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Führungsstreit bei Linde Beim Gasehersteller kracht es

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Den Krawattenknoten lockern

Die Unruhe im sonst so ruhigen Linde-Konzern begann im Grunde mit dem Antritt von Wolfgang Büchele als Vorstandsvorsitzender vor zwei Jahren. Natürlich wollte der Neue einiges anders machen als sein Vorgänger. Vor allem aber wollte er mit dem straffen, teils präsidialen Führungsstil Reitzles brechen. Der frühere BASF-Manager habe versucht, die immer noch stark vom "professoral-belehrenden Stil" Reitzles geprägte Kultur aufzubrechen, hieß es bei Linde. Nicht mehr wie auf dem Exerzierplatz, wo die Mannschaft Befehle entgegennimmt, sollte es bei Linde zugehen. Büchele wünschte sich stattdessen Mitarbeiter wie in einem Start-up, die mutig eigene Einfälle vorbringen. Die Beschäftigten, so wollte es Büchele, sollten den Krawattenknoten lockern und auch mal von einem Tag auf den anderen denken statt von einem Jahr aufs nächste.

Manchen war das zu viel, zu schnell. Andere fragten sich verwundert, warum man überhaupt etwas ändern müsse – Linde sei schließlich erfolgreich. Richtig turbulent wurde es schließlich als Büchele Ende vergangenen Jahres die zweite Gewinnwarnung innerhalb von 13 Monaten bekannt gab und die Linde-Aktie damit auf Talfahrt schickte, so heftig, wie in den 14 Jahren davor nicht. „Alle waren geschockt", sagte Heiko Feber, Analyst beim Bankhaus Lampe.

Nicht unbedingt einfacher wird die Sache für Büchele durch die eher durchwachsenen Geschäftsaussichten. Sicher, im wichtigen Gasegeschäft erwirtschaften die Münchner immer noch ein solides Wachstum. Im Anlagenbau jedoch hinterlassen die Krisen in Russland, Brasilien und China sowie der niedrige Ölpreis inzwischen deutliche Bremsspuren. Im vergangenen Jahr schrumpfte der Umsatz in der Sparte um 16,5 Prozent auf knapp 2,6 Milliarden Euro. Das operative Ergebnis fiel von 300 Millionen Euro auf 216 Millionen Euro.

Gegenwind gibt es für Linde auch aus den USA. Dort nämlich beschloss die Regierung, dass die Behörden den Lieferanten von medizinischen Gasen wie etwa Sauerstoff für die Behandlung von Krankenhaus- und Heimpatienten seit Anfang des Jahres weniger zahlen werden. Das ist Gift für die US-Tochter Lincare, die Bücheles Vorgänger Reitzle 2012 für 4,6 Milliarden Euro übernommen hatte. Die Veränderungen haben enorme Auswirkungen; ein substanzieller dreistelliger Millionenbetrag an Einnahmen fällt nun weg.

Dazu kommt: War Linde nach der Lincare-Übernahme in den USA vor vier Jahren am ewigen Rivalen Air Liquide aus Frankreich vorbeigezogen, ist der Konzern aus Paris nun wieder die Nummer eins: Im Mai haben die Franzosen den amerikanischen Gasehersteller Airgas gekauft und kommen damit nun auf einen Umsatz von etwa 20 Milliarden Euro.

Doch in der gegenwärtigen Situation sind solche Rangeleien um die Pole-Position eher nebensächlich. Wichtiger wäre, dass Aufsichtsratschef Reitzle zügig die Fehde zwischen Büchele und seinem Finanzchef entschärft – und damit für Ruhe bei Linde sorgt.

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