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Gerhard Schick „Wir haben die Finanzkrise noch immer nicht überwunden“

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„Bankensektor leider noch nicht wieder unter Kontrolle“

Werden die Banken stabiler, wenn sie weniger verdienen?
Wir haben gerade veröffentlicht, dass die Bankenrettung in Deutschland den Steuerzahler mehr als 68 Milliarden Euro kostet. Mit dieser Wahnsinnssumme, welche die indirekten Kosten wie Konjunkturpakete und steigende Mieten noch gar nicht umfasst, hätten wir auch Schulen sanieren, Brücken reparieren oder Schulden in den Kommunen auflösen können. Dann stünden wir heute besser da. Aber wir mussten das Geld aufwenden, weil ein Sektor völlig außer Kontrolle geraten ist. Und leider haben wir ihn noch nicht wieder unter Kontrolle gebracht.

Ist das nicht eher eine Frage des Wettbewerbs, ob die Angebote der Finanzdienstleister fair sind und eine Win-Win-Situation schaffen?
Aber wenn der Markt intransparent ist, kann sich der bessere Anbieter nicht durchsetzen. Es gibt ja schon Honorarberater. Aber solange der Anschein erweckt werden kann, dass alle anderen eine kostenlose Beratung anbieten, haben die Honorarberater keine Chance. Wenn sich Vertriebsorganisationen als unabhängig bezeichnen, hinter denen ganz klar einzelne Versicherer stehen, hat der wirklich unabhängige Berater keine Chance, weil die Kunden ihn nicht finden. Gleiches gilt für viele Anlageprodukte, die für den Kunden unverständlich sind. Wir müssen die Regeln so ändern, dass gute Angebote zum Sparer durchkommen.

Haben sie Unterstützer aus der Finanzbranche?
Viele meiner Vorschläge finden dort Unterstützung. Mitglieder unserer Organisation sind auch der ehemaliger Private Equity-Manager Udo Philipp und der ehemalige Investmentbanker Rainer Voss. Auch diese Leute sagen, dass unser Finanzsektor so nicht gut aufgestellt ist. Sie wollen, dass er wieder produktiver ist – für alle Beteiligten.

Deutsche Banken werden gerade international ziemlich abgehängt. Was sagen Sie jenen, die nach einem starken deutschen Bankensektor rufen?
Wir brauchen zwar einen starken Bankensektor, aber wir brauchen keine Banken, die „too big to fail“ sind. Die sind für den Steuerzahler zu riskant. Das Problem in Deutschland ist, dass seit bald 30 Jahren von politischer Seite nicht das Richtige getan wurde, um im Bankensektor vernünftige Strukturen zu etablieren. Wir hatten schon in den Neunzigerjahren Landesbanken ohne wirkliches Geschäftsmodell. Die NRW-Grünen haben schon 1995 gefordert, die WestLB zu verkaufen, weil wir gesehen haben, dass da nicht Gutes draus werden kann. Mon Dieu, was hätten wir an Geld gespart! Das Schlimme ist, nach 2008 wurde in Deutschland im Bankensektor auch nicht aufgeräumt. Wir sind jetzt noch dabei, Banken zu stabilisieren, im Moment die NordLB. Deutsche Bank und Commerzbank sind wackelig. Für Banken in Deutschland sehe ich deshalb Handlungsbedarf. In den USA hat man dagegen nach 2008 aufgeräumt.  

Als die Blase platzte

Fürchten Sie nicht, Ihr Abschied als Berufspolitiker wird als Signal verstanden, dass selbst sachkundige Politiker über parlamentarische Entscheidungsprozesse resignieren?
Ich sehe das nicht so und hoffe, dass sich diese Interpretation nicht durchsetzt, denn sie ist falsch. Im Umwelt- oder Sozialbereich, wo es zivilgesellschaftliche Organisationen gibt, wäre ich nie auf die Idee gekommen, zu einer NGO zu wechseln. Aber spezifisch in meinem Bereich sehe ich eine Lücke in der Gesellschaft, die ich füllen kann. Ich teile jedenfalls nicht die These, dass man aus dem Parlament nichts bewegen kann und habe das auch anders erlebt. 

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