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Ganz normale Nazis? Die Oetkers im Hitler-Deutschland

Ganz normale Nationalsozialisten? Historiker haben jetzt die Familie Oetker und ihr Arrangement mit den Machthabern der NS-Zeit untersucht.

Wie Oetker sein Imperium errichtete
Der Todestag des Firmengründers Dr. August Oetker jährt sich am 10. Januar 2018 zum hundertsten Mal. Am 6. Januar 1862 wird der Bäckersohn August Oetker in Obernkirchen nahe dem ostwestfälischen Minden geboren. Der ehrgeizige Apotheker... Quelle: Oetker KG
... versucht es zuerst in Berlin, bevor er am 1. Januar 1891 die Aschoff'sche Apotheke übernimmt. Quelle: Oetker KG
Oetker entwickelt medizinische Weine oder Fußcreme; der wirtschaftliche Erfolg bleibt aber unter den Erwartungen. Dann experimentiert der Bäckersohn... Quelle: Oetker KG
...in einer vier Quadratmeter kleinen Kammer („meine Geheimbutze“) mit Backpulver. Das hatte zwar schon Justus Liebig erfunden. Man konnte es aber nicht längere Zeit lagern – und einen Beigeschmack hatte es auch. Quelle: Oetker KG
Oetker experimentiert so lange, bis er im Jahr 1893 portioniertes Backpulver in Tütchen auf den Markt bringt. Der Clou daran: Er garantiert, dass es genau die richtige Menge Triebmittel für ein Pfund Mehl war. Quelle: Oetker KG
Für die Qualität sollte der Name Dr. Oetker bürgen. Eine der heute bekanntesten Marken Deutschlands war entstanden.
1899 werden schon zwei Millionen Tütchen „Backin“ hergestellt. Quelle: Oetker KG

Viele deutsche Konzerne wie Volkswagen, Bertelsmann oder die Deutsche Bank haben ihre unrühmliche Geschichte im Nationalsozialismus bereits aufarbeiten lassen. Ein neues Puzzlestück liefert jetzt die Bielefelder Familie Oetker. Knapp 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ist Oetker damit zwar spät dran, doch Firmenpatriarch Rudolf-August Oetker (1916-2007) hatte bis zu seinem Tod gebremst und ein Veto eingelegt. Sein Sohn August öffnete nach dem Tod des Vaters das Unternehmens-Archiv, und nun fasst der 69-Jährige beherzt zusammen, was die Historiker unter Leitung des renommierten Direktors des Instituts für Zeitgeschichte in München, Professor Andreas Wirsching, über seinen Vater herausgefunden haben: „Mein Vater war Nationalsozialist.“ Am Montag erscheint das Buch „Dr. Oetker und der Nationalsozialismus“.
Die Autoren zeichnen das Bild einer Gesellschaft, in der viele Menschen und Unternehmen sich mit Blick auf ihre Geschäftsinteressen geschmeidig auf die neuen Machthaber einstellten. So auch Oetker-Chef Richard Kaselowsky (1888-1944). Der hatte Ida (1891-1944), die Witwe des 1916 im Ersten Weltkrieg gefallenen Rudolf Oetker geheiratet, und lenkte quasi als Treuhänder das Unternehmen durch schwierige Jahre. Und er bereitete seinen Stiefsohn Rudolf-August schrittweise darauf vor, an die Spitze des Unternehmens zu rücken. Das Ehepaar starb 1944 bei einem alliierten Bombenangriff in Bielefeld.

Kaselowsky war Parteimitglied seit Mai 1933. In Berlin besuchte er regelmäßig den Freundeskreis Reichsführer SS Heinrich Himmler, in dem sich viele wichtige Wirtschaftslenker befanden. Und er spendete Himmler immer wieder größere Beträge. Bereits 1937 luden die Nationalsozialisten Kaselowsky zum Dank für seine Unterstützung zu einem Empfang von Unternehmern ins Haus des Reichskanzlers ein, wo er auch Adolf Hitler trifft und später begeistert davon berichtet.
Kaselowsky sei kein „antisemitischer Rassenideologe“ gewesen, heißt es in der Studie, die „antijüdische Politik des Regimes konnte er gleichwohl bruchlos in sein Weltbild integrieren“. Und: „Seine Zuwendung zur NSDAP ging über "bloßen Opportunismus" weit hinaus.

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