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Karstadt/KaufhofEndspiel für René Benko

Er stemmt milliardenschwere Immobiliendeals, kauft Onlinehändler am laufenden Band und schluckte erst vor wenigen Tagen die Möbelketten Kika und Leiner. Doch an der Übernahme der Warenhauskette Kaufhof beißt sich der erfolgsverwöhnte Karstadt-Eigner die Zähne aus. Bisher. Jetzt scheint René Benko seinem großen Ziel so nahe zu sein, wie nie zuvor.Mario Brück 26.06.2018 - 12:07 Uhr

An der Übernahme der Warenhauskette Kaufhof beißt sich der erfolgsverwöhnte Karstadt-Eigner René Benko die Zähne aus. Bisher. Jetzt scheint René Benko seinem großen Ziel so nahe zu sein, wie nie zuvor.

Foto: imago images

René Benko hat einen Lauf. Der 41-jährige Karstadt-Eigner und Immobilien-Mogul aus Tirol, dessen Signa-Gruppe eben erst dem taumelnden südafrikanischen Möbelriesen Steinhoff die Handelsketten Kika und Leiner abgekauft hat, ist offenbar wieder in Gesprächen mit den Eigentümern der kriselnden Warenhauskette Kaufhof-Galeria. Bisher war Benko trotz zahlreicher Anläufe immer wieder bei der Kaufhofmutter HBC abgeblitzt.

Doch die Vorzeichen haben sich in den vergangenen Monaten deutlich verändert. Sinkende Umsätze, rote Zahlen und unrentable Filialen belasten Kaufhof. Es wurde viel zu viel Zeit vertan, mit ein paar größeren kosmetischen Veränderungen in den Kaufhof-Filialen und mit der neuen Rabatt-Kette Saks Off 5th einen Neuanfang zu inszenieren. „Die Lage bei Kaufhof ist prekär, auch wenn aktuell die Gefahr einer Insolvenz nicht zu bestehen scheint“, sagte Bernhard Franke von der Gewerkschaft Verdi noch im April.

Auch die handelnden Personen haben gewechselt. Im vergangenen Frühjahr hatte zunächst nach internen Machtkämpfen Olivier Van den Bossche Galeria Kaufhof verlassen. Sein Nachfolger als HBC-Europa-Chef wurde Wolfgang Link. Den Kontakt zu Link hatte Hudson's-CEO Jerry Storch hergestellt. Storch kannte Link von Toys 'R' Us, wo er in früheren Jahren Konzernchef gewesen war. Doch erwischte es Storch selbst. Er musste gehen und seine Nachfolgerin wurde kürzlich Helena Foulkes.

Zwei deutsche Traditions-Warenhäuser
Kaufhof mit Sitz in Köln blickt auf eine fast 140-jährige Geschichte zurück: 1879 eröffnete der Kaufmann Leonhard Tietz in Stralsund ein Textilgeschäft und legte damit den Grundstein. Im Geschäftsjahr 2016/2017 (zum 31. Januar) erwirtschaftete der Konzern mit damals knapp 21.500 Mitarbeitern rund 2,9 Milliarden Euro Umsatz. Unter dem Strich stand laut einem der Nachrichtenagentur Reuters vorliegenden Bericht der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte ein Jahresfehlbetrag von 88 Millionen Euro. Seitdem weist der Eigner HBC keine seperaten Zahlen mehr für sein Deutschland-Geschäft aus. Doch zuletzt verbuchte Kaufhof ein Umsatzminus – die vergleichbaren Erlöse im Europa-Geschäft um die deutsche Kette seien um sechs Prozent gesunken, teilte HBC Anfang Juni mit. Für Kaufhof arbeiten dem Unternehmen zufolge aktuell noch rund 18.000 Menschen.Der Warenhauskonzern betreibt in Deutschland 96 Warenhäuser. HBC ist zudem auch in den Niederlanden und Belgien aktiv. Kaufhof gehört seit dem 1. Oktober 2015 zu dem nordamerikanischen Konzern, der sie für 2,8 Milliarden Euro vom Handelsriesen Metro übernommen hatte. Um die Übernahme zu finanzieren, hatte HBC dann 41 Warenhaus-Immobilien in ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem Investor Simon Property eingebracht. An den Immobilien hat Benko auch immer wieder Interesse gezeigt. Zuletzt hatte er Insidern rund drei Milliarden Euro für Kaufhof geboten - war damit aber zu Jahresbeginn bei HBC abgeblitzt.
Der 1881 von Rudolph Karstadt in Wismar gegründete Erzrivale hat eine wechselhafte Historie hinter sich. Nach Höhen und Tiefen war Karstadt 2009 zusammen mit der damaligen Konzernmutter Arcandor in die Insolvenz geschlittert. 2010 übernahm der Milliardär Nicolas Berggruen Karstadt. Vier Jahre später reichte er das Unternehmen an den österreichischen Immobilien-Investor Benko weiter. Benko machte sich an die Sanierung der Kette, die er in das Warenhausgeschäft, einen Sportbereich und die Luxus-Warenhäuser um das Berliner KaDeWe aufteilte.Das Warenhausgeschäft unter dem Namen Karstadt umfasst noch 79 Warenhäuser in Deutschland, in diesem Jahr sollen zwei neue Filialen in Berlin eröffnet werden. Rund 15.000 Menschen arbeiten für die Kette. Karstadt hatte zuletzt für das Geschäftsjahr 2016/17 (per Ende September) Zahlen vorgelegt. Demzufolge schrumpfte der Einzelhandelsumsatz um 1,8 Prozent auf rund 1,9 Milliarden Euro. Die Verlustzone konnte Karstadt dagegen verlassen - unter dem Strich stand ein Überschuss von 1,4 Millionen Euro nach einem Minus von 7,5 Millionen Euro im Jahr zuvor. Für das laufende Geschäftsjahr peilt der Konzern ein „ausgeglichenes Jahresergebnis“ an.

Storch wurde vorgeworfen, die Lage bei Kaufhof falsch eingeschätzt zu haben. Die 53-Jährige Foulkes hatte zuletzt das operative Geschäft des amerikanischen Apothekenbetreibers und Gesundheitsdienstleisters CVS Health verantwortet. Foulkes, die vom Wirtschaftsmagazin „Fortune“ auf Platz zwölf der mächtigsten Frauen der US-Wirtschaft geführt wird, verantwortet als CEO die globale Strategie von HBC mit seinen 66 000 Mitarbeitern und weltweit 480 Warenhäusern der Marken Saks Fifth Avenue, Lord & Taylor, Hudson’s Bay Company und Galeria Kaufhof. Richard Baker, zuletzt Interims-Chef bei HBC, zog sich wieder auf seine Rolle als Verwaltungsratschef zurück. Ebenfalls erst seit Herbst vergangenen Jahres ist der frühere Real-Manager Roland Neuwald als neuer Kaufhof-Chef im Amt.

Und im Hintergrund wirbelt zudem ein aktivistischer Investor. Jonathan Litt hält 6,2 Prozent der Anteile an der Hudson's Bay Company. Seit über einem Jahr läuft er Sturm, HBC solle nach Wegen suchen, um den immensen Wert seiner Immobilien für die Aktionäre freizusetzen. Laut Litt beläuft sich allein der Wert der HBC-Immobilien auf 31 kanadische Dollar je Aktie – fast dreimal so viel wie der aktuelle Aktienkurs von 11,57 kanadischen Dollar. Das Engagement des umtriebigen Investors zeigte bereits Wirkung: 2017 verkauften die Kanadier ihren Lord & Taylor's Flagship Store in Manhattan für 850 Millionen Dollar.

Die Karten am deutschen Warenhausmarkt könnten nun tatsächlich neu gemischt werden: Zwischen den Eignern der kriselnden Warenhausketten Kaufhof und Karstadt, HBC und der österreichischen Signa des Immobilieninvestors René Benko, gibt es Insidern zufolge Gespräche über ein Gemeinschaftsunternehmen. Beide Seiten verhandelten darüber, dass Karstadt bei Kaufhof im operativen Geschäft einsteige, sagten mehrere mit dem Vorgang vertraute Personen am Montag der Nachrichtenagentur Reuters. Dabei gehe es auch darum, dass Karstadt 51 Prozent des operativen Geschäft bei Kaufhof übernehme. Zudem gehe es um die Warenhaus-Immobilien. Arbeitnehmervertreter hatten in der Vergangenheit mit Blick auf eine mögliche Allianz der beiden Warenhausriesen vor der Schließung von Standorten und dem Verlust von Arbeitsplätzen gewarnt.

Müssen die Kaufhof-Beschäftigten für die Probleme der Kette zahlen?
Schlecht. Der traditionsreiche Warenhauskonzern steckt in der Krise. Die Umsätze schrumpfen. Das Unternehmen schreibt rote Zahlen. Wie hoch genau der Verlust ist, darüber hüllt sich der kanadische Mutterkonzern HBC allerdings in Schweigen.
Das hat viele Gründe. Kaufhof leidet wie fast alle innerstädtischen Modeanbieter unter der wachsenden Konkurrenz von Online-Anbietern wie Zalando und unter der sinkenden Kundenfrequenz in den Innenstädten. Aber verschärft wird die Situation bei der Warenhauskette nach Einschätzung der Gewerkschaft Verdi noch durch Managementfehler – etwa überzogenen Rabattaktionen – und dadurch, dass der Mutterkonzern HBC kurz nach der Kaufhof-Übernahme die Mieten für die Warenhäuser deutlich erhöht hat.
Akut wohl nicht, glaubt man den Aussagen des Unternehmens. Doch warnte die Konzernspitze in einer Präsentation für die Gewerkschaft Verdi vor den mittel- und langfristigen Konsequenzen eines „Weiter so“: „Ohne Gegenmaßnahmen droht die Zahlungsunfähigkeit.“
Der Kaufhof hat bereits angekündigt, die Zahl der Mitarbeiter in der Kölner Zentrale sozialverträglich von 1600 auf 1200 zu reduzieren. Darüber hinaus will der Kaufhof-Chef jährliche Einsparungen bei den Personalkosten im hohen zweistelligen Millionenbereich. Denkbar wären etwa Kürzungen bei Urlaubs- und Weihnachtsgeld, aber auch der Verzicht auf Gehaltserhöhungen.
Beschäftigungsgarantien.
Vor dem Einstieg in die Tarifgespräche will Verdi erst einmal gemeinsame Eckpunkte mit dem Unternehmen vereinbaren. Das von Kaufhof vorgelegte Sanierungskonzept habe zwar richtige Ansätze, doch gebe es eine Schieflage zu Lasten der Arbeitnehmer. „Den Arbeitnehmern einseitig in die Taschen zu greifen, ist keinesfalls akzeptabel“, betonte Verdi-Verhandlungsführer Bernhard Franke. Die Eigentümer seien in der Pflicht, ihre Verantwortung wahrzunehmen.

So sollen die Konditionen mit Vermietern nachverhandelt werden. Von 1600 Stellen in der Hauptverwaltung fallen bis 2020 rund 400 weg. 1280 Arbeitsplätze wurden bereits in den Filialen gestrichen. Die Häuser in Gera, Solingen und Hof werden in den kommenden Monaten geschlossen. Und das Management verhandelt mit Verdi seit Freitag über ein Sanierungsprogramm. Einer der Eckpfeiler: neue Partnerschaften.

Viel Zeit für das Wiederbelebungsprogramm bleibt nicht. Denn der große Konkurrent Karstadt hat ähnliche schmerzhafte Einschnitte bereits hinter sich. Er kann nach den Sparrunden sogar erstmals wieder an Expansion denken, selbstbewusst zwei neue Filialen in Berlin ankündigen und mit neuen Konzepten glänzen - ein großer Zeitvorsprung vor dem Rivalen aus Köln.

Das Vertrauen der Mitarbeiter in Eigentümer HBC hat seit der Übernahme vor drei Jahren stark gelitten. Damals sah alles nach einer Traumhochzeit aus: Neben HBC hatte 2015 auch der österreichische Immobilieninvestor René Benko, Inhaber des Konkurrenten Karstadt, Interesse an Kaufhof gezeigt. Die Sorge war groß, dass Benko die Ketten fusionieren und viele Arbeitsplätze streichen würde. Da schienen die Kanadier als Warenhausbetreiber ohne Standorte in Deutschland und mit Tradition seit 1670 die bessere Wahl. Noch dazu, weil sie versprachen, viel Geld zu investieren, um die Filialen wieder flottzumachen.

Eine Milliarde Euro sollte nach Europa fließen, ein neues Logistikzentrum entstehen, der Onlinehandel ausgebaut werden. Kaufhof sollte in Zukunft nicht weniger, sondern mehr Mitarbeiter beschäftigen. So mancher trug fortan sogar Turnschuhe mit dem HBC-Logo drauf. Schon damals aber gab es Skeptiker, die bezweifelten, dass HBC genug vom deutschen Handel versteht. Die Kanadier wiegelten ab, sie hätten fast zehn Jahre lang die Finessen des europäischen Warenhauswesens studiert. Kaufhof sei der "Start eines aufregenden Abenteuers", jubelte Großaktionär und HBC-Aufsichtsrat Richard Baker.

Inzwischen steht fest: Abenteuerlich waren vor allem Bakers Versprechen. Beispiel: die angekündigte Milliardeninvestition. Seit der Übernahme von Galeria Kaufhof habe HBC tatsächlich "mehr als eine halbe Milliarde Euro in das Europageschäft investiert", so Kaufhof-Chef Neuwald. Davon ging aber nur ein Teil an Kaufhof. HBC finanzierte stattdessen eine neue Warenhauskette in den Niederlanden und brachte die Outletkette Saks Off Fifth nach Europa. Die Runderneuerung der Kaufhof-Filialen blieb auf Solitäre beschränkt. Dennoch musste Kaufhof künftig mehr Miete für die Warenhäuser an ein Joint Venture von HBC abdrücken.

Viel Zeit bleibt dem Kaufhof-Management nicht mehr. Denn der große Konkurrent Karstadt hat solche schmerzhaften Einschnitte bereits hinter sich. Er kann nach den Sparrunden sogar erstmals wieder an Expansion denken, selbstbewusst zwei neue Filialen in Berlin ankündigen und mit neuen Konzepten glänzen - ein großer Zeitvorsprung vor dem Rivalen aus Köln. Und jede Menge Selbstbewusstsein für die kommenden Verhandlungen.

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