Barrierefreie Webseiten: „Die meisten Nutzer dürften die Änderungen gar nicht merken“
„Wir haben im Herbst 2024 angefangen, uns mit dem Barrierefreiheitsstärkungsgesetz zu beschäftigen. Wir betreiben eine große Webseite mit 30 Millionen monatlichen Besuchern, alle Altersklassen sind vertreten, das ist schon komplex. Deshalb wollten wir früh und strukturiert damit anfangen, um unnötigen Stress zu vermeiden. Wir wussten ja, wann das Gesetz in Kraft treten wird, am 28. Juni 2025. Das erschien damals noch sehr weit weg. Aber heute muss ich sagen: Wir haben nicht zu früh angefangen.
Zu Beginn waren wir nur zu dritt: ein Produktmanager, der Leiter unserer User-Experience und ich als Tech-Verantwortlicher. Unsere Arbeitsgrundlage kam vom Gesetzgeber und war sehr präzise. Es gibt einen internationalen Standard zur Umsetzung von Barrierefreiheit namens WCAG 2.2 – das ist im Prinzip eine Liste mit Punkten, die abgearbeitet werden müssen. Aber wir sind keine Spezialisten für Barrierefreiheit, also haben wir noch eine externe Agentur dazugeholt, die darauf spezialisiert ist.
Am hilfreichsten war aber wohl eine Session, die wir auch zu Beginn gemacht haben, mit Menschen, die Beeinträchtigungen haben. Gemeinsam haben wir geschaut, wie die sich auf unserer Webseite bewegen. Das war sehr erfrischend, denn für Menschen ohne Beeinträchtigungen sind die meisten Probleme überhaupt nicht sichtbar: kleinere oder wenig kontrastreiche Schrift – das stört die meisten Nutzer nicht. Aber für Menschen mit Sehschwäche kann das dazu führen, dass sie unsere Angebote nicht nutzen können.
Wir haben dann schnell gemerkt: Diese Accessibility ist gar nicht neu für uns, weil viele unserer Entwickler das schon berücksichtigt haben in den letzten Jahren. Aber der Gesetzgeber hat nun noch mehr Struktur reingebracht. Wir haben dann nach und nach fast alle unsere Entwickler mit ins Boot geholt. Für jede Plattform haben wir Leute rausgepickt: Web-Entwickler für unsere Desktop-Version, jene für die Android-App und die iOs-Entwickler. Barrierefreiheit betrifft alle Formen, die Apps und auch die Desktop-Version. Zusammen haben wir Hackathons veranstaltet. Das hat sich bewährt. Die Leute haben Spaß gehabt, zusammenzuarbeiten. Die Gruppe war dann richtig groß, mindestens 50 Personen.
Unterschiede zwischen iOs, Android und Desktop
Nach der ersten Session 2024 haben wir unsere Prioritäten neu gesetzt, und sind nicht einfach die Liste vom Gesetzgeber durchgegangen. Denn die Herausforderungen waren von Plattform zu Plattform unterschiedlich. Manche Sachen waren in Apples Betriebssystem iOS weiter fortgeschritten als in Android oder in der Desktop-Version – und umgekehrt. In vielen Fällen war es sehr klar, was zu tun ist. Manchmal aber auch nicht.
Zum Beispiel gibt es eine Anforderung für ein Kontrastminimum. Zwischen Text und Hintergrund darf der Kontrast den Wert 4,5 nicht unterschreiten. Das heißt, der Text muss mindestens 4,5-mal kontrastreicher sein als der Hintergrund. Das klingt erstmal einfach – aber für die Umsetzung brauchte es schon eine intensive Zusammenarbeit unserer User-Experience-Experten und Software-Entwickler, weil wir ein bestimmtes Branding und bestimmte Farben und visuelle Elemente haben, die wir nicht einfach so ändern können. Die einfachste Umsetzung, einfach schwarz und weiß zu wählen, passt natürlich nicht zu unserem Corporate Design. Aber wir hatten noch Glück und mussten nur auf manchen Seiten den Hintergrund anpassen; ich weiß von anderen Firmen, die wegen dieser Vorgabe tatsächlich ihr Corporate Design anpassen mussten – das ist dann natürlich sehr aufwändig.
Oder bei der Registrierung auf unserer Seite: Da erscheinen ja gerne mal sogenannten Captures, also diese Bilderrätsel: Markieren Sie alle Bildkacheln mit einem LKW. Das nervt viele. Das war für uns aber wichtig, um die Website vor Missbrauch durch Bot-Traffic zu schützen. Das ist also eine positive Barriere – aber auch eine Barriere für Menschen mit Sehbehinderung. Bei denen kann es Minuten dauern, bis die das lösen. Deshalb testen wir jetzt, wie wir die Captures ersetzen können.
„Kommt die Bildbeschreibung bald von einer KI?“
So haben alle Punkte ihre Spezialitäten. Jedes Bild braucht nun zwingend einen alternativen Text. Für Menschen, die ganz normal lesen können, ist das gar nicht sichtbar. Aber für Menschen mit Sehbehinderungen ist das sehr wichtig, weil die nutzen sogenannte Screen-Reader. Dann kommen aber Fragen auf: Auf Kleinanzeigen werden täglich sehr viele Fotos hochgeladen. Können wir alle Kleinanzeigen-Nutzer dazu verpflichten, für jedes Foto eine Bildbeschreibung abzugeben? Oder kann das künftig eine KI übernehmen? Wenn ja: Welche Vorgaben geben wir der KI dabei? Vorerst haben wir diese Pflicht nur für professionelle Kleinanzeigen-Verkäufer, bei anderen kommt nun ein Standard-Text, basierend auf dem Titel der Anzeige.
Eine weitere Anforderung: Die Webseite soll tastatursteuerbar sein. Leute mit Sehbehinderung steuern ja nicht mit der Maus, sondern mithilfe der Tabulator-Taste. Dann hören sie, auf welcher Komponente sie sich gerade befinden. Und dann muss die Reihenfolge immer logisch und sinnvoll sein, also nach der Eingabe des Login-Namens muss der Cursor auf die Passwort-Eingabe springen, zum nächstlogischen Menüpunkt. Das war aber längst nicht überall so, teilweise war die Reihenfolge nicht optimal.
Wir haben dann im Frühsommer 2025 noch einmal eine Session initiiert gemeinsam mit Menschen mit Beeinträchtigungen. Die Unterschiede zur vorherigen waren schon enorm. Das macht auch stolz.
Ob wir jetzt fertig sind, kann ich nicht genau sagen. Fertig wird man ja nie mit einer Webseite. Aber das beschriebene Team ist deutlich geschrumpft. Es kann natürlich sein, dass wir etwas übersehen haben. Aber wir sind glücklich, dass wir pünktlich live waren mit allen Änderungen. Manche Sachen haben sich geändert, zum Beispiel ist die Schrift etwas größer geworden, es gibt etwas mehr Platz zwischen einzelnen Komponenten. Aber das hat keinen negativen Einfluss, die meisten Nutzer dürften es gar nicht merken.
Es gab auch Kritik an dem Gesetz, zu viel Bürokratie. Ich meine, in diesem Fall: Das ist sinnvoll. Natürlich war es aufwändig. Und die Mitarbeiter in meinem Team wurden ja von ihren eigentlichen Aufgaben für diese Zeit abgezogen. Es hat in diesem Sinne also auch Geld gekostet. Aber wir freuen uns, mehr Menschen zu ermöglichen, unsere Plattform benutzen zu können. Zudem haben wir intern auch einige Mitarbeiter, die Sehschwächen haben. Wir haben dadurch jetzt ein viel besseres Verständnis für deren Anliegen. Und den Software-Entwicklern hat das auch wirklich Spaß gemacht – das war mal was anderes.“
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