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Deutsche Bank und Commerzbank „Ein Zusammenschluss entbehrt nicht einer gewissen Ironie“

Deutsche Bank und Commerzbank: Fusion könnte die Banken stärken Quelle: dpa

Laut dem Kapitalmarkt- und Fusionsforscher Michael Grote könnte der von der Regierung forcierte Zusammenschluss die beiden Großbanken stabiler machen. Dabei wollte die Politik überdimensionierte Finanzriesen eigentlich in die Schranken weisen.

WirtschaftsWoche: Herr Grote, eines Ihrer Forschungsergebnisse lautet, dass Manager oft Fusionen forcieren, um ihre Machtbasis zu stärken. Trifft das auch im Fall des diskutierten Zusammenschlusses von Deutscher Bank und Commerzbank zu?
Michael Grote: Nein, denn hier scheint es einen starken Druck der Politik auf das Management zu geben, einen Zusammenschluss oder eine Zusammenarbeit zu prüfen. Laut der von Ihnen angesprochenen Studie ist der „Home Bias“ besonders groß, wenn die an einer Fusion beteiligten Unternehmen räumlich nah zusammen liegen. Das ist bei der Deutschen Bank und der Commerzbank klar der Fall, liegt aber nur daran, dass sich die deutsche Finanzbranche in Frankfurt ballt. Einen „Home Bias“, also eine Voreingenommenheit der Manager für Unternehmen in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft im Sinne dieser Fusionsstudie, sehe ich hier nicht.

Zur Person

Steht das Projekt Zusammenschluss in schlechtem Licht, weil beide Partner von höchster Stelle zu einer Fusion gedrängt werden müssen?
Der Prozess ist politisch getrieben, wobei ich es mir allerdings schwer vorstellen kann, dass Berlin einen Freibrief für die anschließend notwendigen Massenentlassungen ausstellt. Doch es gibt wichtige volkswirtschaftliche Argumente für einen Zusammenschluss. Die deutsche Exportindustrie braucht eine Bank aus der Heimat, um die weltweiten Geschäfte zu finanzieren – und zwar auch noch nach der nächsten Finanzkrise.

Was würde bei einer neuen Finanzkrise mit der Deutschen Bank und der Commerzbank passieren?
Der Erfahrung aus der letzten Krise 2008/2009 zeigt, dass Banken sich in einer solchen Situation gegenseitig kein Geld mehr leihen. Sie können dann nur noch von den Einlagen ihrer Privat- und Firmenkunden zehren und brauchen obendrein viel Geld aus der Steuerkasse. Ein Großinstitut, bestehend aus Deutscher Bank und Commerzbank, wäre in einer solchen Situation stabiler. Vor allem die politische Rückendeckung und der verbliebene Staatsanteil aus der Berliner Commerzbank-Beteiligung würde die Geldgeber dieser Bank erheblich beruhigen. Gläubiger lieben solche impliziten Staatsgarantien.

Implizite Staatsgarantie? Das ist doch genau das, was die Politik in den Jahren nach der Finanzkrise unbedingt abschaffen wollte.
Deshalb entbehrt ein Merger von Deutscher Bank und Commerzbank nicht einer gewissen Ironie. Eigentlich sollten Banken nicht mehr so groß sein, dass ihre Pleite für eine Volkswirtschaft nicht mehr verkraftbar wäre. Die neuen europäischen Finanzmarktregeln sollen einen Bail-out, also eine Rettung von Banken mit Steuergeld, zwar verhindern. Trotzdem können schwankende Banken noch Hilfen aus den europäischen Rettungsschirmen erhalten.

Auch die Finanzaufseher bei der Europäischen Zentralbank, Bundesbank und Bafin befürworten Zusammenschlüsse von Banken. Warum?
Das betrifft vor allem die deutschen Banken, weil diese sich einen harten Wettbewerb liefern und unter hohen Kosten leiden. Wenn sie ihre IT-Plattformen oder Filialen zusammenlegen, können sie nach dem Kalkül der Aufseher viel Geld sparen, auch Personalkosten. Auch die Deutsche Bank und die Commerzbank könnten gemeinsam stabiler werden. Beide beraten und finanzieren zahlreiche Kunden und erzielen hohe Umsätze. Das Problem sind die Kosten. Vor allem bei Privat- und Firmenkunden und bei den Computersystemen kann gespart werden. Dank Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken wäre immer noch für genügend Wettbewerb gesorgt, sodass wohl keine marktbeherrschende Position entsteht.

Beiden Großbanken sind Fusionen in der Vergangenheit schlecht bekommen. Haben sie aus den Negativerfahrungen gelernt?
Die Commerzbank hatte ihre Probleme mit dem Kauf der Dresdner Bank oder der Eurohypo, die viele marode Staatsanleihen und Immobilienkredite auf der Bilanz hatte. Auch die Integration der Postbank in die Deutsche Bank ist noch nicht vollständig abgeschlossen. Doch die Zusammenschlüsse brachten stabile Kundeneinlagen ins Haus. Dieses Geld verschwindet im Fall einer Krise längst nicht so schnell wie die Übernacht-Finanzierung am Geldmarkt. Bei Fusionen und Integrationen steckt der Teufel immer im Detail. Das ist für das Management anfangs kaum zu überblicken. Von außen lässt sich das erst recht nicht beurteilen.

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