Verstaatlichte Banken: Wie es den Sündern der Finanzkrise heute geht
Laut einem Bericht der französischen Zeitung "Les Echos" sitzen die europäischen Bad Banks auf Schrottpapieren im Wert von mehr als 1.000 Milliarden Euro. Alleine die Bad Bank der belgisch-französischen Bank Dexia besäße faule Kredite und andere Giftpapiere im Wert von 266 Milliarden Euro – Rekord in Europa. Auch die französische Natixis halte immer noch faule Papiere im Wert von 13,5 Milliarden Euro.
Doch nicht nur die französischen Bad Banks sitzen immer noch auf Müllbergen....
Foto: APCommerzbank
Interne Bad Bank: Portfolio Restructing Unit
Zum 30. September 2009 sammelte die Commerzbank 44 Milliarden Euro an Schrottpapieren in einer firmeninternen Bad Bank. 2012 schrumpfte das Portfolio der internen "Bad Bank" um 17 Prozent auf 151 Milliarden Euro. Dabei fokussierte sich die Commerzbank vor allem auf die gewerbliche Immobilien- und Staatsfinanzierung. Bis 2016 soll das Portfolio dieser Abbaueinheit NCA auf gut 90 Milliarden Euro abschmelzen - vorzugsweise wertschonend über Fälligkeiten, in Einzelfällen werden nach früheren Angaben durch den Verkauf von Papieren aber auch Verluste in Kauf genommen.
In der Bad Bank lagert der Immobilien- und Staatsfinanzierer Eurohypo, inzwischen umbenannt in Hypothekenbank Frankfurt, sowie die Schiffsbank. Aus all diesen Geschäftsbereichen zieht sich die Commerzbank komplett zurück. Auch einige Uraltlasten aus der Investmentbank von der Finanzkrise 2008 sind dabei.
Foto: dpaHypo Real Estate - FMS Wertmanagement
Die Bad Bank der verstaatlichten Münchener Immobilien Bank besaß bei ihrer Gründung zum 1. Oktober 2010 Schrottpapiere im Wert von 175,6 Milliarden Euro. Zum 30. Juni 2011 hat sie den Bestand auf 160,5 Milliarden Euro reduziert. 2012 konnte die Abwicklungsbank FMS einen Überschuss von 37 Millionen Euro erwirtschaftet.
Der Trend hatte sich bereits im ersten Halbjahr abgezeichnet. So hatte das Institut unterstützt von anziehenden Finanzmärkten von Januar bis Juni seinen Verlust auf 50 (Vorjahreszeitraum: 689) Millionen Euro reduziert. Auch in der zweiten Jahreshälfte hatte sich die Erholung an den Finanzmärkten weitgehend fortgesetzt. Dadurch hätten sich die Altlasten um 38 Milliarden Euro reduziert, sagte ein Insider.
Foto: dapdHSH Nordbank
Eine interne Bad Bank kümmerte sich um die Altlasten der Landesbank von Hamburg und Schleswig Holstein. Am 31. Dezember 2010 startete der Finanzfriedhof mit 69 Milliarden Euro. 2012 haben die Schifffahrtskrise und hohe Gebühren für Staatsgarantien der HSH Nordbank Verluste eingebrockt. Wegen der Lasten durch drohende Kreditausfälle in der internen Bad Bank und steigender Garantiekosten geht die Landesbank 2013 von einem weiteren Fehlbetrag aus. Erst 2014 ist ein Lichtstreif am Horizont in Sicht. Dann will das seit Jahren kriselnde Institut dank weiterer Fortschritte im Kerngeschäft „ein deutlich positives Konzernergebnis“ erwirtschaften.
Im abgelaufenen Jahr musste die HSH, die nach wie vor in der Schiffsfinanzierung führend ist, erneut viel Geld für drohende Kreditausfälle zurücklegen. Hinzu kamen 473 Millionen Euro an künftigen Gebühren für Garantien, die bereits jetzt in der Bilanz verbucht wurden. Der Vorsteuerverlust verringerte sich dennoch leicht auf 185 (Vorjahresminus: 206) Millionen Euro, weil es im Kerngeschäft bereits besser lief.
Foto: dpaWestLB
Die vom übrigen Institut abgespaltene Bad Bank "Portigon", vormals "Erste Abwicklungsanstalt EAA" bündelte zum 1. Januar 2010 Schrottpapiere im Wert von 77,5 Milliarden Euro. Nach zwei herben Verlustjahren konnte die Bad Bank 2012 einen Minigewinn erzielen. Dank der Erholung der US-Immobilienmarktes weist die Portigon einen Jahresüberschuss von 6,6 Millionen Euro aus. 2011 hatte der Schuldenschnitt für Griechenland zu einem Verlust der Bad Bank von 878 Millionen Euro geführt.
Der Vorstand betonte, dass die Abwicklung der WestLB-Papiere schneller als geplant vorankomme. Seit ihrer Gründung vor gut drei Jahren habe die Bad Bank in mehreren Schritten Bestände in der Größenordnung von rund 200 Milliarden Euro übernommen. Abgewickelt wurden bereits Kredit- und Wertpapiere im Gesamtvolumen von 68 Milliarden Euro.
Foto: dpaBayernLB
Die Bayern tauften ihre interne Bad Bank Projekt Herkules. Ein passender Name. Mit 67,2 Milliarden Euro Finanzschrott startete das Projekt am 1. Juli 2009. Zum Jahresende 2011 waren es nur noch 27 Milliarden Euro. Der Freistaat haftet mit einer Garantie von 4,8 Milliarden Euro für Verluste durch strukturierte Altkredite aus der Finanzkrise. Bislang reichte der Eigenanteil der Bank in Höhe von 1,2 Milliarden Euro, die Lasten der Vergangenheit aufzufangen. Davon ist jedoch bereits die Hälfte aufgebraucht.
Die Landesbanker verwalten ihre 27 Milliarden Euro schwere Bad Bank intern in der eigenen Bilanz. Gut 40 Prozent davon entfallen auf sogenannte ABS-Papiere. Das sind gebündelte und verbriefte Kleinkredite, von denen keiner weiß, ob und in welchem Umfang die Schuldner sie zurückzahlen können.
Foto: dpaBank of Ireland - NAMA
Die irische Regierung gründete im September 2009 die erste Bad Bank in Europa - die National Asset Management Agency (NAMA) Sie übernahm faule Kredite im Wert von 47 Milliarden Euro. Irland erhielt eine Finanzspritze des IWF über 67,5 Milliarden Euro und Gelder aus dem EU-Rettungsschirm, um den Bankensektor zu stabilisieren. Übrig blieben nur zwei von fünf Banken - die Bank of Ireland und die Allied Irish Banks.
Bis zum 31. März 2012 wurden Immobilienverkäufe im Wert von insgesamt acht Milliarden Euro genehmigt – 90 Prozent davon betrafen Objekte im Ausland. Eingenommen hatte die NAMA (Stand September 2011) bis dato allerdings nur 2,7 Milliarden Euro.
Foto: dapdRoyal Bank of Scotland
In Großbritannien gibt es eine offene und zwei versteckte Bad Banks. Die offene ist die UK Asset Resolution (UKAR). Sie gehört dem Staat und ist seit 2010 der Ort, wo die Schrottpapiere der Northern Rock und der Bausparkasse Bradford and Bingley im Nominalwert von 75 Milliarden Pfund lagern. Eine Teil der Altlasten konnte die UKAR bereits abtragen. Die versteckten Bad Banks gehören zu den Großbanken Royal Bank of Scotland (RBS) und Lloyds Banking Group. Beide Institute konnten ihre Giftpapiere 2011 deutlich reduzieren.
Jetzt hat die britische Notenbank eine Zerschlagung der RBS gefordert. Der scheidende Chef der Bank of England, Mervyn King, will "die gefährlichen Teile" der RBS von der gesunden Kernbank trennen und letztere mit Kapital stärken. Momentan gehören 82 Prozent der Anteile der britischen Regierung, die die Bank 2008 auf dem Höhepunkt der Finanzkrise mit über 45 Milliarden Pfund stabilisieren musste.
Foto: ReutersSareb
Die spanische Bad Bank Sareb ist noch relativ jung. Zunächst hatte sich die Regierung darauf geeinigt, unter dem Namen Bankia sieben von der Pleite bedrohte spanische Regionalbanken zusammenzuschließen, um einen Bail-out zu verhindern. Wegen des massiven Kurseinbruchs der Bankia-Aktie änderte die Regierung ihren Kurs und gründete die Bad Bank Sareb, in der nun unter anderem faule Immobilienkredite in Höhe von bis zu 60 Milliarden Euro lagern. Die "Bad Bank" war eine Voraussetzung dafür, dass Spanien für seine angeschlagenen Banken bis zu 100 Milliarden Euro von der Europäischen Union erhielt.
Foto: REUTERSDie Finanzkrise gebar eine ganze Schar von Unternehmensskandalen. Von Gier und „too big to fail“ – also zu groß um Pleite zu gehen – war die Rede, es flossen zig Rettungsmilliarden aus den Staatskassen in die schwarzen Löcher der Bankbilanzen. Als nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers und der geplatzten Immobilienblase in den USA etliche Banken, Versicherungen und Finanzdienstleister am Rande des Ruins standen, erlebten die längst totgesagten großen Verstaatlichungen von Unternehmen eine Renaissance. Obwohl sie eigentlich jeglicher marktwirtschaftlichen Vernunft widersprachen. Bleibt die Frage: Hat sich der Einsatz von Steuerzahlermilliarden eigentlich gelohnt?
Reüssieren die verstaatlichten Konzerne?
Zumindest vereinzelt können die verstaatlichten Finanzkonzerne Erfolge vorweisen. Etwa beim einst größten Versicherungskonzern der Welt, die American International Group (AIG). Der Konzern hatte sich auf dem US-Häusermarkt massiv verzockt. Weil die US-Regierung durch eine Pleite unkontrollierbare Schockwellen in der Finanzindustrie fürchtete, wurde AIG auf Biegen und Brechen gerettet. In mehreren Tranchen pumpten die USA insgesamt 182 Milliarden Dollar in das Unternehmen, das seinerzeit als das gefährlichste Unternehmen der Welt galt. Es war die teuerste Rettungsaktion überhaupt im Zuge der Finanzkrise. Im Gegenzug übernahm die US-Regierung die Mehrheit an den AIG-Aktien. Damit hielt der schützende Staat 92 Prozent an AIG.
Doch das Bild hat sich mittlerweile deutlich gewandelt. AIG verdient wieder Milliarden. Stück für Stück befreit sich der Konzern aus seinem staatlichen Käfig. Bis auf 25 Milliarden ist das zur Rettung bereitgestellte Geld wieder zurückgezahlt. Nach jüngsten Angaben will das US-Finanzministerium nun AIG-Aktien im Wert von 5,75 Milliarden Dollar zu verkaufen. Die Beteiligung des Staates an AIG soll so weiter reduziert werden, von zuletzt 61 auf etwa 53 Prozent. AIG selbst will Aktien im Wert von drei Milliarden zurück kaufen. Es ist bereits die vierte Aktienplatzierung durch den Mehrheitsaktionär.
AIG verdient wieder Milliarden
Was zur Zeit der Verstaatlichung kaum jemand für möglich gehalten hätte, ist die schnelle Rückkehr zur Ertragsstärke. Aber der Versicherer ist auf einem guten Weg, die bisherige Genesung von AIG eine Erfolgsgeschichte – auch wenn es zur vollständigen Reprivatisierung noch lange dauern wird. Im zweiten Quartal hatte sich der AIG-Gewinn unter anderem dank Steuervergünstigungen nochmals erhöht, auf 2,33 (Vorjahr 1,84) Milliarden Dollar. Dank höherer Versicherungsprämien und niedrigerer Katastrophenbelastungen ging es im Geschäft mit Schaden- und Unfall-Versicherungen steil nach oben. Auch mit der Lebensversicherungssparte ging es aufwärts.
JP Morgan Chase
Die nach Vermögenswerten größte US-Bank JP Morgan Chase sieht ihre Teilbereiche derart hoch angesehen, dass sie sich gut verkaufen würden. Im Übrigen verfüge die Bank über Liquiditätsrserven in Höhe von fast 400 Milliarden Dollar. Schon vor zwei Wochen vor dem Finanzausschuss des Senats hatte Firmenchef Jamie Dimon angesichts eines Milliardenverlustes durch Fehlspekulationen beteuert, dass JP Morgan im Fall der Fälle nicht vom Steuerzahler gerettet werden müsste.
Die Bank of America bleibt im öffentlichen Teil ihres Testaments ähnlich vage wie die übrigen Institute. Sie spricht unter anderem von unbestimmten Käufern (darunter „nationale, internationale und regionale Finanzinstitute“), die im Falle einer Pleite Teile der Bank übernehmen würden. Der Steuerzahler müsse nicht zur Hilfe kommen.
Foto: REUTERSDie Bank unter Firmenchef Vikram Pandit beteuert, im Fall einer Pleite abgewickelt werden zu können. Und zwar in einer Weise, die kein systemisches Risiko berge, die die Finanzmärkte nicht in Aufruhr bringe und keine Milliarden von den Steuerzahlern notwendig mache.
Foto: dpaLaut dem Notfallplan würde die Investmentbank „rasch“ Geschäftsteile oder Vermögenswerte verkaufen und damit eine Liquidation vermeiden. Der Branchenprimus nutzt derweil sein Testament auch, um die ganze Übung indirekt als sinnlos zu bezeichnen. „Die Umstände, die zu einem Kollaps einer für das System wichtigen Institution führen, werden wahrscheinlich andere sein als in diesen Annahmen vorgegeben“.
Foto: REUTERSMorgan Stanley
Die Investmentbank Morgan Stanley mit ihrer weltgrößten Broker-Sparte würde ebenfalls „abtrennbare“ Teile verkaufen. Man habe Vorsorge getroffen, dass eine Abwicklung keine Panik auf den Finanzmärkte auslösen würde.
Die britische Großbank kommt für das Szenario ihres Untergangs im öffentlichen Teil des Testaments mit einer halben Seite aus. Darin heißt es unter anderem, die Notfallpläne seien so ausgeklügelt, dass im Falle einer Pleite eine Katastrophe auf den Finanzmärkten nicht zu erwarten sei.
Foto: REUTERSDie Deutsche Bank deutet an, dass die US-Regulierer im Erstfall die deutsche Bankenaufsicht BaFin umgestört operieren lassen sollten. Dann sei die im Notfall zu gründende Überbrückungsbank in der Lage, die US-Firmenteile mit Liquidität zu versorgen.
Foto: dpaDie Credit Suisse wartet mit drei verschiedenen Szenarien jeweils für den Schweizer, den amerikanischen und den britischen Markt auf. So sollen die wichtigsten Geschäfte im Fall einer Pleite in eine Überbrückungsbank überführt werden. Außerdem, so heißt es vage weiter, beinhalte der Plan „eine beträchtliche Anzahl vorbereitender Maßnahmen, um eine zügige und effektive Auflösung“ zu erreichen.
Foto: dapdDie Schweizer Großbank begnügt sich mit einem Absatz am Ende des öffentlich zugänglichen Dokuments. Darin heißt es unter anderem, dass die Zahl der potentieller Käufer von UBS-Geschäften angesichts der schieren Größe der Bank begrenzt sei. „Die wahrscheinlichsten Kandidaten wären die Konkurrenten der UBS“.
Foto: REUTERSFür AIG-Aktionäre ist dennoch kein Land in Sicht. Kurse von mehr als 1400 Dollar je Aktie, wie sie vor der Finanzkrise auf dem Kurstafeln standen, wird es das Papier wohl nie mehr erreichen. Und auch in der jüngeren Vergangenheit hatte der AIG-Kurs schon mehr als die aktuell 32 Dollar erreicht. Das Aktienangebot belastet natürlich die Kurse, ein Investment bleibt bestenfalls für langfristig orientierte Optimisten interessant. Immerhin weckt die operative Erholung des Versicherungskonzerns ein wenig Hoffnung.
Großbritanniens schottisches Geldgrab
Auch Großbritannien hat ein großes Sorgenkind – und wird es nicht los. Die einst hoch angesehene Royal Bank of Scotland (RBS) steckt weiter tief in der Krise. In Regierungskreisen wird offensichtlich sogar über eine vollständige Verstaatlichung nachgedacht. Derzeit hält der Staat Großbritannien bereits 82 Prozent der Anteile. Die RBS hat im ersten Halbjahr 2012 Vorsteuerverluste von 1,5 Milliarden Pfund, umgerechnet 1,91 Milliarden Euro angehäuft, wie Ende vergangener Woche bekannt wurde. Im Vergleichszeitraum des Vorjahres war der Verlust zwar auch sehr hoch, aber mit 794 Millionen Pfund immer noch deutlich niedriger. Das Minus fiel unter anderem deshalb höher aus, weil die Bank insgesamt 300 Millionen Pfund für weitere Straf- und Entschädigungszahlungen zurücklegen musste. Damit sollen unter anderem Ausgleichszahlungen für zu Unrecht an Kunden verkaufte Kreditausfallversicherungen und für die Folgen eines Zusammenbruchs des Computersystems geleistet werden.
Einziger Lichtblick in der tiefroten Bilanz: Operativ lag die Bank mit 1,8 Milliarden Pfund im Plus. Wertberichtigungen auf Kredite in Höhe von 2,9 Milliarden Pfund sowie die Rückstellungen glichen die Gewinne jedoch mehr als aus. RBS-Vorstandschef Stephen Hester, der wegen der Probleme bereits auf eine Bonuszahlung für 2012 verzichtet hat, sieht sein Haus dennoch auf dem richtigen Weg. „Wir sind unseren Weg weitergegangen, um die Bank sicherer und stärker zu machen“, sagte er. „Wir räumen mit den Problemen der Vergangenheit auf.“
Das Problem: Die RBS wird immer wieder von der Vergangenheit eingeholt. Hester hatte erst vor wenigen Tagen zugegeben, dass die königliche Bank von Schottland auch in den Skandal um manipulierte Libor-Zinssätze in den Jahren 2005 bis 2009 verwickelt ist. Der britische Konkurrent Barclays hatte dafür bereits 290 Millionen Pfund an Strafzahlungen leisten müssen. Die Ermittlungen fokussieren sich offenbar auf diese beiden Großbanken, rund ein Duzend Banken sollen an der Manipulation beteiligt gewesen sein. Ob ähnlich hohe Strafzahlungen wie bei Barclays für die RBS fällig werden, wollte oder konnte Bankchef Hester nicht sagen. Immer hat sich inzwischen bestätigt, dass wegen der Zinsmanipulation einige Mitarbeiter entlassen wurden.
Rang 2
Aufschließen zur Deutschen Bank wollte die Commerzbank Anfang des Jahrtausends, als mit der damaligen Dresdner Bank und der HypoVereinsbank noch zwei Institute zwischen dem Branchenführer und dem Möchtegern-Aufsteiger standen. Zwar besetzt die Commerzbank heute mit einer Bilanzsumme von rund 660 Milliarden Euro tatsächlich den zweiten Platz im Ranking der größten deutschen Kreditinstitute, doch die Aufholjagd mit dem Kauf der Dresdner Bank mitten in der Finanzkrise 2008 ist ihr schlecht bekommen. Nach dem Staatseinstieg muss das einst so ehrgeizige Unternehmen unter Chef Martin Blessing nun massenhaft Randgeschäft aus der Bilanz räumen. In einigen Bereichen sieht die Commerzbank trotzdem besser aus als ihre mächtige Konkurrentin Deutsche Bank.
Foto: dpaMittelstand
Kredite an innovative Betriebe und Unternehmer vergeben, den Zahlungsverkehr deutscher Exportunternehmen abwickeln und das Engagement der hiesigen Industrie im Ausland gegen Währungsschwankungen und volatile Rohstoffpreise absichern – das erklärt die Commerzbank gerne zu ihrer Paradedisziplin. Kein Wunder, denn die Kreditvergabe gilt in den Augen der Öffentlichkeit als volkswirtschaftlich sinnvoll und die zu einem Viertel verstaatlichte Bank kann sich dank dieser Aktivitäten als guter Corporate Citizen darstellen.
Foto: dpaTatsächlich glänzt das Mittelstandssegment unter Vorstand Markus Beumer im Gegensatz zum schwächelnden Privatkundengeschäft, die Commerzbank ist bei Mittelstandskrediten nach eigenen Angaben Marktführer unter den Großbanken vor der Deutschen Bank. Der Primus hat durch undurchschaubare Finanzgeschäfte zum Nachteil seiner mittelständischen Kunden an Vertrauen in der deutschen Unternehmerschaft eingebüßt, dagegen genießt die Commerzbank einen guten Ruf in weiten Teilen der Industrie. 1:0 für die Commerzbank.
Foto: dpaInvestmentbanking
Mit der Übernahme der Dresdner Bank wollte die Commerzbank auch im Investmentbanking zur Deutschen Bank aufschließen. Das per Fusion zur zweitgrößten Bank aufgestiegene Institut konnte zwar wichtige Großdeals abwickeln, etwa die Finanzierung des Herzogenauracher Autozulieferers Schaeffler bei der Übernahme des Konkurrenten Continental. Doch an die internationale Präsenz der Deutschen Bank beim Eintüten von Börsengängen sowie Anleiheemissionen oder im Handel mit Wertpapieren, Devisen und Rohstoffen, kommt die Commerzbank nicht heran.
Foto: dpaDas wäre eigentlich ein klarer Punkt für den Branchenprimus. Allerdings stellt sich die Frage, ob sich dominante Investmentbanking nicht zur finanziellen und moralischen Hypothek für die Deutsche Bank entwickelt. Co-Chef Jain will angesichts einbrechender Gewinne 1500 Banker entlassen und Politiker diskutieren über eine Abtrennung des aus ihrer Sicht gefährlichen Investmentbankings von den Spareinlagen der Bankkunden, was die Deutsche Bank hart treffen könnte. Trotzdem holt hier die Deutsche Bank den Punkt.
Foto: dpaAktionäre
Hauptversammlungen entwickeln sich für Commerzbank-Chefaufseher Klaus-Peter Müller und seinen CEO Martin Blessing immer mehr zu einem Spießrutenlauf. Wütende Anteilseigner greifen bei diesen Gelegenheiten Management und Aufsichtsrat schärfer an als dies bei Hauptversammlungen anderer Unternehmen üblich ist. Als „Kapitalvernichter“ musste sich das Duo Blessing & Müller von einem Aktionär beschimpfen lassen, nach dessen Berechnungen seit ihrer Amtszeit 21 Milliarden Euro Börsenwert verloren gegangen sein sollen.
Foto: dpaDurch zahlreiche Kapitalerhöhungen hat die Commerzbank immer mehr Anteilsscheine in Umlauf gebracht und die Zahl der ausgegebenen Aktien inflationiert. Ende 2011 drohte der Kurs sogar unter die Marke von einem Euro abzurutschen, das Stigma des Pennystocks drohte. Börsenwert verloren hat auch die Deutsche Bank, doch ihre Aktionäre mussten weit weniger leiden als die Eigentümer der Commerzbank. Wer seit der Krise Deutsche-Bank-Aktien hält, hat sich immerhin für das kleinere Übel entschieden. Daher geht der Punkt an die Deutsche Bank.
Foto: APFinanz- und Schuldenkrise
Um die Krise zu verdauen und die Kapitalquoten der Finanzaufsicht einzuhalten, räumt die Commerzbank ihre Bilanz leer wie kaum eine andere Bank. Auf der Streichliste stehen Staatsanleihen und Immobilienkredite aus der Tochter Eurohypo, das Geschäft mit Finanzierungen für Reedereien aus der integrierten Schiffsbank sowie Unternehmenskredite ohne Bezug zum deutschen und polnischen Markt. Die gewaltige Abbruchaktion ist ohne Beispiel und lässt sich allenfalls mit der Ausgliederung von Schrottkrediten der verstaatlichten Immobilienbank Hypo Real Estate in deren externe Bad Bank vergleichen. Die Deutsche Bank muss ihre dünne Eigenkapitaldecke ebenfalls aufstocken, schneidet dabei aber nicht so tief in ihre Geschäftsbereiche wie die Commerzbank. Die Finanzkrise hat der Primus zudem bisher ohne direkte Staatshilfe überstanden und macht daher hier klar den Punkt.
Foto: dapdDennoch zieht sich die Leidensgeschichte der Bank wohl noch länger hin. Das einstige Vorzeigeinstitut der britischen Bankbranche gilt noch immer als einer der größten Sanierungsfälle weltweit. Die Royal Bank of Scotland leidet auch vier Jahre nach der Lehman-Pleite noch unter der Übernahme der niederländischen Bank ABN Amro, mit der sie sich seinerzeit verhoben hatte. Die britische Regierung musste 2008 mit einer Finanzspritze von mehr als 45 Milliarden Pfund einspringen. Inzwischen hat die RBS bereits 700 Milliarden Pfund an Risiko aus der Bilanz genommen und 35.000 Stellen gestrichen.
Keine Rückkehr zur Selbstständigkeit in Sicht
Erst kürzlich berichtete die Financial Times, dass es daher in Regierungskreisen Bestrebungen gebe, die RBS nun doch komplett zu verstaatlichen. Einige Politiker seien erbost, dass die RBS zu wenig Kredite vergeben würde – und damit ihrer Kernaufgabe nicht gerecht würde. Die darbende britische Konjunktur könnte nämlich einen Investitionsschub gut gebrauchen. Hinter den Überlegungen zur Komplettverstaatlichung steht offenbar die Vorstellung, dass die Regierung dann direkt eingreifen könnte, ohne Rücksicht auf andere Aktionäre zu nehmen. Die Kosten für ein Herausdrängen der übrigen Anteilseigner würden bei rund fünf Milliarden Pfund liegen. Angesichts der bereits geflossenen Beträge klingt das fast günstig.
Allerdings lehnt Finanzminister George Osborne bislang eine Komplettübernahme ab. Auch Gegner einer Komplettübernahme durch den Staat betonen, dass dem Steuerzahler so noch weitere Risiken aufgedrückt würden. Dies werde sich noch weiter verstärken, wenn die Regierung die Bank zu einer stärkeren Kreditvergabe drängen würde. Zudem gebe es wettbewerbsrechtliche Hürden seitens der Europäischen Union. Von einer Rückkehr in die Hand privater Eigentümer war die Bank jedoch kaum jemals weiter entfernt als heute. Von einer Erfolgsgeschichte wie bei AIG kann überhaupt keine Rede sein.
Zumindest für Aktionäre gab es bei der RBS-Aktie einen kleinen Trost: Im Juni sprang der Kurs vom Tief bei 0,14 Euro auf knapp drei Euro. Aber der alte Höchstkurs von mehr als acht Euro ist noch immer in weiter Ferne. Sollte es zu kompletten Verstaatlichung der RBS kommen, würden die übrigen Aktionäre vermutlich herausgedrängt und preiswert abgefunden. Eine Investmentstory ist das nicht.
Auch die Bundesregierung hatte im Zuge der Finanzkrise Banken verstaatlicht. Darunter auch die zweitgrößte Privatbank Deutschlands, die Commerzbank. Und auch ihr wurde eine kostspielige Übernahme in der Krise zum Verhängnis: der Kauf der Dresdner Bank, die bis dahin zum Allianzkonzern gehörte.
Als die Commerzbank in Straucheln geriet, half der Staat mit 18,2 Milliarden Euro – und sicherte sich im Gegenzug ein Viertel der Stimmrechte. Mit diesem Anteil geht ohne das Einverständnis der Bundesregierung nichts. Dennoch kämpft sich die Bank unter der Führung von Vorstandschef Martin Blessing durch das notwendige Sanierungsprogramm. Die Commerzbank hat im Frühjahr 2011 unter immensen Anstrengungen den größten Teil der staatlichen Krisenhilfen zurückgezahlt. Große Baustellen wie die Integration der IT-Systeme der Dresdner Bank sind weitgehend abgeschlossen. Und die notwendige Aufstockung des Eigenkapitals, die aus dem Stresstest der EU-Finanzaufsicht folgte, hat die Bank mit Sitz in Frankfurt ebenfalls gemeistert - und sogar 2,8 Milliarden Euro mehr Eigenkapital, als von der europäischen Aufsicht gefordert.
Katastrophale Geschäfte
Aber operativ kommt die Traditionsbank nicht mehr auf die Beine. Die jüngsten Halbjahreszahlen offenbaren massive Probleme. Die Commerzbank hat nur noch 644 Millionen Euro netto verdient - mehr als ein Drittel weniger als im ersten Halbjahr 2011. Vor allem im Kerngeschäft mit den elf Millionen Privatkunden verdient das Institut praktisch kein Geld mehr - lediglich die Online-Banktochter Comdirect sorgt noch für Gewinne. Ohne deren Beitrag wäre die Commerzbank in dieser Sparte wohl ins Minus gerutscht. So blieben mickrige 14 Millionen Euro Gewinn übrig.
Dabei ist die Liste schmerzhafter Einschnitte zur Sanierung der Commerzbank ist lang. Erst vor kurzem warf Blessing die Schiffsfinanzierung über Bord, die Reste der Immobilientochter Eurohypo werden abgewickelt, unter das Abenteuer Ukraine mit der Bank Forum ziehen die Frankfurter einen Schlussstrich. Eine Bilanzsumme von 160 Milliarden Euro soll damit abgebaut werden. Die Schrumpfkur erfolgte dabei nicht unbedingt freiwillig, sondern folgte den Sanierungszielen. Nach der Übernahme der Dresdner Bank hatte die Commerzbank bereits 9000 Stellen abgebaut und 400 Bankfilialen geschlossen. Bei der Abwicklung von Schiffsfinanzierung und Immobilientochter Eurohypo stehen weitere 1200 Arbeitsplätze auf dem Spiel.
Vor allem der weitere Ausblick der Bank ist katastrophal: Ein weiterer Abbau bei den 16.500 Mitarbeitern ist nicht ausgeschlossen. Die Risikovorsorge soll weiter aufgestockt werden und gefährdet das Ziel, für 2013 wieder eine Dividende auszuschütten. Die trüben Konjunkturaussichten und die Schuldenkrise bergen hohe Risiken für die Bank - auch wenn die Kernkapitalquote besser ist als beim Branchenprimus Deutsche Bank. Vor allem aber dürften Commerzbank-Aktionäre alte Höchstkurse von knapp 30 Euro nicht wiedersehen. Die Aktie zählt mit einem Kurs von aktuell 1,21 Euro fast schon zu den Penny Stocks – und damit eher zu den Zockerpapieren, als zu den langfristigen Wertanlagen. Keine guten Voraussetzungen also, um die Fesseln des Staates loszuwerden.