Evakuierung aus Israel: „Die behalten im Blick, was passiert, wenn Europa schläft“
Geschäftsreisende wollen raus aus Israel: Ein Blick in den Flughafen Tel Aviv.
Foto: REUTERSDer Flieger, in den sie stiegen, ging nicht nach Deutschland, nicht in ihr Heimatland. Aber das war den beiden Männern egal. Sie wollten einfach nur weg hier. In Sicherheit. Irgendwohin, wo keine Raketen fliegen. Und sie hatten Glück: Ein kommerzielles Flugzeug, das von Tel Aviv in Richtung Nordosten abhob, hatte an diesem Montag noch zwei Plätze frei.
Zwei Tage zuvor waren die beiden Mechaniker noch eineinhalb Autostunden weiter südlich in Sderot, direkt am Gazastreifen. Ein deutsches Industrieunternehmen hatte sie dorthin geschickt, um dort Maschinen zu warten. Dann plötzlich, am Samstagmorgen, schlugen in der israelischen Kleinstadt Raketen ein. Das Alltagsgeschäft war auf einen Schlag vergessen. Stattdessen: Panik, Schutzsuche im Kellerloch. Dann, sobald der erste Schock verdaut war, hektische Anrufe nach Deutschland.
Einer davon erreichte Wolfgang Hofmann. „Natürlich wollten die beiden jetzt schnellstmöglich aus dem Land heraus“, erzählt er. Und Hofmann und seine Kollegen sollten das ermöglichen: „Unser Auftrag war sofort klar.“
Hofmann arbeitet im Frankfurter Büro von International SOS, einem Reisesicherheitsdienstleister, der sich auf Unternehmenskunden spezialisiert hat. Und der seit Samstag „alles daran setzt, die Mitarbeiter unserer Kunden in Sicherheit zu bringen“, wie er sagt. Insgesamt arbeiteten gerade „locker 500, 600 Leute daran, unsere Kunden bestmöglich in der aktuellen Situation in Israel zu unterstützen“, berichtet Hofmann. Die Kollegen seien rund um die Uhr aktiv – weltweit. Um die Zeitverschiebung abzudecken, habe man etwa auch die Kollegen in Sydney involviert: „Die behalten im Blick, was passiert, wenn Europa schläft.“
Die Geschichte der beiden deutschen Mechaniker, die inzwischen über einen Anschlussflieger vermutlich schon wieder in Deutschland sind, erzählt Hofmann „exemplarisch“ – „für das, was wir jetzt seit Samstagmorgen Tag und Nacht machen.“ Details über den konkreten Fall, über betroffene Personen und Unternehmen darf er nicht nennen – aus Datenschutzgründen. Er könnte es aber auch gar nicht, sagt er: „Die Fälle fliegen hier gerade nur so durch. Deshalb fällt es mir sehr schwer, Einzelne detailliert aufzudröseln.“
Hunderte Anfragen
Insgesamt zählen rund 9500 Unternehmen zum Kundenstamm von International SOS, darunter Dax-Konzerne, Medienunternehmen, Mittelständler, „ein bunter Strauß“, so Hofmann. Wie viele davon Mitarbeiter im betroffenen Gebiet hätten, könne er nicht sagen. Fest stehe: „Es gibt gerade mehrere Hundert aktive Anfragen in unserem Israel-Krisenstab“. Dabei handele es sich vor allem um Unternehmenskunden, die nach einer Möglichkeit zur Evakuierung ihres Personals suchten. „Diese Anfragen arbeiten wir jetzt nach und nach ab.“ Die ersten Evakuierungsflüge hätten bereits erfolgreich stattgefunden, weitere seien für Donnerstag geplant.
Auch bei der Konkurrenz in der sogenannten „Corporate Travel Security“-Branche – jenen Unternehmen also, die Geschäftskunden dabei unterstützen, die Sicherheit ihrer Mitarbeiter während Dienstreisen zu gewährleisten – laufen derzeit die Telefone heiß. Es gebe eine „signifikante Zahl an Kunden“, die direkt von der Situation in Israel betroffen seien, sagt etwa Manny Fernandez, Co-Chef des Sicherheitsdienstleisters FocusPoint. Das britische Unternehmen CWT berichtet ähnliches und ergänzt, dass es „in vielen Fällen“ bereits gelungen sei, „für unsere Kunden Evakuierungen zu ermöglichen“.
Crisis24, ein Tochterunternehmen des kanadischen Sicherheitsdienstleisters GardaWorld, hat „betroffene Kunden in der Region“, ohne Details zu nennen. Weiter heißt es dort, grundsätzlich sollten derzeit alle Kunden, „ihre Mitarbeiter, soweit möglich, aus der Region abziehen“. Und: „Wir führen derzeit, soweit notwendig, Rückführungsmaßnahmen durch und arbeiten mit unseren Kunden im Land zusammen, um Menschen und Vermögenswerte zu sichern.“
Wie derlei Rückführungsmaßnahmen in den vergangenen Tagen im Einzelfall aussehen konnten, zeigt einmal mehr das Beispiel der beiden deutschen Mechaniker: Zwischen dem Nachmittag im Schutzkeller in Sderot und dem Abheben am Flughafen von Tel Aviv liegt in ihrem Fall eine fast dreitägige Odyssee. „Wir haben sofort einen Sicherheitsdienstleister in Israel aktiviert, der die beiden nach Tel Aviv bringen sollte“, berichtet Wolfgang Hofmann. Kapazitätsengpässe auf Seiten des Dienstleisters habe es zu diesem Zeitpunkt keine gegeben. Allerdings: „Die Gegend um Sderot war ja eine der am schwersten betroffenen, was die Kämpfe anging. Dementsprechend war es nicht sofort möglich, sich dorthin zu bewegen.“
Es verstrich also viel Zeit, bis die Hilfe in die Stadt kam. Auch der Weg nach Tel Aviv war dann nicht uneingeschränkt möglich. Und einmal im Norden angekommen, setzte erneut ein Wartezustand ein: bis sich Flugtickets fanden. „In diesem Fall gab es aber ja ein schnelles Happy End. Wir hatten großes Glück“, sagt Hofmann.
Gutes Zureden nötig
Allerdings: „Das klappt nicht für jeden“, sagt Hofmann auch. „Natürlich wollen alle jetzt ein Flugticket, aber es ist nicht so einfach“ Die Flugplätze seien schlichtweg begrenzt, das Angebot im Moment kleiner als die Nachfrage. „Es ist halt leider nicht der Plan der Schweizer Bundesbahn im Moment, sondern Leben in der Krise. Darauf müssen sich Unternehmen und Betroffene leider einstellen.“
Das sei nicht unbedingt das, was die Reisenden jetzt gern hören wollten – alle wollten jetzt ein Flugticket, sagt Hofmann, aber: „Manchmal ist es erst einmal wichtig, ihnen gut zuzureden: Dort, wo sie sind derzeit, ist es vergleichsweise sicher, die akute Gefährdung ist vorbei. Und es wird mit Hochdruck daran gearbeitet, sie aus dem Land zu bringen.“ Gleichwohl sind alle, die zunächst im Land ausharren müssten, in einer psychischen Ausnahmesituation, erkennt Hofmann an. „Wir versuchen hier, Unterstützung zu leisten, indem wir auch die psychische Gesundheit der Reisenden im Blick behalten“, sagt er. Falls nötig, werde nach der Rückkehr aus dem Krisengebiet auch eine Folgebetreuung organisiert.
Immerhin: Mehrere Länder wollen inzwischen mit Sonderflügen zur Evakuierung beitragen – auch Deutschland. Die Lufthansa wird an diesem Donnerstag und Freitag jeweils vier Sonderflüge zur Evakuierung von Deutschen aus Israel durchführen. Es wird damit gerechnet, dass die Flüge eine Kapazität von insgesamt etwa 1000 Menschen pro Tag haben. Die Tickets sind mit 550 Euro relativ günstig, zumal 250 Euro davon der Staat übernimmt.
Auf den ersten Blick wirkt es so, als sei Deutschland bei den Evakuierungen spät dran und gefährde jene Bürger, die sich derzeit in Israel aufhalten. Doch den Eindruck teilen Branchenkenner wie der Hamburger Luftfahrtberater Heinrich Großbongardt nicht. Denn wegen der Sperrung des Luftraums waren in den ersten Tagen nach dem Angriff klassische Linienflüge nicht möglich, weil die Sicherheitslage unklar war und auch weite Teile des Abfertigungspersonal zum Wehrdienst eingezogen wurden. „Der einzige Weg wäre letztlich eine Nutzung eines Militärtransporter gewesen wie bei der Evakuierung von Kabul mit dem Airbus A400 M“, erklärt der Experte.
Zudem hielten die deutschen Behörden Sonderflüge lange Zeit für nicht sehr dringend. „Es gehen weiterhin Flüge vom internationalen Flughafen Ben Gurion ab“, schreibt das Auswärtige Amt. Zum einen fliege die Israelische Staatslinie El Al wieder fast im Normalbetrieb nach Europa. Und auch andere Airlines waren diese Woche buchbar, etwa Easyjet und die vom Auswärtigen Amt genannten Tus Airways, Arkia oder Israir. Auch Ryanair und Lufthansa wollen diese Woche wieder regulär fliegen. Nach Angaben von Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) hätten zudem bereits Tausende Deutsche das Land verlassen. Darunter seien auch 17 Schulklassen.
Auch im Betrieb gibt es derzeit keine großen Besonderheiten. Zwar erhöhten die Behörden die Sicherung El-Al-Flüge noch weiter. Aber für die anderen Flüge gibt es über die besonders enge Abstimmung mit den Sicherheitsbehörden keine besonderen Verfahren. Einzige Ausnahmen: die Maschinen haben genug Sprit an Bord, um notfalls zurückfliegen zu können oder vor Ort keine Zeit mit dem Nachtanken zu verlieren. Besatzungen der Fluglinien übernachten derzeit in der Regel nicht mehr im Land, sondern fliegen nach der Landung in Tel Aviv wieder zurück.
Keine Entlastung erwartet
Dennoch: Eine Entspannung der Lage an den israelischen Flughäfen sei „nicht zu erwarten – ganz im Gegenteil“, kommentiert Samed Kizgin, Analyst für Reisesicherheit beim Dienstleister A3M. „Wir sehen, dass die Menschen versuchen, um jeden Preis das Land zu verlassen – auch israelische Staatsbürger, nicht nur Touristen oder Businessreisende“, berichtet der Experte. Der Hauptflughafen in Tel Aviv stehe unter massivem Druck. Viele ausländische Fluggesellschaften hätten schon Flüge abgesagt und legen neue nur zögerlich auf, weil es keine Nachfrage für Reisen ins Land gebe. „Ich vermute deshalb, dass es eher noch schwerer wird, in dieser Woche das Land über den Flughafen zu verlassen.“
Wolfgang Hofmann ist zumindest auf lange Sicht optimistisch: „Auch aus der Erfahrung der Krisen der letzten Jahre: Alle, die aus Israel raus wollen, werden rauskommen. Bis dahin gilt: Ruhe bewahren, ausharren.“ Wenn sich die Situation so entwickele wie erwartet, werde sich die Lage beruhigen und alle würden das Land verlassen können. „Und sollte es schlechter werden, werden mit Sicherheit andere Evakuierungsoptionen auf den Tisch kommen. Es gibt ja auch Fährverbindungen.“
Fest steht: Hinter Hofmann und seinen Kollegen liegen anstrengende Tage – und es werden weitere davon kommen. Wie viele, ist derzeit nicht abzusehen.
„Natürlich ist es auch für uns eine große Belastung“, sagt er dazu. „Ich persönlich kann damit einigermaßen umgehen. Zwei, drei Wochen im Krisenmodus am Stück sind kein Problem.“ Generell gelte aber: „Man macht diesen Job entweder ein Jahr lang und schmeißt hin oder man bleibt mindestens 15 Jahre – dazwischen gibt es wenig.“
Er selbst ist seit 2018 dabei, erzählt er. „Und ich habe meiner Frau gerade erst gesagt, dass wir jetzt erst mal nicht umziehen werden.“
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