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USA-Reisen „In den Premiumabteilen könnte es im November wieder eng werden“

Mit dem Ende des Flugbanns der USA für geimpfte Europäer steigt die Reiselust von Geschäftsleuten und Urlaubern - aber für wie lange? Quelle: dpa

Mit dem Ende des Flugbanns der USA für geimpfte Europäer steigt die Reiselust von Geschäftsleuten und Urlaubern. Aber haben die Airlines wirklich Grund zum Feiern?

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Lange drohte die 77. Jahrestagung des Weltluftfahrtverbandes Iata, die an diesem Montag in Boston beginnt, zu einer Veranstaltung mit gedämpfter Stimmung zu werden. Weite Teile der Branche leben von den Passagieren, die von und in Richtung USA reisen. Doch die Touren waren wegen des strikten Einreiseverbots der Vereinigten Staaten fast unmöglich. Die Iata-Partys, mit denen vor allem Leasingfirmen und Flugzeughersteller die gebeutelten Airlines umwerben, drohten deutlich kleiner auszufallen als bei den letzten Luftfahrtkonferenzen in Seoul oder Sydney.

Seit gut einer Woche stehen die Chancen auf Partylaune wieder besser. Die US-Regierung hat verkündet, dass ab November geimpfte Reisende aus der EU und Großbritannien ins Land dürfen. Damit können nicht nur viele Manager ihre Geschäftsfreunde und Unternehmen in den USA sehen. Auch Reisen für Weihnachtseinkäufe in New York und das Sonnentanken in Florida sind wieder möglich. „Das ist ein großer Schritt vorwärts für die weltweite wirtschaftliche Erholung“, so Andrew Crawley, Chief Commercial Officer des führenden Geschäftsreisedienstleisters American Express Global Business Travel.

Die Branche hofft auf eine Signalwirkung und darauf, dass andere Staaten schnell nachziehen. Den Anfang machte Ende der Woche Australien, das nach rund anderthalb Jahren wieder die Grenzen für Ausländer öffnet. Darauf haben die Kunden offenbar gewartet. Wer jetzt kurz vor Beginn der Iata-Tagung am kommenden Sonntag mit Reiseunternehmen spricht, erkennt: Der Reiseverkehr zieht fast in Rekordzeit wieder an.

Vorreiter sind die Manager. „Sowohl aus Deutschland als auch über die europäischen Flugdrehkreuze registrieren wir ein deutlich erhöhtes Geschäftsreisevolumen“, sagt Markus Orth, Chef der Reisebürokette Lufthansa City Center. Laut einer Übersicht von American Express reisten im September wieder rund ein Viertel mehr Menschen geschäftlich als im August. „Es sind die höchsten Wochenwerte seit Februar 2020“, so ein Sprecher.

Und das ist erst der Anfang, glaubt Christoph Carnier. „Wenn seitens der US-Behörden klar kommuniziert ist, was für die Einreise denn genau erforderlich ist, wird sich die Situation nochmals deutlich verändern“, erwartet der Präsident der Geschäftsreisevereinigung Verband Deutsches Reisemanagement, im Hauptberuf verantwortlich für die Dienstreisen des Darmstädter Technologiekonzerns Merck.

Das spüren vor allem die großen Fluglinien wie Lufthansa. „Vorne in den Premiumabteilen könnte es im November wieder eng werden“, freut sich ein Konzernkenner. Das zeige sich auch an den Preisen. „Nach guten Tarifen muss man als Kunde wieder etwas länger suchen“, sagt der Manager.

Auch Touristikunternehmen verzeichnen im Vergleich zu den Vorwochen deutlich bessere Zahlen bei Amerikareisen. „Da rüttelt es sich gerade – und die Nachfrage erholt sich“, so Orth.



Über dem Schnitt läuft es bei einigen länger im Voraus gebuchten Reiseteilen wie Mietwagen. Deren Buchungen waren schon vor der US-Öffnung in der vorigen Woche rund doppelt so hoch wie vor einem Jahr. „In den vergangenen zwei Wochen liegen die Zahlen beim Dreifachen der 14 Tage davor“, sagt Frieder Bechtel, der bei der Kölner Suchmaschine Billiger-Mietwagen.de als Head of Partner Management die Zusammenarbeit mit den Vertriebspartnern leitet. Damit erreichen die Reservierungen wieder die Hälfte des Vorkrisenniveaus.

Einen wahren Buchungsboom gibt es bei den Wohnmobilen. „Bei unserer Plattform CamperDays sehen wir sogar schon 93 Prozent des Vor-Pandemie-Niveaus“, sagt Bechtel.

Dabei machen es die Anbieter ihren Kunden nicht leicht. Zum einen sind die Preise drastisch gestiegen. Mit im Schnitt 162,80 Euro pro Tag kosten die Kleinwohnungen auf Rädern fast 30 Prozent mehr als vor der Krise im Jahr 2019. Der Grund ist vor allem das geringere Angebot an Autos. „Bei Miet-Campern haben viele Anbieter das Vermietgeschäft eingestellt und sich auf reines Verkaufen konzentriert, weswegen jetzt deutlich weniger Fahrzeuge zur Verfügung stehen“, sagt Bechtel.



Auch wenn die Zahlen anziehen: Zumindest die Flugbranche ist von einer Rückkehr zur Normalität ein Stück entfernt. Zum einen fehlen den Airlines die Flüge Richtung Asien, die am Ende wichtiger sind als die US-Verbindungen. Denn noch sind vor allem die für Geschäftsreisende relevanten Ziele China und Indien nur schwer erreichbar.

Außerdem könnte der US-Boom wieder abflachen. Wie stark er bleibt, hängt von den genauen Vorschriften der USA ab. „Noch sind viele Details der Einreiseregeln für Touristen unklar“, warnt Bechtel.

Bei den Geschäftsreisen rechnen Manager wie Sébastien Bazin, Chef von Europas größter Hotelgruppe Accor, ebenfalls mit einem dauerhaften Dämpfer. Obwohl viele Manager Kunden und Kollegen wieder persönlich treffen wollen, gibt es Hürden: „Die Frage heute ist, ob sie dürfen. Auch wenn die Grenzen wieder offen sind, werden mehrtägige Reisen künftig genauer geprüft“, sagt Bazin. Mindestens eine von zehn Reisen, die früher durchgegangen wären, dürften die Controller künftig verhindern.


Mehr zum Thema: Nach den Urlaubsbuchungen steigt nun auch die Zahl der Geschäftsreisen wieder an – und das sogar überraschend stark. Für die Lufthansa ist die Sparte der wichtigste Umsatzbringer. Sie kann vor allem auf den deutschen Mittelstand zählen. 

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