag sehen, dass das nicht so ist.“

Es sind vor allem zwei Zahlen, die die Schwäche schonungslos offenlegen. Das für die Effizienz ausschlaggebende Verhältnis von Kosten zu Erträgen liegt trotz eines harten Sparprogramms bei 87 Prozent. Wettbewerber kommen auf 70 Prozent und weniger. Auch bei dem für die Kapitalstärke entscheidenden Verhältnis von Eigenkapital zur Bilanzsumme zählt die Bank mit 3,5 Prozent weltweit zu den Schlusslichtern (siehe Grafik).

Krause ist akribisch und schnell

Letzteres sorgt für gesteigerte Unruhe. Denn Experten halten es für wahrscheinlich, dass die Regulierer die Anforderungen hier nochmals empfindlich verschärfen. Schlimmstenfalls müsste die Deutsche Bank ihre Bilanz dann von aktuell 1,5 Billionen Euro um 500 Milliarden schrumpfen. Ungemach droht auch vom geplanten Trennbanken-Gesetz. Wenn die Bank Teile des Investmentbankings abspalten muss, braucht sie noch mehr Kapital.

Mit kosmetischen Korrekturen ist es da nicht getan. Das weiß niemand so gut wie Krause. „Er kennt die Bank vermutlich besser als jeder andere“, sagt ein langjähriger Top-Manager. Ein früherer enger Mitarbeiter staunt noch heute darüber, wie akribisch und schnell sich der Finanzchef nach seinem Wechsel zur Bank dort eingearbeitet hat. „Bei Konferenzen ist er fast immer am besten vorbereitet“, sagt auch einer, der ihn seit vielen Jahren gut kennt.

Das legen seine spärlichen öffentlichen Auftritte zumindest nahe. Bei denen präsentiert er sich meist im Schatten der Chefs als deren versierter Fachmann fürs Dröge. Beflissen und klar referiert er über Rückstellungen, risikogewichtete Aktiva und Core-Tier-One-Quoten. Humor fehlt bei solch rhetorischem Schwarzbrot naturgemäß ebenso wie visionäre Weitsicht.

Kapitalstärke europäischer Großbanken

Herr der Zahlen

Zumindest bei Investoren hat er sich so viel Respekt verschafft. So wenig sie die Aktie der Bank mögen, so sehr schätzen sie Krause persönlich. „Er war immer offen und hilfreich im Dialog“, sagt ein Fondsmanager. Das Vertrauen hat sich für die Bank ausgezahlt: Dass sie ihr Kapital in den vergangenen Jahren um insgesamt 24 Milliarden Euro erhöhen konnte, gilt nicht zuletzt als Krauses Verdienst.

Dass dessen biedere Fassade vielleicht nicht alles ist, erkannten nicht nur verdutzte Banker im Frühjahr 2011. Noch in München hatte sich Krause von seiner langjährigen Frau getrennt, nun tauchten in einer Sonntagszeitung Fotos auf, die ihn mit seiner neuen Lebensgefährtin in südfranzösischem Luxusambiente zeigten. Die hatte, wie zu lesen war, früher als Model gearbeitet, den Schwerpunkt ihrer Erwerbsarbeit aber mittlerweile auf Design und Vertrieb von Taschen aus Schlangenleder verlegt.

Dass hinter dem Herrn der Zahlen ein leichtfüßiger Lebemann steckt, bestreiten Kollegen und Weggefährten energisch. Krause sei uneitel und bodenständig geblieben. Auch wenn in der Garage des Ex-Automanagers noch ein paar Sportwagen stünden, habe er sich Distanz zu allzu offensichtlichen Insignien des Erfolgs bewahrt. „Der ist auch glücklich, wenn er zelten geht. Der braucht das alles nicht“, sagt einer, der mit ihm befreundet ist.

Die Deutsche-Bank-Doppelspitze in Zitaten

Unabhängig

Die Haltung führen Weggefährten auf seinen Lebensweg zurück. Krause kam erst mit knapp 20 Jahren zum BWL-Studium nach Deutschland. Aufgewachsen ist er in Kolumbien, wo sein Vater für VW arbeitete. Die Jahre haben ihn geprägt, noch heute reist er regelmäßig dorthin. „Südamerika hat ihn gelassen und unabhängig gemacht“, sagt ein Freund. So sei er zwar enorm ehrgeizig, halte aber nicht viel von den üblichen Intrigen in den Chefetagen. „Der kann da morgen hinausgehen und ist trotzdem glücklich“, sagt der Weggefährte.

Die Unabhängigkeit hilft ihm bei seiner aktuellen Aufgabe. Die Grundsatzdiskussionen finden bislang nur im Vorstand statt, doch was davon nach außen dringt, beeindruckt. „Ich habe noch nie einen derart grundlegenden und gut strukturierten Prozess erlebt“, lobt ein Aufsichtsrat.

Es ist tatsächlich eine mehr als umfassende Analyse des Status quo und aller Stärken und Schwächen, mit der Krause die Bank in ihre Einzelteile zerlegt, um sie daraus möglichst zukunftsträchtig neu zusammenzusetzen. Er hat eine enorm komplexe Datensammlung angerichtet und in einer sogenannten Matrix wieder geordnet.

Krauses komplexes Konstrukt

Alle Geschäfte sind nach Regionen, Produkten und Kundengruppen sortiert. Ihre Erfolgsaussichten messen sich, wie Insider berichten, nach rund einem Dutzend festgelegter Kriterien. Dazu zählen vier harte, finanzielle Faktoren wie die Eigenkapitalrendite. Sie ergänzen „geschäftspolitische Erwägungen“ wie die werbewirksame Nummer-eins-Position in Deutschland. Hinzu kommen Größen wie die Wahrnehmung der Bank in der deutschen Öffentlichkeit und die Vermittelbarkeit von Beschlüssen bei den Mitarbeitern.

Aus dem gigantischen Puzzle soll sich jenes Modell herauskristallisieren, das beste Perspektiven bietet. Leicht ist das nicht, denn in Krauses komplexem Konstrukt hängt alles mit allem zusammen. Letztlich, so heißt es im Institut, wird die Wahl zwischen drei oder vier Grundrichtungen fallen. Sollte die Bank ihre Stärke in der globalen Präsenz suchen, würde sie auch unprofitable Niederlassungen im Ausland fortführen, aber weniger Produkte anbieten. Würde sie ihre Zukunft dagegen als Adresse für Unternehmen und reiche Privatanleger sehen, könnte sie etliche Filialen dichtmachen. Eine andere Option ist es, sich künftig mehr auf Europa zu konzentrieren.

Eine bloß etwas abgespeckte Version des bisherigen Kurses ist im Vorstand zwar diskutiert worden, dort aber wohl kaum mehrheitsfähig. Das Messer soll tiefer schneiden, fraglich ist nur, wo es ansetzt. Offenkundig scheint vor allem, dass die Bank ein zu großes und dabei wenig profitables Geschäft mit anderen Banken betreibt. Es dürfte ebenso schrumpfen wie der im Investmentbanking angesiedelte Handel mit Anleihen. Zudem dürften sich kleinere Auslandsaktivitäten in Polen oder Südkorea reduzieren. Sie sind der Bank bei Zukäufen zugefallen, ihr Sinn erschließt sich selbst Insidern kaum noch.

Verkauf der Postbank?

Ein großer Brocken wäre der intern umstrittene Verkauf der Postbank. Zudem dürfte, so vermuten Insider, die 20-Prozent-Beteiligung an der chinesischen Hua Xia Bank auf den Prüfstand kommen. Jain hat den Sinn des Engagements bei dem Filialinstitut intern schon mehrfach ebenso heftig bezweifelt, wie ihn Privatkundenvorstand Rainer Neske verteidigte. Der Wertverfall chinesischer Banken hatte die Diskussion zeitweise gestoppt. Nun jedoch erhält sie neuen Auftrieb.

Um die neuen Pläne Wirklichkeit werden zu lassen, wird sich die Bank vermutlich um die fünf Jahre Zeit geben. Für die Umsetzung soll Krause sorgen. Dabei kann er sich weiter auszeichnen und sich womöglich für noch höhere Weihen empfehlen. Wenn in der Bank darüber spekuliert wird, wer den spätestens 2017 ausscheidenden Co-Chef Fitschen beerbt, ist neben dem Namen seines Nachfolgers Schenck auch Krauses Name zu hören.

Es wäre für ihn die zweite Chance für einen Job ganz oben. Schon bei BMW war Krause als Finanzvorstand ein heißer Kandidat für die Nachfolge des damaligen Chefs Helmut Panke, hatte 2006 aber gegen Norbert Reithofer den Kürzeren gezogen. Als ihn der damalige Aufsichtsratschef der Deutschen Bank Clemens Börsig ansprach, zauderte er nicht lange.

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Kulturmanagement

Dass er mehr als 20 Jahre bei dem Autokonzern war und so nicht als Banker sozialisiert wurde, spricht nicht notwendigerweise gegen den weiteren Aufstieg. Schwerer könnten fachliche Mängel wiegen. So hatte etwa die US-Börsenaufsicht Mängel im Controlling der Deutschen Bank scharf kritisiert. Die führten auch zu einer Untersuchung der deutschen Finanzaufsicht BaFin – und zu einem leicht gekürzten Jahresbonus für Krause. Auch wenn die Mängel mittlerweile weitgehend behoben sind, kritisieren einige Deutschbanker, dass Krause dabei zu unentschlossen vorging.

Sollte der Sprung ausbleiben, dürfte das Krause nicht ins ewige Unglück stürzen. Schon bei BMW ging sein Blick über Excel-Tabellen und Charts hinaus. So vertrat er das Unternehmen gerne bei Opernpremieren und Ausstellungseröffnungen. Bei der Deutschen Bank ist er nun auch für das weltweite Kulturmanagement zuständig. Dazu zählt eine Sammlung von 60.000 Bildern, Zeichnungen und Fotografien.

Für die hat er weit mehr als nur theoretisches Interesse. Krause malt auch selbst. „Das entspannt ihn“, sagt ein von den kreativen Schüben des Finanzmanns beeindruckter Freund. Der erinnert sich auch an gemeinsame Spaziergänge, die Krause immer wieder kurz unterbrach, um seine Kamera zu zücken und Details am Wegesrand aufzunehmen: „Er hat ein untrügliches Gespür für den richtigen Moment.“

Dass das stimmt, muss Krause nun mehr denn je in der Bank beweisen. Sie kann es gut gebrauchen. Er auch.

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