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Onlinehandel Zalando hängt Amazon beim Klimaschutz ab – um 20 Jahre

Zalando will Wachstum und mehr Nachhaltigkeit vereinbaren. Das Ziel des Berliner Online-Modehändlers ist es, ab sofort Co2 neutral zu werden. Quelle: dpa

Der Berliner Online-Modehändler Zalando entdeckt den Klimaschutz und will ab sofort CO2-neutral werden. Amazon plant das erst für 2040. Doch lassen sich massives Wachstum und mehr Nachhaltigkeit tatsächlich vereinbaren?

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Es war eine Art Weckruf für Rubin Ritter. Vor einiger Zeit hatte der Co-Chef des Onlinemodehändlers Zalando im Internet mal seinen persönliche CO2-Fußabdruck berechnet. Das Ergebnis alarmierte ihn. Rund 40 Tonnen des klimaschädlichen Treibhausgases waren durch ihn ausgestoßen worden, deutlich mehr als im Durchschnitt der Bevölkerung. Zum einen hatte eine Reise nach Japan die CO2-Bilanz des Zalando-Managers getrübt, zum anderen schlugen auch persönliche Konsumvorlieben Ritters ins Kontor: Onlinebestellungen, die zum Anstieg des Lieferverkehrs beitrugen – und damit zu einem höheren CO2-Ausstoß. Was Ritter privat ärgert, will er nun auch im Unternehmen anpacken: 

„Die gesamte Modebranche steht vor großen Herausforderungen beim Thema Nachhaltigkeit und wir sind Teil des Problems“, räumte der Manager bei einer Zalando-Veranstaltung am Mittwoch in Berlin ein. „Zukünftig wollen wir ein Teil der Lösung sein.“ 

Dafür will das Berliner MDax-Unternehmen ab dieser Woche alle Kohlendioxid-Emissionen aus dem eigenen Geschäft sowie sämtlichen Lieferungen und Retouren kompensieren und so CO2-neutral werden. Emissionen würden durch die Nutzung von erneuerbaren Energien und durch die Bündelung von Lieferungen reduziert, alle dann übrig bleibenden würden ausgeglichen.

Dabei geht es um erhebliche Mengen. Allein im vergangenen Jahr verursachte der Zalando-Handel insgesamt nach Unternehmensberechnungen rund 247.000 Tonnen Kohlendioxid, ein Fünftel mehr als im Vorjahr. Mehr als 60 Prozent davon wurden bei der Lieferung an die Kunden in die Luft geblasen.

Wie ambitioniert das Vorhaben ist, zeigt der Vergleich mit Wettbewerber Amazon. Jeff Bezos, der Chef des Onlineriesen, hatte im September eine Klimaschutzinitiative vorgestellt. Bis 2030 soll Amazon seine Energie ausschließlich aus erneuerbaren Quellen beziehen, bis 2040 vollständig CO2-neutral sein. „Wir sind groß“, sagte Bezos. „Wenn wir es schaffen, dann zeigt das, dass es alle schaffen können.“

Hat Ritter Erfolg, wäre Zalando 20 Jahre früher dran. Um das Ziel zu erreichen, hat der Online-Modehändler die Stromversorgung an seinen Unternehmensstandorten nach eigenen Angaben bereits zu mehr als 90 Prozent auf erneuerbare Energien umgestellt. Zudem wird Zalando auch CO2-Zertifikate kaufen und Projekte wie Wiederaufforstungen unterstützen, um die selbst verursachten Emissionen zu kompensieren.

Auch bei anderen Umweltthemen will Zalando künftig mehr tun. Verpackungen sollen bis 2023 so gestaltet werden, dass sich Abfälle deutlich verringern und Materialien häufiger wiederverwenden lassen. Bis 2023 will Zalando außerdem auf die Verwendung von Einwegplastik verzichten und 20 Prozent des gesamten Handelsvolumens auf der Plattform mit nachhaltigeren Produkten erzielen. Das entspricht laut Ritter Waren im Wert von rund 3 bis 4 Milliarden Euro. 2019 sollen hier 260 Millionen Euro erreicht werden. Das Segment sei eines der am schnellsten wachsenden in Zalandos Geschäft.

Für den gesamten Konzern deutet sich dennoch ein heikler Spagat an. Erst im Februar hatte Ritter angekündigt, dass Zalando bis 2023/24 deutlich wachsen will. Der Bruttoumsatz des Modehauses soll von 6,6 auf dann 20 Milliarden Euro klettern. Doch lassen sich massives Wachstum und mehr Nachhaltigkeit tatsächlich vereinbaren?

Er sehe einen Zusammenhang zwischen nachhaltigem Handeln und dauerhaftem wirtschaftlichem Erfolg, sagte Ritter dazu. Nur Unternehmen, die Nachhaltigkeit in ihre strategische Ausrichtung einbezögen, könnten „für die Kunden relevant bleiben“. Zalando sehe darin langfristig einen Wettbewerbsvorteil und sei dafür auch bereit, „kurzfristig bei Wachstum und Profitabilität Kompromisse“ einzugehen.

Beim Wachstum sehen die Zahlen aktuell noch nicht nach Kompromiss aus, bei der Profitabilität dagegen hat Zalando durchaus noch Luft nach oben. Im dritten Quartal 2019 verzeichnete der Konzern erstmals in seiner Geschichte mehr als eine Milliarde Seitenbesuche, ein Plus von 37,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Dabei kletterte auch der Umsatz um 26,7 Prozent auf 1,5 Milliarden Euro, im zweiten Quartal waren es noch „nur“ 20 Prozent gewesen. Der operative Ertrag (bereinigtes Ebit) stieg auf 6,3 Millionen Euro. Unter dem Strich verbuchte Zalando dennoch einen Verlust von 13,6 Millionen Euro, der im Vergleich zum Vorjahr (minus 41,7 Millionen Euro) jedoch deutlich geringer ausfällt. Das Unternehmen hofft nun auf ein starkes Weihnachtsgeschäft. Auch die nachhaltig denkende Zielgruppe freut sich über Socken unter dem Weihnachtsbaum.

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