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Kettcar-Hersteller Kettler stellt schon wieder Insolvenz-Antrag

Kettcar-Hersteller Kettler meldet erneut Insolvenz an Quelle: imago images

Es ist noch kein Jahr her: Ende Dezember atmeten die Mitarbeiter auf, weil Kettler von einem Finanzinvestor übernommen worden war. Nun steckt der Kettcar-Hersteller schon wieder in der Krise.

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„Erfolge feiern. Niederlagen einstecken. Wieder aufstehen.“ Unter diesem Motto präsentierte sich Kettler im Frühjahr auf der renommierten Sportmesse ISPO in Köln. Wie einst Niki Lauda oder Muhammad Ali, die nach schweren Krisen zu Legenden wurden, feierte der traditionsreiche Mittelständler sein Comeback aus der Pleite. Die Hoffnung auf einen Neuanfang im siebzigsten Jahr des Firmenbestehens, sie war groß.

Und nun heißt es wieder Bangen im sauerländischen Ense-Parsit. Zum dritten Mal in nur vier Jahren muss der Kettcar-Hersteller einen Insolvenzantrag stellen. Damit steckt das Unternehmen nur gut sieben Monate nach der Übernahme durch den Finanzinvestor Lafayette Mittelstand Capital erneut in der Krise. Für die Kettler Freizeit GmbH und die Kettler Plastics GmbH sei am Mittwoch Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung gestellt worden, sagte die Direktorin des Amtsgerichts Arnsberg, Charlotte Merz, der Deutschen Presse-Agentur. Zuvor hatte der „Soester Anzeiger“ über die Entwicklung berichtet. Kettler beschäftigt zur Zeit noch rund 500 Mitarbeiter und hat einen Jahresumsatz mehr als 100 Millionen Euro.

Der Freizeitgerätehersteller kämpft seit geraumer Zeit ums Überleben. Schon im vergangenen Jahr hing sein Schicksal nach einem Insolvenzantrag am seidenen Faden. Zeitweise schien eine Schließung der Firma wahrscheinlicher als eine Weiterführung. Doch sorgte der Einstieg des Finanzinvestors Lafayette im Dezember 2018 dann zunächst für neue Hoffnung in Ense-Parsit. Der Investor hatte damals angekündigt, es sei das Ziel, „die Kurve von der Traditions- zur Trendmarke“ zu kriegen.

In den 60er Jahren wurden die Kettcars in der Bundesrepublik bekannt. Laut Kettler wurden seit 1962 mehr als 15 Millionen Exemplare verkauft. Quelle: Kettler

In diesem Jahr feiert Kettler eigentlich seinen siebzigsten Geburtstag. Das Unternehmen war 1949 von dem damals 22-jährigen Heinz Kettler gegründet worden. Die ersten Erfolge hatte Kettler mit Küchen- und später Campingartikeln. Die frühen Verkaufsschlager waren der Campingsessel Piccolo 1951 und ab 1962 das in der Bundesrepublik lange sehr beliebte Kinderspielzeug Kettcar. Laut Kettler wurden bis heute mehr als 15 Millionen Exemplare des kleinen Rennwagens verkauft. 1980 nahm der „Duden“ das Kettcar sogar als Gattungsbegriff ins gleichnamige Wörterbuch auf.

1977 machte Kettler mit dem weltweit ersten Fahrrad aus Aluminium auf sich aufmerksam. Über die Jahre erweiterte das Unternehmen sein Sortiment immer weiter, verkaufte auch (Heim-)Sportartikel, Gartenmöbel und verschiedene Kinderfreizeitartikel. Heute umfasst das Kettler-Portfolio Sportartikel, Gartenmöbel sowie Spielfahrzeuge, Spielgeräte und Büro-Möbel für Kinder. Über die Jahre stellte sich das sauerländische Unternehmen auch international auf, gründete Niederlassungen in den USA, Niederlanden, Österreich, Polen, England und Frankreich. Zum Firmenjubiläum im Jahre 1999 hatte Kettler weltweit etwa 3500 Mitarbeiter. Bis 2018 schrumpfte die Zahl allerdings auf rund 700 Mitarbeiter an den Standorten Ense und Werl.

Nach großen Erfolgen in den ersten Jahrzehnten geriet das Unternehmen aber in den vergangenen Jahren immer mehr in Schieflage. Schon 2015 hatte Kettler erstmals Insolvenz anmelden müssen. Doch gelang nach einem Stellenabbau und dem Verkauf der Fahrradsparte ein Neuanfang. 2017 sorgte dann ein tödlicher Autounfall der Kettler-Erbin, Karin Kettler, für neue Turbulenzen. Mit ihrem Tod endete Kettlers Geschichte als Familienunternehmen. Karin Kettler war das einzig verbleibende Familienmitglied im Unternehmen. Fortan wurde der Freizeitgerätehersteller von externen Managern geführt und verwaltet.

Im Sommer 2018 kam für Kettler die zweite große wirtschaftliche Krise innerhalb weniger Jahre. Das Unternehmen stellte einen Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung, um den Weg für den Einstieg des neuen Gesellschafters Lafayette freizumachen. Das gelang im Dezember. Die Mitarbeiterzahl schrumpfte erneut – auf etwas mehr als 500 Mitarbeiter. Trotz der dezimierten Belegschaft startete die Kettler-Mannschaft öffentlichkeitswirksam mit neuem Mut ins Jubiläumsjahr. „Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Unternehmens freuen sich auf die bevorstehende Zeit des Aufbruchs“, ließ Kettler zum Jahresauftakt per Pressemitteilung verlauten. Kettler starte ins Jubiläumsjahr „mit viel Hoffnung und Zuversicht auf eine erfolgreiche Zukunft“. Nur knapp sieben Monate später müssen die verbliebenen Mitarbeiter allerdings erneut fürchten, dass der Kettcar-Hersteller für immer die Tore schließen wird. „Die Betroffenheit ist groß, dass das gerade mal ein halbes Jahr gut gegangen ist“, sagte die Erste Bevollmächtigte der IG-Metall Hamm-Lippstadt, Britta Peter.
Dass das Unternehmen nun schon wieder Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung stellen musste, liegt laut Kettler daran, dass beim vorigen Insolvenzverfahren nicht gründlich genug aufgeräumt worden sei. In der Kürze der Zeit hätten damals nicht alle Aufgaben ausreichend erledigt werden können, um Kettler zukunftsfähig aufzustellen. „Die aktuelle Unternehmenssituation macht diesen Schritt daher erneut erforderlich“, hieß es in der Erklärung des Unternehmens. Ziel sei es, Kettler nun nachhaltig zu sanieren. Lafayette und die Geschäftsführung von Kettler seien weiter vom großen Potenzial des Unternehmens überzeugt.

Mit Material von dpa

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