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Karstadt Warum das klassische Warenhaus ausgedient hat

Mit einem neuen Konzept will Karstadt endlich wieder Gewinn machen. Doch was als Neuerfindung des Warenhauses daher kommt, ist genau das nicht. Vielmehr ist es der schleichende Abschied vom alten Geschäftsmodell.

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Einzelhandel: Klappt das Karstadt-Experiment? Quelle: dpa Picture-Alliance

Marktplatz. Das klingt nach Einkaufsständen unter freiem Himmel, nach Schlendern durch Gassen, die gesäumt sind von Lebensmittelangeboten. Doch wenn Karstadt-Chef Stephan Fanderl an einen Marktplatz denkt, scheint ihm etwas anderes vorzuschweben: Große Gebäude in der Innenstadt, in denen sich die Kunden unter künstlichem Licht statt freiem Himmel ihren Weg durch die Regale und Kleiderständer bahnen.

Das Warenhaus sei „der einzige physische Marktplatz in der Stadt“, lässt sich Fanderl in einer Pressemitteilung zitieren. Das biete „die Möglichkeit sowohl für stationäre als auch für reine Online-Konzepte“ mit Karstadt „in die Fläche zu gehen“.

Dahinter steckt die Idee, Flächen effektiver zu nutzen und sie an andere Händler unterzuvermieten. In Zukunft sollen Besucher einer Filiale also nicht nur bei Karstadt einkaufen können, sondern auch bei anderen Unternehmen, die ihre Waren in den Läden präsentieren und Karstadt dafür bezahlen.

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Das soll wieder Gewinn in die Kassen von Karstadt bringen und den Restrukturierungsprozess „Fokus“ beenden, den das Unternehmen nach der Übernahme durch René Benko begonnen hat.

Die Erfolge sind im Jahresabschluss für das Geschäftsjahr 15/16 zu begutachten. Karstadt hat dieses mit einem Verlust von 7,5 Millionen Euro abgeschlossen. Das ist zwar immer noch weit genug von schwarzen Zahlen entfernt, ein Jahr zuvor stand allerdings noch ein Fehlbetrag von 65 Millionen Euro in den Büchern. Der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen lag mit 48 Millionen Euro sogar deutlich im Plus.

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Diese immerhin bessere Entwicklung, verleitet die Karstadt-Geschäftsführung dann auch zu einer positiv gestimmten Prognose: Das laufende Geschäftsjahr will das Unternehmen erstmals mit einem ausgeglichenen Jahresergebnis abschließen. Dafür müssen nun die Einnahmen gestärkt werden, denn der geringere Verlust speist sich vor allem aus Einsparungen – insbesondere durch Personalabbau.

Als Teil des Marktplatzes will Karstadt nun Flächen an Onlinehändler vermieten, die ihre Waren in deutschen Innenstädten verkaufen möchten. Außerdem kann das Unternehmen so auch sein eigenes Onlinegeschäft stärker mit den Filialen verzahnen. Das Know-How dazu könnte aus dem eigenen Haus kommen: So hat Karstadt-Eigner René Benko erst jüngst mehrere Onlineshops gekauft, unter anderem den Online-Designer-Outlet dress-for-less.

So schön die neue Marktplatzwelt des Stephan Fanderl auch ist, ihr stehen einige Probleme gegenüber.

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Auf lange Sicht lässt sich mit Untervermietung kein Geld verdienen

Gerrit Heinemann, Handelsexperte der Hochschule Niederrhein, kann sich zwar gut vorstellen, dass Karstadt mit der Untervermietung Gewinn macht – aber nur kurzfristig: „Wir haben schon in der Vergangenheit bei Kaufhof gesehen, dass das funktionieren kann.“ Dass Karstadt jetzt in großem Maße Onlinehändler für sich gewinnen kann, bezweifelt er allerdings. „Ich glaube das ist auch viel Wunschdenken.“

Und selbst wenn sich Händler finden lassen sollten, die Interesse an den Flächen haben, dass das Geschäft auch auf Dauer profitabel ist, bezweifelt Heinemann: „Wir haben generell zu viele Flächen im Einzelhandel und wenn dann in Zukunft immer mehr Flächen angeboten werden, sinken natürlich auch die Preise.“

Kaufhof macht Karstadt auch beim Outlet Konkurrenz

Karstadt will seien Flächen jedoch nicht nur an andere Unternehmen vermieten. „Wir sind und bleiben Händler“, betont Fanderl. Das eigene Geschäft soll deshalb um ein Off-Price-Konzept erweitert werden. Karstadt will also Markenware zu stark reduzierten Preisen anbieten. Ein Geschäftsmodell, das bisher vor allem von Factory-Outlets betrieben wird. Das Problem hierbei ist, dass auch der HBC, der Mutterkonzern des Karstadt-Konkurrenten Kaufhof, auf den Outletzug aufspringen will, dabei aber noch ein wenig konsequenter ist.

In der Filiale an der Düsseldorfer Kö, die zu den größten des Unternehmens gehört, gehen mehrere Etagen des zu Kaufhof gehörenden Carsch-Hauses an die HBC-Schwester „Saks Off 5th“.

Dass die beiden großen deutschen Kaufhausketten ihre Filialen nicht mehr nur für das angestammte Geschäftsmodell nutzen, kann vor allem für die Gebäudeeigentümer Benko und HBC profitabel sein. „Flächen unterzuvermieten kann aus Sicht des Immobilienbesitzers natürlich sinnvoll sein und wenn ein verkleinertes Warenhaus dann profitabler wird, ergibt das aus meiner Sicht auch Sinn, nur macht das das Konzept Warenhaus nicht automatisch attraktiver “, erläutert Joachim Stumpf, Chef der Handelsberatung BBE.

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Dabei kann auch das klassische Warenhaus aus der Sicht von Stumpf weiterhin funktionieren. Allerdings vor allem im Premiumbereich. „KaDeWe, Alsterhaus und Oberpollinger sehe ich auf einem sehr guten Weg. Da wurde jetzt viel und attraktivitätssteigernd investiert."“ Das Geschäft der KaDeWe Group, in der die drei Häuser in Berlin, Hamburg und München zusammengefasst sind, gehört inzwischen jedoch mehrheitlich der thailändischen Central Group. Lediglich die Häuser sind bei Karstadt-Eigner Benko verblieben, der somit auch weiterhin kräftig von dem Erfolg der Häuser profitiert.

Karstadt muss regionaler werden

Doch was ist mit den anderen Karstadt-Häusern, die zum Großteil in kleineren Städten liegen, die nicht den Einzugsbereich und das Touristenaufkommen einer Millionenstadt aufweisen? Besonders wenn sich dort auch noch eine Kaufhof-Filiale befindet, die ebenfalls um Kunden buhlt, kann das zum Problem werden.

Auch deshalb gehen Handelsexperten davon aus, dass sich die Zahl von momentan knapp 200 Karstadt und Kaufhof-Filialen auf Dauer halbieren wird. Um da auf Dauer Bestand zu haben, kann Flächenuntervermietung nur eine Teillösung sein.

Deshalb muss sich das Warenhaus auch in der Provinz neu erfinden und sich aus Stumpfs Sicht vom klassischen Konzept des Vollsortimenters, der deutschlandweit die gleichen Produkte anbietet, verabschieden. Für Stumpf ist klar, dass sich die Kaufhäuser deutlich mehr an den lokalen Bedürfnissen orientieren müssen: „Das war sicherlich auch ein Fehler der letzte Jahre, dass zu sehr auf einen einheitlichen Auftritt gesetzt wurde.“

Stattdessen sollen Kaufhäuser an ihren Standorten auch Nischen ausfüllen: „In manchen Städten kann es dann auch sinnvoll sein, einen Nahversorger zu integrieren, in anderen, wo Möbelhäuser vielleicht nicht so stark vertreten sind, kann ein Fokus auf Heimtextilien Sinn ergeben.“ Karstadt-Chef Fanderl sollte bei seinem neuem Konzept also auch an eine Grundkompetenz des Marktplatzes denken: die Regionalität.

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