4800 Mitarbeiter betroffen: Pflegeheimbetreiber Convivo meldet Insolvenz an
Convivo ist in den vergangenen Jahren mit neuen Einrichtungen stark gewachsen. Kein anderes Unternehmen hatte so viele neue Pflegeimmobilien geplant, ergab eine Untersuchung der Unternehmensberatung Avocons.
Foto: dpa Picture-AllianceDie Bremer Convivo-Gruppe, einer von Deutschlands größten Pflegeheimbetreibern, hat Insolvenz angemeldet. Das Amtsgericht Bremen bestellte die Juristen Christoph Morgen und Malte Köster zu vorläufigen Insolvenzverwaltern in dem Verfahrenskomplex, berichtet die WirtschaftsWoche. Köster wurde zum Verwalter der Convivo Holding und Convivo Life bestellt, geht aus Gerichtsveröffentlichungen hervor. Morgen kümmert sich demnach um die Convivo Parks GmbH. Nach Informationen des Magazins sind deutschlandweit jedoch dutzende Tochtergesellschaften betroffen, weshalb weitere Insolvenzanträge absehbar sind.
Nach eigenen Angaben betreibt Convivo stationäre Einrichtungen, ambulante Dienste sowie sogenannte Convivo-Parks mit Angeboten aus Wohnen, Service und Pflege. Das Unternehmen pflegt und betreut über 18.000 Menschen an rund 100 Standorten.
Laut dem im Bundesanzeiger hinterlegten Jahresabschluss der Convivo-Holding beschäftigte die Gruppe mit dem Schwerpunkt Norddeutschland und Nordrhein-Westfalen zum Jahresende 2020 mehr als 4000 Mitarbeiter und erzielte einen Umsatz von 187,2 Millionen Euro. Für 2021 ging die Geschäftsführung sogar von einem Umsatzsprung auf circa 230 Millionen Euro und einem positiven operativen Ergebnis aus.
Wachstum um jeden Preis
Das Unternehmen ist in den Vorjahren stark gewachsen. Gesellschafter von Convivo ist der Unternehmer Torsten Gehle, der 1993 zusammen mit zwei Partnern sein erstes Unternehmen im ambulanten Pflegbereich gründete. Nach und nach stieg Gehles Firma zum größten ambulanten Pflegedienst in der Region Bremen auf und eröffnete die ersten eigenen Pflegeeinrichtungen. Später übernahm Convivo auch zahlreiche Wettbewerber und expandierte selbst in der Coronakrise weiter. Kein anderes Unternehmen in Deutschland hatte so viele neue Pflegeimmobilien angekündigt wie Convivo, ergab eine Untersuchung der Unternehmensberatung Avocons. Convivo hatte demnach den Bau von Pflegeheimen und Service-Wohnungen mit einem Volumen von 576 Millionen Euro geplant.
So hatte Convivo beispielsweise in Neu Wulmstorf bei Hamburg im vergangenen Jahr mit dem Bau eines Senioren-Wohnparks begonnen. 62 „Sorglos-Wohnungen“ und zwei „Sorglos-Gemeinschaften mit je 12 Komfort-Apartments“ sollten entstehen. Komplementiert durch eine Tagespflege, einem hauseigenen Pflegedienst und einem öffentlichen Café. Der Bau hatte sich zuletzt verzögert, Convivo begründete dies mit Personalmangel und Lieferschwierigkeiten.
„Die finanzwirtschaftliche Situation des Unternehmens ist geprägt von den umfangreichen Zukäufen von Geschäftsbetrieben und Gesellschaften“, heißt es denn auch im Geschäftsbericht 2020. Daraus resultierenden Liquiditätsrisiken begegne die Gruppe durch ein zentralisiertes und umfassendes Cash-Management sowie durch Bankkreditlinien. In der Bilanz sind jedoch erhebliche finanzielle Verpflichtungen ausgewiesen, etwa für Miet- und Leasingaufwendungen, die sich bis 2028 auf 289 Millionen Euro summieren.
Gleichzeitig sind die Kosten für viele Pflegeheimbetreiber zuletzt deutlich gestiegen: Seit September müssen Pflegekräfte nach Tarif bezahlt werden, sonst dürfen ihre Arbeitgeber nicht mehr mit dem Kassen abrechnen. Auch die hohen Preise für Gas und Strom treffen die Branche.
Das Unternehmen selbst verweist auf die nationale "Pflegestrukturproblematik". Der erhebliche Fachkräftemangel und verdoppelte Krankenstände aufgrund hoher Belastungen der Corona-Pandemie hätten zu niedrigen Belegungszahlen geführt. Statt der branchenüblichen Kalkulation von etwa 95 Prozent soll die Belegung demnach zuletzt auf 70 Prozent im Bereich der stationären Pflege gesunken sein. Der notwendige Einsatz von Zeitarbeitspersonal "verursachte zusätzlich überproportionale Kosten".
Über Verkäufe einzelner Standorte und zusätzlichen Einlagen des Gesellschafters konnte die Gruppe zuletzt zwar etwas Zeit gewinnen, Gespräche mit möglichen Partnern über einen Einstiegen blieben bislang jedoch erfolglos.
Wie es bei Convivo jetzt weitergeht
Aufgabe der beiden vorläufigen Insolvenzverwalter und ihrer Teams ist es nun, möglichst rasch den Betrieb der Pflegeeinrichtungen zu stabilisieren. Die Löhne und Gehälter sind über das Insolvenzgeld für die Monate Januar bis März gesichert. In den kommenden Wochen dürften die Verwalter zudem die einzelnen Standorte und Gesellschaften im Detail analysieren, um zu entscheiden, wie es mit den Einrichtungen weitergeht.
Malte Köster, Partner der Kanzlei Willmer-Köster dürfte sich dabei vor allem um die Belange der Holding kümmern. Christoph Morgen, Partner bei Brinkmann & Partner, wird stärker für die operativen Einheiten zuständig sein. „Im Moment verschaffen wir uns gemeinsam mit unseren Teams ein Bild vor Ort, um im Anschluss die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über die bevorstehenden Schritte im Insolvenzverfahren zuinformieren“, betonten Köster und Morgen in einer ersten gemeinsamen Stellungnahme.
Die beiden Juristen sind erfahrene Insolvenzverwalter und haben bereits etliche Großverfahren betreut. So steuerte Morgen im vergangenen Jahr die MV Werften durch die Insolvenz und konnte Investoren für die wichtigsten Unternehmensteile der Werftengruppe finden. Köster ist derzeit unter anderen bei den Insolvenzverfahren über die „Deutsche Lichtmiete“-Gruppe im Einsatz.
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