WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Wegen Verzögerung bei 737 Max fehlen Flieger Ryanair-Tochter Laudamotion prüft Großbestellung bei Airbus

Nachdem Boeing erneut eine Verspätung seines Bestsellers 737 Max verkündete, möchte Ryanair doch wieder im großen Stil Maschinen von Airbus kaufen. Quelle: dpa

Die wachsenden Probleme bei Boeing gefährden das Ryanair-Geschäftsmodell. In der Not interessiert sich Europas größter Billigflieger nun für Airbus-Flugzeuge.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Lufthansa, die EU-Kommission, Flughafen München – Ryanair-Chef Michael O’Leary hat zu vielen Spielern in der Flugbranche ein etwas angespanntes Verhältnis, weil sie ihm bei seinen Wachstumsplänen in die Quere kommen. Doch die Beziehung zu Airbus galt immer als die schwierigste. „Michael will die Flieger immer halb geschenkt und wenn er das nicht kriegt, tut er immer ein wenig beleidigt“, beschreibt ein Insider des Flugzeugherstellers den Umgang mit dem schillernden Manager.

Das könnte sich bald ändern. Nachdem Boeing am Dienstag eine weitere Verspätung seines Bestsellers 737 Max verkündete, interessiert sich Ryanair nun offenbar doch wieder für Maschinen von Airbus. Betreiben soll die Mittelstreckenflugzeuge vom Typ A320 und A321 aber nicht Ryanair selbst, sondern die österreichische Tochter Laudamotion. Sie hat bereits 23 Airbus-Maschinen in ihrer Flotte und will die Zahl bis zum Sommer ohnehin auf 38 aufstocken. „Aktuell sind wir in Gesprächen mit Airbus für einen weiteren Flottenausbau“, bestätigte eine Laudamotion-Sprecherin der WirtschaftsWoche.

Die Verhandlungen sind offenbar noch in einem frühen Stadium. Denn nachdem Ryanair auf Anfrage zunächst an Laudamotion verwiesen hat, erklärte das Unternehmen noch nicht mit Airbus zu verhandeln. Ryanair-Insider des Unternehmens bestätigten jedoch, dass der Plan zum Ausbau von Lauda mit bis zu 100 Maschinen stehe. „Lauda bekommt die Maschinen“, heißt es in Ryanair-Kreisen.

Selbst betreiben kann Ryanair die Maschinen nicht. Die Linie betreibt derzeit ausschließlich Boeing-Maschinen. „Da würde es zu teuer und zu langwierig, Maschinen eines anderen Herstellers einzuführen“, sagt O’Leary.

Mit dem Kaufinteresse für die Tochter vollzieht O‘Leary in der Airbusfrage seine zweite Kehrtwende. Der Ire hatte bereits Anfang des vergangenen Jahres eine Großbestellung von bis zu 100 Maschinen bei Airbus angekündigt. Doch im Oktober machte er dann einen Rückzieher. „Airbus will uns leider nicht, weil sie auf Jahre ausgebucht sind“, erzählte er damals und wollte wegen des „viel zu geringen Wettbewerbs im Flugzeugbau“ sogar das chinesische Konkurrenzmodell zu A320 und 737 namens Comac C919 kaufen.

Doch der wahre Grund war ein anderer, berichten Insider. „Michael forderte wie immer sehr hohe Rabatte von bis zu 50 Prozent und mehr, wie sie Boeing angeblich gerade bei der Max gibt“, sagt ein Unternehmenskenner. „Doch die wollte ihm Airbus angesichts der ohnehin hohen Nachfrage partout nicht anbieten.“

Zwar wäre ein Großauftrag von Europas größtem Boeing-Kunden sicher ein gewaltiger Prestigegewinn für den europäischen Hersteller. Doch der ist gerade bis zum Anschlag ausgelastet. Er hat gut 6000 offene Bestellungen allein für das neueste Modell A320neo. Dabei konnte er 2019 nur 550 Jets bauen und ausliefern. „Auch wenn das bald auf 700 pro Jahr ansteigen wird, bringen wir da wenig neue Orders unter – und schon gar keine, an denen wir wenig bis nichts verdienen“, kommentierte seinerzeit ein hochrangiger Airbus-Manager O’Learys Kritik.

Nun sei Ryanair aber deutlich kompromissbereiter, vor allem beim Preis, heißt es im Umfeld der Fluglinie. Zu der völlig ungewohnten Kompromissbereitschaft treibt die Iren nicht zuletzt die pure Not. Boeing will die ersten Exemplare der seit März von den Flugaufsichtsbehörden stillgelegten 737 Max statt im Februar nun wohl nicht vor dem Sommer ausliefern. Darum fehlen Ryanair, die 135 Exemplare der Max plus 100 Optionen bestellt hat, wahrscheinlich noch bis weit ins Jahr 2021 mehrere Dutzend Flugzeuge, um wie geplant wachsen zu können. Die Iren hatten sich beim Personal und den Verträgen mit Flughäfen darauf vorbereitet, im Jahr 2024 rund 200 Millionen Passagiere zu fliegen – statt wie heute rund 140 Millionen.

Weil O’Leary die Boeing-Probleme schon früh pessimistischer einschätzte als seine Wettbewerber, verschob Ryanair das Ziel bereits ab dem vorigen Sommer still um ein Jahr – und musste Flughäfen nicht mehr anfliegen und Leute zu Teilzeitarbeit oder Kündigungen drängen. „Nun könnte es da noch ein Jahr später werden“, fürchtet ein Kenner der Airline.

Dazu gilt das Verhältnis zu Boeing wie bei vielen Linien als deutlich getrübt. „Die sollen endlich ihren Scheiß zusammen kriegen, statt immer nur größeren Bockmist aufzutürmen“, ist da noch einer von O’Learys harmloseren Kommentaren. Dazu mag er offenbar nicht ausschließen, dass seine Passagiere Sicherheitsbedenken haben, wenn sie irgendwann mal vor seinen Max-Maschinen stehen. „Da wollen wir die Abhängigkeit von Boeing verringern“, heißt es in Konzernkreisen.

Wie ernst Ryanair diesmal das Interesse am Airbus-Flieger ist, zeigt sich darin, dass die Linie offenbar an einer Notlösung arbeitet, falls sich der Großeinkauf länger hinzieht oder deutlich kleiner ausfällt als geplant. Denn parallel zum Kontakt in die Airbus-Zentrale nach Toulouse suchen die Ryanair-Flottenplaner auch nach gebrauchten Fliegern, berichten Manager von Leasingunternehmen. O’Leary selbst gibt das zumindest teilweise zu. Zwar müsse die Gesellschaft natürlich ausschließlich neue Jets kaufen, weil nur das zum angestrebten Image als Europas umweltfreundlichste Airline passe. „Aber die älteren A320 sind gerade in großer Menge und günstig zu mieten“, so O’Leary gewohnt kostenbewusst. „Damit sind die teilweise billiger im Betrieb als neue Maschinen.“

Hinweis in eigener Sache: Im Vorfeld der Veröffentlichung hatte die WirtschaftsWoche sowohl Airbus als auch Ryanair um Stellungnahme zu der Information gebeten, dass der Ryanair-Konzern für Laudamotion mit Airbus über den Kauf von 100 Flugzeugen spricht. Airbus wollte sich nicht äußern, Ryanair verwies an Laudamotion. Die Leiterin Marketing und PR von Laudamotion äußerte sich am Donnerstag schriftlich mit den Worten: „Lauda erhöht im Sommerprogramm 2020 die bestehende Flotte von 23 auf 38 Airbus A320. Aktuell sind wir in Gesprächen mit Airbus für einen weiteren Flottenausbau.“ Nach Veröffentlichung unserer Meldung am Freitag erklärte Ryanair, dass keine Verhandlungen laufen würden. Wir haben den Artikel um die Aussagen von Ryanair ergänzt.

Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%