
+++ Blog zum Wirecard-Prozess +++: Rückblick Wirecard-Prozess: Das passierte am 19. Juli vor Gericht
Für den Wirecard-Prozess gegen Markus Braun und zwei weitere Ex-Wirecard-Führungskräfte sind 100 Prozesstage angesetzt. Unsere Reporter berichten dabei live aus dem Gerichtssaal.
Foto: imago images, WirtschaftsWocheDie Reporter der WirtschaftsWoche begleiten den Fall Wirecard seit acht Jahren. 2020 fiel die Erfolgsgeschichte von Wirecard wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Plötzlich war der Dax-Konzern pleite, Wirecard-Vorstandsmitglied Jan Marsalek auf der Flucht und Firmenchef Markus Braun im Gefängnis. Deutschland sah den mutmaßlich größten Betrugsfall der Nachkriegsgeschichte.
Nun, knapp zweieinhalb Jahre nach dem Kollaps, hat in München die Verhandlung gegen Ex-Konzernchef Markus Braun begonnen. Die Anklage wirft dem Manager und zwei mitangeklagten ehemaligen Wirecard-Führungskräften vor, mit Hilfe gefälschter Bilanzen Banken und Kreditgeber um insgesamt 3,1 Milliarden Euro geprellt zu haben. Der Kernvorwurf: Braun und Komplizen sollen eine Bande gebildet haben, die die Bilanzen des Konzerns seit 2015 systematisch fälschte.
An diesem Mittwoch sagte Ex-Wirecard-Vorständin Susanne Steidl als Zeugin vor Gericht aus. Auch ging es darum, ob das Schreiben von Jan Marsalek, von dem die WirtschaftsWoche exklusiv berichtete, vor Gericht zugelassen wird oder nicht. Spoiler: Wurde er am Ende des Tages. Unser Reporter ist hautnah dabei und berichtet für Sie live von vor Ort im Blog über die Geschehnisse im Gerichtssaal:



"Zusammenfassned betädigt Herr Marsalek die Behauptung von Braun, dass es das TPA-Geschäft gegeben hat", sagt Brauns Anwalt Nico Werning.
TPA-Geschäft wurde entkoppelt, Händler auf externe Strukturen verschoben.
Marsalek bestätige, dass sich Bellenhaus in ein Netz aus Lügen verstricke.
Die Zahlungsflüsse müssen unverzülich aufgeklärt werden.
Die Stellungnahme von Marsalek sei für das gesamte Verfahren von wesentlicher Bedeutung. "Die Darstellung von Hern Marsalek entlastest Herrn Braun", sagt Werning.
Das Schreiben von Marsalek müsse mit der Öffentlichkeit geteilt werden
Die Angaben von Insolvenzverwalter Michael Jaffé, nach denen es das TPA-Geschäft nicht gegeben hat, seien laut Marsalek falsch.

Das TPA-Geschäft wurde Marsalek zufolge auch nach der Insolvenz von Wirecard noch weiter betrieben. Deshalb hätten sich keine Kunden gemeldet. Die Abwicklung erfolge unabhängig von der Konzernstruktur.

Anfangs sei das TPA-Geschäft noch technisch in die Kernorganisation von Wirecard eingebunden gewesen. Im Verlaufe der Zeit sei es aber vom Konzern entkoppelt worden. Das TPA-Geschäft hätte eine eigenständige Abrechnungsstruktur gehabt.

Die Grundthese der Staatsanwaltschaft, dass es sich beim Drittpartnergeschäft um reine Fiktion handele, sei „falsch“. Das TPA-Geschäft hat laut Marsalek existiert. Über ein Jahrzehnt seien große Transaktionsvolumina abgewickelt worden.

Braun sei nicht im regen Austausch mit Bellenhaus gestanden – schon gar nicht zum TPA-Geschäft.

Werning trägt weiter aus dem Marsalek-Brief von dessen Anwalt vor: Demnach hat Bellenhaus die Nähe von Braun gesucht, wollte neben diesem auf Firmenfeiern gesehen werden. Er habe darauf bestanden, sich persönlich bei Braun über zu große Arbeitsbelastungen im Zusammenhang mit der KPMG-Sonderuntersuchung zu beschweren.

Bellenhaus will sich laut Marsalek vor Gericht für alte Befindlichkeiten und Konflikte bei Wirecard rächen.

Laut Marsalek habe Bellenhaus Geld veruntreut. Durch den Status als Kronzeuge wolle er sich nach einer kurzen Haft nach Dubai zurückziehen. Mit dem erbeuteten Geld. Laut Marsalek habe er Bellenhaus nie die Zustimmung gegeben, Firmengelder einzubehalten – es habe auch keine stillschweigende Duldung dazu gegeben.

Werning stellt Beweisantrag, dass das Schreiben im Gericht verlesen werden soll.
In seiner Erklärung geht er auf Details ein.
Das Schreiben von Marsaleks Anwalt ist demnach auf den 6. Juli datiert und hat acht Seiten.
Für Marsalek sei es offenkundig, dass sich Kronzeuge Bellenhaus „in einer Spirale widersprüchlicher Aussagen“ befände.




Dass 50 Millionen Euro Ocap-Kredit an Wirecard als „Auszahlungen aus Treuhandguthaben“ zurückgeflossen sind? Steidl ist damals nicht drüber gestolpert. Das ganze hätte rechtliche Gründe gehabt, sagt sie. Das habe ihr Marsalek so erklärt. Die Staatsanwaltschaft glaubt, das Manöver wurde von Wirecard gemacht, um den Wirtschaftsprüfern zu demonstrieren, dass man jederzeit an das Geld herankam – und dass das TPA-Geschäft existierte.






Wie sollte Ocap das Geld zurückzahlen? Zumindest zum Schein sollte es so aussehen, dass Ocap den Kredit bedienen konnte, so die Staatsanwaltschaft: Braun, von Erffa, Marsalek, O‘ Sullivan und H. planten ein Modell, in dem Forderungen, die Ocap gegenüber anderen Firmen hatte, verbrieft werden sollten. So sollten Sicherheiten für Wirecard besorgt werden. Denn: Diese Forderungen sollten anschließend durch Wirecard übernommen werden. So wurde der Kredit bedient, zumindest auf dem Papier. Die Forderungen waren wie auch das MCA-Geschäft erfunden, so die Staatsanwaltschaft. Ein Schein-Geschäft, um die Seriosität von Ocap zu untermauern.



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