Northvolt-Ansiedlung: Endlich geht in Deutschland mal was!

Vier zu drei für Northvolt: Kai Uwe Evers, Bürgermeister Norderwöhrden, nach der entscheidenden Sitzung der Gemeindevertretung der Gemeinde Norderwöhrden.
Foto: dpaWas für eine Show. Da entscheidet der Gemeinderat eines Dorfs, genauer gesagt der von Norderwöhrden im Kreis Dithmarschen, über ein 4,5-Milliarden-Euro-Projekt: ein grünes Vorzeigeprojekt im internationalen Subventionswettlauf, ein Darling des Wirtschaftsministers. Sie entscheiden über die geplante Batteriezellenfabrik des schwedischen Unternehmens Northvolt.
Und am Ende geht es denkbar knapp aus. Vier zu drei Stimmen. Puh. Die Show war so eingängig, so faszinierend, dass das Ergebnis an diesem Morgen zumindest in Norddeutschland Top News war, Robert Habeck sich sofort im NDR äußerte. Norderwöhrden rules.
David-für-oder-gegen-Goliath-Dramaturgie
Aber mal abgesehen von dieser David-für-oder-gegen-Goliath-Dramaturgie: Dass die Entscheidung für die Batteriezellenfabrik bei Heide nun gefallen ist, ist endlich mal ein gutes Zeichen. Es geht doch was in Deutschland, auch wenn hier der Strom teuer ist, die Züge in der Regel zu spät oder gar nicht kommen und die Umfragewerte der Rechten wachsen und wachsen.
Dass Northvolt nun demnächst bei Heide endlich bauen darf, ist Beleg, dass Ansiedelungspolitik funktionieren kann, dass es so etwas wie sinnvolle, klimafreundliche Strukturförderung gibt – und dass Deutschland auch bei und für Spitzentechnologie ein attraktiver Standort sein kann. Das ist schon viel.
Seit‘ an Seit‘ – selten genug
Das Northvolt-Projekt ist, das darf man nicht übersehen, tatsächlich parteiübergreifend angestoßen und durchgesetzt worden. Ein FDP-Wirtschaftsminister in Schleswig-Holstein führte die ersten Gespräche mit Northvolt-Chef Peter Carlsson, der CDU-Ministerpräsident Daniel Günther setzte sich dafür ein, in Berlin stützte der grüne Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck die Pläne – ebenso wie das SPD-geführte Kanzleramt. Die Politik der Mitte hat Seit‘ an Seit‘ gearbeitet, das geschieht selten genug. Und Northvolt, das Unternehmen selbst, hat wirklich alles getan, um die Bürger, fast nach dem Lehrbuch der Beteiligung auf Augenhöhe, mitzunehmen, sie zu überzeugen.
Dabei gab es einige Hürden zu überwinden. Im vergangenen Jahr war unklar, ob Joe Biden die Schweden mit seinem Inflation Reduction Act nicht fortlockt. Das hat sich dann geklärt, indem Carlsson einfach zwei neue Fabriken baut, die zweite aber nicht in den USA, sondern in Kanada. Danach war unklar, ob Brüssel die Hilfen von Bund und Land – etwa 700 Millionen Euro – genehmigt. Und am Ende schoss die Bundesregierung sich bekanntlich selbst ins Bein, als sie für ihre kreative Haushaltsführung vom Verfassungsgericht auf den Boden der transparenten Kassengestaltung zurückgeholt wurde. Kurzzeitig standen die Staatshilfen in Frage. Aber auch hier zogen Lokal-, Landes- und Bundespolitiker an einem Strang. Northvolt durchbrach als Erster die Haushaltssperre.
Wo, wenn nicht hier?
Die Ansiedlung kann in der Tat Zukunft schaffen. Der Kreis Dithmarschen ist strukturschwach, aber hat einen wichtigen Rohstoff: Erneuerbare Energie, Windkraft an Land. Dazu macht der Übertragungsnetzbetreiber Tennet die Region zu einer Schaltstelle für den Strom aus Offshore-Windkraft. Wo, wenn nicht hier, sollte sich neue Industrie ansiedeln? Northvolt wird diverse Zulieferbetriebe beschäftigen, internationale Arbeitskräfte anziehen – zu einem Hotspot auch für die derzeit arg gebeutelte E-Automobilindustrie werden. Und der chinesischen Dominanz bei der Batteriezellenentwicklung etwas entgegensetzen.
Und so geht von Norderwöhrden ein gutes Signal aus: Selbst in Deutschland geht manchmal etwas. Und auf der Baustelle bei Heide wird demnächst endlich gebaut.
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