UhrenWoche: Die Nachhaltigkeitslüge der Luxusuhren

Immer wieder höre ich auf Veranstaltungen rund um das Thema Luxusuhren den Satz, mechanische Armbanduhren seien so wahnsinnig nachhaltig. Aber stimmt das wirklich? Oder ist es eine süße Lüge, der sich Uhrensammler gerne hingeben, die genauso damit kokettieren, dass mechanische Uhren eine tolle Wertanlage seien, nur um ihr teures Hobby zu rechtfertigen? Die gewünschte Wertsteigerung jedenfalls trifft nachweislich nur für eine Handvoll Marken zu. Und selbst bei diesen nur auf eine Handvoll ausgewählter Modelle. Wer das nicht glaubt, sollte mal versuchen, Omas uralte 26-Millimeter-Bicolor-Damen-Datejust zu verkaufen.
Schauen wir das Thema Nachhaltigkeit einmal genauer an: Ich habe eine alte Rolex Datejust von meinem Vater geerbt. Niemand wird bestreiten, dass es kaum etwas Nachhaltigeres gibt, als ein einmal hergestelltes Produkt so lange wie möglich zu benutzen. Soweit, so gut. Bei meinem Vater in der Schreibtischschublade entdeckte ich aber auch eine Reihe weiterer Uhren. Leider waren diese zum Teil auch noch batteriebetriebene Quarzuhren (tststst) wertlos und landeten im Müll. Wenn aber für eine gute Uhr fünf Modelle auf den Schrott wandern, ist die Bilanz nicht mehr so überzeugend.
Hinzu kommt ein grundlegendes Problem. Sagen wir, mein Vater hätte fünf wertvolle Uhren gehabt – ist das noch nachhaltig? Denn keine der Uhren zeigt mir die Zeit besser an als mein Smartphone. Und wenn wir von Luxusuhren-Sammlern sprechen, wären wohl eher 20 Uhren die absolute Untergrenze. Was ich sagen will: Um die Zeit abzulesen, bräuchten wir alle nur eine. Wenn man es genau nimmt, beginnt die Ressourcenverschwendung schon dort, wo der Luxus mit einer ersten mechanischen Uhr überhaupt beginnt.
Anders sähe es hingegen aus, wären diese Uhren einmal klimaneutral hergestellt und am Ende ihrer Lebenszeit wieder zu neuen Uhren recycelt worden. Genau hier setzt das Genfer Start-up ID Geneve an. Die drei Gründer, ein ehemaliger Marketing-Manager von Coca-Cola, ein Uhrmacher und ein Designer, haben am Donnerstag ihre dritte Kreislaufuhr, das Modell Circular C SDG, in New York vorgestellt.
Sogar die Vereinten Nationen beteiligten sich am Launch in der Boutique von Watches of Switzerland in Soho. Dort stellte man die weltweit erste SDG-Uhr vor – benannt nach der Abkürzung für die 17 von der UN ausgegebenen Nachhaltigkeitsziele. Daher gibt es 17 Uhren, die stolze 8.500 Schweizer Franken vor Steuern kosten. Zehn Prozent des Kaufpreises gehen an UN-Initiativen zum Thema Nachhaltigkeit.
Das Gehäuse besteht aus recyceltem Stahl in Verbindung mit einem neuartigen, regenerativen Kohlefaserwerkstoff, der aus alten Windrädern stammt, entwickelt vom Schweizer HealTech-Unternehmen ComPair. Sogar die ETA-Automatikwerke sind nicht neu, sondern wurden gebraucht gekauft und aufgearbeitet. Damit nicht genug: Potenzielle Käufer müssen sich auf die Uhren bewerben, unter dem Hinweis, mit welchem UN-Klimaziel sie in ihrem Unternehmen eine besondere Verbindung aufweisen.
Was klingt wie der Traum eines PR-Managers, ist seit Jahren Programm: Das Unternehmen entstand im Dezember 2020 als Crowdfunding-Kampagne auf der Schweizer Plattform wemake.it: Innerhalb weniger Wochen waren die ersten Uhren ausverkauft. Die drei Gründer sammelten respektable 271.317 Schweizer Franken von 161 Investoren ein, die im Gegenzug eine Uhr erhielten.
Heute stellt man respektable 1000 Uhren jährlich her und beschafft über Partner zum einen Materialien mit niedrigerer CO₂-Bilanz, verwendet andererseits recycelte Bauteile. Der Recyclingstahl entsteht aus Abfällen der Uhrenindustrie. Zusätzlich wird das Metall in einem Solarofen in Frankreich umgeschmolzen, wodurch die Kohlenstoffbelastung 165-mal geringer ist als bei herkömmlichen Stahluhren. Die verwendeten ETA-Uhrwerke sind gebraucht und aufgearbeitet. Die Armbänder aus pflanzlichen Stoffen sind zu 100 Prozent kompostierbar, wie auch die Verpackungen, die aus Pilzen und Meeresalgen gefertigt werden.
Der Großteil der Zulieferer fertigt die noch erforderlichen restlichen Uhrenbauteile wie Zifferblätter oder Zeiger in einem Umkreis von 200 Kilometern um Genf. Das Packaging kommt aus Großbritannien, die Armbänder und das Saphirglas aus Frankreich.
ID Geneve schafft es so, Uhren zu 73 Prozent aus wiederverwerteten Materialien herzustellen – bei Armbändern zu 75 Prozent und Verpackungen zu 96 Prozent. Über den gesamten Lebenszyklus hinweg reduziert zum Beispiel das Modell Circular S die CO₂-Emissionen um 54 Prozent im Vergleich zum gleichen Modell aus herkömmlichem Edelstahl. Der ökologische Fußabdruck sinkt dadurch auf 1,81 Kilogramm CO₂ pro Uhr statt der üblichen 3,94 Kilogramm CO₂.
Da wundert es kaum, dass man als erste Schweizer Uhrenmarke eine sogenannte B-Corp-Zertifizierung erhalten hat. Sie misst die gesamte soziale und ökologische Leistung eines Unternehmens. Auch wundert es nicht, dass man 2023 zwei Millionen Schweizer Franken in einem ersten Seed-Investment von mehreren Schweizer Family Offices bekam. Wichtiger für die Markenbekanntheit war ein Investment von Hollywood-Schauspieler und Oscar-Preisträger Leonardo DiCaprio. Der Marketing-Effekt eines solchen Superstars für eine so kleine Firma kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Bleibt die große Frage, ob in Zukunft alle anderen Sammler neben enthusiastischen Erstkäufern das Thema Nachhaltigkeit spannend finden. Denn wenn deren Kinder eines Tages die Uhren aus den Schubladen holen und sie dann wegschmeißen, weil sie vielleicht nicht mehr reparierbar oder für Sammler langweilig geworden sind, endet auch dieser Kreislauf.
Leider zieht das Thema Nachhaltigkeit bei deutschen Kunden kaum: Laut einer repräsentativen Umfrage von Uhrenmonitor im Auftrag von Responsio im Jahr 2025 interessieren sich unter deutschen Uhrenfans nur neun Prozent für veganes Leder und zehn Prozent für recycelte Gehäuse.
Es ist dennoch wichtig, dass die Gründer mit solchen Projekten auf das Thema Nachhaltigkeit bei Luxusprodukten aufmerksam machen: Denn von Uhren mit Goldgehäusen und Diamantbesatz, die eine deutlich schlechtere Umweltbilanz als Stahluhren haben, haben wir noch gar nicht gesprochen.
Wie praktisch, dass Co-Investor Leonardo DiCaprio dieses Jahr gleichzeitig als erster Schauspieler in der Firmengeschichte offizieller Markenbotschafter von Rolex geworden ist. Bleibt bei den 1000 Uhren jährlich, die ID Geneve herstellt, der Impact doch eher überschaubar, ist er bei Rolex mit 1,2 Millionen Uhren jährlich enorm: Allein schon wenn die Marke mit der Krone eine neue, umweltfreundlichere Verpackung herausbringt – wie im vergangenen Jahr vorgestellt –, spart man jährlich laut eigenen Angaben rund 500 Tonnen Plastik ein.
Entscheidend wird sein: Sollte ID Geneve in mehreren Generationen noch für Sammler interessant sein, und große Schweizer Marken in Zukunft stärker in die Kreislaufwirtschaft einsteigen, werden eines Tages aus Luxusuhren auch noch wirklich nachhaltige Produkte. Bis dahin bleibt sie leider ein Mythos, die nachhaltige Luxusuhr.
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