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GasversorgungDem Tempo wird jetzt viel geopfert, was früher undenkbar war

Was zählt ist Tempo. In diesem Geist hat Robert Habeck in Wilhelmshaven am Donnerstag ein Schiff bestiegen, schwimmende LNG-Terminals gemietet – und einen griechischen Milliardär bei einer Party glücklich gemacht.Florian Güßgen 05.05.2022 - 15:28 Uhr

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) besuchte am Donnerstag Wilhelmshaven und unterzeichnete Pachtverträge für vier schwimmende Terminals, sogenannte Floating Storage and Regasification Units (FSRU).

Foto: Florian Güßgen für WirtschaftsWoche

Um 8.35 Uhr an diesem Morgen ist es in der Nordsee vor Wilhelmshaven, etwa auf Höhe der Schleuse Hooksiel, soweit. Ein lang gezogenes Tuten aus einem Schiffshorn, kurze Pause, dann erfolgt auf der Ramme „Kurt“ der erste Rammschlag, direkt vor dem Anleger. Ein metallischer, lauter Schlag ist das. Und es folgen weitere. Wumms. Wumms. Schon Weihnachten soll hier das erste schwimmende LNG-Terminal Deutschlands liegen, es trägt den Namen „Esperanza“ – Hoffnung. Deswegen muss es ab jetzt immer weiter gehen.

Robert Habeck, der Wirtschafts- und Klimaminister beobachtet den ersten Rammschlag aus nächster Nähe, vom Ausflugsschiff „Harle Kurier“ aus, in Begleitung von Lokal- und Landespolitikern, Unternehmenslenkern wie dem Chef von Uniper, und zig Kameras und Fotoapparaten, Journalisten. Es ist ein großes Zeichen, dass Habeck hier und jetzt setzen möchte. Der erste Rammschlag, das heißt doch, physisch: Es geht los mit dem Flüssigerdgas, dem LNG, in Deutschland. Und zwar jetzt. Erst am Abend zuvor, exakt um 22.45 Uhr, ist die Ramme hier angekommen. Früher ging es also wirklich nicht.

In der niedersächsischen Hafenstadt hatten Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck und der niedersächsische Energieminister Olaf Lies zum Fototermin geladen.

Foto: Florian Güßgen für WirtschaftsWoche

Ein Spruch für die Wikipedia-Ewigkeit

Das mit der Zeit ist wichtig, und auch, dass Habeck sie nicht verstreichen lässt, sondern sie füllt, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute – und zwar mit Versuchen, wegzukommen aus dieser so verfluchten Energieabhängigkeit von Russland, mit Versuchen, sich möglichst bald aus dem Klammergriff Wladimir Putins zu lösen, diesem entwürdigenden Widerspruch ein Ende zu bereiten, dass die Deutschen einerseits moralisch hochwertig das Morden in der Ukraine verdammen, aber andererseits Putins Gas kaufen müssen, damit die Wirtschaft nicht implodiert und die Wohnzimmer nicht kalt werden. Olaf Lies (SPD), der niedersächsische Bau- und Energieminister ist an diesem Morgen auch auf dem Boot, genauso wie sein Kollege, Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU).

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Genau genommen fahren die beiden derzeit sehr viel auf Ausflugsschiffen, um künftige Standorte für LNG-Terminals zu inspizieren. Erst vor wenigen Wochen waren sie in Stade. Dort schon sprach Lies von der „neuen Deutschlandtempo“, die nun angestrebt werden müsse. Und auch in Wilhelmshaven lässt Lies keine Gelegenheit aus, diese, offensichtlich eigene, Wortschöpfung zu erwähnen, zu prägen, sie mit sich zu verknüpfen. Wenn Lies Glück hat, wird in künftigen Wikipedia-Einträgen vermerkt sein: Olaf Lies, das ist doch jener Mann, der das „neue Deutschlandtempo“ erfunden hat.

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Aber ungeachtet aller Begrifflichkeiten ist der Rammschlag von Wilhelmshaven an diesem Tag tatsächlich der Startschuss für die Umsetzung eines beachtlichen Plans: Erstens soll hier nun der erste Liegeplatz für ein so genanntes FSRU entstehen, eine Floating Storage and Regasification Unit, vulgo: ein schwimmendes Terminal. Diese FSRUs sind an sich nichts anderes als umgebaute Flüssigerdgas-Tanker, die in der Lage sind das flüssige Erdgas wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen, sodass es dann über Pipelines zu Verbrauchern gebracht werden kann.

Deutschland hat bisher kein festes LNG-Terminal, der Bau dauert mehrere Jahre. Deshalb behilft sich die Bundesregierung nun – und forciert das Leasing und die Anbindung der FSRUs. Verkündet hat Habeck, dass eins in Wilhelmshaven liegen soll und eins in Brunsbüttel in Schleswig-Holstein. Diese beiden bis Ende des Jahres. Bis zum nächsten Mai soll es dann zwei weitere Liegeplätze geben: Denkbar ist ein weiterer Liegeplatz in Wilhelmshaven, aber auch Stade, Rostock, Lubmin und selbst das niederländische Eemshaven sind Kandidaten. Um die genauen Standorte der FSRUs ist ein heftiger Wettbewerb entbrannt.


Wirtschaftsminister Robert gemeinsam mit Dynagas-Patriarch George Procopiou auf der Bühne.

Foto: Florian Güßgen für WirtschaftsWoche


Bemerkenswert ist dabei, dass Habeck und sein Ministerium bereits die Schiffe, die schwimmenden Terminals, organisiert hat, ohne dass deren finaler Liegeplatz schon endgültig feststeht. Das sei, heißt es, aus Unternehmenskreisen, alles der Tatsache geschuldet, dass man in der Regierung offenbar keine Zeit verlieren wolle: Erst besorge man die Schiffe, dann prüfe man, welcher Standort zuerst bereit sei, dahin würden die Schiffe dann verbracht. Und so fährt die „Harle Kurier“ mit der gesamten LNG-Party-Gesellschaft auch recht zügig wieder zurück in den kleinen Hafen an der Schleuse Hooksiel.

Denn dort muss Habeck nun zweierlei tun: Zum einen begutachtet er in einem weißen Konferenzzelt die Stände all jener Unternehmen, die hier in Wilhelmshaven an der LNG-Zukunft mitarbeiten: Den Stand von Uniper als Betreiber etwa, oder den Stand von Open Grid Europe, jener Firma, die die etwa 30 Kilometer lange Pipeline zum nächste Gas-Einspeisepunkt legen soll bis Ende des Jahres. Vor allem aber unterschreibt er Verträge mit jenen Reedern, die der Bundesregierung die FSRUs vermieten: mit der griechischen Reederei Dynagas und der norwegischen Reederei Höegh. Es soll wohl auch die historische Bedeutung dieser Habeckschen Akte unterstreichen, dass die Verträge hier vor Ort unterzeichnet werden.

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Die „Hoffnung“ für Wilhelmshaven

Dabei ist die Konstruktion schon bemerkenswert. Die Konzerne Uniper und RWE haben jeweils mit einer Reederei die Bedingungen ausgehandelt. Uniper mit Dynagas, RWE mit Höegh. Von Dyngas kommen die beiden LNG-Tanker „Transpower“ und „Transgas“, von Höegh die „Esperanza“ und die „Giant“ – auch wenn die „Giant“ noch nicht offiziell bestätigt ist.

Das Geld für die Schiffe aber kommt von der Bundesregierung. Auch die Umsetzung ist etwas kompliziert. Zwar hat RWE die „Esperanza“ organisiert, aber weil die als erstes verfügbar ist, wird sie nicht in Brunsbüttel liegen, wo RWE bei der Betreibergesellschaft des künftigen, festen LNG-Terminals mit zehn Prozent eingestiegen ist, sondern die „Esperanza“ wird künftig von Uniper betrieben, weil die in Wilhelmshaven das Prä haben. RWE wird also die „Hoffnung“ übernehmen und so lange für den Betrieb zuständig sein, bis das Schiff vertäut und als ordentliches Terminal betriebsbereit ist. Dann übernimmt Uniper. Es sind bemerkenswerte Formen der Kooperation, die die Zeitnot derzeit erzeugt.

Griechische Reeder for Europe

Tatsächlich sind auch die Chefs von Dynagas und Höegh an diesem Donnerstagmorgen nach Wilhelmshaven gekommen. Mit unifarbenem, dunklen Baseball-Cap auf dem Kopf tritt der Gründer und Patriarch von Dynagas ans Mikrofon, George Procopiou, und liest, auf Englisch, eine kurze Rede vom Blatt. Seine Botschaft: Europa, das bedeutet, dass die Deutschen toll Autos produzieren und die Griechen eben das mit dem Transport auf dem Seeweg herausragend machen.

Er skizziert eine Vision der geschäftsträchtigen binneneuropäischen Arbeitsteilung. Aus gutem Grund. Spätestens seit dem Beginn der Energiekrise im vergangenen Herbst können sich griechische Reeder vor Aufträgen nicht mehr retten. Und dass die Deutschen jetzt so scharf auf eines der weltweit existierenden 48 FSRUs sind, dürfte die Leasing-Rate enorm in die Höhe getrieben haben. Insider hatten in einem Newsletter jüngst von rund 200.000 Euro pro Tag geschrieben. Es sind Preise, die jedem Reeder Tränen in die Augen treiben müssen – und jedem Steuerzahler auch. Aber Habeck hat, gut gelaunt, unterschrieben. Im Fachjargon wird der Vorgang nicht umsonst „Charter-Party“ genannt.

Aber was soll’s? Wenn’s der Sache dient? Und das tut es offenbar. Nach Berechnung aller Beteiligten könnten die FSRUs schon Ende des Jahres einen beachtlichen Teil der russischen Gaslieferungen ersetzen.



Allerdings muss man auch erwähnen, dass Habeck trotz aller Freude über die Fortschritte den Grund für das neue deutsche Tempo deutlich nannte: die „Katastrophe“ des Kriegs und des Sterbens in der Ukraine. Und er sagte auch, dass es richtig Grund zu feiern erst gebe, wenn das Gas tatsächlich auf diesem Weg geliefert würde. Und da, das weiß gerade der Grünen-Minister, gibt es doch noch gewaltige Hürden. Zwar bringt das Wirtschafts- und Klimaministerium derzeit das so genannte „LNG-Beschleunigungsgesetz“ auf den Weg, das Genehmigungen im Turboverfahren möglich machen soll. Aber selbst das ist kein Garant dafür, dass die Bauprojekte ohne rechtliche Widerstände wie geplant umgesetzt werden können.

So gab es etwa gegen die geplante, etwa 30 Kilometer lange Pipeline von Wilhelmshaven zum nächsten Gasnetzanschlusspunkt bei Etzel bei einem früheren Versuch erhebliche Widerstände. Und bereits jetzt hat die Deutsche Umwelthilfe (DUH) Widerspruch gegen den „vorzeitigen Beginn der Arbeiten“ in Wilhelmshaven eingelegt – vor allem, so die Sorge der Umweltschützer, gefährdeten die Schallemission der Bauarbeiten Schweinswale.

Grün trifft hier, wieder einmal, auf Grün. Das macht die Sache so pikant, wobei Habeck die Umwelthilfe schon am Mittwoch vor einer Klage gewarnt habe. Es gehe schließlich, bei allem Respekt, um die nationale Versorgungssicherheit. Und er selbst sei, als Mann von der Küste, das möge man bitte nicht vergessen, der „größte Schweinswal-Fan in der Bundesregierung.“ Es ist nicht ohne Ironie, dass Habeck, als er am Morgen in Wilhelmshaven die „Harle Kurier“ betritt, an Bord erst einmal von einer Art Fanzine empfangen wird. Ein Plakat informiert dort über die „Meeressäuger im Wattenmeeres“ (Genitivkonstruktion im Original). Ganz wichtig: der Schweinswal. Diese Tiere im Frühling im Jadebusen zu beobachten, sei ein „besonderes Schauspiel.“

„Habeck, was laberst du da?“

Aber dem Tempo wird jetzt eben doch viel geopfert, was früher undenkbar war. Er selbst, erzählt Habeck auf dem Podium, habe ja noch Anfang des Jahres davon gesprochen, dass Deutschland seine Geschwindigkeit beim Aufbau der Erneuerbaren Energien und beim Klimaschutz in den nächsten Jahren verdreifachen müsse. Schon da habe er selbst gedacht: „Habeck, was laberst du da?“ Und jetzt, gehe alles noch viel, viel schneller.

Selbst für eine Internationalisierung des Deutschlandtempos könnte Habeck an diesem Tag gesorgt haben. Denn unter den Journalisten war auch ein Team des japanischen Fernsehens. Und von einem der örtlichen Experten ließ sich der Reporter ganz genau erklären, was es denn nun auf sich habe mit diesem „new German speed“, von dem jetzt alle reden – vor allem jener Herr aus Hannover: Olaf Lies.

Robert Habeck hörte die Erläuterungen nicht. Er musste weg. Die Zeit. Sie drängt.

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