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Lebensmittelhandel„Der Tante-Emma-Laden kommt zurück“

Der Wirtschaftspsychologe Timo Meynhardt über die Rolle des Lebensmittelhandels in unserer Gesellschaft, veränderte Konsumgewohnheiten und die Rückkehr des kleinen Ladens um die Ecke.Christian Schlesiger 07.10.2018 - 08:38 Uhr

Tante-Emma-Laden in einem Museumshof in Ostfriesland.

Foto: imago images

Herr Meynhardt, Zucker ist out. Viele Konsumenten wollen weniger Süßes. Ist der deutsche Lebensmittelhandel darauf vorbereitet?
Ja, das ist er. Es gibt zahlreiche Initiativen im Lebensmitteleinzelhandel, die die veränderten Konsumgewohnheiten der Menschen aufgreifen. Unternehmen bieten Produkte mit weniger Zucker an und lassen die Konsumenten sogar darüber abstimmen, ob und welche zuckerreduzierten Angebote sie bevorzugen. Die Supermarktkette Rewe hat ihre Kunden zum Beispiel aus vier verschiedenen Schokopuddings auswählen lassen. Nun gibt es einen Schokopudding mit 30 Prozent weniger Zucker, weil das die Kunden haben wollten. Rewe hat hier neue Maßstäbe gesetzt.

Und was sind die Motive dahinter?
Die Unternehmen im Lebensmittelhandel haben erkannt, dass sie eine Mitverantwortung für die Gesellschaft tragen. Und dass sie ihren Kunden eine Hilfestellung anbieten können, die Qualität der Lebensmittel besser zu erkennen und dann auch die entsprechenden Produkte anbieten. Insofern ergibt die veränderte Strategie des Lebensmitteleinzelhandels auch betriebswirtschaftlich Sinn. Die entsprechenden Aktivitäten werden nicht nur von Experten gesehen, sondern auch in der allgemeinen Bevölkerung wahrgenommen. Der Lebensmittelhandel erfährt insgesamt Anerkennung als verantwortungsbewusster Mitgestalter von Lebensstilen. Dies ist ein wesentliches Ergebnis unserer aktuellen Gemeinwohlstudie.

Konsumenten sind mündige Bürger. Warum muss der Einzelhandel gesundes Essen zum Thema machen?
Weil sich viele Menschen danach sehnen. Die Primärverantwortung für die Qualität des Essens haben der Erzeuger und Hersteller. Sie entscheiden, ob sie ihre Produkte zum Beispiel biologisch oder konventionell anbauen und herstellen. Aber der Handel bietet die Verkaufsflächen. Hier entscheidet sich, was die Kunden dann am Ende wirklich kaufen. Gerade die großen Handelsketten haben erkannt, dass sich viele Menschen eine nachhaltige und verantwortungsbewusste Landwirtschaft und gesünderes Essen wünschen. Deshalb probieren Unternehmen vor allem mit ihren Eigenmarken Neues aus. So hat etwa der Discounter Lidl als erstes Unternehmen mithilfe eines Haltungskompasses darüber informiert, wie die Tiere gehalten wurden, bevor sie zu Fleischwaren verarbeitet wurden.

Zur Person
Timo Meynhardt ist Psychologe und Betriebswirtschaftler an der Leipzig Graduate School of Management (HHL) und Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftspsychologie und Führung.

Einige Politiker haben verzweifelt versucht, ein Ampelsystem einzuführen, das über den Zuckergehalt der Lebensmittel informiert. Warum geht der Handel nun teilweise weiter als die Politik?
Die Entscheidung, ob die Bundesregierung eine Nährwertampel einführt, steht ja noch bevor. In den Koalitionsvertrag hat dieser Punkt zumindest Eingang gefunden. Aber ja, bei anderen Themen, wie beispielsweise Pestizidrückständen ist beobachten, dass sich die Branche engere Fesseln anlegt als die Politik. Die Branche geht damit also teilweise über das Gesetz hinaus. Das hat sicher auch damit zu tun, dass Lebensmittel in der Öffentlichkeit immer wieder eine Rolle spielen. Skandale kosten schnell Umsatz.

Das passiert auch in anderen Branchen. Der Absatz von Autos mit Dieseltechnologie ist nach den Abgasskandalen der vergangenen Jahre zurückgegangen...
Aber der Handel ist innovativer, weil er noch näher am Menschen dran ist. Beim Essen hört für viele Menschen der Spaß auf. Wer hier betrügt, ist schnell weg vom Fenster. Das gilt dann ganz schnell auch für den Handel. Jeder Skandal kann katastrophale Folgen haben. Deshalb ist der Handel beim Thema Verantwortung für die Gesellschaft ganz weit vorn. Themen wie Fett, Zucker und Mindesthaltbarkeitsdaten sind sensible Themen. Da darf nichts schief gehen.

Deutsche geben weniger Geld fürs Essen aus als andere Länder. Wie kann gut und billig funktionieren?
Tatsächlich geben die Deutschen circa 13 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Essen aus. Das ist zwar weniger als in vielen anderen EU-Ländern, man muss aber auch berücksichtigen, dass die Einkommen bei uns zu den höchsten in Europa zählen. Die Verbraucherpreise bei Lebensmitteln sind in der Tat geringer als bei vielen unserer Nachbarn. Das hat auch damit zu tun, dass der Wettbewerb im Lebensmitteleinzelhandel brutal ist. Die Margen sind extrem niedrig. Die Unternehmen suchen daher nach Auswegen. Der Handel versteht sich inzwischen als Kulturträger, der eine Verantwortung für die Menschen hat. Das ist natürlich auch kapitalistisch getrieben, weil sich so höhere Margen erzielen lassen. Der Handel geht damit jedenfalls ganz neue Wege und ist viel innovativer und nachhaltiger unterwegs als andere Branchen.

Kann das funktionieren?
Aus meiner Sicht ja. Es gibt einen gesellschaftlichen Megatrend: Sag mir, was du isst, und ich sage dir, was du bist. Das neue Bewusstsein für gesünderes Essen wird den Lebensmitteleinzelhandel umkrempeln. Denn gleichzeitig gibt es bei den Konsumenten auch eine übersteigerte Beschäftigung mit dem eigenen Essen. Der Handel wird damit zum Lebensmittelberater. Das ist eine Chance für die Unternehmen.

Lidl

Im Januar 2017 hat sich Lidl dazu verpflichtet, Zucker und Salz in seinen Eigenmarkenprodukten bis 2025 um 20 Prozent zu reduzieren. Dabei sieht sich die Handelskette auf einem „sehr guten Weg“, teilt eine Sprecherin mit. So wurde bereits in Frühstückscerealien der Zuckeranteil gesenkt. „Im Bereich der Molkereiprodukte überarbeiten wir derzeit jeden Joghurt“, so die Lidl-Sprecherin. Weitere zuckerreduzierte Produkte sollen in den kommenden Wochen in den Filialen erhältlich sein: „So reduzieren wir aktuell in einigen Erfrischungsgetränken wie Cola oder Eistee im ersten Schritt den Zuckeranteil um 5 bis 8 Prozent. Zudem überarbeiten wir den Zuckeranteil von 20 Artikeln im Bereich "Süßgebäck" sowie im Bereich "Backwaren" etwa die gefüllten Croissants und acht weitere Artikel.“

Foto: dpa

Haribo

Der Bonner Süßwarenhersteller Haribo verkauft seit Anfang des Jahres drei Fruchtgummi-Varianten mit 30 Prozent weniger Zucker. In der neuen Rezeptur kommen keine Süßstoffe zum Einsatz. Stattdessen soll eine Mischung aus Fruchtaromen den Geschmack ausgleichen.

Foto: dpa

Rewe

Wie süß soll Pudding sein? Das wollte der Kölner Supermarktkonzern Rewe von seinen Kunden wissen - und inszenierte eine öffentlichkeitswirksame Pudding-Wahl. Das Ergebnis: Fast die Hälfte der teilnehmenden Kunden, hat sich für die Variante mit 30 Prozent weniger Zucker entschieden. Sie soll ab Mitte Mai die bisherige Rezeptur des Eigenmarken-Puddings ersetzen. Zusätzlich sollen dann verschiedene Sorten Rewe-Beste-Wahl-Joghurts und ja-Joghurts, sowie Schokoeiscreme und Eistee mit neuen zuckerreduzierten Rezepturen angeboten werden. Das ist nur der Anfang: Im Laufe des Jahres 2018 will das Unternehmen insgesamt bei rund 100 Eigenmarkenprodukten den Zuckergehalt senken. „Nach und nach wird das komplette Eigenmarkensortiment mit allen relevanten Artikeln folgen“, hatte Rewe-Konzernchef Lionel Souque im Interview mit der WirtschaftsWoche angekündigt.

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Dr. Oetker

„Für uns ist das Thema Zuckerreduktion für sämtliche Produkte und Marken interessant und es wird auch in der Produktentwicklung berücksichtigt“, heißt es beim Bielefelder Lebensmittelkonzern Dr. Oetker. In verschiedenen Projekten würde der Einsatz von Zuckeralternativen untersucht. Dass es dafür einen Markt gibt, zeigt die Müslilinie "Vitalis weniger süß", die in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen hat.

Foto: dpa

Eckes-Granini

Reine Fruchtsäfte dürfen lediglich den fruchteigenen Zucker enthalten. Bei Nektaren, Sirupen und anderen fruchthaltigen Getränken sieht es anders aus: „Hier hat sich die Eckes-Granini Gruppe zum Ziel gesetzt, den zugesetzten Zucker bis 2020 um 10 Prozent zu reduzieren“, teilt das Unternehmen mit. Im März sei zum Beispiel "Die Leichte Limo" mit 50 Prozent weniger Zucker und ohne Süßungsmittel gelauncht worden.

Foto: dpa

Valensina

In Sachen Saft argumentiert Valensina ähnlich wie Eckes-Granini. Doch das Unternehmen produziert auch sogenannte Frühstücks-Nektare. Bei denen sei geplant, „verschiedene Rezepturen mit einem nochmals reduzierten Zuckeranteil auf ihre Akzeptanz bei den Verbrauchern zu überprüfen“, teilt Valensina mit.

Foto: imago images

Bahlsen

Eine zuckerreduzierte Variante des Butterkekses hat Bahlsen bereits seit 2008 im Sortiment – er hat 30 Prozent weniger Zucker als der klassische Butterkeks. „Wir bleiben weiterhin am Thema dran“, verspricht der Kekskonzern. „Bahlsen verfolgt auf dem Gebiet zuckerreduzierter Produktionsverfahren eine intensive Forschung.“

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Aldi Süd

Auch Discounter Aldi Süd hat nach eigenen Angaben „relevante Warenbereiche definiert, in denen wir den Salz- und Zuckergehalt reduzieren“. So wurden jüngst zuckerreduzierte Müslis und Cerealien beworben. Weitere Eigenmarkenprodukte sollen in den nächsten Wochen folgen. „Um bei unseren Kunden die nötige Akzeptanz für die Rezepturänderungen zu erzielen, gehen wir bei der Umstellung schrittweise vor“, heißt es bei dem Unternehmen.

Foto: dpa

Aldi Nord

Auch das Schwesterunternehmen Aldi Nord hat den Zuckergehalt von Frühstückscerealien gesenkt. Man sei „grundsätzlich bestrebt, den Zuckergehalt in den von uns gehandelten Artikeln so gering wie möglich zu halten und hinterfragen diesen regelmäßig“, teilt das Unternehmen mit.

Foto: dpa

Lambertz

„Die Bestrebungen gegen Zucker gehen vor allem gegen die Nahrungsmittel, bei denen der Verbraucher eigentlich nicht von einem besonderen Zuckergehalt ausgeht“, sagt Hermann Bühlbecker, Inhaber des Gebäckherstellers Lambertz. Das dürfte bei den Produkten der Aachener Printen- und Schokoladenfabrik anders sein. Dennoch „beschäftigen wir uns natürlich auch mit dem Thema Zucker und arbeiten im Moment daran, bei vielen unserer Produkte und Marken, den Zuckergehalt etwas zu reduzieren“, sagt Bühlbecker. „Wir hoffen, im Jahr 2019 hier bereits mit ersten Produkten auf den Markt zu kommen.“

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Zentis

„Das Thema Süße/Zuckergehalt“ stehe „weit oben auf der Agenda“ des Konfitürekonzerns Zentis teilt das Unternehmen mit. Aktuell hat Zentis hat unter anderem einen Aufstrich mit 75-Prozent-Frucht-Anteil im Programm, der im Vergleich zur klassischen Konfitüre 25 Prozent weniger Zucker enthält.

Foto: Presse

Zott

Bei der Molkerei wird die Nachfrage der Kunden nach zuckerreduzierten Produkten bislang als „verhalten“ beschrieben. So wurde bis Herbst 2015 mit „Monte weniger süß“ eine kalorienreduzierte Variante des Milchcremedesserts Monte produziert, dann aber mangels Nachfrage wieder aus dem Sortiment genommen. Besser lief es beim "Zott Sahnejoghurt Balance" ohne Zuckerzusatz sowie mit "Zott Jogolé" mit weniger Zucker.

Foto: imago images

Storck

Einzelne Bonbon-Varianten der Süßwarenfirma Storck sind zwar zuckerfrei. Insgesamt sieht ein Unternehmenssprecher aber wenig Handlungsbedarf und -möglichkeiten. So habe es in der Vergangenheit zwar immer wieder Versuche gegeben, zuckerreduzierte oder zuckerfreie Produkte im Markt zu etablieren. „Diese Angebote sind indes von Verbrauchern nicht angenommen worden“. Ein Beispiel seien zuckerfreie Schaumküsse.

Foto: imago images

Immer mehr Menschen kaufen ihre Lebensmittel im Internet, etwa bei Amazon Fresh und Bringmeister von Edeka. Wie sollen die Händler da noch beraten?
Die Bestellung von Lebensmitteln im Netz ist nur ein Trend. Es gibt auch einen anderen: die Wiederentdeckung des Tante-Emma-Ladens. Einige Lebensmittelhändler gehen wieder näher an den Bürger heran. Es gibt kleinteiligere Strukturen, zum Beispiel mit Rewe to go. Bald wird es auch mehr Konzepte geben, in denen die Kunden online bestellen und die Waren in der Filiale abholen. Der Lebensmittelhandel differenziert sich. Dennoch wird 80 Prozent des Handels stationär bleiben. Einkaufen ist ein sozialer Treffpunkt.

Und was verändert sich noch?
Die Ladenkonzepte werden sich verändern. Es wird zum Beispiel mehr live gekocht werden. Der Kunde soll auf eine Erlebnisreise mitgenommen werden. Wichtig scheint mir bei allen Einzeltrends auch der Blick auf das größere Ganze zu sein: Der Lebensmittelhandel ist eben nicht nur verantwortungsbewusster Mitgestalter von Lebensstilen, sondern gleichzeitig auch zeitgemäßer Versorger und nicht zuletzt unternehmerischer Mitgestalter des Gemeinwesens. Das alles ist immer mitzudenken, sonst versteht man die Zusammenhänge nicht.

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