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Logistik Monster-Trucks oder Öko-Liner?

NRW-Verkehrsminister Michael Groschek will beim Gigaliner-Feldversuch des Bundes mitmachen, obwohl er die Lang-LKW weiter ablehnt. Wie das zusammenpasst und wie die Zwischenbilanz des Versuchs ausfällt.

Werden Gigaliner bald in Deutschland zugelassen? Quelle: dpa

Lang-LKW scheinen eines der Lieblingsprojekte von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) zu sein. Ein wichtiger Beitrag zur Verkehrseffizienz seien sie, sagt er, bald sollten sie überall auf deutschen Straßen fahren. Seit 2012 testet das Verkehrsministerium die Gigaliner auf deutschen Straßen, um die Sicherheit und Umweltverträglichkeit der überlangen LKW zu prüfen. Nun kündigte auch Nordrhein-Westfalens Verkehrsminister Michael Groschek (SPD) an, bei dem Feldversuch einzusteigen. Fahren also bald 60-Tonner über die ohnehin sanierungsbedürftigen Brücken der A1? Und welche Vorteile bieten die Gigaliner? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was sind Lang-LKW?

Lang-LKW, auch Gigaliner oder EuroCombi genannt, sind LKW mit einer Fahrzeuglänge von bis zu 25,25 Metern. Bisher sind die längsten auf deutschen Straßen zugelassenen Fahrzeuge 18,75 Meter lange Gliederzüge. Durch den zusätzlichen Laderaum sollen Güter effizienter transportiert werden. Die Rechnung: Zwei Gigaliner sollen drei herkömmliche LKW ersetzen und so Transportkosten und Treibhausemissionen sparen.

Lkw-Hersteller stehen unter Kartellverdacht
LKW-Hersteller unter Kartellverdacht Quelle: dpa
Platz 10: Weichai Power - ShaanxiAbsatz: 104.100*Der chinesische Konzern Weichai Power ist bekannt für seine Dieselmotoren. Das Tochterunternehmen  Shaanxi Heavy-duty stellt die passenden schweren Lkw her und ist vierstärkster Hersteller auf dem chinesischen Markt. Mit dem Getriebehersteller Shaanxi Fast Gear ist Weichai sogar Marktführer in China. *Weltweite Verkaufszahlen für das Jahr 2013, Fahrzeug über 6 Tonnen GVW, ausgenommen sind Busse und Off-Highway Lkw (Construction, Mining, Military etc.). Quelle: IHS Automotive Quelle: Presse
Platz 9: TataAbsatz: 133.000Dem indischen Industriekonzern gehören über 100 verschiedene Firmen, darunter auch die britische Sportwagen- und Offroader-Schmiede Jaguar-Land-Rover. Tata setzt seine Trucks nahezu vollständig in China und der Asien-Pazifik-Region ab. Quelle: Presse
Platz 8: BAIC - FotonAbsatz: 136.600Die Bejing Automotive Industry HoldingBAIC ist ein chinesischer Staatskonzern, der mehrere Auto- und Industrieunternehmen besitzt. In Deutschland ist der Name manchen durch die Kooperation mit Daimler ein Begriff. Schwaben und Asiaten kooperieren unter der Marke Bejing Foton Daimler in China auf dem Markt für schwere Nutzfahrzeuge - mit großem Erfolg (siehe Daimler). Quelle: Presse
Platz 7: Paccar Absatz: 139.200Paccar zählt zu den größten Herstellern auf dem US-Markt. Der Hauptsitz ist Seattle, das Unternehmen ist im amerikanischen Aktienindex S&P 500 gelistet. 2012 legten die Amerikaner eine Ebit-Marge von 9,4 Prozent vor. Paccar ist aber nicht nur stark auf dem nordamerikanischen Markt. Die US-Trucks rollen auch über westeuropäische Straßen - dem zweitstärksten Markt für Paccar. Quelle: Presse
Platz 6: CNHTC - SinotrukAbsatz: 150.800Sinotruk ist mit rund 20 Prozent Marktanteil einer der führenden Hersteller schwere Lkw in China. Die Marke gehört zur China National Heavy Duty Truck Group - CNHTC. MAN baut gemeinsam mit dem chinesischen Schwergewicht unter dem Namen "Sintrak" Nutzfahrzeuge für Schwellenländern. Die Marke wurde 2013 gelauncht - die ersten Lkw sind auf chinesischen Straßen unterwegs. Quelle: Creative Commons - Kruglovsasha
Platz 5: Volvo TrucksAbsatz: 177 .200Derzeit noch die Nummer fünf am Markt. Zum Jahreswechsel beschloss der Lkw-Bauer die Produktion zu drosseln. Viele Kunden deckten sich noch mit den günstigeren Lkw der Abgasnorm Euro 5 ein. Diese Vorzieheffekte ließen die Nachfrage nach den neuen Euro-6-Lastern erstmal sinken. Doch die Schweden haben Großes vor – sie wollen zur Nummer eins auf dem Weltmarkt aufsteigen. Quelle: Presse

Wieso ist NRW jetzt doch beim Feldversuch dabei?

Groschek will mehr Güter auf die Schiene bringen. Dazu nutzt er die Ausnahmegenehmigung, die der Bund für den LKW-Feldversuch erteilt hat: Nun  kann er 17,8 Meter statt 16,5 Meter lange Sattelzüge auf Nordrhein-Westfalens Straßen erlauben. Sein Beitritt zum Feldversuch ist im Grunde lediglich ein rechtlicher Kniff, auch wenn Alexander Dobrindt ausdrücklich die Öffnung des NRW-Verkehrsministers gegenüber Lang-LKW begrüßt.

„Diese gerade einmal um 1,30 Meter verlängerten Sattelzüge erlauben es, Güter wesentlich effizienter von der Bahn auf den Lastwagen und umgekehrt zu verladen“, sagt Groschek. „Das unterstützt unser Ziel mehr Güter von der Straße auf die Schiene zu bringen.“ Also mehr Bahnverkehr statt Gigaliner – denn die 25 Meter langen LKW bleiben auch weiter verboten.

„Schon alleine die Verkehrsdichte in NRW mit ihren vielen Autobahnkreuzen und Anschlussstellen würden das Risiko und die Gefahren für die anderen Verkehrsteilnehmer deutlich erhöhen“, so der Landesminister. Die nun erlaubten 17,8 Meter langen Sattelzüge mit einem Anhänger sind sogar rund einen Meter kürzer als die ohnehin in der EU erlaubten Gliederzüge mit zwei Hängern.

Wie fällt die Zwischenbilanz des Gigaliner-Feldversuchs aus?

Das Fazit ist bisher positiv. Die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt), die den Feldversuch wissenschaftlich begleitet, bescheinigt den langen Lastern eine ansehnliche Effizienzsteigerung: Speditionen könnten bis zu 25 Prozent Kraftstoff sparen, heißt es. Sicherheitsprobleme habe es keine gegeben, auch wenn es manchmal eng werde für die Laster – kleine Parkbuchten und Kreisverkehre bereiten ihnen Schwierigkeiten.  

Neun Bundesländer und rund 40 Transport-Unternehmen sind bei dem Feldversuch aktiv, zurzeit rollen etwa 110 Gigaliner über die Autobahnen. Mit 40 Tonnen sind die getesteten Laster so schwer wie herkömmliche LKW.  

Deutschland ist Logistik-Weltmeister
Platz zehn: JapanDie Weltbank hat rund 6000 Logistikunternehmen rund um den Globus befragt, wie ihre Erfahrungen mit der Zollabfertigung, der Nachverfolgung von Paketen und der Pünktlichkeit von Dienstleistern in verschiedenen Ländern sind. Die Unternehmen konnten in den Kategorien Zollabfertigung, Handels- und Transportinfrastruktur, Lieferungen, Zufriedenheit mit regionalen Logistikunternehmen, Pünktlichkeit und Transparenz Punkte von eins bis fünf vergeben. Daraus ergibt sich der Logistics Performance Index (LPI).Japan liegt mit einem LPI von durchschnittlich 3,91 auf Rang zehn. Am höchsten ist die Einzelwertung Japans in der Kategorie Pünktlichkeit mit 4,24 von fünf möglichen Punkten. Quelle: AP
Platz neun: USAMit nur 0,01 Punkten mehr ziehen die USA im Logistik-Ranking an Japan vorbei: 3,92 Punkte vergaben die befragten Logistiker an Amerika. Die höchste Punktzahl gab es für die Qualität der Handels- und Transportinfrastruktur (4,18 Punkte), am schlechtesten bewertet wurde das Arrangieren von Lieferungen zu arrangieren (3,45 Punkte). Quelle: REUTERS
Platz acht: LuxemburgAn Luxemburg gingen je 3,82 Punkte für die Effizienz der Zollabfertigung und das problemlose Arrangieren von Lieferungen, 3,91 Punkte für die Qualität der Infrastruktur an sich, 3,78 Punkte für die Qualität der regionalen Logistikdienstleister, 3,68 Punkte für die Nachverfolgung von Sendungen und 4,71 Punkte für die Pünktlichkeit. Insgesamt erreicht Luxemburg 3,95 von fünf Punkten. Quelle: dpa
Platz sieben: NorwegenNorwegen tat sich insbesondere bei der Qualität der Zollabfertigung mit 4,21 Punkten hervor. Insgesamt ergatterte Norwegen mit 3,96 Punkten Platz sieben - im Jahr 2012 belegte das skandinavische Land noch Rang 22. Quelle: AP
Platz sechs: SchwedenAuch Schwedens Logistik kann sich sehen lassen. Bestnoten gab es für die Pünktlichkeit (4,26 Punkte). Insgesamt erzielte Schweden eine LPI von 3,96 Punkten. Quelle: AP
Platz fünf: Singapur Singapur hat sich gegenüber dem Logistik-Ranking der Weltbank aus dem Jahre 2012 verschlechtert. Vor zwei Jahren belegte Singapur noch Platz eins, heute reicht es mit einem LPI von vier von fünf möglichen Punkten nur noch für Platz fünf. Die beste Wertung bekam Singapur mit 4,28 Punkten übrigens für die Qualität der Handels- und Transportinfrastruktur. Quelle: dpa
Patz vier: GroßbritannienInsgesamt gingen 4,01 Punkte an das Vereinigte Königreich. Im einzelnen bekam England folgende Punkte: Qualität der Zollabfertigung: 3,94 Qualität der allgemeinen Infrastruktur: 4,16 Qualität von Logistikdiensten: 4,03 Sendungsnachverfolgung: 4,08 Pünktlichkeit: 4,33 Quelle: REUTERS

Was sagen die Gegner der Gigaliner zu der Zwischenbilanz?

Umweltverbände und Verkehrsclubs kritisieren, dass die Bundesanstalt für Straßenwesen in ihrer Analyse einen falschen Fokus lege. Zwar werde erfasst, wie viel effizienter jeder einzelne Gigaliner sei, aber nicht, wie stark das LKW-Aufkommen durch sinkende Transportkosten steigen könnte.

„Wir befürchten, dass sich der Güterverkehr von der Schiene auf die Straße verlagert und die Zahl der LKW um ein Vielfaches steigt“, sagt Anja Smetanin vom Verkehrsclub Deutschland (VDC). „Dann ist zwar der einzelne Gigaliner effizienter, aber in der Gesamtheit sind die LKW schädlicher fürs Klima als der Transport per Bahn.“

Außerdem kritisieren Gegner das größere Sicherheitsrisiko und die Belastung für Straßen. „Unsere Infrastruktur ist für solche LKW gar nicht ausgelegt und müsste umgebaut werden“, sagt Smetanin.

Was sagen die Bürger?

Laut einer repräsentativen Forsa-Umfrage vom Sommer 2014 lehnen 79 Prozent der Deutschen  die Lang-LKW ab. Als häufigste Gründe geben rund die Hälfte der Befragten das größere Unfallrisiko und die erhöhten Steuermittel für den Umbau des Straßennetzes an. Bezahlt wurde die Umfrage vom Automobil Club Verkehr (ACV), der „Allianz pro Schiene“ und dem Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), die Gigalinern allesamt kritisch gegenüberstehen.

Wo in der EU dürfen Gigaliner noch fahren?

In Finnland und Schweden sind die Gigaliner schon seit den 70er-Jahren erlaubt, seit vergangenem Jahr fahren sie zudem in den Niederlanden. Neben Deutschland experimentiert auch Dänemark mit den langen Lastern, offiziell erlaubt sind sie dort aber noch nicht.  

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Was sagt die EU zu den Lang-LKW?  

Die EU steht den Lang-LKW kritisch gegenüber: Das Europäische Parlament beschloss diese Woche, dass die Gigaliner nicht grenzüberschreitend eingesetzt werden dürfen – außer zwischen Ländern die ihren Einsatz auf nationaler Ebene erlaubt haben. Im Fall einer Zulassung dürften deutsche Lang-LKW also nur die Grenze zu den Niederlanden passieren.

Wie geht es in Deutschland weiter?

Der Feldversuch läuft noch bis Ende 2016, erst danach soll eine endgültige Entscheidung gefällt werden.

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