Gesundheitskonzern: Was sich hinter dem CEO-Wechsel bei Fresenius verbirgt
Fresenius-Konzernzentrale: In bester Ordnung ist hier momentan nichts.
Foto: dpaDie Ad-hoc-Meldung kam am Freitagabend nach Börsenschluss. Im einst so beschaulichen Bad Homburger Gesundheitskonzern Fresenius, mehr als 37 Milliarden Euro Jahresumsatz, kommt es zu einem abrupten Führungswechsel. Vier Jahre vor Vertragsende muss der amtierende Chef Stephan Sturm, 59 Jahre alt, gehen. Vorstandskollege Michael Sen, zuvor bereits in Diensten von Eon und Siemens, übernimmt zum 1. Oktober.
Sturm gehe im „guten Einvernehmen“, steht in der Mitteilung. „Im besten Einvernehmen“ steht dort nicht.
Tatsächlich hatte es schon länger geknirscht zwischen Sturm und dem Fresenius-Aufsichtsrat, an dessen Spitze der frühere Vorstandschef der DZ Bank, Wolfgang Kirsch, steht. Letztendlich brachte Sturm wohl seine fehlende Fortüne sowie eine akute Ergebniskrise zu Fall. Seit geraumer Zeit stockte die Gewinnmaschine Fresenius, der Aktienkurs befindet sich seit Jahren auf Talfahrt. Ende Juli senkte der Bad Homburger Gesundheitskonzern seine Wachstumsprognose für 2022.
Weniger Patienten, weniger Mitarbeiter
Sturm ist es vor allem nicht gelungen, die Probleme im wichtigsten Geschäftsbereich, bei der Dialysetochter Fresenius Medical Care (FMC) in den Griff zu bekommen. Die ebenfalls im Dax notierte FMC ist vor allem auf den US-Markt konzentriert. Doch dort sinken seit Jahren die Erstattungssätze für Dialyse-Behandlungen. Während der Corona-Pandemie starben überdurchschnittlich viele Dialyse-Patienten. Was für Patienten und Angehörige tragisch ist, führte bei FMC zu Einnahmeverlusten. Zuletzt klagte das Dialyse-Unternehmen über Mitarbeitermangel und steigende Kosten.
Vor wenigen Wochen musste FMC dann das zweite Jahr in Folge seine Wachstumsprognose absenken – und riss dabei den Fresenius-Konzern gleich mit. Auch in den anderen Geschäften türmen sich Probleme: Im Geschäftsbereich Kabi (unter anderem Infusionen, klinische Ernährung) stehen etliche Produkte unter Margendruck, die Kliniktochter Helios leidet unter Pflegekräfte-Mangel und Kostendruck im Gesundheitswesen.
In der Mitteilung ließ sich Aufsichtsratschef Kirsch zwar damit zitieren, dass Sturm das Unternehmen „in den vergangenen Jahren durch zunehmend raues Fahrwasser gesteuert und auf Kurs gehalten“ habe. Doch einen Aufbruch zu neuen Ufern trauten die Räte Sturm nicht mehr zu.
Dafür aber seinem Vorstandskollegen Sen, den Kirsch als „versiert in der Gestaltung und Umsetzung von Transformations- und Veränderungsprozessen“ preist. Sein Talent für Veränderung hat der ehrgeizige Sen bereits bei Siemens unter Beweis gestellt, wo er für den Börsengang der Sparte Siemens Healthineers verantwortlich war. Erst seit anderthalb Jahren leitete Sen den Geschäftsbereich Kabi – seine „Vision 2026“, die unter anderem einen starken Fokus auf Biosimilars (hochwertige Nachahmer-Medikamente) vorsah, hat die Räte offensichtlich überzeugt.
„Ein Trigger für die Aktie“
Der Umbau von Fresenius dürfte sich unter Sen beschleunigen. Zuletzt hatte Sturm einige Veränderungen angedeutet, etwa den Verkauf eines Minderheitsanteils an der Kliniktochter Helios. Oder,bei einem sehr attraktiven Angebot, sogar einen Verkauf von FMC. Nach seinem Amtsantritt dürfte Sen dabei bald seine Akzente setzen. Und womöglich mehr als seine Vorgänger das große Ganze im Blick haben, mehr auf Integration und Koordination zwischen den einzelnen Sparten drängen. Sen entstammt der eher zentralistischen Siemens-Kultur – Fresenius-Manager denken dagegen traditionell dezentral.
„Das ist ein Trigger für die Aktie“, sagte ein Fondsmanager, kurz nach Bekanntgabe des überraschenden Führungswechsels am Freitagabend. „Da hat der Kapitalmarkt drauf gewartet. Sen weiß sich zu verkaufen bei den angelsächsischen Investoren. Der Kapitalmarkt glaubt, dass es jetzt zu einer Entflechtung des Konzerns kommt.“ Der Austausch des CEO habe eine „Signalfunktion“.
Wie das Signal bei den Investoren, bei Beschäftigten und Wettbewerbern ankommt, werden die nächsten Wochen zeigen. Stephan Sturm wird das zunächst noch miterleben. Die Übergabe soll, trotz des abrupten Wechsels, geordnet erfolgen.
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