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Deutsche Post Schwere Vorwürfe gegen DHL in Südamerika

Abgehörte Gespräche, verfälschte Umfragen und Kündigungen wegen eines Streiks. In einem Bericht kritisiert die internationale Transportgewerkschaft ITF die Arbeitsbedingungen bei DHL in Südamerika.

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DHL-Angestellte während des Streiks in Deutschland. Ihre Kollegen in Südamerika machen dem Konzern heftige Vorwürfe. Quelle: dpa

Als Valentina Pacheco den Job im DHL-Lager bekam, konnte sie ihr Glück kaum fassen. "Ich dachte, das ist eine großer Konzern, in dem man sich eine Karriere aufbauen kann, in dem man gute Chancen hat", sagt sie im Gespräch mit der WirtschaftsWoche. "Das war eine riesengroße Enttäuschung."

Valentina heißt eigentlich anders. Doch sie arbeitet noch immer bei DHL und will ihren Job schützen. Ihre Geschichte ist eines der vielen Schicksale, die die internationale Transportgewerkschaft ITF in einem Bericht über die Arbeitsbedingungen bei der Deutschen Post DHL in Südamerika schildert.

Was die Post mit ihrer Strategie 2020 erreichen will

In dem Bericht, der heute veröffentlicht wird und der WirtschaftsWoche bereits vorab vorlag, erhebt die internationale Gewerkschaft schwere Vorwürfe gegen die Deutsche Post DHL. Der Bonner Konzern soll in Chile, Panama und Kolumbien systematisch Arbeitsrechte der Angestellten verletzt und Gewerkschaftsarbeit verhindert haben. Es zeichne sich "ein Bild von Unternehmen, die mit illegalen Methoden oder am Rande des Gesetzes alles daran setzen, die gewerkschaftliche Organisierung ihrer Belegschaften zu verhindern", heißt es in dem Bericht. Das deute "auf ein Problem in der Unternehmenskultur hin, das bis in die DHL-Spitze reicht."

Damit gerät die Deutsche Post DHL als einer der größten Arbeitgeber der Branche in die Kritik. Rund 500.000 Angestellte hat der Konzern, in Südamerika arbeiten davon nach Unternehmensangaben etwa sieben Prozent. Die Vorwürfe rufen Erinnerungen an den Streik in Deutschland statt, bei dem auch die Gewerkschaft Verdi das Vorgehen der Post stark kritisierte. Die Post hatte unter anderem Beamte und ausländische Hilfsarbeiter eingesetzt, um die Auswirkungen des Streiks abzumindern.

Das Unternehmen bestreitet die Vorwürfe der internationalen Gewerkschaft. Alle Mitarbeiter hätten weltweit das Recht, einer Gewerkschaft ihrer Wahl beizutreten, hieß es aus der Konzernzentrale. "Außerdem respektieren wir das Recht auf Tarifverhandlungen", erklärte ein Sprecher. Das Unternehmen fördere einen "konstruktiven Dialog zwischen Beschäftigten und Führungskräften."

Valentina Pacheco sieht das anders. "Sie kämpfen gegen Mitarbeiter", sagt die Chilenin und erzählt sie von einem Streik vor zwei Jahren. Ihre Gewerkschaft, das "Sindicato Número 1 DHL Express", wollte höhere Löhne durchsetzen und eine Nachtschichtzulage. Auf einen Vorschlag zur Änderung des gemeinsamen Vertrags sei die Unternehmensleitung nicht eingegangen. Daraufhin seien die Mitarbeiter in den Streik getreten, heißt es in dem Bericht der ITF.

Mikrofone in Umkleidekabinen?

Drei Tage lang dauerte der Ausstand. Dann habe die DHL-Führung eingelenkt und die Zulage für die Nachtschicht erhöht. Einen Monat nach dem Streik habe das Unternehmen 42 Beschäftigten gekündigt - allesamt Gewerkschaftsmitglieder, heißt es in dem Bericht. "Wir waren alle entrüstet", sagt Valentina. "Danach haben viele die Gewerkschaft verlassen." Die Deutsche Post bestätigt diese Angaben auf Anfrage der WirtschaftsWoche nicht.

Mit sieben der entlassenen Mitarbeiter zog die Gewerkschaft vor Gericht. Das gab der Gewerkschaft Recht, sprach den Angestellten 30 Prozent mehr Abfindung zu und verurteilte das Vorgehen des Konzerns als gewerkschaftsfeindlich.

In der Folge hätte das Unternehmen keine öffentlichen Aufträge in Chile mehr erhalten können. Das Management einigte sich daraufhin mit der Gewerkschaft im Mai 2015 auf ein Abkommen zur Verbesserung der Beziehung. Doch seitdem habe es keine Fortschritte mehr gegeben, kritisiert die Gewerkschaft.

Einige chilenische Gewerkschaftsmitglieder vermuten außerdem, dass das Unternehmen ihre Telefongespräche abhöre. In Kolumbien befürchten die Mitarbeiter, dass das Management sogar versteckte Mikrofone in Umkleidekabinen und Fahrzeugen installiert habe, heißt es in dem Bericht des ITF. Auf Anfrage der WirtschaftsWoche erklärte die Deutsche Post, dass solche Praktiken nicht bekannt seien.

Dem Bericht nach versuchten DHL-Manager in Panama und Kolumbien, die Beschäftigten mit der Aussicht auf eine Lohnerhöhung zu beeinflussen. So berichtete ein DHL-Express-Mitarbeiter in Kolumbien, dass ein Kollege ihm im Namen eines Vorgesetzten umgerechnet fast 25.000 Euro anbot, wenn er aus der Gewerkschaft austrete. Nachweisen konnte die Gewerkschaft das nicht.

In einem anderen Fall kündigte DHL dem Sohn eines Gewerkschaftsmitglied. Angeblich, weil ein Kunde sich beschwert habe, in dessen Lager der Sohn arbeitete. Doch als der Sohn sich an seinen ehemaligen Vorgesetzten bei der Firma gewandt habe, habe der nichts von einem entsprechenden Schreiben gewusst, heißt es in dem Bericht.

Verhandlungen mit dem ITF

Eigentlich gilt die Deutsche Post DHL als Vorzeige-Arbeitgeber. Regelmäßig erscheint der Name der Deutschen Post an der Spitze von Arbeitgeberrankings, gerade erst hatte die Sparte DHL Express den Titel als "Top Employer Global 2016" erhalten. "Wir sind begeistert", freute sich der zuständige Vorstand Ken Allen laut einer offiziellen Mitteilung über die Auszeichnung. "Wir haben viel in unser Unternehmen und unsere Leute investiert, um eine Atmosphäre und Mentalität des Gewinnens und des erfolgreich-sein-zu-Wollens zu etablieren."

Der Bericht des ITF jedoch zeigt ein anderes Bild: Mitarbeiterumfragen und Rankings seien gezielt durch Vorgesetzte manipuliert, werfen einige der Angestellten in Südamerika der Konzernführung vor. Demnach sollen sich Manager gezielt ihre Lieblinge für die Umfragen aussuchen, oder sie ködern die Beschäftigten mit der Aussicht auf Bonuszahlungen. Viele Mitarbeiter fürchteten außerdem, dass sich die eigentlich anonymen Umfragen leicht auf sie zurückverfolgen ließen, heißt es in dem Bericht.

"Unsere Jährliche Mitarbeiterbefragung wird durch unabhängige Dritte durchgeführt. Es werden alle Mitarbeiter weltweit eingeladen, daran teilzunehmen. Deswegen sehen wir keine Möglichkeiten, dass der Einladungsprozess für die Befragung durch individuelle Führungskräfte beeinflusst wurde", erklärte ein Post-Sprecher der WirtschaftsWoche.

Es ist nicht das erste Mal, dass die internationale Gewerkschaft ITF die Post wegen ihrer Arbeitsbedingungen angreift. In den vergangenen Jahren hatte der Gewerkschaftsverbund, der weltweit etwa 4,5 Millionen Beschäftigte des Transportgewerbes vertritt, bereits Berichte zu der Situation in Indien und der Türkei veröffentlicht. Bereits vor einem Jahr einigte sich die Deutsche Post DHL deshalb mit der Gewerkschaft bei Verhandlungen vor einem Gremium der OECD. "Der Konzern plant, auch in Zukunft den Austausch mit den globalen Gewerkschaftsbündnissen fortzuführen", hieß es aus der Post-Zentrale.

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